Greta hat ein halbes Jahr für diese Renovierung gespart, jede Rolle selbst ausgesucht, und jetzt kommen Sie hier rein und reißen die Tapeten runter, weil sie angeblich zu traurig aussehen? Verlassen Sie sofort meine Wohnung, sonst werfe ich Sie die Treppe runter!« Gretas Stimme brach in ein ohrenbetäubendes, schrilles Kreischen aus, das von den ruinierten Wänden ihres einst makellosen Wohnzimmers widerhallte.
Sie stand auf der Schwelle, die Finger weiß vor Anspannung um den Griff ihrer Reisetasche gekrallt. Erst vor ein paar Stunden waren sie und Thomas aus dem Landhotel zurückgekommen – sie hatten einen ruhigen Sonntagabend in ihrer blitzsauberen, nach teurem Interieurduft riechenden Wohnung verbringen wollen. Greta war eine Etage früher hochgegangen als ihr Mann, während er unten das Auto geparkt hatte, und hatte sich schon auf den Kaffee auf dem neuen Sofa gefreut. Jetzt lag vor ihr ein wahres Schlachtfeld. Die exklusiven italienischen Tapeten in tiefem mattem Graphit, die sie direkt von der Fabrik bestellt und drei Monate lang erwartet hatte, hingen in zerfetzten, erbärmlichen Fetzen an den Wänden. An manchen Stellen war der Belag mit solcher Wut abgerissen, dass der graue Beton freilag, und in der teuren Feinputzschicht klafften tiefe, hässliche Kratzer – von einem Metallspachtel.
»Schrei mich nicht an, Greta. Du bist die Herrin hier, aber du benimmst dich wie eine Marktfrau«, sagte Ingrid Wagner völlig ungerührt. Sie war nicht einmal zusammengezuckt bei den Schreien ihrer Schwiegertochter, zog nur verächtlich den Mund zu einem schmalen, harten Strich. »Ich komme hier rein und bin erschrocken: Wie habt ihr hier eigentlich gelebt? Überall Finsternis, wie in einer Gruft. Mein Sohn hat einen anstrengenden Job, er soll nach Hause kommen und sich freuen, nicht depressiv werden. Ich dachte, ich mache euch eine Überraschung, solange ihr weg seid. Ich hatte auf meinem Balkon noch eine prima Emaillefarbe, Qualität für die Ewigkeit. Siehst du, wie viel heller es jetzt ist? Als ob die Sonne hereingeschienen wäre.«
Die Schwiegermutter stand mitten im Raum, bekleidet mit einer verschlissenen geblümten Kittelschürze über ihrer Ausgehbluse. In der rechten Hand hielt sie eine alte Malerrolle, von der in dicken Tropfen eine zähe beige Brühe auf das teure helle Eichenlaminat tropfte. Hinter ihr, direkt auf den Resten der graphitfarbenen Vliestapete, prangte ein riesiger, ungleichmäßig gestrichener Fleck. Die billige glänzende Ölfarbe war in ekligen Wülsten aufgetragen, lief in klebrigen Nasen über die neuen weißen Fußleisten. In der Luft hing ein erstickender, giftiger Gestank von scharfem Lösungsmittel und alter Ölfarbe, der Gretas Schläfen sofort pochen ließ und ihr einen Brechreiz in die Kehle trieb.
»Überraschung?« Greta machte einen mechanischen Schritt nach vorn. Unter der Sohle ihres Turnschuhs quatschte ekelhaft eine Pfütze aus verschütteter Farbe. »Sie haben den Ersatzschlüssel benutzt, den wir Ihnen nur für den Notfall gegeben haben – für einen Rohrbruch oder Brand –, um hier einzubrechen und diesen Vandalismus zu veranstalten? Ist Ihnen klar, dass Sie Material für Hunderte von Euro zerstört haben? Und das ohne die Arbeit der Fachleute, auf die wir ein halbes Jahr gewartet haben!«
»Hunderte von Euro, bist du verrückt?« Die Schwiegermutter schnaubte verächtlich und schwenkte demonstrativ die Rolle durch die Luft, so dass eine Wolke kleiner beiger Spritzer auf die Armlehne des neuen Sofas aus hellem Kunstleder flog. »Für dieses schwarze Papier? Die haben euch doch im Laden abgezockt, euch alten Schrott angedreht. Jahrhunderte lang haben die Leute in hellen Zimmern gelebt und sind normal geworden. Und du machst hier eine Katakombe draus. Sei froh, dass ich meinen kranken Rücken gekrümmt habe, um diese düsteren Tapeten abzureißen. Die sind übrigens kaum gehalten, reine Pfusch. Ich schufte hier seit vier Stunden, um euch eine ordentliche Wohnung zu machen.«
Greta ließ den starren Blick in die Ecke des Wohnzimmers schweifen. Dort türmten sich schwarze Bausäcke, aus denen zerknitterte, gnadenlos zerstörte Fetzen ihres Traums ragten. Daneben stand ein altes verzinktes Wassereimer mit schmutzigem Seifenwasser, in dem ein grauer Aufnehmer schwamm. Ein breiter Metallspachtel mit angetrockneten Tapetenresten lag daneben. Das Ausmaß der Zerstörung war von einer manischen Zielstrebigkeit. Das war kein spontaner Anfall einer überspannten Frau. Die Schwiegermutter hatte methodisch, Meter für Meter, fremde Arbeit vernichtet. Sie hatte die Wände mit Wasser eingeweicht, sie wütend mit Metall abgeschabt, den Belag abgerissen, um die entstandenen Löcher dann mit dieser widerlichen glänzenden Pampe zu überstreichen. Jede Bewegung ihrer Rolle war von aggressiver Selbstbestätigung und blanker Verachtung für die Schwiegertochter durchdrungen.
