Ein streunender Hund heulte nachts am Zaun – Anna erstarrte, als sie den Grund erfuhrSie fand im Gebüsch ein verletztes Rehkitz, das der Hund mit seinem Geheul vor Füchsen zu schützen versuchte.

Gertrud hörte das Heulen zum ersten Mal an einem Samstag, als sie von der Nachtschicht nach Hause fuhr. Es war lang gezogen und klagend – ein Laut, der ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Sie hielt den Wagen vor dem Haus an und lauschte. Das Heulen schien von irgendwoher aus der Gegend ihres Grundstücks zu kommen.

Sie stieg aus – und da sah sie ihn. Gleich am Zaun, dort wo die alte Linde stand, saß ein Hund. Klein, rötlich, so mager, dass die Rippen hervortraten. Die Schnauze gen Himmel gereckt, und er heulte und heulte.

– He, du! – rief Gertrud. – Verschwinde! Du weckst noch alle auf!

Der Hund verstummte, senkte den Kopf. Er sah sie an – und in diesem Blick lag etwas, das Gertrud unwillkürlich zurückweichen ließ.

– Geh schon, – winkte Gertrud müde ab. – Ich hab keine Zeit.

Sie legte sich gegen Morgen schlafen, aber im Kopf drehte sich immer noch dieses Heulen.

– Hast du heute Nacht den Hund gehört? – fragte am Morgen ihre Schwiegermutter Gertrud Mertens, als Gertrud in die Küche kam. – Die ganze Nacht hat er geheult, dieses Biest! Ich dachte schon, es wäre der Nachbarshund Waldi – vor Toten heulen die so.

– Nein, nicht Waldi, – erwiderte Gertrud. – Irgendein herrenloser. Saß an unserem Zaun.

– Ach du Schreck! – fuhr die Schwiegermutter auf. – Den muss man verjagen! Das bringt Unglück, wenn ein fremder Hund vorm Haus heult. Ich streue Salz in den Hof, das vertreibt ihn.

Gertrud schwieg. Sie glaubte nicht an solche Zeichen. Obwohl ihre Mutter, Gott habe sie selig, immer gesagt hatte: Ein Hund heult niemals grundlos. Entweder riecht er den Tod oder das Leid.

Abends kam ihr Mann Klaus spät von der Arbeit, finster wie eine Gewitterwolke.

– Schon wieder Kürzungen, – warf er seine Aktentasche in die Ecke. – Das dritte Mal in einem halben Jahr! Bald schmeißen sie die halbe Werkstatt auf die Straße.

– Hoffentlich trifft es dich nicht, – versuchte Gertrud zu beschwichtigen. – Du bist doch ihr bester Meister.

– Ja, klar, der beste, – verzog Klaus das Gesicht. – Wir sind alle die besten. Und der Chef pfeift drauf. Die wollen nur schöne Papierchen machen und sich selbst Prämien einstecken.

Sie aßen schweigend zu Abend, jeder mit seinen eigenen Gedanken. Der sechsjährige Lukas nickte über dem Teller ein – im Kindergarten hatte er sich ausgetobt. Gertrud Mertens strickte, die Lippen zusammengepresst – ein Zeichen, dass man sie nicht ansprechen sollte.

In der Nacht wiederholte sich das Heulen. Lang gezogen, eintönig. Gertrud sprang auf, trat ans Fenster. Der Hund saß an derselben Stelle, unter der Linde. Klaus wachte auf, fluchte im Halbschlaf:

– Was für eine Teufelei! Den muss man verjagen, den Halunken!

Er stürzte im Schlafanzug und Pantoffeln in den Hof, brüllte, fuchtelte mit den Armen. Der Hund lief etwa zehn Meter weiter, setzte sich. Klaus warf einen Stock nach ihm – traf nicht. Er kam zurück ins Haus, knallte die Tür so heftig, dass die Fenster klirrten.

– Morgen leg ich Gift aus, – versprach er. – Das reicht!

– Klaus, das kannst du doch nicht machen, – setzte Gertrud an.

– Doch, kann ich! – bellte ihr Mann. – Ich wecke doch nicht wegen irgendeinem Köter die ganze Familie!

Gertrud legte sich hin, konnte aber nicht einschlafen. Sie lag da, starrte an die Decke. Und im Kopf kreiste ein Gedanke: Was, wenn ihre Mutter recht gehabt hatte? Was, wenn es wirklich Unglück bedeutete?

Am Morgen ging sie zum Zaun. Der Hund lag unter der Linde, zusammengerollt. Er hob den Kopf, sah sie an. Er lief nicht weg, knurrte nicht – er schaute nur.

– Was treibst du dich hier herum? – fragte Gertrud leise. – Hast du ein Zuhause? Leute?

