Jack, zähl keine Krähen! Seit einigen Tagen verweigert Jack das Futter, das ihm Ludmilla hinstellt: „Ach komm, mein Lieber, das sind doch genau die Frikadellen, die dir Herr Dr. Schmidt immer gekauft hat. Er kommt im Moment nicht… Warte nicht auf ihn“, sagte Ludmilla und zuckte mit den Schultern… Eine merkwürdige Szene: An der langen gelben Bushaltestelle drängten sich alle Fabrikarbeiter dicht zusammen auf eine Seite. Die andere Seite der Haltestelle war leer – abgesehen von einem zotteligen, rotbraunen Hund, der faul vor der Bank lag… Jack war mittlerweile im vierten Jahr und kannte das Leben wie seine vier Pfoten. Er verbrachte jeden Tag an der Bushaltestelle neben dem Wohnheim. Hinter dem Wohnheim lag die Fabrik, dahinter das Feld. Nichts Spannendes – Jack war dort schon oft gewesen. Wie er eigentlich zu seinem Namen kam, wusste der rote Hund selbst nicht mehr. Mehrere junge Frauen aus dem Wohnheim nannten ihn einfach so. Sie hatten Mitleid mit seinem schweren Schicksal und gaben ihm manchmal etwas zu fressen. Die meisten Menschen jedoch mieden Jack. Jack war kein Hund, der dich traurig anschaut oder freundlich mit dem Schwanz wedelt… Nein, Jack war ganz anders. Mit seinen gerade mal drei Jahren war er mürrisch und altklug wie ein grummeliger Rentner. Mit seinem fiesen Charakter erschreckte er die Leute sogar. Was soll man über Menschen schon Gutes sagen? Über die meisten jedenfalls? Eigentlich gar nichts! Die beiden Mädchen, die ihn fütterten, zählte Jack großzügig nicht zum Rest dazu. Menschen mochte Jack nicht, Krähen noch weniger. Mit Ekel schaute er auch den Spatzen zu, die in den Pfützen planschten. Die Zeit, in der man als Welpe naiv glaubt, dass jeder Mensch nur kommt, um zu streicheln, geht für jeden vorbei. Und für Jack war sie längst Geschichte. Aus Hundesicht machten Menschen und Krähen ohnehin ähnlich widerliche Geräusche. An der Haltestelle wurde gestritten, gedrängelt, und ihn jagte man immer weg, damit er nicht im Weg lag. Warum sollte er diese Leute mögen? Keine Antwort nötig… Mit den Krähen verband Jack eine besondere Feindschaft. Frech stibitzten sie ihm das wenige Futter, das ihm die Frauen aus dem Wohnheim daließen. Jack jagte die frechen Vögel davon. Die aber ließen sich nicht vertreiben – sie kehrten zurück. So verlief sein Tag: Erst Streit mit den Krähen, dann zählte er die frechen Vögel, bellte ein paar Zweibeiner an – und die gelbe Haltestelle war gar nicht so übel. Gewiss, keine Villa, aber Unterschlupf vor Regen und Wind gab es, und Schatten an heißen Tagen – nur leider oft zu viele Leute… „Na, wieder breitgemacht, Herr Baron? Lass mich mal vorbei zur Bank!“ Jemandes Schuh unterbrach Jacks Halbschlaf. Er öffnete die Augen. Der Fuß wollte gerade über seine Pfoten steigen, aber Jack, der Herr der Haltestelle, war anderer Meinung: „Willst du kämpfen? Na warte nur!“ Jack sprang auf, der Schuh zog sich schnell zurück – gerade rechtzeitig, denn auch schon führte der Bus vor. Das konnte Jack am allerwenigsten leiden: Wenn die Leute in ihre Busse sprangen und davonfuhren – so waren schon viele seiner „Feinde“ entwischt. Der Schuh blieb zurück. Einsam und leblos lag er da. „Geschieht dir recht!“, entschied Jack, stolz über seinen Sieg. Er kostete seine Trophäe ordentlich aus, biss von allen Seiten hinein und schleppte den Schuh dann hinter den Mülleimer. „Tanja, geh da weg von diesem verrückten Köter!