»Sie haben sie mit dem Spachtel abgerissen«, sagte Greta und streckte die Hand zur Wand aus. Sie spürte, wie in ihr reine, konzentrierte Wut aufkochte, die alle anderen Gefühle verbrannte. »Sie haben die Feinputzschicht bis auf den Beton durchschlagen. Sie haben den neuen teuren Boden mit Emaille überschüttet, die kein Lösungsmittel mehr ohne Spuren entfernen wird. Sie haben das Sofa ruiniert. Sie haben keinen Wohnkomfort geschaffen. Sie sind hierhergekommen, um zu schaden, Ingrid Wagner. Sie haben in meinem Haus ein Verbrechen begangen.«
»Ich bin gekommen, um deine Designer-Spleens zu korrigieren!« Ingrid Wagner stemmte die freie Hand in die Hüfte und nahm eine Pose vollkommener Überlegenheit ein, während sie der Schwiegertochter frech in die Augen sah. »Dein Geschmack ist reinstes Unglück. Thomas ist viel zu weich, er will sich nicht mit dir anlegen und erträgt deine Mode-Macken. Aber ich bin die Mutter, ich habe jedes Recht, im Leben meines Kindes Ordnung zu schaffen. Heute streiche ich diese Wand fertig, morgen nehme ich mir die nächste vor. Und du hast mir gar nichts zu sagen in der Wohnung meines Sohnes!«
Die Aussage über »die Wohnung meines Sohnes« war der Zünder. Greta erinnerte sich genau an die endlosen Überstunden in der Klinik, an die harten Sparmaßnahmen, an den Verzicht auf Urlaub und Restaurantbesuche, damit sie das Darlehen für diese Zweizimmerwohnung schneller abbezahlen konnten – aufgeteilt in gleichen Anteilen. Sie erinnerte sich an jede schlaflose Nacht, in der sie über die perfekte Wandstruktur gegrübelt hatte, um das Licht optimal zu absorbieren und die grafische Möblierung zu betonen. Und jetzt stand vor ihr eine Frau, die keinen Cent, keinen Tropfen Arbeit in dieses Haus gesteckt hatte, und beanspruchte mit unverschämter Selbstgefälligkeit fremdes Eigentum, während sie mit der bekleckerten Malerrolle fuchtelte. Die Spannung in der Luft hatte einen solchen Grad erreicht, dass die Fensterscheiben zu zerspringen schienen. Der Streit eskalierte zu einem Vernichtungskrieg.
»In der Wohnung Ihres Sohnes?« Greta sagte es leise, aber mit einer derart eisigen Betonung, dass die Temperatur im stickigen, nach Lösungsmittel stinkenden Raum um einige Grad zu fallen schien. »Wollen Sie mir jetzt ernsthaft weismachen, Sie hätten das Recht, mein Eigentum zu zerstören, nur weil Sie einen der Eigentümer dieser Wohnung geboren haben?«
Ingrid Wagner tauchte, statt innezuhalten, trotzig die Rolle in die rostige Blechdose. Die dickflüssige, gelblich-beige Brühe, die an saure Kondensmilch erinnerte, gluckerte und sog die flauschige Walze auf. Die Schwiegermutter strich mit Kraft über den gerippten Rand der Schale und schüttelte den Überschuss direkt auf den Boden, wo sich bereits ein öliger Fleck ausbreitete, der sich für immer in die Struktur des teuren Laminats fraß.
»Klugschwätzerin!«, warf sie hin, ohne sich umzudrehen, und klebte die Rolle mit Schwung an die Wand, um die Reste des edlen Graphits mit einem fetten, glänzenden Streifen zu durchkreuzen. »Eigentum … Was für ein Wort. Das ist kein Eigentum, das ist eine Marotte. Ich kümmere mich, wohlgemerkt, um Thomas’ Psyche. Sieh dir an, was du angerichtet hast! Schwarze Wände, weiße Fußleisten – das ist ein Sarg, ein regelrechter Sarg mit Musik! Wie soll man hier leben? Wie Kinder großziehen? Ein Kind wird in so einer Umgebung zum Stotterer oder zum Verbrecher. Beige ist klassisch, das ist Wärme, das ist der heimische Herd. Ich streich jetzt alles, hänge die Rüschenvorhänge auf, die ich vom Wochenendhaus mitgebracht habe, und dann sieht es aus wie bei anständigen Leuten. Hell, festlich.«
Greta sah diesem Treiben zu, und ihr wurde schwarz vor Augen. Sie spürte körperlich, wie in ihr eine dünne Saite der Selbstbeherrschung riss. Es ging nicht einmal ums Geld, obwohl der Schaden nach vorsichtiger Schätzung bereits eine halbe Million überstieg. Es ging um die sadistische Freude, mit der diese Frau ihre Welt zerstörte. Greta erinnerte sich an die Diskussionen mit Thomas über die Farbtöne, wie sie die Muster an die Möbel gehalten, wie sie von Abenden mit Wein in dieser stilvollen, gedämpften Loft-Atmosphäre geträumt hatten. Und jetzt war diese Atmosphäre von einer Dose abgelaufener Fußbodenfarbe vergewaltigt worden, die auf dem Müll oder in der Garage gefunden worden war.
