4. Dezember
Seit Tagen schon verweigert Anton, unser Straßenhund, das Futter, das ich ihm bringe. Ich hocke mich zu ihm an die Bushaltestelle am Rand von Sindelfingen und rede ihm gut zu:
Anton, komm schon, das sind doch die gleichen Frikadellen wie damals, als Herr Schneider dich noch gefüttert hat. Er kommt vorerst nicht, er ist krank geworden. Du solltest nicht warten…,
Aber Anton schaut mich nur mit seinen klugen bernsteinfarbenen Augen an und dreht den Kopf weg.
Es ist ein seltsames Bild an unserer Autobushaltestelle: Die Schichtarbeiter vom Werk stehen im Pulk am einen Ende, das andere Ende meiden sie. Nur Anton liegt dort ein zotteliger, rotbrauner Hund, dessen Fell längst gebürstet gehört. Majestätisch und faul räkelt er sich direkt vor der Bank, als wäre er der Herrscher über diesen Ort.
Anton ist jetzt im vierten Lebensjahr, und sein Revier, seine Welt, kennt er wie sein rechtes Ohr. Seine Tage verbringt er an der Bushaltestelle neben dem Wohnheim, hinter dem die Fabrik und dahinter das Feld beginnt. Nichts Neues Anton hat alles gesehen, schnüffelt höchstens aus Langeweile mal nach einer vergessenen Brotrinde im Gras.
Seit wann er Anton heißt, weiß niemand mehr, und er wohl auch nicht. Die Frauen aus dem Wohnheim haben ihm den Namen gegeben, aus Mitleid und mitfühlender Routine. Ein bisschen Futter gab es von ihnen, ansonsten mieden ihn die Leute.
Anton versuchte gar nicht erst, Mitleid zu erregen: kein trauriger Hundeblick, kein freundliches Schwanzwedeln. In seinen drei Jahren war er wie ein alter, brummeliger Herr immer etwas grantig, schwer zu nehmen.
Und so schreckte er die Menschen auch mit seinem schlechten Ruf ab.
Menschen? Was lässt sich über sie sagen? Von den meisten hielt Anton nicht viel. Die zwei fürsorglichen Frauen aus dem Wohnheim ließ er großzügig aus.
Spatzen mochte er noch weniger, diese schimpfenden, aufgeregten kleinen Vögel, die in den Pfützen planschten. Noch schlimmer waren die Krähen. Aus seinem knurrigen Hundemund kam kein einziges gutes Wort über Krähen.
Die Zeit, als er an das Gute im Menschen glaubte, wie jeder naive Welpe, die war vorbei wie sie eben bei einem jeden Hund vorbei geht. Für Anton klangen Menschen und Krähen gleich: Ihre Stimmen waren schrill, unangenehm. Ständig schubsten sie sich an der Haltestelle, schickten den Hund weg, damit er ihnen nicht im Weg lag.
Wozu sollte er sie mögen?
Mit Krähen war es ein ständiges Kräftemessen. Immer wieder klauten sie ihm sein Fressen vom Wohnheim. Anton sauste auf sie los, sie hüpften zur Seite, schienen sich zu beraten und schauten ihn dann schamlos an, als wären sie Chefinnen der Straße.
So verstrich der Tag. Anton setzte sich zäh hin, beschimpfte eine Krähe, dann einen Menschen, manchmal amüsierte er sich, den anderen das Leben schwer zu machen.
Die gelbe Bushaltestelle war keine Villa, aber ein trockener Unterschlupf war sie schon. Schatten an warmen Tagen, Windschutz an schlechten. Wären nur nicht immer so viele Menschen…
Ach schau, da liegt er ja wieder, der feine Herr! Darf ich mal auf die Bank?
Jemand streifte im Halbschlaf Antons Pfoten mit dem Schuh. Anton öffnete ein Auge:
Dieser Schuh wollte sich an ihm vorbei mogeln? Na warte, das lass ich nicht durchgehen!