“, zog eine blonde Frau ihre Freundin fort. „Der ist doch nicht ganz sauber, bei dem hilft nur noch das Ordnungsamt!“, warf ein Mann mit Zigarette ein. Ein Zigarettenstummel landete fast bei Jack; er musste erneut lautstark bellen. Der Mann fluchte und trollte sich an das andere Ende der Haltestelle… ***** Am nächsten Tag begegnete Jack wieder dem Besitzer des Schuhs. Er hatte Verstärkung mitgebracht. „Da!“, rief der Schuhbesitzer und zeigte energisch auf Jack, doch stand möglichst weit entfernt vom Hund. „Der da, dieser aggressive Köter! Tun Sie doch endlich was!“ „Was denn?“, zuckte der andere mit der Schulter. „Sie sind nicht der Erste, der sich beschwert. Aber hier im Städtchen haben wir keinen Hundefänger.“ Der „Schuh“ nahm seinen Finger weg und fuchtelte mit den Händen, redete wie ein Papagei. Jack hob den Kopf und lauschte. Schließlich schimpfte auch der zweite Mann. Jack glotzte zufrieden – ein herrliches Bild: Menschen, die sich anknurren! Da war was los. Der Schuhbesitzer meinte, der Hund hätte sogar selbstgefällig gegrinst. Aber das bildete er sich bestimmt nur ein! „Ich bewache das Wohnheim, nicht die Haltestelle!“, schnaubte der Pförtner und ging weg. Dann blieb er kurz stehen und rief: „Werfen Sie ihm halt ’nen Knochen hin, dann lässt er Sie schon in Ruhe.“ Eigentlich ein gut gemeinter Rat. „Na toll, soll ich ihm die halbe Kantinenration noch anschleppen?“, spottete der Schuhbesitzer und sah Jack an: „Und du, Bestie, warum hast du denn nichts gesagt? Fehlt dir der Mut zu fauchen? Mistvieh…“ Die „Bestie“ verstand offenbar das unhöfliche Getue; sie half dem Wütenden noch, Blitzschnell in den Bus zu springen. Jack bellte dem Bus hinterher und das rotglühende Gesicht von Herrn Dr. Schmidt, wie der Schuhbesitzer übrigens hieß, schimpfte weiter hinter dem beschlagenen Fenster… Dem nächsten Zusammentreffen konnte keiner ausweichen. Dr. Schmidt hatte gerade eine neue Stelle als stellvertretender Werksleiter bekommen. Alles neu für ihn: neue Menschen, und ausgerechnet Ärger mit diesem vierbeinigen Vagabunden an der Haltestelle. Und sein Auto war in der Werkstatt! Jeden Morgen empfing ihn lautes Hundegebell. Warum nur hatte sich dieser haarige Teufel gerade ihn ausgesucht?! Von diesem Tag an hatte Jack nur noch Dr. Schmidt „zum Feind“. Die übrigen Zweibeiner existierten für ihn kaum noch. Jack wartete ungeduldig, dass „sein“ Bus kam und Schmidts Fuß an der Haltestelle erschien! Genug von den gehässigen Blicken der Kollegen, wollte Dr. Schmidt dem Rat vom Pförtner folgen und kaufte Jack in der Kantine eine Frikadelle. „Hier, friss!“, schüttete er die Leckerei aus dem Beutel direkt bei der Haltestelle aus und starrte den Hund erwartungsvoll an. Jack war schon bereit, den „Schuh“ wieder zu vertreiben, aber der Duft der Frikadelle lockte ihn magisch… Sie verschwand so schnell, als wäre sie nie da gewesen. Nur auf dem staubigen Asphalt blieb der herrliche Duft haften. Jack schleckte sich die Lefzen und sah Dr. Schmidt abwartend an. „Sieh mal an! Noch nicht satt? Na gut! Ich hab keine Frau, selbst kochen kann ich nicht, und jedes Mal ne Frikadelle aus der Kantine… am Ende platzt noch dein knurriges Gesicht!