Renate hört das Heulen zum ersten Mal an einem Samstag, als sie von der Nachtschicht nach Hause kommt. Lang gezogen, klagend – ein Schauer läuft ihr über den Rücken. Sie hält das Auto vor dem Haus an, lauscht. Das Heulen kommt von irgendwo hinter ihrem Grundstück.
Sie steigt aus – und sieht ihn. Direkt am Zaun, dort wo die alte Eberesche steht, sitzt ein Hund. Klein, rötlich, abgemagert, die Rippen zeichnen sich ab. Die Schnauze zum Himmel gereckt, und er heult, heult.
– Hey, du! – ruft Renate. – Verschwinde! Du weckst ja alle auf!
Der Hund verstummt, senkt den Kopf. Sieht sie an – und in diesem Blick liegt etwas, das Renate unwillkürlich zurückweichen lässt.
– Geh schon, – winkt Renate müde ab. – Ich hab keine Zeit.
Sie geht gegen Morgen schlafen, aber das Heulen hallt in ihrem Kopf nach.
– Hast du den Hund heute Nacht gehört? – fragt am Morgen die Schwiegermutter Gerda, als Renate in die Küche kommt. – Die ganze Nacht hat er geheult, dieses Vieh! Ich dachte schon, es wäre Nachbars Rex, die heulen so vor Todesfällen.
– Nicht Rex, – erwidert Renate. – Irgendein Streuner. Saß an unserem Zaun.
– Ach was! – regt sich die Schwiegermutter auf. – Den muss man verjagen! Das bringt Unglück, wenn ein fremder Hund vorm Haus heult. Ich streu Salz in den Hof, das vertreibt ihn.
Renate schweigt. Sie glaubt nicht an diesen Aberglauben. Allerdings hat ihre Mutter, selig, immer gesagt: Ein Hund heult nie ohne Grund. Entweder riecht er den Tod oder das Leid.
Am Abend kommt ihr Mann Klaus spät von der Arbeit nach Hause, stinksauer.
– Schon wieder Entlassungen, – wirft er die Aktentasche in die Ecke. – Das dritte Mal in einem halben Jahr! Bald schmeißen sie die Hälfte der Werkstatt raus.
– Vielleicht erwischt es dich nicht, – versucht Renate ihn zu beruhigen. – Du bist doch ihr bester Meister.
– Klar, der beste, – verzieht Klaus das Gesicht. – Alle sind die Besten. Die Chefetage interessiert das einen Dreck. Die wollen nur schöne Zahlen und sich selbst Boni einstreichen.
Sie essen schweigend zu Abend, jeder in seinen Gedanken. Der sechsjährige Felix nickt überm Teller ein – er hat sich im Kindergarten müde getobt. Gerda strickt, die Lippen zusammengepresst – ein Zeichen, dass man sie nicht ansprechen soll.
In der Nacht wiederholt sich das Heulen. Lang gezogen, eintönig. Renate fährt hoch, geht ans Fenster. Der Hund sitzt an derselben Stelle, unter der Eberesche. Klaus wacht auf, flucht verschlafen:
– Was zum Teufel ist das? Den Kerl muss man verjagen!
Er stürzt im Schlafanzug in den Hof, brüllt, fuchtelt mit den Armen. Der Hund rennt etwa zehn Meter weg, setzt sich hin. Klaus wirft einen Stock nach ihm – trifft nicht. Er kommt zurück ins Haus, knallt die Tür so heftig, dass die Fenster klirren.
– Morgen leg ich Gift aus, – verspricht er. – Das reicht mir!
– Klaus, das kann man doch nicht machen, – beginnt Renate.
– Doch! – brüllt ihr Mann. – Ich lasse mir doch nicht wegen so einem Köter die ganze Familie wecken!
Renate legt sich hin, kann aber nicht einschlafen. Sie liegt da, starrt an die Decke. Und ein Gedanke kreist: Was, wenn ihre Mutter recht hatte? Was, wenn das wirklich Unglück bedeutet?
Am Morgen geht sie zum Zaun. Der Hund liegt unter der Eberesche, zusammengerollt. Er hebt den Kopf, schaut sie an. Er rennt nicht weg, knurrt nicht – er schaut nur.
– Was treibst du dich hier herum? – fragt Renate leise. – Hast du ein Zuhause? Besitzer?
Der Hund wimmert leise. Steht auf, kommt zum Zaun. Kratzt mit den Pfoten, gräbt in der Erde. Renate bückt sich, schaut genauer. Unter dem Zaun ist ein Loch – der Hund hat offenbar versucht, einen Tunnel zu graben.
