Der Kater saß auf der Fensterbank und starrte hinunter in den Hof, wo die Tauben sich um eine Brotkruste stritten. Und Friedrich blickte auf den Kater. Sieben Jahre hatten sie zusammengelebt, wenn man von seiner Frau Gisela und der Tochter Anneliese absah. Aber der Kater Karl war ganz sein eigener gewesen. Vom ersten Tag an, als ein dreimonatiger Fellknäuel sich in seinen Wollpullover verkrallt und in der Armbeuge geschlafen hatte.
Gisela kochte einen Eintopf, und der Duft von Lorbeerblättern zog durch die Küche. Anneliese, zwölf Jahre alt, saß am Tisch und fuhr mit dem Finger über das Handydisplay. Ein gewöhnlicher Samstagabend, wie es schon hundert gegeben hatte und noch hundert geben würde. Doch Friedrich fiel auf, dass die Tochter immer wieder erwartungsvoll zur Mutter hinüberschaute. Und die Mutter, die im Eintopf rührte, nickte ihr unauffällig zu, als hätten sie zuvor etwas abgesprochen.
„Papa“, begann Anneliese mit der Stimme, mit der man um ein neues Handy oder um eine Übernachtung bei der Freundin bat.
Friedrich legte die Zeitung zur Seite.
„Ja?“
„Also, bei Greta hat die Katze Junge bekommen. Und ein Kätzchen nimmt niemand. Es hinkt ein bisschen, die Vorderpfote ist krumm. Sie wollen es … na ja …“
Sie sprach nicht zu Ende, aber es war klar. Friedrich sah zu Gisela. Die rührte angestrengt im Topf, obwohl da nichts mehr zu rühren war.
„Nein“, sagte er. Nicht böse, nicht scharf. Einfach nur.
„Aber warum?“
„Weil wir Karl haben. Er ist sieben, er ist es gewöhnt, allein zu sein. Holt ihr ein zweites, gibt es Streit, Markierungen, noch mehr Haare. Ich bin dagegen.“
Anneliese blickte zur Mutter. Gisela stellte den Herd aus und setzte sich neben ihren Mann.
„Friedrich, das Kätzchen ist drei Monate alt. Die Pfote ist falsch verheilt. Wenn es niemand nimmt, bringt Greta es ins Tierheim, und von dort holt so keiner mehr raus.“
Friedrich verstand. Aber er nickte nicht.
„Ich bin dagegen“, wiederholte er und hob die Zeitung.
—
Eine Woche verging. Anneliese bat nicht mehr, aber beim Abendessen reichte sie ihm schweigend das Brot. Und Gisela fragte nicht mehr nach seinem Arbeitstag. Friedrich spürte es, wie man einen Zug spürt: Die Fenster sind zu, und doch zieht es.
Am Freitag kam Anneliese aus der Schule mit roten Augen. Sie warf den Rucksack an die Tür und ging in ihr Zimmer. Gisela folgte ihr, kam nach zehn Minuten wieder heraus.
„Was?“, fragte Friedrich.
„Greta hat gesagt, das Kätzchen wird morgen früh weggebracht. Es hat sich ein Tierheim am Stadtrand gefunden, aber Anneliese hat Fotos von dort gesehen. Kleine Käfige, bestimmt zweihundert Katzen, Gestank …“
Gisela drängte nicht. Sie erzählte es nur und ging dann abspülen.
Friedrich blieb allein im Flur. Aus Annelieses Zimmer drang kein Laut – das war schlimmer als Weinen.
Am Morgen stand Friedrich früher auf als alle anderen. So früh stand er sonst nur zum Angeln auf, und die Saison hatte noch nicht begonnen. In der Küche brannte die Lampe über dem Herd, draußen graute der Tag. Er zog die Jacke an, nahm die Autoschlüssel und ging.
Gretas Adresse hatte er am Abend zuvor aus Annelieses Handy geholt, während die Tochter schlief. Auf einen Zettel gekritzelt, steckte er ihn in die Jackentasche.
Vor Gretas Haus parkte er und wählte ihre Nummer.
„Hallo?“, eine verschlafene, unwirsche Stimme.
„Hier ist Friedrich, der Vater von Anneliese. Ist das Kätzchen noch da?“
Pause.
„Ja … Ja, noch. Um elf kommen sie aus dem Tierheim.“
„Nicht nötig. Ich hole es ab. Ich komme jetzt hoch.“
Er legte auf und saß noch eine Minute im Auto.