“ ***** Am nächsten Morgen staunte Dr. Schmidt nicht schlecht. „Herr Dr. Schmidt, hat Jack Sie nicht mehr gern? Sehen Sie, der bellt Sie gar nicht mehr an!“, lachte die sekretärin Ludmilla mit roten Backen. „Doch, Ludmilla, inzwischen respektiert er mich“, erklärte Dr. Schmidt stolz, während er selbst verwundert zu Jack schielte. Ab da gewöhnte sich der einsame rote Hund an den täglichen Imbiss – stets brachte Dr. Schmidt eine Frikadelle mit. Vielleicht sind ja doch nicht alle Menschen so dumm, wie Jack dachte? Vielleicht haben sie doch andere Seiten als die Krähen, die über jede Kaugummiverpackung streiten? Es wurde kälter. Der Winter kam mit leichten Schritten. Eines Morgens war die gelbe Haltestelle schon weiß überzogen. Mit den ersten Schneeflocken wehte scharfer Wind vom Feld heran. Dr. Schmidt brachte Jack weiterhin Frikadellen und andere Leckereien zur Haltestelle. Der zitternde Hund schnüffelte an seinem Futter. Wie immer war die Frikadelle schneller weg, als er sie ansehen konnte – so eine schwer fassbare Frikadelle! Dr. Schmidt stand da und betrachtete die zitternden roten Flanken. „Da kommt Ihr Bus, Herr Dr. Schmidt“, rief Ludmilla und zog an seinem Ärmel. Doch der Mann winkte ab. „Ach!“, seufzte Dr. Schmidt, drehte sich um und ging zurück zur Pforte. Kurze Zeit später streichelte eine Hand in schwarzem Lederhandschuh vorsichtig Jack. Der Hund schaute zum Mann auf. „Na, frierst du, Streuner? Jetzt bist du gar nicht mehr so kampflustig. Komm, leg dich auf den Karton, das ist wenigstens etwas wärmer… Und hier noch eine Frikadelle…“ ***** Samstags war Dr. Schmidt zu Hause. Blumenbeete vor dem Haus, das er sich am Stadtrand gekauft hatte, lagen unter viel Schnee. Kalter Wind fegte Körner über die Luft. Dr. Schmidt briet sich Rührei mit Wurst, frühstückte, ging in die Garage und holte eine Schaufel. Während die Hände Schnee schaufelten, schweiften die Gedanken ab… Er stoppte und betrachtete die tanzenden Schneeflocken. Murmelte unverständlich vor sich hin, warf die Schaufel beiseite und rannte aus dem Hof hinaus… An der Haltestelle war niemand. Jack wusste: Es gab Tage, da kamen kaum Menschen. Der Bus hielt trotzdem, ließ nur wenige Leute aussteigen. An solchen Tagen knurrte Jacks Magen besonders laut. Die Frauen aus dem Wohnheim waren heute auch nicht zu sehen… Jack stand auf. Er wusste, dass er jetzt noch weit laufen musste zu den bekannten Häusern und Läden. Dort bekam er manchmal kleine Futterreste, wenn er an der Haltestelle nichts bekam. Gerade wollte Jack sein Versteck verlassen, da hielt direkt vor seiner Nase der Bus. „Wohin so eilig? Willst dich im Schneetreiben verirren?“ Dr. Schmidt stellte ein ganzes Paket Würstchen vor ihn. Der Hund schlang alles hinunter, als würden die Würstchen gleich verschwinden. „Frikadellen hab ich keine, die Kantine hat heute zu“, entschuldigte sich Dr. Schmidt. „Aber das hier hab ich dir mitgebracht…“ An der Haltestelle stand plötzlich ein großer Karton mit einer alten, aber weichen Decke. „Besser ist mir nicht eingefallen. Komm, leg dich hinein, da ist’s wenigstens etwas wärmer…“ Plötzlich waren Schnee und Kälte für Jack vergessen. In ihm wurde es warm – so schön und ungewohnt. Jack dachte nur: Noch nie hatte ihm jemand so etwas gebracht… ***** Seit einigen Tagen verweigert Jack das Futter, das Ludmilla ihm hinstellte. „Ach komm, mein Lieber, das sind doch die gleichen