Der Hund winselte leise. Er stand auf, kam an den Zaun, begann mit den Pfoten zu scharren, die Erde aufzugraben. Gertrud beugte sich hinunter und sah genauer hin. Unter dem Zaun war eine kleine Kuhle – der Hund versuchte eindeutig, einen Tunnel zu graben.

– Was willst du bei uns? – fragte Gertrud laut. – Was brauchst du?

Der Hund hörte auf zu graben, starrte sie an.

– Na gut, – seufzte Gertrud. – Warte hier.

Sie kam mit einer Schale Wasser und den Resten vom gestrigen Kartoffeleintopf zurück. Sie schob beides unter dem Zaun hindurch.

– Da, friss. Aber hör auf zu heulen, sonst vergiftet mein Mann dich wirklich.

So verging eine Woche. Jede Nacht – das Heulen. Klaus wurde immer wütender, die Schwiegermutter jammerte über böse Vorzeichen. Und Gertrud brachte dem Hund weiterhin Futter. Aber der Hund magerte trotzdem von Tag zu Tag mehr ab.

– Sag mal, Gertrud, – rief die Nachbarin Greta über den Zaun, – weißt du eigentlich, wem der Hund gehört?

– Keine Ahnung, wahrscheinlich herrenlos.

– Ach was, herrenlos, – lachte Greta. – Ich hab gestern mit Frau Huber geredet, der zwei Häuser weiter. Die sagt, dieser Hund hat früher bei den Müllers gelebt. Weißt du noch, die Müllers?

Gertrud erinnerte sich. Ein älteres Paar, still, gebildet. Vor langer Zeit waren sie irgendwohin gezogen. Das Haus hatten sie an eine junge Familie verkauft.

– Na und?

– Na, die hatten einen Sohn. Der hieß, glaube ich, Matthias oder so. Jedenfalls, der ist vor einem Jahr gestorben. Auf der Straße. Ein Betrunkener hat ihn überfahren.

Gertrud lief ein kalter Schauer über den Rücken.

– Und?

– Und man sagt, dass dieser Hund ihrem Sohn gehörte. Nach der Beerdigung ist er ausgerissen, sie haben einen Monat nach ihm gesucht – nie gefunden. Und jetzt, sieh an, ist er zurück. Aber sein Zuhause gibt es nicht mehr. Fremde Leute wohnen da. Also heult er. Er trauert um seinen Herrn.

– Altweibergeschichten, – winkte Gertrud ab, aber ihr Herz zog sich zusammen.

Am Abend erzählte sie die Geschichte beim Abendessen. Klaus schnaubte:

– Alles Unsinn. Hunde haben so ein langes Gedächtnis nicht.

– Haben sie wohl, – meldete sich unerwartet Gertrud Mertens zu Wort. – Und wie sie das haben. In meinem Heimatdorf gab es eine Nachbarin, deren Hund vier Jahre auf ihren Sohn aus dem Krieg gewartet hat. Jeden Tag ist er zur Straße gelaufen. Und als der Sohn gefallen ist – hat er eine Woche geheult, und dann ist er auf der Türschwelle verendet.

Es wurde still. Lukas sah ängstlich zu seiner Großmutter.

– Mama, stirbt unser Hund auch? – fragte der Junge leise.

– Es ist nicht unser Hund, – brummte Klaus. – Und überhaupt, Schluss jetzt damit!

In der Nacht hielt Gertrud es nicht mehr aus. Als das Heulen wieder begann, warf sie ihren Morgenmantel über und ging in den Hof. Sie trat an den Zaun. Der Hund saß da, die Schnauze gereckt. Er heulte, als wollte er seine Seele herausschreien.

– Was willst du? – flüsterte Gertrud. – Was willst du von uns?!

Der Hund verstummte. Er drehte den Kopf zum Haus der Müllers. Genauer gesagt: zu dem Haus, das einst ihnen gehört hatte. Er winselte, als ob er jemanden riefe.

– Dein Herrchen ist nicht mehr da, – sagte Gertrud. – Verstehst du? Er ist nicht mehr da. Schon lange nicht mehr.

Sie streckte die Hand aus, streichelte dem Hund über den Kopf. Der Hund wich nicht zurück. Er schloss die Augen.

So saßen sie da. Eine Frau und ein Hund. Unter dem Sternenhimmel, in der Stille des nächtlichen Dorfes.

– Komm, – sagte Gertrud. – Komm mit nach Hause. Er kommt nicht wieder. Aber du kannst bei uns leben. Willst du?

Der Hund öffnete die Augen. Er sah sie lange an, prüfend. Als müsste er entscheiden, ob er ihr trauen sollte.

– Komm, – wiederholte Gertrud. – Ich verspreche dir – wir tun dir nichts.

