Ich heirate, aber nicht diesen Schönling. Ja, er ist ein wunderbarer Typ in jeder Hinsicht. Aber nicht meiner.

Wieder kommt die Mutter mit dem Mitbewohner und noch einem fremden Mann. Sie hat bereits ein paar Gläser getrunken Irma duckt sich in die Ecke hinter den Nachttisch.

Ich muss mich hier verkriechen, draußen liegt bereits Schnee. Alles geht mir zu viel auf die Nerven. Im Sommer mache ich die neunte Klasse fertig, ziehe in die Stadt, besuche die Pädagogische Fachschule und werde Lehrerin. Die Stadt ist nur zehn Kilometer entfernt, aber ich will im Studentenwohnheim wohnen.

Die Mutter und die Gäste drängen sich in die Küche. Das Glas wird gefüllt, es riecht nach Bratwurst. Irma schluckt unwillkürlich.

Warte, du!, ruft die Mutter.

Was ist los?

Ihr seid zu zweit

Erst das zweite Mal zu zweit, meldet Michael, der Mitbewohner der Mutter.

Ein Geschirrklirren, ein Rauschen, ein Zischen. Irma drängt sich noch tiefer in die Ecke. Plötzlich wird es still.

Hör zu, Klaus, sie schläft, sagt der Mitbewohner.

Er hat gesagt, sie ist ein gutes Mädchen, aber irgendwas an ihr

Hör zu, sie hat doch eine Tochter

Welche Tochter?

Irma, die ist schon erwachsen. Sie muss wohl im Zimmer versteckt sein.

Hol sie her, ruft Klaus fröhlich.

Irma, wo bist du? betritt Michael das Zimmer, sieht Irma, lächelt schief. Komm, setz dich zu uns!

Mir geht es hier auch gut.

Warum bist du schüchtern?, versucht Michael sie zu umarmen.

Irma packt die Vase vom Nachttisch und wirft sie ihm über den Kopf. Das Glas zerschellt. Sie reißt sich los und flüchtet aus dem Raum.

Halt sie!, schreit Michael.

Irma ist bereits an der Eingangstür. Sie hat keine Zeit, Schuhe anzuziehen, und läuft in Socken, alten Shorts und TShirt nach draußen.

Hinter ihr stürmen die Männer. Die Straße des Dorfes liegt kahl und verschneit. Wo soll man nachts im Schnee hinlaufen? Im Hintergrund hört man Rufe. Vor einem riesigen Haus bellt ein Hund, dann ruft jemand den Hund an.

Irma rennt zur Tür und klopft. Ein Mann um die vierzig öffnet.

Helfen Sie!, spricht Irma leise und fleht den Mann an.

Komm rein!, er packt sie am Arm und schließt die Tür.

Olaf, wer ist das?, ruft eine Frau vom Vordach.

Das ist sie, nickt der Hausherr. Da drüben jagen ein paar Männer sie.

Schnell ins Haus!, schnappt die Frau Irma am Arm. Dann erzählst du uns alles.

Irma, komm runter!, ruft Michael.

Olaf, lass das!, schreit die Hausherrin. Geh zurück ins Haus!

Aus der Straße klingt das Bellen des Hundes. Die Frau greift nach dem Telefon.

Wir sollten die Polizei rufen, sagt sie.

Polina, das ist nicht nötig. Ich regle das selbst. Die sind wohl Einheimische, erwidert der Mann.

Wie willst du das anstellen?, fragt sie.

Ganz freundlich. Beruhige das Mädchen!

Der Hausherr holt ein Päckchen, stellt eine Flasche und eine Scheibe Wurst in den Kühlschrank. Draußen streichelt er den Hund und geht mit ihm zurück. Michael stürmt zu ihm:

Gib Irma zurück!

Nimm sie und geh!

Michael öffnet das Päckchen, lächelt und nickt seinem Freund zu. Los, Mike!

***

Ich heiße Petra Schulz, sagt die Frau, während sie den Wasserkocher auf den Herd stellt. Setz dich, setz dich! Erzähl, wer du bist und was passiert ist.

Ich bin Irma, beginnt das Mädchen, während sie mit den Zähnen knirscht. Ich wohne hier an dieser Straße, aber schon seit meiner Kindheit.

Bist du Kiras Tochter?

Ja.

Wir wohnen zwar erst seit Kurzem hier, aber wir haben schon von deiner Mutter gehört. Irma senkt den Kopf und bricht in Tränen aus.

Keine Tränen! Die Frau schmiegt sie sanft an die Brust ein ungewohntes Gefühl für Irma. Sie umarmt die Frau und weint noch heftiger.

Gut, gut! Jetzt trinken wir Tee. Der Hausherr betritt den Raum.