Frikadellen wie die von Herrn Dr. Schmidt. Er kommt nicht, er ist krank… Wart nicht auf ihn“, seufzte Ludmilla. Mit angelegten Ohren sah Jack sie an. Er sprang jedes Mal auf, wenn der Bus öffnete oder Leute durch das Werktor kamen. Doch er kam nicht… Jack schleppte sich traurig zurück auf seine Decke im Karton. Die Krähen stritten sich um ein Stück Brot hinter der Haltestelle. Jede wollte die Beute ins eigene Versteck bringen. Jack sah ihnen traurig zu. Wuff! Blöde Vögel! Auch er hatte ein geheimes Versteck – das Loch unter der Haltestelle hinter dem Mülleimer. Er stieg aus seinem Karton und ging zu dem Loch. Nicht wie diese schreienden Krähen, die ihre Verstecke vergessen – er vergaß nie, was ihm gehörte. Da war er – sein Schuh. Früher hatte er das Teil gehasst, nun… Was war das für ein Gefühl, das ihn innerlich zerriss? Er zog den Schuh hervor. Wo war Dr. Schmidt? Jack verstand mittlerweile, wie die anderen Menschen seinen „Zweibeiner“ nannten. Seinen Menschen… War er überhaupt ein Freund? War er wirklich ein Hund, wenn er einen Menschen hatte und ihn trotzdem verloren hatte? Wütend knurrte Jack die Krähen an. Etwas Neues regte sich in ihm. Schluss jetzt! Genug! Ich bleib hier nicht mehr bei euch! „Herr Dr. Schmidt! Herr Dr. Schmidt!“ Jack spitzte die Ohren, voller Hoffnung richtete er sich an das Mädchen mit dem Handy. „Schlechte Verbindung… Ich steig gleich in den Bus. Hab die Aktenmappen für Sie dabei…“ Ludmilla setzte sich und merkte gar nicht, wie ein roter Schwanz wie ein Schatten in den Bus huschte… ***** Voll Hoffnung schaute der Hund mit zu, wie das Mädchen mehrmals den Namen seines Menschen rief. Ludmilla schlang ihren Schal fester um den Hals und sprang aus dem Bus. Jack hinterher, mit dem schwarzen Schuh fest in den Zähnen. Jacks Stimmung war blendend. Und wie hatte er nur früher denken können, dass dieser weiße Schnee langweilig war? Wie lustig knirschte er jetzt unter Ludmillas Stiefeln! Ludmilla klingelte, bald hörte man die vertraute Stimme an der Gartenpforte. Der Hund schlug an wie verrückt. Ludmilla, die den ganzen Weg keinen Blick auf ihren Begleiter geworfen hatte, erschrak und rutschte aus. Die Aktenmappe landete im Schnee… „Herr Dr. Schmidt, helfen Sie mir vielleicht erst mal auf, statt den Hund zu knuddeln?“ Dr. Schmidts Blick war wie hinter Milchglas. Woher kamen bloß diese Tränen? „Du bist gekommen? Du bist wirklich zu mir gekommen? Und ein Mitbringsel hast du auch, was?“, jubelte er, den Hund mit einer Hand umarmend und mit der anderen den Schuh haltend. Ludmilla wurde natürlich wieder auf die Füße gestellt – und mit heißem Tee versorgt. „Eins versteh ich nicht, Herr Dr. Schmidt“, meinte Ludmilla und schaute dem Hund zu, der durch die Küche tapste, „warum haben Sie ihn nicht schon viel früher aufgenommen? Ihr Haus ist doch groß genug, da kann man ja beinahe Pferde halten…“ „Ich hatte Angst“, seufzte Dr. Schmidt. „Ich war lange alleine, verstehst du? Ein Hund – das ist Verantwortung. So eine Art kleine Familie… Jetzt geb ich ihn nicht mehr her. Wenn ich wieder gesund bin, bringe ich ihm Frikadellen selber bei…“ „Also muss man Sie erst stürmen?“, lachte Ludmilla kopfschüttelnd. „Na, dann war’s ja gut, dass Jack einfach zu Ihnen gekommen ist.“ Ludmilla versuchte, ihr Lächeln zu verbergen, und tat so, als ob sie ihren Tee trank…