Er sprang auf, fletschte kurz die Zähne. Der Schuh zuckte zurück und, als ob der Fahrer extra auf ihn gewartet hätte, hielt der Bus. Der Besitzer des Schuhs rannte eilig zur Tür, seinen Schuh ließ er prompt kapituliert zurück.
Das geschieht dir recht!, dachte Anton zufrieden, schnappte sich den verlorenen Schuh und trug ihn mit stolz geschwellter Brust hinter den Mülleimer.
Marie, geh da weg von diesem verrückten Hund!
Eine junge Frau zog ihre Freundin beiseite.
Der Hund ist ein richtiges Biest, keiner kommt mit dem klar,
rief ein Mann mit Zigarette zwischen den Lippen nach. Der Zigarettenstummel flog Richtung Mülltonne und verfehlte Anton nur um Haaresbreite. Knurrend keifte er den Mann an. Der stapfte beleidigt weiter.
***
Am nächsten Tag war der Schuhbesitzer wieder da, diesmal in Begleitung.
Da!
Mit ausgestrecktem Finger deutete er Anton an. Dieser aggressive Hund! Tun Sie endlich mal was!
Der Begleiter, ein stämmiger älterer Mann aus dem Werksschutz, zuckte mit den Schultern:
Sie sind nicht der Erste, der sich beschwert. Aber wir haben in unserer Stadt kein Tierfangamt.
Der Schuhbesitzer begann wild zu gestikulieren, redete und redete, als wär er eine schnatternde Elster. Anton beobachtete die Szene ruhig, grinste fast innerlich.
Jetzt keifte schon der zweite Mann zurück. Ein Fest, viel besser als jeglicher Krähenstreit.
Aber Sie sind doch der Sicherheitsmann!
Der andere schnaubte:
Ich bewache das Wohnheim, nicht die Haltestelle!
Dann wandte er sich ab, drehte sich aber noch einmal um:
Werfen Sie ihm einfach mal einen Knochen hin, dann tut er Ihnen auch nichts.
Der Sicherheitsmann hatte recht freundlich gemeint, sein Gegenüber schnaubte nur spöttisch:
Na super, soll ich ihm jetzt jeden Tag Frikadellen mitbringen?
Und zu Anton:
Und du, Hund, hättest ruhig mal bellen können, so als Warnung! Biest!
Das Biest half dem Mann, wieder rechtzeitig in den Bus zu springen, wie von einer Wilden Jagd verfolgt. Anton bellte dem Bus zufrieden hinterher.
Das verschwitzte Gesicht von Herrn Schneider, so hieß der Schuhbesitzer wirklich, verschwand hinter der beschlagenen Scheibe, Schritte und Wörter bliesen seinen Ärger hinaus.
Die nächste Begegnung ließ sich kaum vermeiden. Herr Schneider wurde neuer Stellvertretender Produktionsleiter im Werk. Für ihn war alles neu leider auch der aufdringliche Hund an der Haltestelle.
Das Auto in der Werkstatt, musste er täglich mit dem Bus fahren. Und jedes Mal begrüßte ihn Anton mit lautstarkem Bellen. Als hätte gerade er es auf ihn abgesehen.
Eines Morgens hatte Schneider genug vom misstrauischen Blick der Kollegen. Also hörte er auf den Tipp des Werkschutzmanns und kaufte in der Kantine eine Extrafrikadelle für Anton.
Na, los, hier!
schüttelte er das Futter aus der Tüte.
Anton war kampfbereit, aber der Duft der Frikadelle lockte ihn dann doch zu sehr. Mir nichts, dir nichts verschwand die Frikadelle, als hätte es sie nie gegeben. Anton leckte sich das Maul und richtete seinen Blick fordernd auf Herrn Schneider.
Sieh einer an! Dir reicht das wohl nicht? Bei mir gibts keine Frau, die kocht, und ich kann selbst keine Frikadellen machen! Soll ich jetzt jeden Tag in die Kantine laufen, bis dir mal das Grinsen vergeht?!
***
Am nächsten Morgen war Schneider verwundert.
Hat Anton dich etwa aus dem Herzen gestrichen? Schau, er bellt dich gar nicht mehr an!
lachte ich ihn an, und er schmunzelte verlegen zurück.