Alles klar, erledigt.

Und was machen wir mit dieser hübschen Frau?, nickt Petra zu Irma und lächelt plötzlich.

Darüber sprechen wir morgen. Jetzt erst einmal Tee und dann ein Bad für dich.

Möchtest du etwas essen?, bietet Petra mit einer Tasse Tee an. Siehst du, du hast Appetit.

Auf dem Tisch liegen belegte Brötchen und Reste von Kuchen.

Iss, iss!, lächelt der Hausherr, während er Irma beim Essen beobachtet.

Sie wird nicht weiter befragt, sondern man schenkt ihr kaum Aufmerksamkeit, weil sie schüchtern wirkt.

Nachdem das Abendessen vorbei ist, führt Petra Irma ins Bad.

Wasch dich, zieh diesen Bademantel an!

***

Irma will nur eines: nicht wieder auf die Straße geschickt zu werden. Wie angenehm ist es, in der warmen Badewanne zu liegen, während es draußen kalt ist. Doch es ist Zeit, aufzustehen die Herren warten.

Sie tritt hinaus. Der Mann und seine Frau sitzen auf dem Sofa. Irma lächelt verlegen.

Danke!

Also Irma, beginnt die Hausherrin. Ich verstehe, dass dich niemand wirklich sucht. Du willst nicht nach Hause zurück. Irma senkt den Kopf noch tiefer.

Morgen früh müssen wir früh losfahren

Ich verstehe, murmelt Irma.

Du bleibst allein. Öffne niemandem die Tür! Unser Hund Bello lässt niemanden rein. Verstanden?

Ja!, ruft Irma, ohne die Tränen zurückzuhalten.

Du könntest für uns Borschtsch kochen, sagt Olaf Romannisch schelmisch. Kannst du?

Ja, ich kann, antwortet Irma hastig, noch immer ängstlich, dass sie rausgeworfen wird. Ich koche gut und kann im Haus putzen.

Putze, wenn es dir nicht zu schwer fällt, stimmt Petra zu.

***

Sie erwacht zusammen mit den Besitzern. Still liegt sie im Bett, immer noch fürchtend, dass sie rausgeschmissen wird. Im Hof dröhnt ein Auto. Nach kurzer Zeit beruhigt es sich wieder.

Sie steht auf, wäscht sich. In der Küche steht ein heißer Wasserkocher, auf dem Tisch Brot, Wurst, Käse. Auf dem Arbeitstisch liegen Schweinerippchen.

Sie frühstückt, räumt den Tisch ab, wischt alles ab, wäscht den Boden.

Im Flur entdeckt sie einen Staubsauger, schaltet ihn ein und saugt.

Gerade als sie den Staubsauger ausschaltet

Was soll das alles bedeuten?, ertönt eine Stimme hinter ihr.

Sie wirbelt herum. Ein gut aussehender junger Mann, etwa achtzehn, mit braunen Augen blickt neugierig.

Ich räume auf, stammelt Irma. Und wer seid ihr?

Nun, sagt der Junge, schüttelt den Kopf und holt ein Handy aus der Tasche:

Mama, ich bin zu Hause. Und das ist wer?

Sohn, lass das Mädchen bei uns wohnen.

Was soll das für mich?

Er steckt das Handy ein, mustert Irma von Kopf bis Fuß und geht zur Küche.

Möchten Sie Tee?, fragt das Mädchen.

Ich kümmere mich selbst.

***

Irma räumt den Staubsauger weg, wischt den Staub, lauscht jedem Kratzen in der Küche.

Der Junge frühstückt, geht ins Bad, kommt nackt heraus, duftet nach Lotion.

Hey, Chef, gib mir noch eine Flasche!, ruft jemand von draußen.

Was ist das jetzt?, fragt der Junge und geht zum Fenster.

Öffnet nicht!, schreit Irma ängstlich.

Er schaut sie neugierig an, lächelt und geht zur Tür.

Irma eilt zum Fenster. Am Zaun stehen der Mitbewohner der Mutter und sein Freund und schreien. Irma bekommt Angst.

Da kommt der Sohn der Hausherren heraus. Sie stürzen zu ihm. Plötzlich rutschen beide im Schnee, Irma hat das Gefühl, beide stürzen gleichzeitig.

Der Junge beugt sich zu ihnen, sagt etwas. Sie stehen auf, senken den Kopf und gehen zum Haus der Mutter.

***

Der Junge dreht sich wieder um. Sein Blick bleibt auf der erstarrten Irma. Er tritt näher.

Hast du Angst?

Ohne Kontrolle drückt sie ihr Gesicht an seine Brust und weint.

Wie heißt du?, fragt er plötzlich.

Irma.

Ich bin Ralf. Nicht weinen, sie kommen nicht mehr.

