Kannst du mir 50 leihen? Ich habe kein Geld und das Benzin ist leer, endete die Sprachnachricht ihres Freundes.
Liselotte öffnete stumm die BankingApp, tippte auf Überweisen. Fünfhundert Euro flogen in einer Sekunde zu Leon. Noch bevor sie den ärgerlichen Gedanken zu Ende geführt hatte, piepte ihr Handy:
Danke, Sonne, du bist die Beste!
Sie legte das Telefon zur Seite und starrte an die Decke ihres Schlafzimmers. Die Beste. Natürlich. Wer überweist um elf Uhr nachts Geld, ohne Fragen zu stellen? Wer erinnert nicht an die dreiunddreißig Euro, die sie vor zwei Wochen geliehen hat?
Vor einem halben Jahr war alles anders. Sie, Leon, Maren und Klaus verdienten etwa gleich rund fünftausend Euro im Monat, ein Witz. Sie teilten sich die Pizza, splitten die Rechnung im Café zu viert, niemand zählte fremdes Geld. Dann schloss Liselotte ihr Studium ab, bekam eine Beförderung und wechselte in eine andere Abteilung.
Ihr Gehalt sprang um das Vierfache. Nicht um das Anderthalbfache, nicht um das Doppelte viermal mehr.
Zuerst bemerkte sie die Veränderung nicht. Die ersten Monate lebte sie wie bisher, sparte für den Notfall, kaufte Lebensmittel im Angebot, zählte jede Ausgabe über tausend Euro. Gewohnheit. Doch ihre Freunde bemerkten sofort. Es war, als hätte ein Leuchtreklame über ihrem Kopf gewunken: Jetzt bin ich Millionärin, kommt her!
Liselotte setzte sich aufs Bett, zog die Knie an die Brust. Sie erinnerte sich an den Abend, an dem sie nach der Beförderung das erste Mal zu Besuch war. Maren brachte eine BilligLimonade, Klaus einen Beutel Chips. Leon kam mit leeren Händen und einem breiten Grinsen.
Sie bestellte Sushi, kaufte normale Getränke, Käse, Früchte. Wie gewohnt teilte sie die Rechnung auf vier und schickte den Betrag in den Gruppenchat. Niemand überwies. Sie wartete einen Tag, dann zwei, dann eine Woche. Schließlich schrieb sie eine Erinnerung: höflich, mit einem lächelnden Smiley.
Liselotte, was hast du dir dabei gedacht? Jetzt hast du ja genug Geld, um einen Hahn zu füttern, antwortete Maren. Kein Stress, beim nächsten Mal steuern wir uns bei, fügte Klaus hinzu.
Das nächste Mal kam nicht. Oder besser gesagt, es kam, aber das Muster wiederholte sich. Liselotte deckte den Tisch, die Freunde kamen, aßen, gingen und sie zahlte alles wieder allein.
Dann beschloss sie, direkt zu fragen. Sie saßen in ihrer Küche und aßen die Pasta, die sie zwei Stunden lang gekocht hatte.
Leute, begann sie, wie wollen wir die Kosten teilen? Ich habe etwa fünftausend Euro für alles ausgegeben.
Leon hustete nach einem Schluck Wein. Maren rollte mit den Augen. Klaus tat so, als studiere er das Muster auf der Tischdecke.
Liselotte, sagte Maren mit dem Ton, den man für verwöhnte Kinder benutzt, du bist jetzt reich. Fünftausend Euro für dich sind wie fünfhundert Euro für uns.
Genau, meinte Leon. Du wirst nicht arm, und wir haben es gerade erst schwer genug.
Liselotte, sei nicht geizig, klopfte Klaus ihr auf die Schulter. Wir sind doch Freunde.
Freunde. Liselotte nickte, lächelte und ließ das Thema sterben. Sie wollte keinen Streit, nicht die geizige Person sein, die bei einem sechsstelligen Gehalt jeden Cent zählt. Doch nach diesem Abend lud sie sie seltener ein, ließ sich von Arbeit, Müdigkeit und Ausreden befreien. Manchmal log sie, nur um nicht das Gefühl zu haben, ausgenutzt zu werden.