So wurde der ehemalige Wildhund ein gewohnter Teil des morgendlichen Lebens an der Bushaltestelle. Jeden Tag lag eine Frikadelle für ihn bereit, wenn Schneider zur Arbeit kam.
Anton begann zu überlegen: Sind Menschen vielleicht doch nicht wie Krähen, die nur streiten und stehlen? Unterscheiden sie sich womöglich?
Der Winter kam schneller als gedacht. Eines Morgens rieselte leise der erste Schnee. Schneider brachte wie immer seine Gabe und noch mehr: diesmal eine Decke, eine Kiste und extra Würstchen.
Es gibt heute keine Frikadellen, die Kantine hat zu,
Entschuldigte sich Schneider,
aber hier sind Würstchen, und für dich eine wärmende Kiste.
Er streichelte mit seiner schwarzen Winterhandschuh vorsichtig über Antons zitterndes Fell.
Anton ließ sich in die Kiste unter die Decke sinken zum ersten Mal spürte er eine Wärme, die nicht nur vom Fressen kam.
***
Ein paar Tage später wartete ich wieder an der Bushaltestelle. Anton fraß nichts von meinem Futter.
Anton, was machst du denn nur, das sind die gleichen Frikadellen Herr Schneider ist halt krank, du solltest nicht nur warten,
wiederholte ich.
Anton hob wachsam den Kopf, immer wenn der Bus hielt, aber vergebens Schneider blieb aus.
Die Krähen balgten sich um Brotreste, draußen auf dem Parkplatz. Anton schnüffelte an seinem alten, verbeulten Schuh, der noch immer im Loch neben der Mülltonne versteckt lag. Früher war dieser Schuh für ihn nur ein Feind, heute rührte etwas Warmes in ihm, wenn er ihn betrachtete.
Er wusste plötzlich, wie die anderen Arbeiter Herrn Schneider nannten sein Mensch.
Aber war Anton ein richtiger Hund, wenn er seinen Menschen verloren hatte, wo andere diese zu schätzen wussten?
Entschlossen knurrte er die Krähen an: Das reicht jetzt! Ich bleibe nicht mit euch zurück!
Herr Schneider! Herr Schneider!
Eine Stimme rief laut, eine junge Frau am Handy. Anton spitzte die Ohren, Hoffnung in den Augen.
Schlechter Empfang… Ich steige jetzt in den Bus. Habe Ihre Unterlagen dabei
Kaum hatte sie sich gesetzt, huschte Anton wie ein Schatten hinterher, den Schuh fest im Maul.
***
Mit Hoffnung und Sehnsucht sah Anton auf die junge Frau, als sie mehrmals den Namen seines Menschen rief.
An einer klingelnden Gartentür erschien bald Schneiders Stimme.
Anton bellte, springend, vor Freude. Die Frau erschrak, glitt fast im Schnee aus mit Papieren, Aktenmappe, allem.
Herr Schneider, können Sie erst mal helfen, mich aufzurichten, statt ihren Hund zu drücken?
Doch in Schneiders wässrigen Augen glänzte eine unausgesprochene Freude.
Bist du zu mir gekommen? Hast du mich wirklich gefunden?
Er nahm Anton fest in den Arm, drückte den alten Schuh an sich ein Geschenk, das mehr sagte als tausend Worte.
Ich wurde natürlich aufgerichtet, mit heißem Tee versorgt.
Warum haben Sie Anton nie früher zu sich geholt, Herr Schneider?
fragte ich noch, als Anton um die Küche strich.
Ich hatte Angst,
gab er leise zu,
es ist eine große Verantwortung. Ein Hund ist eine Familie Aber jetzt, jetzt lass ich dich nicht mehr los, Anton.
Er lachte und glättete sein zerzaustes Fell.
Nun muss ich nur noch lernen, Frikadellen zu machen
Dann ist ja gut, dass Anton selbst beschlossen hat, Sie zu holen,
meinte ich lächelnd und nippe am Tee, damit niemand meine Freude sieht.