Auf der Straße ist heute laut, wie es im Frühling immer ist, wenn die Stadt endlich die warmen Sonnenstrahlen nach dem langen Winter spürt. Der graue Schneegeräusch ist weggespült, die Regenwasserpfützen fließen jetzt als silberne Bänder die Gassen hinunter, bis sie in den kleinen Kanal an der Kirche münden. Auch dort herrscht reges Treiben. Eine Gruppe von Menschen steigt aus einem Stadtbus aus Frauen in leichten Sommerkleidern und hellen Kopftüchern in Blau, Grün und Weiß, die fast bis zum Gesicht reichen. Männer in dunklen Anzügen, Krawatten und glänzenden Schuhen stehen daneben.
Aus einem kleineren Kleinwagen steigt eine Frau, konzentriert und vorsichtig.
Liesel! Du kannst nicht allein bleiben, Liesel!, ruft ihr Mann Klaus, der das Auto umläuft und zu ihr eilt. Ruf nicht so laut, Peter schläft. Bitte beschwinde dich, Klaus, flüstert Liesel verwirrt. Sie hat noch nie ein Baby getauft, ist erst kürzlich Mutter geworden und fürchtet, dass ihr kleiner Peter schreit wie letzte Woche, als er im Bad gebadet wurde. Dann musste Klaus den Kinderarzt rufen.
Dr. Marlene Vogel, eine ruhige, fast schon etwas mürrische Kinderärztin, kommt in den Flur, zieht die Tür auf und geht zum Kinderzimmer, wo Liesel ihr Kind wiegen hält. Sie räuspert sich.
Legen Sie das Kind hin!, befiehlt sie.
Was?, stammelt Liesel benommen. Ich höre nichts!
Legen Sie das Kind hin, Sie schütteln es wie eine Rassel!, erwidert Dr. Vogel scharf, beinahe bis ins Ohr.
Liesel zieht die Augenbrauen hoch und starrt entsetzt ihren Mann an. Klaus lächelt nur. Liesel ist noch ein junges Mädchen, hat aber bereits einen Sohn zur Welt gebracht, ohne zu wissen, wie es weitergehen soll.
Leg es endlich hin!, sagt die Ärztin. Er ist stark, schaut wie Papa aus!
Klaus richtet die Brust heraus, fühlt Stolz. Seine Schwiegermutter hatte einst gesagt: Liesels Nachkomme, ein echter Romantiker!
Auch Klaus bemerkt die Ähnlichkeit mit seiner eigenen Familie: Der kleine Peter hat wirklich meine Nase!
Dr. Vogel fährt fort: Der Kopf ist breit, die Denkfächer gefüllt! Warum stehen Sie am Fenster, decken Sie das Kind ab, sonst wird es kalt!
Klaus schließt rasch das Fenster. Liesel weint fast: Er war nie so unruhig, und jetzt
Was soll ein Mann dir geben? Du hättest ein Mädchen bekommen, das wäre anders!, schmunzelt Klaus und streichelt das Kind. Er lacht: Der kleine Peter ist ein echter Kämpfer!
Dr. Vogel nickt: Koliken, das ist es. Ich verschreibe etwas, aber schütteln Sie das Baby nicht, das ist heilbar. Der Junge ist kräftig, aber geben Sie ihm doch bitte einen Schnuller!
Wir sind strikt gegen Schnuller!, protestiert Klaus energisch. Das ist völlig überflüssig.
Gegen?, fragt Dr. Vogel leicht überrascht. Liesel, geben Sie das Kind dem Vater, gehen Sie in die Küche, wickeln Sie ihn besser ein.
Liesel schüttelt den Kopf, gibt Peter schließlich Klaus.
Gut, jetzt gehen wir etwas trinken, bitte, lacht Dr. Vogel und nimmt Liesel am Unterarm. Sie gehen zur Küche, wo es kühl ist und nach Kaffee riecht.
Wir haben Wasser, Zucker, wir machen Tee, etwas zu essen, sagt Dr. Vogel und schaut sich um.
Liesel stellt zwei Tassen auf den Tisch. Was ist das für ein?, fragt die Ärztin. Liesel zuckt mit den Schultern. Man sagt ja nicht alles, was man nicht versteht, ist menschlich, meint sie. Ein Kinderarzt kann wirklich alles heilen, keine Angst.
Dr. Vogel nickt, erinnert sich, wie schwer es war, selbst Mutter zu werden, trotz ihres Studiums. Bücher helfen, das Internet auch. Alle Probleme sind ähnlich, und Sie sind eine verantwortungsbewusste Mutter das Thermometer schwimmt im Bad, der Kittel ist sauber, das Baby ist gepflegt. Trinken Sie Tee, solange Sie können!
Sie reicht Liesel eine Tasse heißen Tee. Nur weil Sie laut waren, klingt das Baby jetzt so schwer, das kann passieren. Wenn nötig, kann ich es auch anfeuern, sagt sie mit einem Lächeln. Liesel wird plötzlich schluchzerisch.