Einkäufe mit den Freunden wurden zur Qual. Jedes Mal vergaß jemand das Portemonnaie, konnte das Geld nicht abheben, ließ die Karte zu Hause. Zweitausend Euro hier, dreitausend dort. Liselotte half, weil ein Nein unhöflich war, wenn hinter ihr eine Schlange stand.
Aber das Geld kam nie zurück. Nie.
Dann kam der Silvesterabend. Der einunddreißigste Dezember. Liselotte stand mitten im Wohnzimmer, blickte auf den gedeckten Tisch: Oliviersalat, Heringssalat, gebratene Hähnchen, Aufschnitte, ein Berg Mandarinen in einer Kristallvase. Alles schön, festlich. Alles auf ihre Kosten.
Sie hatte nicht vor, das Fest mit ihnen zu feiern. Sie wollte allein sein, einen albernen Neujahrsfilm schauen, um zwei Uhr schlafen gehen. Doch die Freunde drängten sich.
Liselotte, wie willst du Silvester allein verbringen? Wir kommen, das wird lustig!
Deine Wohnung ist groß, da hat jeder Platz!
Du lässt uns doch nicht im Stich, oder?
Sie stimmte zu, weil sie noch hoffte. Vielleicht würden sie sich ändern, etwas beisteuern, wenigstens Danke sagen.
Der Fernseher murmelte im Hintergrund. Liselotte richtete die glitzernde Kugel am künstlichen Weihnachtsbaum und schaute auf die Uhr. Elf. Bald würden sie kommen. Der Klingelton des Gegensprechanlage ertönte um Viertel zwölf. Maren kam zuerst, eingehüllt in süßen Parfüm und Glitzer.
Liselotte! Frohes neues Jahr! Ich habe ein Geschenk!
Leon und Klaus stürmten hinter ihr her.
Wow, der Tisch sieht klasse aus!, sagte Klaus, ließ sich auf das Sofa fallen und griff sofort nach dem Oliviersalat. Liselotte, du hast echt was geleistet. Ich habe heute Morgen nichts gegessen.
Liselotte holte die Gläser, schenkte Getränke ein. Sie stießen an, tranken auf das vergangene Jahr, das neue, die Freundschaft. Sie lächelte, sagte die richtigen Worte. Doch innerlich nagte etwas, das sie zurückhielt. Nicht jetzt, nicht zehn Minuten vor Mitternacht.
Als die Glocken schlugen, wünschte Liselotte sich still, dass das kommende Jahr ehrlicher wäre.
Geschenke!, kreischte Maren. Lass uns öffnen!
Liselotte reichte die Päckchen.
Hier, Liselotte!, schob Maren ihr einen Beutel hin.
Drinnen: Duschgel mit WassermelonenDuft.
Danke, sagte Liselotte, drehte das Gel in ihren Händen. Wassermelone süß.
Von mir!, reichte Klaus seinen Beutel.
Rotgepunktete Socken mit Rentieren, Preisetikett noch dran 120Euro.
Klasse, legte sie die Socken beiseite.
Und von mir!, überreichte Leon eine kleine Schachtel.
Weihnachtskugeln, drei Stück, aus Plastik, die Farbe blätterte ab.
Liselotte betrachtete ihre Geschenke: Gel, Socken, Kugeln. Gesamtwert etwa dreiEuro. Sie nickte zu sich selbst. Richtig. Alles in Ordnung.
Jetzt seid ihr dran, meine Geschenke zu öffnen, sagte sie.
Maren riss zuerst das Papier. Ein Notizbuch, Süßigkeiten und ebenfalls Rentiersocken, nur hübscher.
Klaus bekam ein RasierSet und ein Bonbon. Leon ein Thermobecher und ein Schal.
Alle drei blickten synchron überrascht, als hätten sie das einstudiert.
Äh, sagte Maren, während sie das Notizbuch betrachtete. Liselotte, das ist alles?
Was meinst du?
Nun ja, schwankte sie, das Notizbuch in die Luft schwenkend, ein Geschenk das ist das ganze Geschenk?
Liselotte lehnte sich zurück, verschränkte die Beine.
Ja. Was ist nicht in Ordnung?
Liselotte, misste Leon ein, wir dachten, du gibst na ja, großzügig aus. Du kannst es dir leisten.