4. Dezember

Seit Tagen schon verweigert Anton, unser Straßenhund, das Futter, das ich ihm bringe. Ich hocke mich zu ihm an die Bushaltestelle am Rand von Sindelfingen und rede ihm gut zu:
Anton, komm schon, das sind doch die gleichen Frikadellen wie damals, als Herr Schneider dich noch gefüttert hat. Er kommt vorerst nicht, er ist krank geworden. Du solltest nicht warten…,
Aber Anton schaut mich nur mit seinen klugen bernsteinfarbenen Augen an und dreht den Kopf weg.

Es ist ein seltsames Bild an unserer Autobushaltestelle: Die Schichtarbeiter vom Werk stehen im Pulk am einen Ende, das andere Ende meiden sie. Nur Anton liegt dort ein zotteliger, rotbrauner Hund, dessen Fell längst gebürstet gehört. Majestätisch und faul räkelt er sich direkt vor der Bank, als wäre er der Herrscher über diesen Ort.

Anton ist jetzt im vierten Lebensjahr, und sein Revier, seine Welt, kennt er wie sein rechtes Ohr. Seine Tage verbringt er an der Bushaltestelle neben dem Wohnheim, hinter dem die Fabrik und dahinter das Feld beginnt. Nichts Neues Anton hat alles gesehen, schnüffelt höchstens aus Langeweile mal nach einer vergessenen Brotrinde im Gras.

Seit wann er Anton heißt, weiß niemand mehr, und er wohl auch nicht. Die Frauen aus dem Wohnheim haben ihm den Namen gegeben, aus Mitleid und mitfühlender Routine. Ein bisschen Futter gab es von ihnen, ansonsten mieden ihn die Leute.
Anton versuchte gar nicht erst, Mitleid zu erregen: kein trauriger Hundeblick, kein freundliches Schwanzwedeln. In seinen drei Jahren war er wie ein alter, brummeliger Herr immer etwas grantig, schwer zu nehmen.
Und so schreckte er die Menschen auch mit seinem schlechten Ruf ab.

Menschen? Was lässt sich über sie sagen? Von den meisten hielt Anton nicht viel. Die zwei fürsorglichen Frauen aus dem Wohnheim ließ er großzügig aus.
Spatzen mochte er noch weniger, diese schimpfenden, aufgeregten kleinen Vögel, die in den Pfützen planschten. Noch schlimmer waren die Krähen. Aus seinem knurrigen Hundemund kam kein einziges gutes Wort über Krähen.

Die Zeit, als er an das Gute im Menschen glaubte, wie jeder naive Welpe, die war vorbei wie sie eben bei einem jeden Hund vorbei geht. Für Anton klangen Menschen und Krähen gleich: Ihre Stimmen waren schrill, unangenehm. Ständig schubsten sie sich an der Haltestelle, schickten den Hund weg, damit er ihnen nicht im Weg lag.
Wozu sollte er sie mögen?

Mit Krähen war es ein ständiges Kräftemessen. Immer wieder klauten sie ihm sein Fressen vom Wohnheim. Anton sauste auf sie los, sie hüpften zur Seite, schienen sich zu beraten und schauten ihn dann schamlos an, als wären sie Chefinnen der Straße.
So verstrich der Tag. Anton setzte sich zäh hin, beschimpfte eine Krähe, dann einen Menschen, manchmal amüsierte er sich, den anderen das Leben schwer zu machen.
Die gelbe Bushaltestelle war keine Villa, aber ein trockener Unterschlupf war sie schon. Schatten an warmen Tagen, Windschutz an schlechten. Wären nur nicht immer so viele Menschen…

Ach schau, da liegt er ja wieder, der feine Herr! Darf ich mal auf die Bank?
Jemand streifte im Halbschlaf Antons Pfoten mit dem Schuh. Anton öffnete ein Auge:
Dieser Schuh wollte sich an ihm vorbei mogeln? Na warte, das lass ich nicht durchgehen!

