Gute Absichten
Thea! Endlich bist du da! Ich bin schon völlig fertig! Margarete öffnet die Tür und umarmt ihre Schwester. Mir schwirrt der Kopf, ich weiß überhaupt nicht mehr weiter!
Jetzt beruhig dich erstmal Thea, stämmig und souverän wie ein Fels, betritt die Diele. Ist sie daheim?
Nein! Hat heute Morgen die Kinder eingepackt und ist weg! Margarete macht eine hilflose Geste. Sie will nichts hören. Sie ist wieder verliebt!
Was soll ich da noch sagen, Margot? Du hast sie einfach laufen lassen, und jetzt bist du überrascht? Erstmal atmen und alles ruhig erzählen. Dann schauen wir weiter.
Thea geht ohne Umwege in die Küche, setzt sich an den Tisch und beobachtet kritisch, wie ihre Schwester Tee zubereitet.
Spül doch endlich mal vorher den Wasserkocher aus! Wie oft sag ich das noch?
Margarete zuckt zusammen, greift zum Wasserkocher, dreht sich schusselig und verbrennt sich prompt die Finger am Ohrläppchen.
Oje, du bleibst dir auch treu gib her, ich mach das. Setz dich hin, bevor du dich noch schlimmer verletzt.
Thea schnapp sich den Wasserkocher, dirigiert Margot an den Tisch und macht sich ans Werk.
So! Und jetzt erzähl alles! Fang von vorne an. Wer ist er, wo kommt er her und was denkt sich Lena bei der Sache?
Margarete umklammert ihre Teetasse. Was soll sie Thea nur sagen? Grundsätzlich ist der Mann, den ihre jüngste Tochter mit nach Hause gebracht hat, durchaus anständig. Kein Trinker, nichts Auffälliges, hat sogar einen eigenen kleinen Betrieb. Eine Autowerkstatt ist vielleicht nicht der Traum aller Schwiegermütter, aber immerhin ehrliche Arbeit. Er kann auch zupacken, der ständig tropfende Wasserhahn läuft jedenfalls, seit er da ist. Trotzdem: Irgendetwas in ihr sträubt sich. Lena war immer das Sorgenkind das hat Thea ihr jahrelang eingeredet. Und dann diese merkwürdige Kennenlerngeschichte! Ein Automechaniker, der einer Wildfremden mitten im Berliner Winter gratis das Auto repariert, nur weil sie mit zwei Kindern festsitzt? Und dann kommt er jedes Wochenende vorbei, schaut nach dem Rechten seit einem halben Jahr schon. Lena hat ihren Kopf komplett verloren! Nur von der Familie redet sie seitdem überhaupt nicht mehr. Sie will jetzt unbedingt heiraten! Einmal wär sie ja beinahe schon reingelaufen, und nun wieder…
All das schüttet Margarete ihrer Schwester aus und wartet auf Urteil. Thea war ihr immer näher als sie sich selbst. Seit Kindestagen war Margarete der Schatten der großen Schwester, die sie praktisch großgezogen hat. Der Vater ist früh gestorben, und die Mutter Katharina hat irgendwie versucht, beide durchzubringen: Morgens um fünf raus, abends um acht heim. Das meiste hat Thea übernommen.
Thea, du bist jetzt die Große du musst helfen!
Acht Jahre trennen die beiden. Als die Mutter mit Margarete schwanger war, lachte sie ungläubig und weinte dann. Die Zeiten waren hart, ein zweites Kind war eigentlich nicht geplant, aber ihr Mann und Thea sagten beide: Wir schaffen das!
Katharina glaubt ihnen, und Margarete kommt schwach, ständig krank, zur Welt. Thea ist immer dabei, bringt sie in den Kindergarten, später in die Schule, kennt die Hausaufgaben für die Erste schon auswendig. Sie macht Margarete alles vor, weil diese immer wieder krank wird und der Unterricht ausfällt. Die Ärzte winken ab: Zeit und guter Umgang, dann wird das.
