Lukas war vierzehn, und die ganze Welt schien sich gegen ihn zu stellen genauer gesagt, sie wollte ihn nicht verstehen.
Dieser Lausbub wieder!, murmelte TanteKlara Schmidt aus dem dritten Stock, während sie hastig zur anderen Seite des Innenhofs schritt. Eine alleinerziehende Mutter und das hier ist das Ergebnis!
Lukas ging vorbei, die Hände tief in die zerfetzten Jeanstaschen vergraben, und tat so, als hörte er nichts. Doch er hörte.
Seine Mutter, Sabine Braun, schuftete wieder bis spät in die Nacht. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: Frikadellen im Kühlschrank, bitte aufwärmen. Und Stille. Immer Stille.
Auch jetzt kam er von der Schule nach Hause, wo die Lehrer erneut ein ernstes Gespräch über sein Verhalten geführt hatten. Als wäre er nicht gewusst, dass er für alle ein Problem war. Er verstand es. Und was nun?
Hey, Junge!, rief OnkelViktor Becker aus dem ersten Stock. Hast du hier den hinkenden Hund gesehen? Wir müssen ihn vertreiben.
Lukas blieb stehen und sah genauer hin.
Neben den Müllcontainern lag tatsächlich ein Hund. Kein Welpe, sondern ein ausgewachsener, rotbrauner Hund mit weißen Flecken. Er lag regungslos, nur die Augen verfolgten die Menschen. Schlaue, traurige Augen.
Jemand muss ihn doch vertreiben!, klagte TanteKlara. Er ist bestimmt krank!
Lukas trat näher. Der Hund bewegte sich nicht, schwanzte nur schwach. Auf der hinteren Pfote war eine tiefe, blutende Wunde.
Was soll das?, schimpfte OnkelViktor. Nimm einen Stock und schieb ihn weg!
Da riss etwas in Lukas innerlich los.
Nur zu, berührt ihn nicht!, brüllte er plötzlich und schlang seine Arme um den Hund. Er tut niemandem etwas!
Na, das ist ja ein echter Beschützer, staunte Viktor.
Ich werde beschützen!, setzte Lukas sich neben den Hund, streckte vorsichtig die Hand aus. Der Hund schnupperte an den Fingern und leckte sacht Lukas Handfläche.
Eine warme Welle breitete sich in seiner Brust aus. Zum ersten Mal seit langer Zeit wurde er freundlich behandelt.
Komm, geh mit mir, flüsterte er dem Hund zu. Komm mit mir.
Zuhause richtete Lukas dem Hund ein Nest aus alten Jacken in einer Ecke seines Zimmers ein. Die Mutter würde erst spät von der Arbeit zurückkommen, also würde niemand schreien oder Schmutz verjagen.
Die Wunde sah schlimm aus. Lukas tauchte ins Netz, fand Artikel über Erste Hilfe für Tiere, blätterte durch medizinische Fachbegriffe und prägte jedes Wort ein.
Zuerst mit Wasserstoffperoxid spülen, murmelte er und durchwühlte die Hausapotheke. Dann mit Jod die Ränder desinfizieren. Aber behutsam, nicht zu schmerzen.
Der Hund lag ruhig, legte die verletzte Pfote vertrauensvoll auf Lukas Schoß und sah ihm dankbar in die Augen so, wie ihn noch nie jemand angesehen hatte.
Wie soll ich dich nennen?, band Lukas vorsichtig die Pfote. Du bist rot. Soll ich dich Rotling nennen?
Der Hund jaulte leise, als ob er zustimmte.
Am Abend kam die Mutter. Lukas war bereits auf den drohenden Sturm vorbereitet, doch Sabine sah den Hund schweigend an, streichelte das Verbandzeug.
Hast du das selbst gebunden?, fragte sie leise.
Ja, ich habe im Internet nachgelesen, wie man es richtig macht.
Was fütterst du ihn?
Da denke ich mir was aus.
Sabine schaute lange ihren Sohn an, dann den Hund, der ihr die Hand leckte.
Morgen gehen wir zum Tierarzt, entschied sie. Schauen wir, was mit der Pfote ist. Und hast du schon einen Namen?
Rotling, flüsterte Lukas.
Zum ersten Mal in Monaten stand kein unüberwindbares Missverständnis zwischen ihnen.
Am nächsten Morgen stand Lukas eine Stunde früher auf. Rotling versuchte aufzustehen, winzig vor Schmerzen zuckend.
Leg dich hin, beruhigte Lukas den Hund. Ich bringe dir Wasser, dann etwas zu essen.
Zu Hause war kein Hundefutter mehr. Lukas musste die letzte Frikadelle in Milch einweichen. Rotling fraß gierig, aber behutsam, leckte jede Krümel auf.