»Ist Ihnen überhaupt klar, dass diese Ihre ›Emaille‹ drei Tage trocknet und so stinkt, dass man hier ohne Atemschutz nicht sein kann?« Gretas Stimme zitterte vor unterdrückter Raserei. »Sie haben die Luft in der Wohnung vergiftet. Möbel, Textilien, Kleidung in den Schränken – alles wird diesen Geruch annehmen. Sie haben nicht nur die Wände ruiniert, Sie haben die Wohnung unbewohnbar gemacht!«
»Ach, so eine Mimose!« Ingrid Wagner schnaubte verächtlich weiter und verteilte die Farbe mit wilden Bewegungen, die kahle Stellen und fette Wülste hinterließen. »Wir haben unser ganzes Leben mit Farbe gestrichen, und keiner ist gestorben. Mach das Fenster auf, es zieht ab. Und es lässt sich gut abwaschen. Einmal mit dem Lappen drüber – sauber. Aber diese Papierstreifen von dir sind nur Staubfänger. Wenn man sie berührt, schon Flecken. Ich habe mit dem Fingernagel gekratzt, und sie sind bröselig wie Klopapier. Pfui! Und dafür habt ihr Geld bezahlt? Man hat euch betrogen, mein Schatz, und ihr seid drauf reingefallen.«
Greta trat näher an die Wand heran, bemüht, nicht in die Farbpfützen zu treten, und sah, was die Tapetenfetzen zuvor verdeckt hatten. Der Putz war nicht nur abgeschabt – er war mit etwas Scharfem zerkratzt, wie von Tierkrallen. Die Schwiegermutter hatte nicht versucht, den Belag sauber zu entfernen. Sie hatte ihn mit Fleisch herausgerissen und tiefe Furchen in die perfekt geglättete Oberfläche gegraben. Das war kein Renovierungsversuch. Das war eine Hinrichtung. Hinrichtung des verhassten Geschmacks der Schwiegertochter, Hinrichtung ihrer Wahl, Hinrichtung ihrer Existenz im Leben des Sohnes.
»Das ist italienische textile Vliestapete«, sagte Greta langsam, jedes Wort betonend. »Eine Rolle kostet 2.200 Euro. Hier waren zwölf Rollen. Dazu die Vorbereitung der Wände für den Anstrich, die Sie mit Ihrem Spachtel zerstört haben. Dazu die Arbeit der Handwerker. Dazu das neue Laminat, das Sie mit Öl überschüttet haben. Sie stehen jetzt mitten in einem Schaden, der dem Wert Ihres Wochenendhauses entspricht, Ingrid Wagner. Und dafür werden Sie zahlen. Ich weiß nicht wie, aber Sie geben jeden Cent zurück.«
Die Schwiegermutter hielt abrupt inne. Die Rolle erstarrte an der Wand. Sie drehte sich langsam um, und auf ihrem Gesicht, das von kleinen Schweißperlen und Farbflecken bedeckt war, zeigte sich eine Mischung aus echter Empörung und Wut.
»Bist du von allen guten Geistern verlassen?«, zischte sie, die Augen verengt. »Von der Mutter Geld fordern? Dafür, dass ich Ordnung geschaffen habe? Du solltest mir zu Füßen fallen! Ich habe meine Hände nicht geschont, meine Maniküre ruiniert, um euch zu helfen. Und du wedelst mir mit Rechnungen vor der Nase herum? Du kleines, berechnendes Miststück. Ich hab immer gewusst, dass dir an Thomas nur das Geld lag. Jetzt kommt deine wahre Natur zum Vorschein. Wegen ein paar Lumpen an der Wand bist du bereit, die eigene Mutter in die Schuldenfalle zu treiben.«
»Sie sind nicht meine Mutter«, schnitt Greta ihr das Wort ab. »Sie sind ein Vandale, der in ein fremdes Haus eingedrungen ist. Sie haben die Arbeit von Dutzenden von Menschen zerstört. Sie haben etwas ruiniert, mit dem Sie nichts zu tun hatten. Sehen Sie sich das Sofa an!«
Greta deutete mit dem Finger auf das teure Ecksofa. Auf dem hellen Bezug, den sie so gehegt hatten, prangte jetzt eine Wolke kleiner gelber Spritzer. Die Schwiegermutter hatte die Rolle so wild geschwenkt, dass sie alles im Umkreis von zwei Metern bespritzt hatte.