Die ältere Schwester übernimmt. Vitamine nach Zeitplan, Mittagsschlaf muss sein, Milch trinken jeden Tag das Drama.
Ich hasse Milch, da ist so eine Haut drauf!
Nicht so zickig! Ist gut für dich!
Margarete heult, trinkt aber brav. Die Fürsorge hilft ab der zweiten Klasse ist sie fast wie alle anderen. Sie lernt leicht, mit Abschluss ruft die Mutter Thea, die frisch verheiratet und schwanger ist, zu sich.
Was machen wir jetzt?
Sie muss weitermachen! Was für ein Kopf, Mama! Das wäre schade drum.
Ich schaff das aber nicht allein!
Wir sind doch da!
Das Stipendium reicht kaum, Luxus kennt Margarete nicht. Thea kommt monatlich mit vollen Taschen zu Besuch und mustert streng das Wohnheimzimmer.
Hier siehts schon wieder aus… Du wohnst doch nicht im Schweinestall?
Margarete greift trotzdem zur Putzlappen, obwohl sie aus Angst vorm Kontrollblick vorher aufgeräumt hat.
Als Margarete im zweiten Studienjahr die Mutter fast schon schüchtern von ihrem ersten Freund erzählt, erfahren sie kurz danach, dass die Mutter schwer krank ist.
Thea! Was sollen wir tun?
Du? Gar nichts. Lern! Sag ihr kein Wort, dass du es weißt. Ich regel das.
Margarete verbringt noch eine letzte, qualvolle Woche mit ihrer Mutter; abends geht sie in die Küche, beißt auf den Holzlöffel, den ihr Vater einst aus dem Schwarzwald mitgebracht hatte, stumm schreiend, weil ihr die Tränen ausbleiben.
Thea bleibt gefasst, erledigt stoisch was zu tun ist, jagt Margarete raus.
Was solls, dass du so hysterisch bist? Lass sie friedlich gehen, wenn wir schon nichts helfen können.
Ein Schock, als Katharina an einem ruhigen Morgen Margaretes Hand in der ihren hält, nicht mehr atmet. Endlich weint sie nach so viel unterdrückten Gefühlen.
Sie verkaufen die alte elterliche Wohnung. Margarete bekommt eine kleine Einzimmerwohnung ganz in der Nähe von Thea.
Gut, dass wir so nah beieinander sind so kann ich nach dir schauen! Thea begutachtet kritisch die neuen vier Wände. Ruf niemanden an, ich bringe alles auf Vordermann. Die Kolleginnen helfen.
Thea ist längst Chefin einer begehrten Frauenhandwerkertruppe. Akkurat und gewissenhaft werden sie von Auftrag zu Auftrag empfohlen, irgendwann eröffnet sie ihre eigene Baufirma.
Keine Zeit, nichts klappt von allein! Vielleicht hilft Alexyev doch mal, aber meistens bleibts an mir hängen. Irgendwann wird es besser Dann kann ich endlich durchstarten!
Doch die Wirtschaftskrisen kommen Schlag auf Schlag. Wachstum klappt kaum noch.
Man kann seinen Kopf und seine Hände nicht aufteilen Die Leute arbeiten mal so, mal so, und ich muss dafür gerade stehen. Immer wieder die Frage: Wie läuft es bei dir?
Margarete berichtet, versucht aber seit ihrer Heirat, Thea nicht zu sehr mit Details zu belasten, denn die Heirat mit Max hat ihre Schwester zuerst gar nicht gepasst. Doch Max ist zäh, wirbt drei Jahre bis zur Geburt der ersten Tochter um Theas Gunst. Irgendwann gibt sie nach: Kein schlechter Kerl, dein Max.
Nur, sein Umgang mit den Töchtern ist für Thea zu viel Familienmensch.
So wird das nix! Kinder werden so verwöhnt.