– Warum willst du zu uns? – wundert sich Renate laut. – Was willst du?
Der Hund hört auf zu graben, starrt sie an.
– Na gut, – seufzt Renate. – Warte hier.
Sie kommt mit einer Schale Wasser und den Resten vom gestrigen Kartoffeleintopf zurück. Schiebt es unter dem Zaun durch.
– Da, friss. Aber hör auf zu heulen, sonst vergiftet dich mein Mann wirklich.
So vergeht eine Woche. Jede Nacht – Heulen. Klaus wird immer wütender, die Schwiegermutter lamentiert über böse Vorzeichen. Und Renate bringt dem Hund weiterhin Futter. Aber der Hund nimmt trotzdem sichtbar ab.
– Sag mal, Renate, – ruft die Nachbarin Greta über den Zaun, – weißt du, wem dieser Hund gehört?
– Wahrscheinlich ein Streuner.
– Ja, klar, ein Streuner, – grinst Greta. – Ich hab gestern mit Ingrid geredet, der zwei Häuser weiter wohnt. Die sagt, dieser Hund hat früher bei Familie Müller gelebt. Erinnerst du dich an die Müllers?
Renate erinnert sich. Ein älteres Paar, ruhig, fein. Längst weggezogen. Das Haus an eine junge Familie verkauft.
– Und?
– Und die hatten einen Sohn. Der hieß, glaube ich, Hans oder Peter. Jedenfalls, der ist vor einem Jahr gestorben. Auf der Straße. Ein Betrunkener hat ihn überfahren.
Renate läuft ein Schauer über den Rücken.
– Und?
– Und man sagt, dieser Hund war der Sohn von denen. Nach der Beerdigung ist er von zu Hause weggelaufen, sie haben ihn einen Monat gesucht – nie gefunden. Und jetzt ist er zurück. Aber sein Zuhause gibt’s nicht mehr. Fremde Leute wohnen da. Also heult er. Trauert um seinen Herrn.
– Ammenmärchen, – winkt Renate ab, aber ihr Herz zuckt.
Am Abend erzählt sie die Geschichte beim Abendessen. Klaus schnaubt:
– Alles Quatsch. Hunde erinnern sich nicht so lange.
– Doch, sie erinnern sich, – meldet sich unerwartet Gerda zu Wort. – Und wie. In meinem Dorf hatte eine Nachbarin einen Hund, der vier Jahre auf ihren Sohn aus dem Krieg gewartet hat. Jeden Tag ist er zur Straße gelaufen. Und als der Sohn starb – heulte er eine Woche, dann verreckte er direkt auf der Türschwelle.
Es entsteht Stille. Felix sieht erschrocken zur Großmutter.
– Mama, stirbt unser Hund auch? – fragt der Junge leise.
– Er ist nicht unser Hund, – brummt Klaus. – Und überhaupt, Schluss damit!
In der Nacht hält Renate es nicht aus. Als das Heulen wieder beginnt, wirft sie sich einen Morgenmantel über und geht in den Hof. Sie tritt an den Zaun. Der Hund sitzt da, die Schnauze gereckt. Er heult, als wollte er seine Seele aus sich herausziehen.
– Was willst du? – flüstert Renate. – Was willst du von uns?!
Der Hund verstummt. Er dreht den Kopf zum Haus der Müllers. Genauer: zu dem Haus, das einst ihnen gehörte. Er wimmert, als würde er jemanden rufen.
– Dein Herr ist nicht mehr da, – sagt Renate. – Verstehst du? Er ist nicht mehr da. Schon lange.
Sie streckt die Hand aus, streichelt den Hund über den Kopf. Er weicht nicht zurück. Schließt die Augen.
So sitzen sie da. Eine Frau und ein Hund. Unter dem Sternenhimmel, in der Stille der nächtlichen Siedlung.
– Komm, – sagt Renate. – Komm mit nach Hause. Er kommt nicht wieder. Aber du kannst bei uns leben. Willst du?
Der Hund öffnet die Augen. Sieht sie lange an, prüfend. Als müsste er entscheiden, ob er vertrauen kann.
– Komm, – wiederholt Renate. – Ich verspreche es – wir tun dir nichts.
Sie steht auf, geht zurück. Der Hund erhebt sich und folgt ihr. Geht langsam, müde. Renate schaut sich um – er kommt.
Renate öffnet die Gartentür.
– Komm rein.
