Hallo… Wolfgang? – Das bin nicht Wolfgang. Das ist Helena… – Helena? Und wer sind Sie?… – Sehr geehrte(r), wer sind Sie? Ich bin die Freundin von Wolfgang. Brauchen Sie etwas?… Der Mann ist nicht da, er bleibt länger bei der Arbeit… Mir wurde schwindelig, ich bemerkte rote Tropfen auf dem Boden. Der Bauch zog stark, ich schrie vor Schmerz… Ich spürte, dass das Baby gleich geboren wird.

Mein Mann Thomas fährt seit fünf Jahren immer wieder ins Ausland, um zu verdienen. Mal pendelt er mit dem LKW nach München, mal repariert er in Krakau. Das Geld war der Grund für die Reisen. Wir haben zwei Söhne und wollten ihnen die bestmögliche Zukunft sichern. Und wir wussten genau, dass wir in Deutschland allein kaum vorankommen würden.

In der Ferne hat es Thomas gut ergehen können. Jeden Monat schickte er uns Pakete mit Konserven, Nudeln, Öl und ein paar süßen Leckereien. Außerdem überweist er mir Geld auf die Bank, damit es Zinsen abwerfen kann. So haben wir genug Euro zusammengekratzt, um dem ältesten Sohn eine kleine Wohnung zu finanzieren.

Alles schien rund zu laufen bis ich vor ein paar Monaten merkte, dass etwas nicht stimmte. Ich dachte zuerst an die Wechseljahre, doch das passte nicht. Ich hatte zugenommen, wollte ständig schlafen, aß viel und meine Laune schwankte wie ein Karussell. Das Internet erklärte mir, ich sei schwanger. Schwanger mit 45? Ich war skeptisch und machte einen Test. Auf dem Streifen standen zwei klare rote Linien.

Den Söhnen und Schwiegerkindern wollte ich nichts von dem Kind erzählen wozu? Sollten sie mich auslachen? Ihre Mutter verliert im Alter den Verstand? dachte ich. Also behielt ich das Geheimnis für mich. Der Winter stand vor der Tür, ich zog dicke Mäntel an, und unter dem Parka war mein Bauch gut versteckt.

Ich wollte das Baby aber nicht bekommen. Wer würde das verstehen? Mit 45 bin ich keine junge Frau mehr. Ich habe Söhne und Enkel, denen ich Zeit schenken will, nicht ständig Windeln wechseln. Und Geld für ein drittes Kind fehlt völlig. Thomas müsste wieder ins Ausland gehen, und ich könnte das nicht allein stemmen.

Die Ärztinnen sagten, die Schwangerschaft sei bereits zu spät und ein Eingriff zu riskant. Ich redete mir ein, dass alles gut werden würde. Vielleicht würde Thomas ja plötzlich froh sein, noch ein Kind zu bekommen? Ich rief ihn über Skype an, um die Neuigkeit zu teilen ohne Kamera, nur mit Mikrofon.

Hallo, Thomas

Das ist nicht Thomas, hier ist Helga.

Helga? Wer sind Sie?

Guten Tag, wer reden Sie da? Ich bin Thomas Frau. Was wollen Sie? Ihr Mann ist noch auf der Arbeit.

Ich legte sofort auf und fing bitterlich an zu weinen. So etwas passiert im Leben: Der Mann kann überall und mit wem auch immer fremdgehen. Ich wollte sofort die Scheidung einreichen, Thomas Sachen rausschmeißen und ihn nie wieder sehen.

Doch ein Funken Hoffnung blieb: Vielleicht kehrt Thomas zurück, wenn er vom Kind erfährt. Ich wusste, dass er im Februar wegen der Geburtstage der Söhne frei bekommen würde. In einem Traum sah ich uns zu dritt im Park spazieren, Thomas hielt unsere kleine Tochter an einer Hand, ich die andere.

Am 14. Februar, dem Valentinstag, kam Thomas nach Hause. Ich bereitete ein romantisches Abendessen vor, stellte Kerzen auf, ließ leise Musik laufen alles, um eine ruhige Atmosphäre zu schaffen.

Thomas, ich habe eine Überraschung für dich. Ich bin schwanger. Sie sagen, es wird ein Mädchen.

Du Schlingel! schrie er. Er wurde rot vor Wut, warf Teller zu Boden und hämmerte mit den Fäusten auf den Tisch.

Wenn ich hier schuften muss wie ein Pferd, springst du dann bei fremden Männern? Und jetzt willst du mir den Hals umdrehen?

Thomas, ich erkläre alles

Hau ab, ich will dich nicht mehr sehen! schob er mich so stark, dass ich mit dem Bauch gegen die scharfe Tischkante prallte und fiel.

Thomas verließ das Haus, nahm seine Tasche und knallte die Tür zu. Ich sah rote Tröpfchen auf dem Boden, mein Bauch zog schmerzhaft, ich krümmte mich vor Schmerzen. Ich schaffte es gerade noch, das Handy zu zücken und den Rettungsdienst zu rufen das Baby wollte gleich das Licht der Welt sehen.

Als die Ärztinnen eintrafen, hielt ich bereits unser kleines Mädchen im Arm. Das Kind schlief ruhig, weinte nicht, schnarchte tief.

Na, Mama, willst du mit uns fahren?

Nein. Nehmt das Kind, ich will es nicht.

Wie bitte?

Genau so. Nehmt es! Dieses Kind hat meine Familie zerstört! Vielleicht liebt es jemand anders, aber ich nicht. Weg damit, ich will es nicht mehr sehen!

Ohne Gewissensbisse übergab ich das Baby den Ärztinnen. Die Geburt verlief ohne Komplikationen, im Haus gab es keinerlei Risse. Nachdem der Krankenwagen wegfuhr, räumte ich auf, ging duschen und legte mich schlafen.

Keiner unserer Kinder weiß, dass ich die Kleine weggegeben habe. Jeden Tag gehe ich zur Kirche und bete, dass meine Tochter gesund aufwächst und ihre wahre Familie findet. Ich weiß, ich schaffe das nicht allein. Ich will nicht wieder die Last der Mutterschaft tragen. Ich wünsche mir nur eines: dass Thomas nach Hause kommt. Doch er ist wieder nach Österreich gefahren und spricht nur noch mit den Söhnen.

Man kann sagen, ich sei eine verrückte Frau, aber ich wähle meinen Mann, nicht ein Kind. Gott wird richten.

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