Ich schenke euch, was ihr mir schenkt, sagte sie ruhig. Ungefähr im gleichen Preisrahmen. Das ist fair.
Unfair!, platzte Maren auf. Du verdienst hundertmal mehr als wir!
Viermal mehr. Und das bedeutet nicht, dass ich mehr für euch ausgeben muss, als ihr für mich.
Doch!, sprang Maren auf. Freunde teilen!
Liselotte sah von unten nach oben, auf das errötete Gesicht, den Glitzer im Haar, die zitternden Lippen.
Teilen?, wiederholte sie. Ich zahle seit einem halben Jahr alles. Jede unserer Begegnungen kostet mich fünftausend Euro. Ihr gebt mir keine Schulden zurück. Ihr kommt mit leeren Händen und verzehrt mein Essen. Und jetzt sagt ihr, ich soll was?
Du bist geizig, warf Klaus ein. Nur geizig. Geld gibt es im Überfluss, aber du benimmst dich wie eine Bettlerin.
Ich verhalte mich wie jemand, der es leid ist, ausgenutzt zu werden, stand Liselotte auf. Dieses Jahr habt ihr mir viel Geld geliehen. Kein einziges Cent zurück. Der heutige Tisch hat mich fünfzehntausend Euro gekostet. Haben wir etwas beisteuern? Nein. Haben wir wenigstens einen Vorschlag? Nein. Ihr seid hier, sitzt, esst.
Weil du reich bist!, schrie Maren. Für dich sind das nur Kleinigkeiten!
Egal, ob Kleinigkeiten oder Millionen. Wichtig ist, dass es meine Gelder sind. Ich habe sie hart erarbeitet. Und ich muss sie nicht für Leute ausgeben, die mich nur als Geldbörse sehen.
Stille. Klaus ließ laut ein Pfeifchen hören. Leon drehte sich zum Fenster. Maren stand da, rote Wangen, das Notizbuch noch in der Hand.
Du hast dich geändert, sagte sie leise. Früher warst du normal.
Maren warf das Notizbuch auf das Sofa.
Kommt, Leute, nichts mehr hier zu tun.
Sie verließen das Zimmer, zogen Jacken an, schlüpften in die Schuhe, ohne sie anzusehen. Leon drehte sich schließlich an der Tür noch einmal um.
Schade, Liselotte. Wir waren so lange befreundet.
Freundschaft, stimmte sie zu. Aber dann meint ihr, ich müsste euch finanzieren.
Die Tür schlug zu. Schritte verklingten die Treppe hinunter. Liselotte blieb allein in der Wohnung, wo Oliviersalat und verbrannte Feuerwerkskörper nachließen.
Sie ging zurück zum Tisch, füllte ein Glas, aß einen Löffel Salat lecker, selbstgemachter Mayo. Nominierte eine Mandarine, dann noch eine. Der Fernseher zeigte Das Leben der Anderen. Liselotte lächelte, griff nach ihrem Handy. Zuerst blockierte sie Maren, dann Leon, dann Klaus. Sie löschte sie aus allen sozialen Netzwerken, räumte die Chats auf.
Diese Freundschaft bestand der Geldprobe nicht. Sie hatte gedacht, Freunde bleiben Freunde, egal wie viele Nullen das Gehalt hat. Doch das war nicht so. Geld ist wie Lackmuspapier: Es zeigt, wer wegen dir da ist und wer wegen deiner Brieftasche kommt.
Sie aß den Rest des Oliviersalats, kuschelte sich in eine Decke, wechselte den Kanal. Draußen setzten Feuerwerke ein. Bunte Lichtblitze erhellten den Himmel über den Dächern Berlins. Sie sah hinauf und lächelte nicht traurig, nicht gezwungen, sondern echt.
Es ist nicht das Ende. Sie wird neue Menschen finden, die sie schätzen mit Geld oder ohne. Menschen, die sie nicht nach ihrem Gehalt beurteilen.
Die Mandarinen dufteten nach Fest und Kindheit. Liselotte schälte noch eine, teilte sie in Spalten, legte sie in den Mund. Süß, saftig, perfekt.
Frohes neues Jahr, Liselotte. Auf ein neues Leben, flüsterte sie.