»Nähe ein Kissen drüber, dann ist es weg«, winkte Ingrid Wagner ab und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. »Kein großer Verlust. Hauptsache, die Wände sind jetzt menschlich. Wenn ich reinkam, hätte ich heulen können. Ich schau jetzt und denke: Vielleicht streicht ihr auch die Küche um? Da ist auch so ein graues Elend, wie im OP. Ich habe noch eine halbe Dose grüne Farbe, so eine fröhliche, grasgrüne.«
Greta verschlug es die Rede. Sie sah ihre Küche vor sich – matte Fronten, Steinplatte, Einbaugeräte – und diese Frau mit einer Dose giftgrüner Farbe. Das war jenseits von Gut und Böse. Wie die Invasion der Barbaren in Rom. Die Schwiegermutter verstand nicht nur nicht, was sie tat, sie weidete sich an ihrer Straflosigkeit, geschützt durch den heiligen Status der »Mama« und »Helferin«.
»Wenn Sie die Rolle nicht sofort hinlegen, dann…« Greta verschluckte sich vor Hilflosigkeit, fand keine Worte. Sie wusste, dass sie diese schwere, kräftige Frau, die im Zerstörungsrausch war, körperlich nicht hinauswerfen konnte.
»Was dann?« Ingrid Wagner drehte sich mit dem ganzen Körper zu ihr um, die Hände in die Hüften gestemmt, die Rolle drohend in der Hand. »Willst du mich schlagen? Nur zu. Schlag eine alte Frau. Thomas kommt, ich zeige ihm die blauen Flecken. Mal sehen, wen er wählt: eine hysterische Frau, die wegen Tapeten auf Leute losgeht, oder die Mutter, die Gemütlichkeit wollte. Du, Greta, bist böse. Leer von innen, wie deine grauen Wände. Keine Wärme, kein Respekt. Ich streiche und spüre, wie die Wut aus den Ecken weicht. Ich überstreiche deine schwarze Aura.«
Greta sah dieses triumphierende Gesicht, verzerrt von einer Grimasse des selbstgerechten Zorns, und begriff: Ein Dialog war unmöglich. Vor ihr stand ein Mensch, der in seiner eigenen, verzerrten Realität lebte, in der beige Ölfarbe über Designertapeten ein Segen war und die Zerstörung fremden Eigentums ein Akt mütterlicher Liebe. In dieser Realität war Greta die Feindin, die Eindringlingin, die man ausräuchern, vertreiben, mit billiger Emaille übermalen musste.
Plötzlich schlug die Wohnungstür zu. Der Klang war schwer, selbstbewusst. Greta zuckte zusammen.
»Thomas?«, rief sie, ohne den Blick von der Schwiegermutter zu lassen, deren Gesicht sich beim Geräusch der sich öffnenden Tür sofort veränderte.
Ingrid Wagner ließ sofort die Schultern hängen, spielte ungeheure Erschöpfung. Sie legte theatralisch die Hand auf den Rücken, und statt Aggression lag nun ein Ausdruck von Märtyrertugend auf ihrem Gesicht.
»Oh, mein Sohn ist da …«, jammerte sie absichtlich laut, um im Flur gehört zu werden. »Und ich, Thomas, mache euch eine Überraschung, mühe mich ab, spare keine Kraft … Und Greta schreit, schimpft, hätte mich fast geschlagen …«
Greta erstarrte. Sie wusste, was jetzt kommen würde. Die Schwiegermutter würde ihr Theaterstück beginnen, auf Mitleid drücken, sich als Opfer darstellen. Und Thomas, der immer versuchte, die Wogen zu glätten, würde im Zentrum dieses Wahnsinns stehen. Aber diesmal würde Greta nicht schweigen. Diesmal gab es keine Kompromisse. Sie sah auf die ruinierte Wand, auf der die beige Farbe langsam herunterlief und hässliche Nasen bildete wie eitrige Wunden, und begriff: Das war das Ende. Entweder er wirft sie raus, oder ihre Ehe ging hier und jetzt zu Ende, mitten im Gestank von Lösungsmittel und den Trümmern ihres unerfüllten Traums.
»Was zum Teufel geht hier vor, und woher kommt dieser unerträgliche Gestank im ganzen Treppenhaus?« Thomas’ Stimme riss die Frauen aus ihrem erbitterten Schlagabtausch. Er trat im Straßenschuhen ins Wohnzimmer, während er seine leichte Jacke auszog, blieb aber mitten in der Bewegung mit der Jacke in der Hand stehen, erstarrt vor dem Bild vollkommener Zerstörung.