Er sprang auf, fletschte kurz die Zähne. Der Schuh zuckte zurück und, als ob der Fahrer extra auf ihn gewartet hätte, hielt der Bus. Der Besitzer des Schuhs rannte eilig zur Tür, seinen Schuh ließ er prompt kapituliert zurück.

Das geschieht dir recht!, dachte Anton zufrieden, schnappte sich den verlorenen Schuh und trug ihn mit stolz geschwellter Brust hinter den Mülleimer.

Marie, geh da weg von diesem verrückten Hund!
Eine junge Frau zog ihre Freundin beiseite.
Der Hund ist ein richtiges Biest, keiner kommt mit dem klar,
rief ein Mann mit Zigarette zwischen den Lippen nach. Der Zigarettenstummel flog Richtung Mülltonne und verfehlte Anton nur um Haaresbreite. Knurrend keifte er den Mann an. Der stapfte beleidigt weiter.

***

Am nächsten Tag war der Schuhbesitzer wieder da, diesmal in Begleitung.
Da!
Mit ausgestrecktem Finger deutete er Anton an. Dieser aggressive Hund! Tun Sie endlich mal was!

Der Begleiter, ein stämmiger älterer Mann aus dem Werksschutz, zuckte mit den Schultern:
Sie sind nicht der Erste, der sich beschwert. Aber wir haben in unserer Stadt kein Tierfangamt.

Der Schuhbesitzer begann wild zu gestikulieren, redete und redete, als wär er eine schnatternde Elster. Anton beobachtete die Szene ruhig, grinste fast innerlich.
Jetzt keifte schon der zweite Mann zurück. Ein Fest, viel besser als jeglicher Krähenstreit.

Aber Sie sind doch der Sicherheitsmann!
Der andere schnaubte:
Ich bewache das Wohnheim, nicht die Haltestelle!
Dann wandte er sich ab, drehte sich aber noch einmal um:
Werfen Sie ihm einfach mal einen Knochen hin, dann tut er Ihnen auch nichts.

Der Sicherheitsmann hatte recht freundlich gemeint, sein Gegenüber schnaubte nur spöttisch:
Na super, soll ich ihm jetzt jeden Tag Frikadellen mitbringen?
Und zu Anton:
Und du, Hund, hättest ruhig mal bellen können, so als Warnung! Biest!

Das Biest half dem Mann, wieder rechtzeitig in den Bus zu springen, wie von einer Wilden Jagd verfolgt. Anton bellte dem Bus zufrieden hinterher.
Das verschwitzte Gesicht von Herrn Schneider, so hieß der Schuhbesitzer wirklich, verschwand hinter der beschlagenen Scheibe, Schritte und Wörter bliesen seinen Ärger hinaus.

Die nächste Begegnung ließ sich kaum vermeiden. Herr Schneider wurde neuer Stellvertretender Produktionsleiter im Werk. Für ihn war alles neu leider auch der aufdringliche Hund an der Haltestelle.
Das Auto in der Werkstatt, musste er täglich mit dem Bus fahren. Und jedes Mal begrüßte ihn Anton mit lautstarkem Bellen. Als hätte gerade er es auf ihn abgesehen.

Eines Morgens hatte Schneider genug vom misstrauischen Blick der Kollegen. Also hörte er auf den Tipp des Werkschutzmanns und kaufte in der Kantine eine Extrafrikadelle für Anton.

Na, los, hier!
schüttelte er das Futter aus der Tüte.
Anton war kampfbereit, aber der Duft der Frikadelle lockte ihn dann doch zu sehr. Mir nichts, dir nichts verschwand die Frikadelle, als hätte es sie nie gegeben. Anton leckte sich das Maul und richtete seinen Blick fordernd auf Herrn Schneider.

Sieh einer an! Dir reicht das wohl nicht? Bei mir gibts keine Frau, die kocht, und ich kann selbst keine Frikadellen machen! Soll ich jetzt jeden Tag in die Kantine laufen, bis dir mal das Grinsen vergeht?!

***

Am nächsten Morgen war Schneider verwundert.
Hat Anton dich etwa aus dem Herzen gestrichen? Schau, er bellt dich gar nicht mehr an!
lachte ich ihn an, und er schmunzelte verlegen zurück.

