Lena schlenderte durch die kleinen, vertrauten Straßen ihres Heimatstädtchens. Wirklich daheim fühlte sie sich seit über vierzig Jahren allerdings in einer anderen Stadt. Diese andere Stadt war groß und lebhaft. Dort pulsierte das Leben rund um die Uhr, und Leuchtreklamen erhellten die Nacht. Tausende Touristen knipsten endlose Fotos, Millionen Einwohner eilten vorüber, ohne den Blick zu heben oder die Umgebung wertzuschätzen. Als Lena frisch in die Stadt zog, war sie verblüfft darüber, wie man beispielsweise schnurstracks an der imposanten Frauenkirche vorbeimarschieren konnte, ohne einen Moment innezuhalten, um ihre Schönheit zu bewundern. Doch auch sie begann mittlerweile, mit gesenktem Kopf vorbeizuhasten. Wann hätte sie auch Zeit gehabt, den Blick zu heben? Kinder, Ehemann, Arbeit. Verpflichtungen, Sorgen. Sie war in der Großstadt angekommen, fühlte sich heimisch und glücklich darüber, der Eintönigkeit des kleinen, fast dörflichen Heimatstädtchens entkommen zu sein. Das Leben dort plätscherte träge und uninteressant dahin. In so einem Städtchen konnte man zwar geboren werden und sterben, aber richtig leben? Nein, das konnte sie dort nicht. Sie schenkte der Großstadt zwei waschechte Kinder. Es wurden zwei prächtige Jungs. “Oh, meine Enkelkinder sind da!” klatschte die Oma in die Hände und breitete ihre Arme aus, um die geliebten Enkel zu umarmen. Die Kleinen schmiegeten sich an die runde, weiche, nach frisch gebackenen Brötchen duftende Oma, und im Gesicht von Lenas Mutter spiegelte sich ein schier unbeschreibliches Glück wider. Um die Oma mit den Enkeln herumsprang ein alter Hund, und eine Katze strich schnurrend durch das Gras, während hinter dem Haus ein Hahn krähte und auf die Zeit zum Eierholen hinwies. Lenas Mutter konnte die Enkel kaum loslassen, als ob sie fürchtete, dass sie verschwinden würden, sobald sie sie losließ. Erst als Lena selbst zur Großmutter wurde, begriff sie, dass Enkelkinder hundertmal süßer sind als die eigenen Kinder. Bei Kindern muss man manchmal streng sein, aber mit den Enkelkindern ist es stets nur ein Fest. Mit ihnen vergisst man die schmerzenden Knie und wird für einen Moment wieder die kleine Lena, die noch ihr ganzes Leben vor sich hat. Doch das Leben war rasend schnell vergangen, und ihr Großteil lag längst hinter ihr. Sie hatte ihre Kinder großgezogen, sich leise und ohne großes Drama von ihrem Mann scheiden lassen, war in Rente gegangen und hatte vor einem halben Jahr ihre Mutter beerdigt. Auf den Zaun des alten Hauses hatte sie “zu verkaufen” und ihre Telefonnummer geschrieben. Und tatsächlich hatte sich ein Käufer gefunden. Nun war sie hier, um die Verkaufsverhandlungen zu führen. Gott sei Dank war es das letzte Mal, dass sie hierherkam. Es gab keine Gründe mehr, zurückzukommen. Das Grab der Mutter blieb zurück – möge sie es verzeihen –, aber die Verwandten würden sich um die Grabstelle kümmern, davon war Lena überzeugt. In kleinen Städten kennt man keine fremden Gräber. Sie ging die Straße entlang und bemerkte zu ihrer eigenen Überraschung, wie sie den Himmel, das Gras und die Häuschen bewunderte. Sie hatte nie bemerkt, wie schön dieses Städtchen war. Alle Häuschen waren gepflegt, und überall stand viel Grün. Da waren sie, die vertrauten grünen Tore aus ihrer Kindheit. Das schief stehende Gartentürchen mit dem geschnitzten Briefkasten. Sie öffnete es und tauchte ein in ihre Kindheit. Der verwilderte Garten mit den alten Apfel- und Birnbäumen empfing sie als wäre sie nie fortgegangen. Sie betrat das Haus. Es roch nach Mama. Merkwürdig. Ein halbes Jahr stand es leer und es war, als ob die Mutter nur kurz zum Markt gegangen wäre. Sie ging ins Wohnzimmer. Die Kommode war mit einer geschnitzten Decke bedeckt, darauf Fotos in Rahmen. Auf allen Bildern sie, die Kinder, Enkel und Urenkel. Auf dem Tisch lag eine Tischdecke mit großen, rosafarbenen Rosen. Ein riesiges Bücherregal füllte die Wand. Erinnerungen überfluteten Lena. Sie dachte daran, wie sie als kleines Mädchen die Küken im Hühnerstall hinter dem Haus kuschelte. Erinnerte sich daran, wie sie Kartoffeln jätete und knurrte, dass sie hier keinen Tag länger leben würde, sobald sie erwachsen war. Und sie dachte an Micha, der nachts durchs Fenster