Die Luft im Raum war so stark mit giftigen Dämpfen von billigem Lösungsmittel und alter Ölfarbe geschwängert, dass einem sofort die Augen brannten. Thomas ließ den fassungslosen Blick von seiner Frau, die in einer Haltung absoluter, unnachgiebiger Wut erstarrt war, zu seiner Mutter schweifen, die in einer lächerlichen geblümten Kittelschürze über ihrer Ausgehbluse dastand. In der Hand hielt Ingrid Wagner fest die Malerrolle, von der weiterhin dicke, gelblich-beige Tropfen auf das teure Laminat fielen. Dann wanderte sein Blick zur Wand. Genau jener Wand, die er und Greta sorgfältig vorbereitet, ausgerichtet und mit italienischer Vliestapete in tiefem Graphit beklebt hatten. Jetzt glich sie einem abgehäuteten Tierkadaver. Die Tapete hing in erbärmlichen Fetzen, legte den mit Metallwerkzeug zerfetzten Putz und grauen Beton frei. Über dieses barbarische Durcheinander waren krumme, fette Streifen glänzender Farbe geschmiert.
»Wir bringen die Renovierung zu Ende!«, wechselte Ingrid Wagner sofort den Ton von aggressiv zu honigsüß-wohlwollend und hielt das bekleckerte Werkzeug wie einen Ehrenpokal nach vorn. »Ich dachte, ich mache euch ein helles Wohnzimmer. Du lebst in dieser schwarzen Höhle und siehst kein Tageslicht. Du kommst von der Schicht nach Hause, müde, und überall schwarze Wände, die auf dich eindrücken. Da hab ich auf dem Balkon eine tolle Farbe gefunden, streich jetzt alles gleichmäßig, und es wird frisch und fröhlich. Aber Greta schimpft und schreit mich an. Stell dir vor, sie fällt über einen alten Menschen her wegen irgendeinem Papier an der Wand! Ich mühe mich für euch ab, buckel mich, und sie jagt mich aus dem Haus.«
Thomas machte einen langsamen Schritt nach vorn. Unter seiner Schuhsohle quatschte feucht eine Pfütze verschütteter Emaille. Er trat näher an die Wand heran, ignorierte, dass er seine Schuhe endgültig ruinierte. Er fuhr mit der Hand über die abgerissene Oberfläche. Unter den Fingern bröselte der zerstörte Putz, dessen Stücke auf den Boden rieselten und sich mit schmutzigem Wasser und Farbe vermischten. Er erinnerte sich daran, wie er und Greta abends nach der Arbeit diese Wand selbst grundiert hatten, wie sie sich über jeden glatten Zentimeter gefreut hatten. Und jetzt war diese ganze immense Arbeit in eine widerliche, schmutzige Parodie einer Renovierung verwandelt. Er sah zu den Müllsäcken in der Ecke, aus denen zerknitterte Fetzen ihrer exklusiven Tapete ragten, dann wanderte sein Blick zum neuen Sofa aus hellem Kunstleder, dessen Rückenlehne großzügig mit kleinen gelben Spritzern übersät war.
»Sie lügt, Thomas«, sagte Greta mit gleichmäßiger, metallischer Stimme, ohne den harten Blick von der Schwiegermutter zu nehmen. »Die Tapete saß bombenfest. Sie hat sie absichtlich mit Wasser aus dem Eimer eingeweicht und dann mit dem breiten Metallspachtel wütend abgerissen, dabei die Feinputzschicht bis auf den Untergrund durchschlagen. Sieh dir diese tiefen Kratzer an. Sie hat unseren neuen Boden mit aggressiver Ölfarbe überschwemmt, die sich bereits in die Fugen des Laminats gefressen hat. Sieh dir das ruinierte Sofa an. Sie hat die Wohnung mit deinem Ersatzschlüssel geöffnet, während wir draußen waren, und ein totales Pogrom veranstaltet. Die Schadenssumme ist enorm. Sie hat bewusst und methodisch alles zerstört, wofür wir in den letzten sechs Monaten Geld ausgegeben haben.«
»Was für Geld, Thomas?!«, kreischte Ingrid Wagner, die spürte, dass ihr Sohn sich nicht über ihre Überraschung freute, und sofort in die Offensive ging. »Dieses Weib hat dich um den Finger gewickelt, dich gezwungen, diesen düsteren Horror für Unsummen zu kaufen! Man hat euch im Laden betrogen! Die Tapete ging doch leicht ab, reine Pfusch. Ich tue euch einen Gefallen, putze diesen Dreck weg. Beige ist immer modern, es beruhigt die Nerven. Ich schufte hier seit vier Stunden ohne Pause, reiße diesen Albtraum ab, atme Staub, damit du dich in deiner Wohnung wohlfühlen kannst! Und sie stellt mich als Diebin hin! Ich habe jedes Recht, zu meinem leiblichen Sohn zu kommen. Du bist hier gemeldet, das ist deine Wohnfläche! Ich lasse mir nicht von ihr vorschreiben, was ich in deinem Haus zu tun habe!«
Thomas stand schweigend da und verdaute das Gehörte. Er sah das vom Zorn und Anstrengung gerötete Gesicht seiner Mutter und sah es zum ersten Mal in seinem Leben völlig klar, ohne den üblichen Schleier kindlicher Zuneigung. Die Illusionen zersplitterten mit ohrenbetäubendem Krachen. Er sah keine fürsorgliche Frau, die ihrem Kind Gutes tun wollte. Vor ihm stand ein aggressiver, grausamer Mensch, der einen Akt des Vandalismus aus purer, ungetrübter Missgunst und dem Zwang begangen hatte, seine unbedingte Macht zu beweisen. Die beige Farbe war kein Versuch, Gemütlichkeit zu schaffen. Sie war eine Waffe, die speziell dafür ausgewählt worden war, Greta maximal zu demütigen, ihren Geschmack zu zertrampeln, ihre Arbeit zu vernichten und territoriale Ansprüche auf den gemeinsamen Raum anzumelden. Ingrid Wagner hatte Stunden schwerer körperlicher Arbeit nicht für Hilfe, sondern für Zerstörung aufgewendet.