***

Ralf geht nach oben in sein Zimmer und taucht bis zum Abend nicht mehr auf. Irma kocht Eintopf. Sie sitzt am Küchentisch und denkt nach.

Natürlich würde sie gern bleiben, bei diesen netten Menschen, aber sie weiß, dass sie alle Grenzen überschritten hat.

Die Besitzer kehren zurück. Petra Schulz schüttelt erstaunt den Kopf über den aufgeräumten Zustand. Olaf Braun lobt den Eintopf.

Ich glaube, ich gehe nach Hause, sagt Irma resigniert. Danke für alles!

Irma, bleib noch ein paar Tage bei uns!

Danke, Petra! Ich gehe nach Hause, wiederholt sie.

Sie geht zur Tür und bleibt stehen. Seit gestern trägt sie fremde Kleidung und fremde Hausschuhe.

Los!, sagt die Hausherrin und nimmt ihr die Schulter, führt sie ins Wohnzimmer.

Sie öffnet den Schrank, blickt lange hinein, zieht Jeans, einen Pullover, eine warme Sportjacke heraus.

Zieh das an! Wir sind fast gleich groß.

Ihr nein

Du gehst nicht nackt nach Hause. Zieh dich an, ich habe genug.

Sie zieht sich an, wirft einen heimlichen Blick in den Spiegel. Nie hatte sie so schöne Kleidung.

Im Flur zwingt die Hausherrin sie, eine Mütze und Winterstiefel anzuziehen.

Irma, viel Glück!

Danke, Petra Schulz!

***

Das Leben nimmt wieder eine alte, aber nicht ganz alte Bahn. Die Mutter arbeitet jetzt auf einem Bauernhof. Der Mitbewohner ist mit seinem Freund verschwunden.

Der Frühling kommt. Irma sitzt zu Hause und lernt, als jemand an die Tür klopft. Sie schaut aus dem Fenster und sieht Ralf am Zaun stehen. Er nickt ihr zu, als wolle er sagen: Komm raus!

Sie traut sich nicht sie fliegt förmlich nach draußen.

Hallo!, lächelt Ralf.

Grüß dich!

Deine Mutter hat dich gerufen.

***

Und so betritt sie das Haus, in dem sie den schönsten Tag verbracht hat.

Hallo, Irma!, begrüßt sie Petra am Eingang und umarmt das Mädchen.

Grüß Sie, Petra!

Komm rein! Lass uns Tee trinken!

Petra setzt Irma, schenkt ihr Tee ein und nimmt selbst Platz.

Ich habe ein Anliegen. Mein Mann und ich fliegen nächsten Monat nach die Türkei, sagt sie verträumt. Der Sohn ist selten zu Hause. Könntest du das Haus betreuen? Jack, den Hund, und auch die Katze füttern, die Blumen gießen ich habe viele.

Natürlich, Petra!

Hier, das ist das Geld. Sie reicht ihr einen Umschlag. Zwanzigtausend Euro.

Petra, wozu das?

Nimm es! Wir werden nicht arm. Komm, ich erkläre alles!

Irma merkt sich genau, wo die vielen Blumentöpfe stehen, wo das Katzenfutter liegt und wo das Hundefutter ist. Dann ruft Petra:

Ralf!, der Sohn eilt aus seinem Zimmer. Zeig Irma unseren Hund Jack!

Komm mit!, legt Ralf leicht die Hand auf Irmas Schulter.

Sie gehen nach draußen, lösen die Leine von Jack und gehen spazieren.

Den ganzen Weg erzählt Ralf von seinem Studium, Karate, dem Familienbetrieb.

Irma denkt an etwas ganz anderes. Sie erkennt, dass zwischen ihr und Ralf dieselbe Kluft liegt wie zwischen ihrer Mutter und Ralfs Eltern. Sie sind nette Menschen, aber das ist kein Märchen, sondern das echte Leben.

In zwei Monaten habe ich die Prüfungen am Fachcollege, ich werde bestehen. Ich lerne, arbeite, drehe mich im Leben, werde erwachsen, heirate aber nicht diesen hübschen Kerl. Er ist ein toller Typ, doch nicht mein Mann!

Sie ist Petra dankbar für die Kleidung und die zwanzigtausend Euro. So kann sie die ersten Wochen in der Stadt überstehen.

Ein inneres Gefühl sagt ihr, dass genau jetzt ihr schwieriges Jugendleben endet. Das Erwachsenwerden beginnt schwer, aber allein von ihr abhängig.

Sie erreichen das Gästehaus. Irma streichelt Jack am Hals, lächelt Ralf zu und geht Richtung Zuhause. Morgen beginnt ihr Job dort. Nur Arbeit und das wars!

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