In der Schule geriet Lukas zum ersten Mal seit Langem nicht in einen Wortgefecht mit den Lehrern. Er dachte nur an Rotling: Tut er noch? Hat er Schmerzen? Vermisst er mich?
Du bist heute irgendwie anders, bemerkte die Klassenlehrerin, FrauKöhler.
Lukas zuckte mit den Schultern. Er wollte nicht reden er fürchtete das Lachen.
Nach der Schule rannte er nach Hause, ignorierte die missmutigen Blicke der Nachbarn. Rotling empfing ihn mit einem freudigen Aufbäumen er konnte bereits auf drei Pfoten stehen.
Na, Freund, willst du nach draußen?, sagte Lukas und machte aus einer Leine einen lockeren Führungsstrick. Nur vorsichtig, die Pfote schonen.
Im Hof geschehen seltsame Dinge. TanteKlara, die das Geschehen sah, stieß fast das Samenkorn in die Luft:
Er hat ihn ja nach Hause gezogen! Lukas! Bist du verrückt geworden?
Und was soll’s?, antwortete der Junge gelassen. Ich pflege ihn. Bald wird er wieder gesund sein.
Pflegst du ihn?, fragte die Nachbarin neugierig. Woher nimmst du das Geld für die Medizin? Stiehlst du es von deiner Mutter?
Lukas ballte die Hände, hielt sich zurück. Rotling drückte sich an sein Bein, als spüre er die Anspannung.
Ich stehle nicht. Ich gebe mein eigenes Geld aus. Das habe ich beim Frühstück zusammengespart, flüsterte er.
OnkelViktor schüttelte den Kopf:
Junge, verstehst du, dass du ein Lebewesen in die Hand genommen hast? Das ist kein Spielzeug. Man muss es füttern, behandeln und mit ihm spazieren gehen.
Jeder Tag begann fortan mit einem Spaziergang. Rotling erholte sich rasch, lief wieder, wenn auch leicht hinkend. Lukas übte stundenlang Geduld, brachte ihm Befehle bei.
Sitz! Gut gemacht! Gib Pfote! Genau so!
Die Nachbarn sahen aus der Ferne zu. Manches Kopfschütteln, manches Lächeln. Lukas bemerkte nur die treuen Augen seines Freundes.
Er veränderte sich, langsam, Schritt für Schritt. Er hörte auf zu grölen, räumte zu Hause auf, die Noten stiegen. Er hatte ein Ziel gefunden und das war erst der Anfang.
Drei Wochen später kam das, was Lukas am meisten fürchtete.
Er ging mit Rotling vom Abendspaziergang zurück, als plötzlich ein Rudel Straßenhunde aus den Garagen sprang. Fünf, sechs grimmige, hungrige Hunde mit feurigen Augen. Der Anführer, ein riesiger schwarzer Rüde, fletschte die Zähne und trat vor.
Rotling zog instinktiv zurück, schützte Lukas Rücken. Die Pfote schmerzte immer noch, er konnte kaum laufen. Doch die Angreifer rochen die Schwäche.
Zurück!, schrie Lukas und schwenkte die Leine. Weg hier!
Doch das Rudel drängte weiter, umkreiste sie. Der schwarze Anführer knurrte lauter, bereit zum Sprung.
Lukas!, schallte plötzlich ein weiblicher Schrei von oben. Lauf! Wirf den Hund weg und renne!
Es war TanteKlara, die aus dem Fenster schrie, gefolgt von ein paar Nachbarsgesichtern.
Junge, mach keinen Heldenkram!, rief OnkelViktor. Er hinkt doch, er wird nicht entkommen!
Lukas blickte zu Rotling. Der zitterte, lief aber nicht weg. Er klammerte sich an den Besitzer, bereit, jedes Schicksal zu teilen.
Der schwarze Anführer sprang zuerst. Lukas schützte sich reflexartig mit den Armen, doch ein Schlag traf seine Schulter. Scharfe Zähne gruben sich in die Jacke, bis zur Haut.
Trotz der verletzten Pfote kämpfte Rotling, sprang über seine Angst hinweg und biss den Hals des Anführers, hängte sich mit dem Körper an ihn.
Ein wilder Kampf entbrannte. Lukas schlug mit Beinen und Armen zurück, versuchte, Rotling vor den Bissen zu schützen. Er bekam Bisse, Kratzer, doch er wich keinen Schritt zurück.
Gott, was geschieht hier!, schrie TanteKlara von oben. Viktor, tu etwas!
Viktor stürzte die Treppe hinunter, schwang eine Stange, dann ein Stück Metall, was immer in die Hand passte.
Halte durch, Junge!, brüllte er. Ich helfe gleich!
Gerade als Lukas unter dem Druck des Rudels zusammenzufallen drohte, hörte er eine vertraute Stimme:
Genug!