»Die Schlüssel habe ich dir gegeben«, sagte Thomas, jedes Wort betonend. Seine Stimme klang dumpf, aber mit einer derart eisigen Härte, dass die Schwiegermutter unwillkürlich einen Schritt zurückwich und fast über den Eimer mit schmutzigem Wasser gestolpert wäre. »Ich habe sie dir ausschließlich für Notfälle gegeben. Im Falle eines Rohrbruchs oder Feuers. Ich habe dir nicht erlaubt, hier mit einem Eimer, einem Spachtel und stinkender Farbe aufzukreuzen und unser Haus zu demolieren.«
»Demolieren?!« Ingrid Wagner schlug empört die freie Hand in die Luft und spritzte dabei Farbe von der Rolle in alle Richtungen. »Ich bringe hier Ordnung! Deine Frau hat die Wohnung in eine düstere Höhle verwandelt! Du bist unter ihrem Einfluss völlig blind geworden und hast den Verstand verloren! Ich rette dich vor dieser Finsternis! Diese schwarze Farbe drückt auf die Psyche, davon werden die Leute krank! Beige dagegen…«
»Hör auf«, unterbrach sie Thomas schroff. Kein Schrei, keine unnötigen Emotionen – nur ein harter, kompromissloser Befehl, der Ingrid Wagner sofort verstummen ließ. »Halt einfach den Mund und sieh dich um. Sieh, was du aus unserem Wohnzimmer gemacht hast. Greta und ich haben diese Tapete gemeinsam ausgesucht. Mir gefällt diese Farbe. Mir gefällt dieses Design. Wir haben unser selbst verdientes Geld und unsere Zeit hineingesteckt. Und du schleppst eine Dose der billigsten, giftigsten Brühe an und kippst sie über unsere Mühen. Aus reiner Bosheit. Aus dem zwanghaften Drang zu beweisen, dass du hier die Herrin bist und ohne Strafe fremdes Eigentum zerstören darfst.«
»Ach so! Ich habe das also aus Bosheit gemacht!« Das Gesicht der Schwiegermutter überzog sich mit hässlichen roten Flecken. Sie umklammerte den Stiel der Rolle mit beiden Händen, als wollte sie auf die ruinierte Wand einschlagen. »Ich habe diese Farbe durch die ganze Stadt im Bus geschleppt, um euch zu helfen, und ihr beleidigt mich! Ihr seid einfach undankbare Egoisten! Keinen Respekt vor den Älteren! Ich werde das trotzdem zu Ende streichen, ich lasse die Wand nicht so stehen! Ihr werdet mir noch dankbar sein, wenn ihr begreift, wie hell und weit es hier geworden ist! Ich streiche diese Wand jetzt zu Ende, und niemand kann mir etwas sagen!«
Sie machte einen ruckartigen, aggressiven Ausfall in Richtung der ruinierten Oberfläche und wollte mit Schwung einen weiteren fetten Streifen über die Reste der graphitfarbenen Vliestapete ziehen, aber Thomas war schneller. Er trat ihr entgegen, völlig unbeeindruckt von der unter seinen Straßenschuhen schmatzenden dicken Farbe, und packte ihr Handgelenk mit unnachgiebiger Härte. Seine Finger schlossen sich um den Arm seiner Mutter mit einer solch unerschütterlichen Kraft, dass sie kurz aufschrie vor Überraschung und Schmerz. Die Rolle entglitt ihren schlaffen Fingern und fiel mit einem dumpfen, schmatzenden Geräusch auf das ruinierte Laminat, wobei sie den Rest der beigen Emaille umherspritzte. Der Grad des Skandals hatte seinen absoluten Höhepunkt erreicht und war in eine offene, unwiderrufliche Konfrontation übergegangen. Die Luft im vergifteten Zimmer war so dicht und schwer, dass man sie hätte schneiden können. Es gab kein Zurück mehr.