kletterte, um ihr einen Gute-Nacht-Kuss zu geben. Ach, Micha, auf seine Rückkehr aus der Armee hatte sie nicht gewartet, sondern war in die große Stadt gezogen, um dort ihr Glück zu finden. Oft hatte sie darüber nachgedacht, ließ es aber nicht zu, ihre Entscheidungen zu bereuen. Sie öffnete die obere Schublade der Kommode. Ein Kamm, Mamas alte Haarspangen, eine Kette aus rotem Bernstein. Sie legte die Kette an. Schaute in den Spiegel. Schön! Nicht modisch, nein. In einer Modezeitschrift würde man es sicher nicht loben. Aber für sie war es schön. Als hätte ihre Mutter sie liebevoll über den Hals gestreichelt. Plötzlich hörte sie Stimmen am Gartentor. “Hallo? Ist da wer?” rief eine Kinderstimme. Sie ging hinaus. Drei Jungen im Alter von fünf oder sechs Jahren standen davor. Einer hielt ein Welpen in den Händen. “Hallo Frau! Was machen Sie hier? Hier wohnt doch keiner mehr? Sind Sie eine Diebin?” fragte der mutigste, blonde Junge mit dem blonden Welpen in den Armen. “Nein, ich bin keine Diebin. Ich bin die Tochter von Anna, die hier gewohnt hat. Ich bin hergekommen, um das Haus zu verkaufen”, sagte Lena. “Das sollten Sie nicht tun! Mein Opa Micha sagt, dass man so ein Haus für die Ewigkeit gebaut hat”, erwiderte der blonde Junge. “Und wer ist das? Wie heißt der?” fragte Lena und deutete auf den Welpen. “Das ist ein Hund. Wir suchen ein Zuhause für ihn. Ich habe ihn bei mir aufgenommen, aber mein Opa erlaubt es nicht. Er sagt, wenn ich zu meinen Eltern fahre, muss er sich um den Hund kümmern. Dabei hat er selbst einen Hund. Er lebt allein. Wir haben meine Oma letztes Jahr beerdigt, deshalb wäre ein zweiter Hund zu viel für ihn. Wohin also mit diesem hier? Wir haben ihn im Steinbruch gefunden und mit einem Brötchen gefüttert. Jetzt bringen wir ihn herum, um jemanden zu finden, der ihn aufnimmt. Vielleicht wollen Sie den Hund?” sagte der Junge und drückte Lena den Welpen in die Arme. Der Welpe war schmutzig, weich und roch nach Welpen. Oh, dieser Duft! Welpen riechen nach Gras, Muttermilch und Glück. Warum nach Glück? Kann ein Mensch unglücklich sein, wenn er einen Welpen im Arm hält? Lena hatte diesen Duft längst vergessen. Ihr Mann hatte damals eine Allergie, und außerdem mochte er keine Tiere. Später war dann keine Zeit mehr für Welpen. Der Welpe schnupperte komisch und leckte Lena über das Gesicht. “Artem! Lass die Frau in Ruhe. Du gehst allen mit diesem Hund auf die Nerven”, ertönte von links eine Stimme. Ein älterer Mann trat zu ihnen. “Lena! Das gibt’s doch nicht! Du bist da! Verkaufst du das Elternhaus? Erkennst du mich? Du hast dich kaum verändert, Lena. Das ist mein Enkel Artem. Artem, lass die Tante in Ruhe, sie braucht keinen Hund, sie wird hier nicht wohnen. Sie ist eine Städterin aus München”, sagte der Mann, den Lena sofort als ihre erste große Liebe erkannte, die sie damals für einen Stadtjungen hatte warten lassen. Lena drehte sich um, schaute auf das Haus, dann auf Michael, warf einen Blick auf den Welpen und sagte, wie aus einer plötzlichen Eingebung heraus: “Hallo Micha. Nein, ich werde das Haus nicht verkaufen. Ein solches Haus zu verkaufen, wäre schade. Es ist für die Ewigkeit gebaut, und den Welpen nehme ich auch. Ich werde hier bleiben!” “Das ist wunderbar, Lena. Ich helfe dir. Vielleicht gibt es auf dem Dach ein Leck oder etwas anderes, was repariert werden muss. Du weißt ja noch, wo ich wohne. Komm auf einen Tee vorbei. Oder wenn du magst, komme ich zu dir. Möchtest du, dass ich wieder durchs Fenster komme?” lächelte Michael. Lena erwiderte sein Lächeln und verbarg ihr Erröten im Fell des Welpen. Schon seltsam, als alte Frau erröten wie ein junges Mädchen, was für eine Blamage. Michael und die Kinder gingen. Lena setzte den Welpen auf den Boden und sagte zu ihm: “Lass uns den ‘zu verkaufen’-Schriftzug vom Zaun abwischen, denn dieses Haus ist nicht mehr zu verkaufen. Es ist mein Haus und dein Haus. Wir haben so viel zu tun. Bald sind Ferien, die Enkelkinder kommen zu Besuch. Wir müssen uns vorbereiten. Und mal ehrlich, Micha hat sich gar nicht verändert. Seine Augen sehen noch gleich aus und sein Lächeln bleibt dasselbe.” Der Welpe bellte fröhlich. Lena verstand, dass sie zu Hause war.
Ein Spaziergang durch die Heimatstadt.