Seine Mutter kam aus dem Haus, ein Eimer Wasser in der Hand, und spritzte die Hunde. Das Rudel sprang zurück, jaulte.
Viktor, hilf mir!, rief sie.
Viktor kam mit seiner Stange, ein paar Nachbarn folgten von den oberen Etagen. Die Hunde erkannten die Unterzahl, drehten sich um und flohen.
Lukas lag auf dem Asphalt, drückte Rotling an sich. Beide waren blutverschmiert, zitterten, aber sie waren am Leben.
Sohn, setzte sich die Mutter neben ihn, prüfte die Kratzer. Du hast mir wirklich Angst eingejagt.
Ich konnte ihn nicht loslassen, Mama, hauchte Lukas. Verstehst du? Ich konnte ihn nicht loslassen.
Ich verstehe, flüsterte sie.
TanteKlara trat in den Hof, sah Lukas mit fremdem Blick an, als sähe sie ihn zum ersten Mal.
Junge, stammelte sie, du hättest ihn … wegen eines Hundes … hinstellen können.
Er ist nicht wegen einen Hund, unterbrach plötzlich OnkelViktor. Er ist für einen Freund. Verstehst du den Unterschied, FrauKlavaria?
Die Nachbarin nickte schweigend, Tränen liefen über ihre Wangen.
Komm, lasst uns nach Hause, sagte die Mutter. Wir müssen die Wunden versorgen. Auch Rotlings.
Lukas stand schwerfällig auf, hob den Hund auf die Arme. Rotling jammte leise, sein Schwanz zuckte kaum, doch er freute sich über die Nähe.
Warte, hielt Viktor sie zurück. Fahrt ihr morgen zum Tierarzt?
Wir fahren, sagte Lukas.
Ich bringe euch hin. Und ich zahle die Behandlung der Hund hat Heldentaten vollbracht.
Lukas blickte überrascht zu Viktor.
Danke, OnkelViktor. Aber ich kann das auch selbst bezahlen, sagte er.
Streit nicht. Du verdienst es später dann gibst du zurück. Jetzt aber…, klopfte der Mann dem Jungen auf die Schulter, wir sind stolz auf dich, ja?
Die Nachbarn nickten still.
Ein Monat verging. An einem gewöhnlichen Oktoberabend kam Lukas aus der Tierklinik zurück, wo er am Wochenende freiwillig half. Rotling lief neben ihm, die Pfote war verheilt, das Hinken fast verschwunden.
Lukas!, rief TanteKlara. Warte kurz!
Er blieb stehen, bereit für die nächste Aufsicht. Stattdessen reichte ihr eine Tüte mit teurem Hundefutter.
Das ist für Rotling, sagte sie verlegen. Gutes Futter, teuer. Du kümmerst dich ja so gut um ihn.
Danke, TanteKlara, antwortete er herzlich. Aber wir haben schon Futter. Ich arbeite jetzt in der Klinik, FrauAnnaSchulze zahlt mich.
Nimm es trotzdem mit. Du wirst es irgendwann brauchen.
Zuhause bereitete die Mutter das Abendessen zu. Als sie ihren Sohn sah, lächelte sie.
Wie läuft es in der Klinik? Ist FrauSchulze zufrieden?
Sie sagt, meine Hände sind gut, und ich habe Geduld, sagte Lukas, streichelte Rotling über den Kopf. Vielleicht werde ich Tierarzt. Ich denke ernsthaft darüber nach.
Und die Schule?
Ganz okay. Sogar HerrPetrov von Physik lobt mich. Er sagt, ich sei aufmerksam geworden.
Die Mutter nickte. In diesem Monat hatte ihr Sohn sich völlig verwandelt. Er war nicht mehr grob, half zu Hause, grüßte die Nachbarn, und vor allem hatte er ein Ziel und einen Traum.
Weißt du, sagte sie, morgen kommt Viktor. Er hat ein zweites Angebot für dich. In einem Züchterbetrieb seines Bekannten wird ein Helfer gesucht.
Wirklich? Und kann ich Rotling mitnehmen?
Ich denke schon. Er ist fast ein Diensthund geworden.
Am Abend saß Lukas mit Rotling im Hof und übte eine neue Kommandokette Schütze. Der Hund führte die Übungen eifrig aus, blickte seinen Herrn immer mit treuen Augen an.
Viktor setzte sich neben ihn auf die Bank.
Fährst du morgen wirklich zum Züchterbetrieb?
Ja. Mit Rotling.
Dann leg dich früh hin. Der Tag wird anstrengend.
Als Viktor gegangen war, blieb Lukas noch ein wenig im Hof sitzen. Rotling legte den Kopf auf Lukas Knie und seufzte zufrieden.
Sie hatten einander gefunden und würden nie wieder allein sein.