»Lass los, Thomas, du tust mir weh! Bist du völlig durchgedreht wegen dieser Xanthippe?« Ingrid Wagner versuchte sich loszureißen, aber die Finger ihres Sohnes hielten ihr Handgelenk wie im Schraubstock, erlaubten ihr nicht, die ruinierte Wand noch einmal zu berühren. »Du legst Hand an deine Mutter? Wofür? Für diesen schwarzen Schmier, den ich entfernen wollte? Du wirst mir noch danken, wenn du in einem normalen, hellen Zimmer aufwachst!«
Thomas ließ langsam ihre Finger los, und die Hand der Mutter sank kraftlos herab. Er sah sie an, als stünde vor ihm ein völlig fremder, gefährlicher Mensch. In seinem Blick lag kein Gramm Mitleid, nur die kalte, kristallisierte Erkenntnis dessen, was geschehen war. Auf dem Boden, direkt vor seinen Füßen, breitete sich eine fette Pfütze beiger Farbe aus, in die die Rolle gefallen war. Sie sickerte langsam in die Fugen des Laminats und deformierte das teure Holz unwiderruflich.
»Du verlässt diese Wohnung nicht, Mutter, bevor du mir die Schlüssel gibst. Sofort. Hol sie aus deiner Tasche und leg sie auf dieses ruinierte Fensterbrett.« Thomas’ Stimme war erschreckend ruhig. Kein Zittern, keine Zweifel. Es war die Stimme eines Menschen, der soeben ein gangränöses Stück seines Lebens abgetrennt hatte.
»Welche Schlüssel? Willst du deine eigene Mutter aus dem Haus jagen?« Ingrid Wagner versuchte empört zu klingen, aber unter dem eisigen Blick ihres Sohnes begann ihre Sicherheit zu bröckeln. Sie strich sich über die bekleckerte Schürze und machte einen Schritt zurück, weg von Thomas, näher zum Ausgang. »Ich bin hier genauso Herrin wie diese deine… Ich habe dich großgezogen, ich habe das Recht, hier Ordnung zu schaffen, wenn du es selbst nicht kannst! Sieh sie dir an, steht da, hält den Mund, freut sich, dass wir uns streiten! Sie hat dich gegen mich aufgehetzt, sie hat dir eingeredet, dass diese Gruft schön ist!«
»Du hast das Ergebnis von sechs Monaten Arbeit zerstört. Du bist ohne Einladung in unsere Wohnung eingedrungen und hast ein Pogrom veranstaltet«, Thomas trat einen Schritt auf sie zu, zwang sie, weiter in den Flur zurückzuweichen. »Du hast Materialien, Möbel, den Boden ruiniert. Du hast die Luft mit dieser Chemie vergiftet. Und du wagst es, von irgendeinem Recht zu reden? Dein einziges Recht ist jetzt, zu verschwinden und nie wieder über diese Schwelle zu treten. Schlüssel. Auf den Tisch. Sofort.«
Ingrid Wagner griff in die Schürzentasche und warf den Schlüsselbund mit Wucht auf die Kommode im Flur. Die Schlüssel schlugen klirrend auf der Oberfläche auf und hinterließen einen tiefen Kratzer. Ihr Gesicht verzerrte sich vor ohnmächtiger Wut, die Maske der »fürsorglichen Mutter« fiel endgültig und gab ihr wahres Wesen preis – herrschsüchtig, egoistisch und absolut rücksichtslos gegenüber den Gefühlen anderer.
»Behalt deine Schlüssel!«, spuckte sie aus, zog die schmutzige Schürze aus und warf sie direkt auf den Boden in den Haufen Bauschutt. »Lebt in eurem Grab, wenn es euch gefällt! Ihr werdet ersticken in dieser Finsternis, und dann werdet ihr euch an die Mutter erinnern, aber es wird zu spät sein. Kein Gramm Dankbarkeit für alles, was ich für euch getan habe. Ich bin gekommen, hab mich gebückt, hab die beste Farbe gebracht … Geht mir doch alle mit eurer Renovierung!«
Greta stand die ganze Zeit am Fenster, die Arme verschränkt. Sie hatte seit Thomas’ Eintritt kein Wort gesagt. Sie brauchte nichts zu sagen – die Handlungen ihres Mannes sprachen für sich. Sie sah, wie er methodisch die Mutter aus ihrem Raum drängte, wie er körperlich das ruinierte Zimmer abschirmte.