Sie stand auf, ging zurück. Der Hund erhob sich und folgte ihr. Er trottete langsam, müde. Gertrud drehte sich um – er kam mit.

Gertrud öffnete die Pforte.

– Komm rein.

Der Hund zögerte auf der Schwelle. Dann machte er einen Schritt. Noch einen. Er trat über die Türschwelle.

In dieser Nacht war kein Heulen mehr zu hören.

Am Morgen kam Klaus die Treppe herunter in die Küche und blieb wie angewurzelt stehen. Auf der alten Fußmatte vor dem Ofen schlief der rötliche Hund. Gertrud kochte gerade Haferbrei.

– Du hast diesen Köter ins Haus geholt?! – explodierte ihr Mann.

– Leise! – zischte Gertrud. – Du weckst Lukas auf.

– Ich habe gesagt: keine Hunde im Haus!

– Und ich sage: Wir behalten ihn, – antwortete Gertrud ruhig. – Und damit basta.

Klaus starrte seine Frau mit großen Augen an. Sie hatte ihm noch nie widersprochen. Noch nie.

– Gertrud, du…

– Ich habe mich entschieden, Klaus. Der Hund bleibt. Wenn es dir nicht passt – die Tür steht da.

Es wurde still. Der Hund hob den Kopf, sah sie an. Ruhig, ohne Angst.

– Ach, verdammt noch mal, – winkte Klaus ab. – Mach, was du willst!

Er knallte die Tür und ging zur Arbeit. Gertrud Mertens, die die Szene vom Flur aus beobachtet hatte, schüttelte nur den Kopf:

– Ach, Gertrud, du hast den Mann ganz schön auf die Palme gebracht. Wegen so einem Köter.

– Es ist kein Köter, Mutter, – antwortete Gertrud leise. – Kein Köter.

Sie nannten den Hund Rudi – wegen seiner rötlichen Farbe. Lukas freundete sich als Erster mit ihm an. Es stellte sich heraus, dass der Hund Kommandos kannte, Bälle apportieren konnte, ohne Grund nicht bellte. Ein wohlerzogener Hund, kurzum.

Rudi gewöhnte sich schnell ein. Er schlief im Flur, fraß wenig, ging artig vor die Tür. Ein idealer Hund. Aber er hatte etwas an sich. Als ob er auf etwas wartete. Oft stand er nachts auf, ging zur Tür und schnupperte.

Zwei Wochen später geschah es.

Klaus kam von der Arbeit nach Hause, finster wie eine Gewitterwolke.

– Das war’s, – sagte er und setzte sich an den Tisch. – Entlassen. Ab morgen bin ich frei.

Gertrud wurde eiskalt.

– Entlassen? Wie?

– Na, genau so! Personalabbau. Die Hälfte der Meister ist gestrichen worden. Ich war dabei.

– Aber du bist doch…

– Was bin ich?! – platzte Klaus heraus. – Der beste Meister? Der erfahrene Fachmann? Die pfeifen darauf! Die wollen Junge, denen sie einen Hungerlohn zahlen können!

Er schlug mit der Faust auf den Tisch. Lukas zuckte zusammen, drückte sich an Gertrud. Rudi, der in der Ecke gedöst hatte, hob den Kopf.

– Was machen wir jetzt? – flüsterte Gertrud. – Von meinem Gehalt allein können wir nicht leben.

– Genau das ist es! – Klaus stand auf, begann in der Küche auf und ab zu gehen. – Der Hauskredit muss bezahlt werden, das Auto ist eine Rostlaube, das Kind muss essen. Und ich habe keine Arbeit, keine Perspektive!

– Du findest schon etwas, – versuchte Gertrud zu beruhigen, obwohl sie selbst wusste – Arbeit war im Dorf rar.

– Ja, klar, finde ich! Ich bin fünfundvierzig, wer will mich noch?

Die nächsten Tage waren wie ein Albtraum. Klaus trank. Nicht viel, aber häufig. Er regte sich über jede Kleinigkeit auf. Er stritt mit seiner Mutter, schrie Lukas an. Gertrud ging zur Arbeit wie zur Zwangsarbeit – kam nach Hause, und schon gab es neuen Krach.

Rudi benahm sich in dieser Zeit seltsam. Er lief Klaus auf Schritt und Tritt hinterher. Er sah ihn unverwandt an. Wenn Klaus trank – legte er sich zu seinen Füßen und winselte leise.

– Schaff deinen Köter weg! – brüllte Klaus. – Ich kann ihn nicht mehr sehen!

Aber Rudi ließ nicht locker.

Am Donnerstagabend musste Gertrud länger arbeiten. Inventur, die Leitung hatte sie zum Bleiben gezwungen. Sie kam gegen elf zurück. Das Haus lag dunkel, der Hof war still. Komisch – normalerweise sah Klaus bis Mitternacht fern.