Der Hund zögert auf der Schwelle. Dann macht er einen Schritt. Noch einen. Tritt über die Schwelle.
In dieser Nacht ertönt kein Heulen mehr.
Am Morgen kommt Klaus in die Küche und traut seinen Augen nicht. Auf der alten Fußmatte vor dem Ofen schläft der rötliche Hund. Renate kocht Haferbrei.
– Was, du hast diesen Köter mit ins Haus genommen?! – explodiert ihr Mann.
– Pst! – zischt Renate. – Du weckst Felix auf.
– Ich hab gesagt – keine Hunde im Haus!
– Und ich sage – wir behalten ihn, – antwortet Renate ruhig. – Und damit basta.
Klaus starrt seine Frau mit großen Augen an. Sie hat ihm noch nie widersprochen. Noch nie.
– Renate, du…
– Ich habe mich entschieden, Klaus. Der Hund bleibt. Wenn dir das nicht passt – die Tür ist da.
Stille. Der Hund hebt den Kopf, sieht sie an. Ruhig, ohne Angst.
– Ach, verdammt, – winkt Klaus ab. – Mach, was du willst!
Er knallt die Tür, fährt zur Arbeit. Gerda, die die Szene vom Flur aus beobachtet hat, schüttelt nur den Kopf:
– Ach, Renate, du hast den Mann ganz schön in die Enge getrieben. Wegen so einem Köter.
– Es ist kein Köter, Mama, – antwortet Renate leise. – Kein Köter.
Sie nennen den Hund Rudi – wegen seiner rötlichen Farbe. Felix freundet sich als Erster mit ihm an. Es stellt sich heraus, dass der Hund Kommandos kennt, Apportieren kann, grundlos nicht bellt. Ein erzogener Hund, kurz gesagt.
Rudi gewöhnt sich schnell ein. Er schläft im Flur, frisst wenig, geht artig vor die Tür. Der perfekte Hund. Aber etwas ist anders an ihm. Als würde er auf etwas warten. Oft steht er nachts auf, geht zur Tür, schnüffelt.
Zwei Wochen später passiert es.
Klaus kommt von der Arbeit, kreidebleich.
– Aus, – sagt er, setzt sich an den Tisch. – Entlassen. Ab morgen bin ich frei.
Renate wird eiskalt.
– Entlassen? Wie das?
– Na einfach so! Personalabbau. Die Hälfte der Meister gestrichen. Ich bin dabei.
– Aber du bist doch…
– Was bin ich?! – explodiert Klaus. – Der beste Meister? Der erfahrene Fachmann? Die interessiert das einen Dreck! Die wollen Junge, denen sie einen Hungerlohn zahlen können!
Er schlägt mit der Faust auf den Tisch. Felix zuckt zusammen, drückt sich an Renate. Rudi, der in der Ecke döste, hebt den Kopf.
– Was machen wir jetzt nur? – flüstert Renate. – Von meinem Gehalt allein können wir nicht leben.
– Eben! – Klaus steht auf, beginnt in der Küche auf und ab zu gehen. – Der Hauskredit läuft, das Auto ist Schrott, das Kind muss essen. Und ich hab weder Arbeit noch Perspektive!
– Du findest was, – versucht Renate ihn zu beruhigen, obwohl sie selbst weiß – auf dem Dorf ist Arbeit rar.
– Klar, finde ich was! Ich bin fünfundvierzig, wer braucht mich schon?
Die nächsten Tage gleichen einem Albtraum. Klaus trinkt. Nicht viel, aber oft. Er regt sich über Kleinigkeiten auf. Streitet mit seiner Mutter, schreit Felix an. Renate geht zur Arbeit wie zur Folter – kommt nach Hause, und da wartet der nächste Krach.
Rudi verhält sich in dieser Zeit seltsam. Er läuft Klaus auf Schritt und Tritt nach. Starrt ihn ununterbrochen an. Wenn Klaus trinkt – legt sich der Hund zu seinen Füßen, jammert leise.
– Schaff deinen Köter weg! – brüllt Klaus. – Ich kann ihn nicht mehr sehen!
Aber Rudi lässt nicht locker.
Am Donnerstagabend bleibt Renate länger bei der Arbeit. Inventur, die Chefs bestehen darauf. Sie kommt um elf zurück. Das Haus ist dunkel, der Hof still. Komisch – sonst sieht Klaus bis Mitternacht fern.
Sie öffnet die Tür – und erstarrt.