»Das ist noch nicht alles«, Thomas versperrte seiner Mutter den Weg zur Wohnungstür, als sie schon nach der Klinke greifen wollte. »Du gehst jetzt, aber morgen schicke ich dir eine Aufstellung. Jeder zerstörte Tapetenstreifen, jeder Zentimeter ruinierter Putz, das Laminat, das im ganzen Wohnzimmer neu verlegt werden muss, die Reinigung des Sofas und eine Grundreinigung. Du wirst jeden Cent zurückzahlen. Es ist mir egal, wo du das Geld hernimmst – vom Sparbuch oder ob du deine Gartenlaube verkaufst. Aber du wirst diese ›Überraschung‹ vollständig bezahlen.«
»Bist du von allen guten Geistern verlassen?« Ingrid Wagner verschlug es die Sprache. »Von der Mutter Geld fordern? Ich verklage dich! Ich erzähle allen, was für einen Sohn ich großgezogen habe! Du bekommst keinen Cent von mir, was fällt dir ein! Für Hilfe soll ich auch noch zahlen?«
»Du hast nicht geholfen. Du hast einen Akt des Vandalismus begangen«, Thomas öffnete die Wohnungstür und deutete auf das Treppenhaus. »Wenn das Geld nicht innerhalb eines Monats eingeht, werde ich einen Weg finden, es einzutreiben. Und ruf mich nicht an. Komm nicht wieder her. Für uns existierst du nicht mehr, bis der gesamte Schaden beglichen ist. Und jetzt – raus.«
Die Schwiegermutter versuchte noch etwas zu schreien, ihre Stimme drang bereits aus dem Treppenhaus, unterbrochen von schweren Schritten auf der Treppe. Sie rief Flüche, beschwor himmlische Strafen herauf, aber Thomas knallte einfach die Tür zu und schnitt diesen Strom des Hasses ab. In der Wohnung breitete sich eine schwere, klebrige Atmosphäre aus, durchtränkt vom Gestank billiger Emaille.
Thomas kehrte ins Wohnzimmer zurück und blieb mitten in den Trümmern stehen. Er sah Greta an, die immer noch am Fenster stand. Seine Schultern sackten herab, auf seinem Gesicht spiegelte sich die unendliche Müdigkeit eines Menschen, der gerade eine schwere Operation ohne Betäubung überstanden hatte. Er ließ den Blick über die Wände schweifen: die graphitfarbenen Tapeten in Fetzen, und dieser widerliche beige Schmier, der jetzt wie ein Schandmal auf ihrem Haus klebte.
»Ich rufe morgen eine Firma an«, sagte er leise, ohne seine Frau anzusehen. »Wir reißen alles bis auf den Beton ab. Wir schaffen diesen Gestank raus, werfen das Laminat weg. Wir machen alles neu, Greta. Noch besser als vorher.«
Greta trat zu ihm und legte ihre Hand auf seine Schulter. Ihre Finger spürten, wie er angespannt war wie eine gestraffte Saite. Sie sah zur Wand, auf der unter der Schicht hässlicher Farbe noch ihr ursprünglicher Plan zu erahnen war. Das war nicht einfach ein Zimmer. Das war ihr erstes richtiges gemeinsames Projekt gewesen, ihr Refugium, das auf die brutalste und zynischste Weise geschändet worden war.
»Sie wird das Geld nicht zurückzahlen, Thomas«, sagte Greta und sah auf die Farbflecken auf dem Boden. »Du kennst sie. Sie würde sich eher aufhängen, als ihre Schuld einzugestehen.«
»Wird sie«, Thomas hob den Kopf, und in seinen Augen blitzte wieder das kalte Feuer auf, das seine Mutter zum Verstummen gebracht hatte. »Sie hat das Grundstück mit dem Wochenendhaus, das sie so liebt. Sie wird es verkaufen, wenn es sein muss. Das war kein Scherz. Ich lasse nicht zu, dass sie ungestraft in unser Leben platzt und zerstört, was wir aufgebaut haben. Das war das letzte Mal, dass sie diese Schwelle überschritten hat. Keine Ersatzschlüssel mehr. Keine Kompromisse mehr.«
Er trat an die Wand und riss mit Kraft ein weiteres Stück der Tapete herunter, das Ingrid Wagners Überfall irgendwie überstanden hatte. Darunter kam die graue, kalte Oberfläche des Putzes zum Vorschein. Thomas zerknüllte das Papier in seiner Faust und warf es in den Bauschutt-Sack.
»Sie kommt nie wieder hier rein«, wiederholte er, und das klang wie ein endgültiges Urteil. »Selbst wenn sie vor der Tür auf den Knien liegen würde.«
Greta nickte. Sie wusste, dass dieser Skandal ihre Familie für immer verändert hatte. Zwischen ihnen und Ingrid Wagner lag jetzt nicht einfach ein Abgrund – dort lag verbrannte Erde, übergossen mit giftiger beiger Farbe. Und keine Entschuldigung, kein Versuch, die Beziehungen in Zukunft zu kitten, würde jemals die tiefen Furchen überdecken können, die die Schwiegermutter mit dem Spachtel nicht nur in die Wände, sondern auch in ihre Seelen gerissen hatte.
Sie standen mitten im verwüsteten Wohnzimmer, umgeben vom Geruch des Lösungsmittels und den Fetzen ihres Traums. Vor ihnen lagen Wochen der Renovierung, enorme Ausgaben und schwere Gespräche, aber eines war ihnen sicher: Dieses Haus gehörte von nun an nur ihnen. Und niemand, nicht einmal die »fürsorglichste« Mutter, würde es wagen, ihnen vorzuschreiben, welche Farbe ihr Leben haben sollte. Der Skandal war mit einem vollständigen, bedingungslosen Sieg des gesunden Menschenverstandes über die Tyrannei der Verwandtschaft zu Ende gegangen, aber der Preis dieses Sieges stand in beiger Emaille auf den graphitfarbenen Wänden ihrer Erinnerung geschrieben.