Ich bin müde. Ich will schlafen. Peter isst viel, er mag keine nassen Windeln, und mir fehlt die Kraft, stammelt sie. Ich habe das Semester, das ich abschließen muss, drei Prüfungen, und ich sehe keinen Ausweg.
Dr. Vogel seufzt nachdenklich. Wo sind Ihre Helfer? Familie?
Meine Schwiegereltern wohnen weit weg, kommen nicht. Meine Eltern waren gegen unsere Hochzeit, gegen Peter dann haben sie sich doch gefreut, aber sie wollen nicht helfen. Ich bin mir meiner Schuld bewusst, gesteht Liesel.
Sie nimmt einen Schluck Tee, schließt die Augen. Schuldig? Weil ich Mutter bin? Weil ein kleiner Junge vom Himmel gefallen ist? Ja, schuldig, weil ich glücklich bin ein bisschen zu glücklich, fünf Kilo mehr vielleicht. Sie lächelt schwach. Peter wiegt vier Kilo, sechshundert Gramm.
Dr. Vogel klopft ihr ermutigend auf die Schulter. Jetzt iss etwas, lass die Männer still sein. Vielleicht brauchst du keinen Schnuller Schlafen und essen, dann wird er besser schlafen. Ich schreibe dir ein Rezept, mach ein bisschen Massage, und keine Panik, alles wird gut!
Liesel verschlingt hastig einen Hackbraten, trinkt Tee mit Apfelmus, den Klaus selbst gekauft hat, und legt sich sofort auf das Sofa in der Küche. Sie versucht, eine Decke zu greifen, aber die Kraft fehlt. Sie schläft ein, als wäre es gestern gewesen.
Jetzt steht Liesel in einem cremefarbenen Kleid und niedrigen Pumps, hält Peter im Arm vor dem Haus neben der kleinen Kirche. Heute wird Peter getauft, und Liesel zittert vor Angst.
Liesel, los! Gib ihn her, mein lieber kleiner Held!, flüstert Klaus liebevoll und geht zu den Gästen.
Bald betreten sie die kleine Kapelle, die Taufe findet statt, Peter schluchzt ein paar Mal, wackelt, dann öffnen sich seine blauäugigen Blicke, er sieht die gemalten Heiligen an der Decke, staunt, die Gäste lächeln. Die Patin, Liesels Freundin, nickt.
Peter ein starker Kerl!, flüstert sie ihr zu. Gut gemacht, ihr beide!
Dr. Marlene Vogel betritt nachträglich den Kirchhof, kreuzt sich. Sie steht neben einem Mann im kapuzenbewehrten Mantel, der skeptisch die goldene Krone am Kreuz betrachtet. Sie weist ihn höflich darauf hin, die Mütze zu nehmen. Er zieht widerwillig ab, kämmt sein dünnes Haar. Sie schüttelt enttäuscht den Kopf keine Traditionen mehr.
Junger Mann, bitte nehmen Sie die Mütze ab, das ist ein heiliger Ort, sagt sie.
Er murmelt ein dankbares Danke und schaut mit ihr die Taufe. Der Pfarrer lobt das hübsche Paar und das wohlgenährte Kind. Der Mann wirft abwertend ein: Taufe ist nur ein Ritual, das Kind wird trotzdem leiden. Dr. Vogel zuckt mit den Schultern: Sie verstehen nichts, junger Mann
Später sagt Liesel zu Klaus: Wir müssen Peter taufen, ich fühle, dass dann alles besser wird und unser Sohn gesund wird. Sie schreit fast vor Erschöpfung.
Ihr Ehemann Michael, ein Bauingenieur, glaubt an Wissenschaft und Vernunft. Er schaut zu ihr: Ich sehe keinen Sinn darin. Doch das Bild des kleinen Peter, der in der Wiege liegt, lässt ihn zögern.
Sie entscheiden sich, die Taufe zu machen. Nur die engsten Freunde sind eingeladen, die Patin ist Liesels enge Freundin, der Pate ein Freund von Michael. Michael beobachtet, wie der Pfarrer das Wasser über Peters Kopf gießt, das Kind zittert, weint, dann beruhigt er es, legt ihn an die Brust, streichelt ihn beruhigend. Er spricht leise: Gott sieht alles, ein Engel wacht über dich, mein Sohn.
Die Feier endet, alle essen, reden über Belangloses, gehen auseinander. Liesel erinnert sich daran, wie alle Mütter manchmal verzweifelt sind, doch sie finden Kraft. Jetzt, Jahre später, sitzt Liesel im Innenhof der Kirche, schaut zu den frisch verheirateten Paaren, die zur standesamtlichen Trauung gehen, und lächelt. Der Frühling hat das Wetter erwärmt, die Sonne spiegelt sich in den Bächen, alles wirkt sauber und bereit für neue Anfänge.