Greta öffnete im Morgenmantel, wortlos reichte sie ihm einen Schuhkarton. Darin auf einem alten Handtuch saß das Kätzchen. Grau, gestreift, mager. Die Vorderpfote stand leicht ab, als wäre sie in Eile zusammengesetzt worden. Gelbe, verängstigte Augen.
„Es ist ruhig“, sagte Greta. „Es miaut fast nie. Frisst alles. Ist stubenrein.“ Friedrich nickte, nahm den Karton und trug ihn zum Auto.
Er kam nach Hause, während alle noch schliefen. Er stellte den Karton im Flur auf den Boden, zog die Jacke aus. Das Kätzchen gab keinen Laut von sich. Friedrich spähte hinein: Das Tier hatte sich in eine Ecke gedrückt und sah zu ihm hoch, ohne zu blinzeln.
„Na, und was mach ich nun mit dir?“, murmelte Friedrich.
Das Kätzchen hob die krumme Pfote, als wollte es nach seinem Finger greifen, reichte aber nicht hin. Friedrich seufzte. Er ging in die Küche, goss Milch in eine Untertasse. Dann fiel ihm ein, dass Milch für Kleine nicht gut ist, goss sie weg, holte gekochtes Huhn aus dem Kühlschrank und schnitt es fein.
Als er mit der Untertasse zurückkam, saß Karl bereits neben dem Karton und schaute hinein. Der Schwanz zuckte nicht, der Rücken krümmte sich nicht.
Das Kätzchen kletterte aus dem Karton, humpelte zur Untertasse und begann zu fressen. Karl schnaubte und zog sich auf seinen Sessel zurück. Kein Kampf, kein Fauchen.
Anneliese fand das Kätzchen als Erste. Friedrich hörte aus dem Schlafzimmer einen erstickten Aufschrei, dann schnelle Schritte, und die Tochter stürmte mit dem Kätzchen auf dem Arm herein.
„Mama! Mama, wo kommt das her?!“
Gisela setzte sich im Bett auf, blinzelte verschlafen. Sie sah das Kätzchen an, dann Friedrich. Der lag da, die Hände hinter dem Kopf, und studierte eingehend die Decke.
„Papa?“, Anneliese drehte sich zu ihm. Die Stimme zitterte. „Warst du das?“
„Wenn ihr schreit, bringe ich es zurück“, brummte Friedrich, ohne den Blick von der Decke zu nehmen.
Anneliese setzte sich auf die Bettkante und fing an zu weinen. Nicht so, wie man in der Schule aus Ärger weint, sondern anders, wenn man es nicht erklären kann. Das Kätzchen in ihren Armen erstarrte, kuschelte sich an ihren Pullover.
Gisela sagte nichts. Sie legte ihre Hand auf Friedrichs Arm und drückte zu. Kurz, knapp. Dann stand sie auf und ging in die Küche, um Wasser aufzusetzen.
Das Kätzchen bekam den Namen Kuno. Anneliese wollte Graf, aber Friedrich sagte: „Was für ein Graf, er kommt aus einem Schuhkarton, er heißt Kuno.“ Und Kuno gewöhnte sich ein, als hätte er schon immer hier gelebt. Karl mied ihn die erste Woche, in der zweiten begann er ihn zu dulden, und nach einem Monat schliefen sie auf demselben Sessel. Karl, rot und wichtig, und Kuno, grau mit der schiefen Pfote, die Schnauze an Karls Seite gedrückt.
Friedrich sah sie abends an und schwieg. Gisela fragte einmal:
„Du warst doch dagegen. Was hat sich geändert?“
Er schwieg, kraulte Kuno hinterm Ohr. Der schnurrte und schloss die Augen.
„Anneliese hat geweint. Und ich hab’s durch die Wand gehört. Und dachte: Ich reparier doch immer alles, und hier gab’s nichts zu reparieren – einfach hinfahren und holen. Einfacher geht’s nicht. Und ich hab mich gesträubt – wegen was? Wegen Haaren?“
Gisela lächelte und sagte nichts.
Ein halbes Jahr später war Kuno ausgewachsen, die Pfote blieb krumm, aber er raste wie besessen durch die Wohnung, warf Pantoffeln um und sprang auf den Schrank. Karl folgte ihm nur mit den Blicken.
Und Friedrich ertappte sich manchmal dabei: abends auf dem Sofa, auf seinen Knien lag Karl, auf seiner Schulter schlief Kuno, im Fernsehen lief Fußball, und er hörte das Ergebnis nicht, weil er sich nicht zu rühren wagte.
Und das war, so fand er, besser als jedes Ergebnis.