Sie öffnete die Tür – und da sah sie es.

Klaus lag auf dem Boden im Flur. Bewusstlos. Daneben eine leere Flasche. Und über ihm stand Rudi, bellte, kratzte mit der Pfote, zerrte am Ärmel.

– Klaus! – stürzte Gertrud zu ihrem Mann.

Sie tastete nach dem Puls – schwach, aber vorhanden. Die Atmung war flach. Der Alkoholgeruch war so stark, dass man kaum Luft bekam.

– Mutter! – schrie Gertrud. – Mutter, ruf den Notarzt!

Gertrud Mertens kam aus dem Zimmer gerannt, japste.

– Du meine Güte, was ist mit ihm?!

– Ich weiß nicht! Ruf den Notarzt, schnell!

Rudi wich nicht von Klaus’ Seite. Er winselte, leckte ihm das Gesicht. Gertrud begriff plötzlich: Wenn der Hund nicht gewesen wäre, hätte sie ihren Mann vielleicht zu spät gefunden. Alkoholvergiftung, sagten die Ärzte später. Noch ein bisschen länger, und sie hätten ihn nicht mehr retten können.

Im Krankenhaus lag Klaus drei Tage. Er kam abgemagert und gealtert nach Hause.

– Es tut mir leid, – sagte er zu Gertrud, als sie allein waren. – Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.

– Still, – legte sie ihm die Hand auf die Schulter. – Hauptsache, es ist noch einmal gutgegangen.

– Der Hund hat mich gerettet, oder? – Klaus sah zu Rudi, der an der Tür lag. – Ich erinnere mich verschwommen – er hat gebellt, mich nicht einschlafen lassen. Ich hab versucht, ihn zu verjagen, aber er hat gekratzt und geheult.

Gertrud nickte, traute sich nicht zu sprechen.

– Es ist alles so merkwürdig, – fuhr Klaus fort. – Als ob er es gewusst hätte. Als ob er mich absichtlich wachgehalten hätte.

– Vielleicht hat er es wirklich gewusst.

Klaus schwieg, dann rief er:

– Rudi, komm her.

Der Hund kam vorsichtig näher. Klaus streckte die Hand aus, streichelte ihn über den Kopf.

Rudi leckte ihm die Hand. Und in den Augen des Hundes veränderte sich etwas.

Ein halbes Jahr verging.

Klaus fand eine neue Arbeit – nicht so angesehen wie die alte, aber fest. Er hörte auf zu trinken. Im Umgang mit der Familie wurde er sanfter. Rudi wurde ein vollwertiges Familienmitglied – Gertrud Mertens fütterte ihn mit Leckereien, sogar Klaus ging jetzt abends mit ihm spazieren.

Gertrud stand am Fenster und sah zu, wie ihr Mann und der Hund vom Spaziergang zurückkamen. Klaus erzählte Rudi etwas, der Hund hörte aufmerksam zu.

– Mama, woher kommt Rudi eigentlich? – fragte Lukas eines Tages.

– Ich weiß es nicht, mein Schatz, – antwortete Gertrud ehrlich. – Er ist einfach gekommen. Als es uns schlecht ging – da kam er.

– Und hat er geholfen?

– Und hat geholfen.

– Bestimmt ist er ein guter Zauberer, – entschied der Junge. – Im Hundefell.

Gertrud lächelte. Vielleicht hatte Lukas recht. Wer weiß.

In der Nacht träumte sie. Ein junger Mann stand an einer Straße, streichelte einen rötlichen Hund.

Der Hund winselte, schmiegte sich an die Beine seines Herrn.

– Geh, – sagte der junge Mann. – Mach dir keine Sorgen um mich.

Und er löste sich im Morgennebel auf.

Gertrud erwachte in Tränen. Sie stand auf, ging zum Flur. Rudi schlief auf seiner Matte. Ruhig, gleichmäßig atmend.

Der Hund öffnete ein Auge, sah sie an. Und schlief wieder ein.

Am Morgen, als alle frühstückten, sagte Lukas plötzlich:

– Mama, Rudi lächelt. Sieh mal!

Tatsächlich – das Gesicht des Hundes sah zufrieden aus. Als hätte er seine Bestimmung erfüllt.

Gertrud ging hin, hockte sich neben ihn, umarmte den Hund. Der legte den Kopf auf ihren Schoß.

– Wir haben dich lieb, – flüsterte Gertrud.

Rudi seufzte leise. Und schloss die Augen, vertrauensvoll an sie geschmiegt.

Irgendwo weit weg, jenseits dieser Welt, stand ein junger Mann an einem hellen Fluss und lächelte. Sein Freund hatte ein neues Zuhause gefunden. Und neue Liebe. Also war alles richtig. Alles, wie es sein sollte.

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