Klaus liegt auf dem Boden im Flur. Bewusstlos. Daneben eine leere Flasche. Und über ihm steht Rudi, bellt, kratzt mit der Pfote, zerrt am Ärmel.
– Klaus! – stürzt Renate zu ihrem Mann.
Sie tastet nach dem Puls – schwach, aber da. Die Atmung flach. Der Alkoholgeruch ist beißend.
– Mama! – schreit Renate. – Mama, ruf den Notarzt!
Gerda stürzt aus ihrem Zimmer, japst.
– Herr im Himmel, was ist mit ihm?!
– Keine Ahnung! Ruf den Notarzt, schnell!
Rudi weicht nicht von Klaus’ Seite. Er winselt, leckt ihm übers Gesicht. Mit einem Mal wird Renate klar – ohne den Hund hätte sie ihren Mann vielleicht zu spät gefunden. Alkoholvergiftung, sagen die Ärzte später. Noch ein bisschen, und sie hätten ihn nicht mehr retten können.
Im Krankenhaus liegt Klaus drei Tage. Als er nach Hause kommt, ist er eingefallen, gealtert.
– Entschuldige, – sagt er zu Renate, als sie allein sind. – Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.
– Pst, – legt sie ihm die Hand auf die Schulter. – Hauptsache, alles ist gutgegangen.
– Der Hund hat mich gerettet, oder? – Klaus sieht zu Rudi, der an der Tür liegt. – Ich erinnere mich verschwommen – er hat gebellt, mich nicht einschlafen lassen. Ich hab versucht, ihn zu verjagen, aber er hat gekratzt, geheult.
Renate nickt, traut sich nicht zu sprechen.
– Seltsam, das Ganze, – fährt Klaus fort. – Als hätte er es gewusst. Als hätte er mich absichtlich wach gehalten.
– Vielleicht hat er es wirklich gewusst.
Klaus schweigt, dann ruft er:
– Rudi, komm her.
Der Hund kommt vorsichtig näher. Klaus streckt die Hand aus, streichelt ihn über den Kopf.
Rudi leckt ihm die Hand. Und in den Augen des Hundes verändert sich etwas.
Sechs Monate sind vergangen.
Klaus hat eine neue Arbeit gefunden – nicht so angesehen wie die alte, aber stabil. Er hat das Trinken aufgegeben. Mit der Familie ist er sanfter geworden. Rudi ist vollwertiges Familienmitglied – Gerda füttert ihn mit Leckerli, sogar Klaus geht jetzt abends mit ihm spazieren.
Renate steht am Fenster und beobachtet, wie ihr Mann und der Hund vom Spaziergang zurückkommen. Klaus erzählt Rudi etwas, der Hund hört aufmerksam zu.
– Mama, wo kam Rudi eigentlich her? – fragt Felix eines Tages.
– Ich weiß es nicht, mein Schatz, – antwortet Renate ehrlich. – Er kam einfach. Als es uns schlecht ging – da kam er.
– Und hat geholfen?
– Und hat geholfen.
– Bestimmt ist er ein guter Zauberer, – entscheidet der Junge. – Im Hundefell.
Renate lächelt. Vielleicht hat Felix recht. Wer weiß.
In der Nacht hat sie einen Traum. Ein junger Mann steht an einer Straße, streichelt einen rötlichen Hund.
Der Hund winselt, reibt sich an den Beinen seines Herrn.
– Geh, – sagt der Mann. – Mach dir keine Sorgen um mich.
Und er löst sich im Morgennebel auf.
Renate wacht mit Tränen auf. Sie steht auf, geht in den Flur. Rudi schläft auf seiner Matte. Ruhig, gleichmäßig atmend.
Der Hund öffnet ein Auge, sieht sie an. Und schläft wieder ein.
Am Morgen beim Frühstück sagt Felix plötzlich:
– Mama, Rudi lächelt. Schau!
Tatsächlich – die Hundeschnauze sieht zufrieden aus. Als hätte er seine Bestimmung erfüllt.
Renate geht hin, kniet sich neben ihn, umarmt den Hund. Der legt seinen Kopf auf ihren Schoß.
– Wir haben dich lieb, – flüstert Renate.
Rudi seufzt leise. Und schließt die Augen, vertrauensvoll an sie geschmiegt.
Irgendwo weit weg, jenseits dieser Welt, steht ein junger Mann an einem hellen Fluss und lächelt. Sein Freund hat ein neues Zuhause gefunden. Und neue Liebe. Also ist alles richtig. Alles, wie es sein soll.