Margarete schweigt und denkt, vielleicht ist Thea insgeheim auch eifersüchtig. Ihr Alexyev, den sie selten sehen, hat immer Ausreden.
Als Theas Sohn auf Abwegen gerät, schickt sie ihn wie vom Stammkunden geraten zur Bundeswehr.
Die werden ihn schon auf Linie bringen!
Der Sohn blüht auf, lacht später:
Ich hab die Generalin Mama und jetzt geh ich denselben Weg!
Mit dem Sohn ist wieder Frieden, aber nun fängt ihre Tochter an aufzubegehren.
Mama, ich kriege ein Kind!
Thea sinkt auf die Couch.
Wie kann das sein? Du bist doch gerade mal achtzehn!
Volljährig und mach mal keinen Stress, ja?
Was bleibt? Dann muss es eben eine Hochzeit geben.
Er will gar nicht heiraten.
Dann sorge ich dafür! Mein Enkel wächst nicht ohne Vater auf!
Einen Monat später, nach recht kurzer Hochzeit, zieht die Tochter mit ihrem Mann in eine der geteilten Wohnungen ein.
Lebt euch ein und ich will meine Ruhe!
Was es auch war, Strenge oder Unterstützung, die beiden finden zusammen und Thea atmet durch. Kinder versorgt, der Weg ist frei denkt sie, bis die Nichten Schwierigkeiten machen.
Margaretes Töchter, zwei gesunde, kräftige Mädchen so gar nicht wie sie selbst als Kind.
So fit und klug, fast zu gut, um wahr zu sein.
Sie gehen gemeinsam in eine Klasse, nur ein Jahr auseinander. Lena tut sich leicht, zieht ihre Schwester mit. Max ist stolz wie Bolle.
Die besten Mädchen der Welt!
Doch dann, Lena in der sechsten Klasse, stirbt Max nach einem Unfall. Eine Woche hoffen und bangen im Krankenhaus, alle Mühen vergeblich.
Margarete bricht zusammen, wird mürrisch und blass, schreit nachts. Die Mädchen werden bei ihr im Bett zur Sicherheit, bringen ihr Trost.
Wieder hilft Thea. Sie redet ihrer Schwester ins Gewissen.
Willst du, dass die Mädchen dich auch noch verlieren? Reiß dich zusammen!
Nach einer Weile kehrt eine gewisse Normalität ein, ein schwacher Trost, doch sie leben weiter.
Am Ende der zehnten Klasse verlieben sich beide Töchter, doch Lena lässt sich nicht beirren.
Ich liebe ihn!
Was hast du davon? Denk doch nach, er ist noch ein halbes Kind!
Die Diskussionen prallen ab. Lena bleibt stur und konfrontiert ihren Freund:
Dann heirate mich!
Muss ich das jetzt direkt den Eltern sagen?
Ja, sobald du das geregelt hast, sehen wir weiter.
Margarete sieht in ihrer Tochter Thea wieder.
Ein Jahr später heiraten sie. Margarete weint bei der ganzen Hochzeit, Thea zuckt nur mit den Schultern. Warum so jung?
Doch Lena bleibt besonnen, bringt erst nach zwei Jahren ihr erstes Kind, bleibt im Studium, inzwischen unterstützt von Mutter und Schwester. Serge ist fleißig, studiert und jobbt im Familienbetrieb. Mit der Zeit läuft alles wie am Schnürchen, das Familieneinkommen wächst, besonders als Lena als Buchhalterin im Betrieb des Schwiegervaters fest einsteigt.
Vieles läuft reibungslos, doch Thea bleibt skeptisch.
Zu glatt. Mit ihrem Dickkopf kracht sie irgendwann gegen die Wand!
Margarete verschweigt inzwischen Details, weil sie weiß, dass Theas Kritik überwiegt. Sie schiebt das auf die eigenen Sorgen der Schwester. Fragen ist sowieso vergebens:
Läuft alles. Beschäftige dich mal mit deinen!
