Es war ein kühler Morgen in einer Frauenklinik in Berlin. Auf einer Bank im Wartebereich saß eine ältere Dame neben ihrer Enkelin, einem schlanken, 15-jährigen Mädchen, welches nervös um sich blickte. Die Großmutter hatte ihre Enkelin begleitet, um einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen. Mit einem Seufzen warf sie Blicke umher, während das Mädchen einen Stoffbeutel in ihren Händen hielt. Eine Frau um die dreißig setzte sich zu ihnen.
“Gehen Sie auch in dieses Zimmer?”
“Ja. Wissen Sie, tut es weh?”
“Es ist nicht angenehm, aber es wird betäubt. Es dauert nicht lange, höchstens fünf Minuten, wenn die Schwangerschaft noch früh ist. Ich bin auch zum ersten Mal hier und habe Angst. Vernünftigerweise weiß man, dass das Kind nichts dafür kann…“
„Mein Gott, wie konnte es nur soweit kommen… Verstehen Sie, meine Enkelin geht noch zur Schule, in die neunte Klasse, und der Junge hat sie betrogen und verlassen, als er von der Schwangerschaft erfuhr. Er will nichts von dem Kind wissen. Was sollen wir tun? Sie muss die Schule beenden. Die Eltern sind nicht da, ich habe sie alleine großgezogen… Welch ein Kummer…“
„Ach Omi, hör auf. Mir tut das auch schon weh zu hören. Die Frau sagte doch, es sei nicht so schlimm.“
„Ach, mein Kind, da ist doch ein Leben in dir. Die Frau hatte doch recht, das Kind kann nichts dafür. Stand auf, lass uns gehen, wir schaffen das. In Kriegszeiten wurden auch Kinder geboren, und wir haben es überstanden. Dein Peter ist doch kein Vater, komm, nimm den Beutel, wir gehen nach Hause. Wir haben hier nichts verloren.“
Das Mädchen schien darauf gewartet zu haben, schnappte sich den Beutel und ging Richtung Ausgang, die Großmutter folgte ihr. Die Frau auf der Bank lächelte ihnen hinterher, vertieft in ihre eigenen Gedanken.
Zwanzig Jahre später…
„Mama, ich liebe ihn, es ist ernst zwischen uns, glaube mir! Dima ist ein guter Kerl mit einer großen Zukunft!“
„Nun, welche Zukunft habt ihr denn, wenn ihr heiratet? Beendet doch erst mal das Studium.“
„Mama, wir sind schon 20 Jahre alt, keine Kinder mehr. Die Hochzeit wird uns nicht im Weg stehen, wir geben nicht viel Geld aus, nur das Nötigste. Ein Abendessen mit seinen Eltern und seiner Großmutter, später feiern wir mit den Freunden. Dima liebt seine Oma sehr, sie hat ihn großgezogen.“
„Ach, Masha, was tut man nicht alles für sein geliebtes Kind! Wir sollten uns mit Dimas Eltern bekannt machen, schließlich werden wir eine Familie…“
„Lad sie doch zu uns ein, Mama.“
„Willkommen, kommen Sie doch rein! Ich bin Mashas Mutter, Julia. Setzen Sie sich zu uns…“
Als Julia Dimas Großmutter ansah, hatte sie das Gefühl, sie schon einmal gesehen zu haben. Dimas Mutter, Anna, sah erstaunlich jung aus, kaum älter als ihr Sohn. Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie ihn im Alter von 16 bekommen hatte, nachdem ein Mitschüler sie geschwängert hatte. Schließlich heirateten sie, um strafrechtliche Konsequenzen zu vermeiden. Auf dem Papier waren sie ein Paar, doch sie lebten nie zusammen und ließen sich bald danach scheiden.
„Wissen Sie, Julia, es ist mir peinlich zuzugeben, aber wir wollten Dima zuerst gar nicht bekommen. Anna war noch ein Kind, ohne eigene Eltern. Ihre Mutter starb jung und ihr Vater saß im Gefängnis. Ich habe sie alleine großgezogen und dann wurde sie schwanger. Was sollten wir tun?
Eine junge Frau in der Klinik sprach mit uns und meinte, dass Kinder unschuldig sind. Das war für mich ein Zeichen, ein Wink des Schicksals. Und so behielten wir Dima.
Diese Begegnung mit der Fremden hat uns das Leben gerettet. Anna ging weiterhin zur Schule, bis Dima geboren wurde. Ich kümmerte mich um ihn, während Anna die Ausbildung zur Konditorin machte. Der Vater des Kindes half nie, seine Familie auch nicht.
Wir haben es geschafft. Anna hat später einen guten Mann geheiratet und eine Tochter bekommen. Sie backt jetzt Torten auf Bestellung und macht damit gutes Geld. Keine Sorge, wenn Dima und Masha heiraten, werden sie ein Zuhause haben. Ich werde ihnen meine Wohnung überlassen und zu Anna ziehen. Das ist unsere Geschichte.“
Julia traute ihren Ohren kaum. Das waren dieselben Großmutter und Enkelin, die damals die Klinik verließen. Dank ihnen entschied auch sie sich, ihr Kind zu behalten – ihre geliebte Masha…
Nach dem Gespräch in der Klinik empfand Julia Ruhe und Gewissheit zu gebären, dass alles gut werden würde. Das Kind war von einem verheirateten Mann, ihrer ersten großen Liebe. Die Wege hatten sie getrennt, und als sie sich wieder trafen, war er verheiratet. Nur ein einziges Mal sahen sie sich wieder, und daraus entstand die Schwangerschaft.
Sie wollte seine Familie nicht zerstören und hatte beschlossen, nichts von dem Kind zu erzählen, da sie kein Recht darauf hatte, diese Leben zu zerstören. Aber das Gespräch mit der Großmutter und ihrer Enkelin änderte ihren Blick auf die Situation schlagartig. Wenn sie es schafften, würde sie es auch schaffen. Es war ein Zeichen des Schicksals.
Julia verließ die Klinik, und ihre Schwangerschaft verlief gut. Ihre einzige Tochter wurde geboren – das liebste Wesen auf Erden. Und nun brachte das Schicksal sie erneut zusammen, diesmal aus freudigem Anlass. Die Kinder, die es vielleicht nie gegeben hätte, wollten heiraten. Ist das nicht ein Zeichen des Schicksals?
Manchmal erhält man Zeichen vom Schicksal. Manche hören hin, andere nicht. Manchmal genügen fünf Minuten, um das Leben komplett zu verändern – zum Beispiel, indem man sich für ein Kind entscheidet, dass unerwünscht war. Später kann man sich ein Leben ohne dieses Kind nicht mehr vorstellen und erschrickt bei dem Gedanken, dass es nicht existiert haben könnte…
Das Leben hält so manches bereit, aber wenn Sie das Gefühl haben, einen Fehler zu machen, zögern Sie, denn manchmal können fünf Minuten alles ändern…