So wurde der ehemalige Wildhund ein gewohnter Teil des morgendlichen Lebens an der Bushaltestelle. Jeden Tag lag eine Frikadelle für ihn bereit, wenn Schneider zur Arbeit kam.

Anton begann zu überlegen: Sind Menschen vielleicht doch nicht wie Krähen, die nur streiten und stehlen? Unterscheiden sie sich womöglich?

Der Winter kam schneller als gedacht. Eines Morgens rieselte leise der erste Schnee. Schneider brachte wie immer seine Gabe und noch mehr: diesmal eine Decke, eine Kiste und extra Würstchen.

Es gibt heute keine Frikadellen, die Kantine hat zu,
Entschuldigte sich Schneider,
aber hier sind Würstchen, und für dich eine wärmende Kiste.
Er streichelte mit seiner schwarzen Winterhandschuh vorsichtig über Antons zitterndes Fell.

Anton ließ sich in die Kiste unter die Decke sinken zum ersten Mal spürte er eine Wärme, die nicht nur vom Fressen kam.

***

Ein paar Tage später wartete ich wieder an der Bushaltestelle. Anton fraß nichts von meinem Futter.
Anton, was machst du denn nur, das sind die gleichen Frikadellen Herr Schneider ist halt krank, du solltest nicht nur warten,
wiederholte ich.

Anton hob wachsam den Kopf, immer wenn der Bus hielt, aber vergebens Schneider blieb aus.

Die Krähen balgten sich um Brotreste, draußen auf dem Parkplatz. Anton schnüffelte an seinem alten, verbeulten Schuh, der noch immer im Loch neben der Mülltonne versteckt lag. Früher war dieser Schuh für ihn nur ein Feind, heute rührte etwas Warmes in ihm, wenn er ihn betrachtete.

Er wusste plötzlich, wie die anderen Arbeiter Herrn Schneider nannten sein Mensch.
Aber war Anton ein richtiger Hund, wenn er seinen Menschen verloren hatte, wo andere diese zu schätzen wussten?

Entschlossen knurrte er die Krähen an: Das reicht jetzt! Ich bleibe nicht mit euch zurück!

Herr Schneider! Herr Schneider!
Eine Stimme rief laut, eine junge Frau am Handy. Anton spitzte die Ohren, Hoffnung in den Augen.

Schlechter Empfang… Ich steige jetzt in den Bus. Habe Ihre Unterlagen dabei
Kaum hatte sie sich gesetzt, huschte Anton wie ein Schatten hinterher, den Schuh fest im Maul.

***

Mit Hoffnung und Sehnsucht sah Anton auf die junge Frau, als sie mehrmals den Namen seines Menschen rief.
An einer klingelnden Gartentür erschien bald Schneiders Stimme.

Anton bellte, springend, vor Freude. Die Frau erschrak, glitt fast im Schnee aus mit Papieren, Aktenmappe, allem.
Herr Schneider, können Sie erst mal helfen, mich aufzurichten, statt ihren Hund zu drücken?
Doch in Schneiders wässrigen Augen glänzte eine unausgesprochene Freude.
Bist du zu mir gekommen? Hast du mich wirklich gefunden?
Er nahm Anton fest in den Arm, drückte den alten Schuh an sich ein Geschenk, das mehr sagte als tausend Worte.

Ich wurde natürlich aufgerichtet, mit heißem Tee versorgt.

Warum haben Sie Anton nie früher zu sich geholt, Herr Schneider?
fragte ich noch, als Anton um die Küche strich.
Ich hatte Angst,
gab er leise zu,
es ist eine große Verantwortung. Ein Hund ist eine Familie Aber jetzt, jetzt lass ich dich nicht mehr los, Anton.
Er lachte und glättete sein zerzaustes Fell.
Nun muss ich nur noch lernen, Frikadellen zu machen
Dann ist ja gut, dass Anton selbst beschlossen hat, Sie zu holen,
meinte ich lächelnd und nippe am Tee, damit niemand meine Freude sieht.

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