Aber das Unglück kommt woandersher. Sergio, Lenas Mann, beginnt eine Affäre. Lena merkt es an seinem Verhalten, organisiert romantische Abende, aber nichts hilft. Eines Tages im Frühling setzt sich eine hochschwangere Frau zu ihr auf die Bank beim Spielplatz.
Du bist Lena, oder? Ich bin Lisa. Die neue Frau von Serge.
Lena erstarrt. Lisa ist stolz auf ihren Bauch.
Auch ein Sohn von ihm, natürlich.
Was bringen mir diese Infos?
Willst du dich scheiden lassen? Mein Kind braucht einen Vater!
Die anderen beiden brauchen den aber auch, findest du nicht?
Lisa faucht, Lena hält sich zurück keine Tränen vor den Kindern.
Serge leugnet nicht, sieht alles als sein Recht:
Ich bin doch auch nur ein Mann!
Die Scheidung ist schmerzlich, Serge kämpft um jeden Euro und behandelt die Trennung wie einen Wettbewerb. Der Schwiegervater bittet Lena höflich zu kündigen.
Ruf mich, wenn du die Enkel bringen willst.
Margarete übernimmt oft die Kinder, während Lena einen neuen Job sucht. Thea kritisiert schonungslos:
Abends nie daheim und die Jungs tanzen dir auf der Nase!
Margarete verteidigt ihre Tochter:
Sie schafft das schon! Und du brauchst keinen neuen Mann.
Doch dann erscheint Leonhard. Margaretes Sorgen werden größer.
Was machen wir?
Du musst mit ihr reden und den Typen prüfen! Vielleicht will er einfach nur profitieren!
Sie hört ja nicht zu.
Dann bin ich dran. Sag ihr, mir gehts schlecht!
Lena rast zu ihrer Mutter. Leonhard bleibt bei den Kindern, beruhigt sie. In Margaretes Wohnung sitzen sich Mutter, Tochter und die resolute Thea gegenüber.
Überlegst du wenigstens, was das für Auswirkungen hat? Immer neue Männer im Haus! Muss ich dir etwa die Kinder wegnehmen?
In Lena reißt etwas. Sie steht auf, richtet ihre Bluse und spricht klar:
Tanten-Thea, warum kümmern Sie sich nicht um Ihre Kinder? Sie haben genug eigene Probleme.
Pass gefälligst auf deinen Ton auf!
Ich bestimme jetzt selbst! Ich bin doch kein Sündenbock, ewig das schwarze Schaf!
Margarete und Thea schauen sich stumm an.
Vielleicht sollte ich die Kinder wirklich prüfen lassen? Thea grübelt.
Schluss jetzt! Margarete blass, schlägt sich die Hand aufs Herz und sinkt zu Boden. Lena zückt das Handy. Thea stoppt, bemerkt auf einmal das kleine, hilflose Mädchen, das früher nie Milch trinken wollte.
Ruf den Krankenwagen! Schnell!
Im Krankenhaus versammelt sich die Familie. Thea weiß nicht, was sie sagen soll. Lena schaut sie an und nickt:
Entschuldigung angenommen.
Margarete erholt sich. Sie und Thea versöhnen sich im Krankenhaus, und Margarete lässt sich künftig nicht mehr in Sachen Töchter hineinreden. Thea bleibt stur, zieht aber Schlüsse daraus. Und als Lena und Leonhard schließlich heiraten, ist sie die erste, die Küsschen! ruft und Lena nachdrücklich umarmt.
Das Leben ordnet alles. Lena kümmert sich liebevoll um ihre Tante, fährt Thea mit Leonhard zu den Ärzten, hält ihre Hand, als sie nach zwei Operationen bettlägerig wird. Am Ende, bei der letzten Begegnung, sagt Thea nur:
Der Mann ist ein Hauptgewinn, Lena. Pass auf ihn auf!
Mach ich! lächelt Lena.
Und als Thea endgültig geht, hält Lena ihre Hand und hört als letztes Wort:
Danke!