**Das Warten auf das Glück**
Man sagt, das Warten auf das Glück sei schöner als das Glück selbst. Denn solange man hofft, es zu ergreifen, träumt man sich hinein – und ist schon glücklich. Der Moment des Besitzes hingegen ist kurz. Kaum hat man sich daran erfreut, wird es zur Gewohnheit, verliert seinen Zauber. Und schon wartet man wieder auf das Nächste.
Markus hatte alles: eine Wohnung in München, ein schickes Auto, einen gut bezahlten Job bei einer Versicherung. Seine Frau Johanna, mit der er seit der Schulzeit zusammen war, eine hübsche, kluge Frau. Ihre erste Liebe hatte allen Widrigkeiten getrotzt und war zu einer festen Ehe geworden.
Dann war da noch seine vierjährige Tochter Lotte, sein Sonnenschein, seine ganze Freude. Johanna blieb zu Hause, kümmerte sich um das Kind. Markus hing an ihr mit jeder Faser seines Herzens.
Was fehlte ihm also? Eigentlich nichts. Doch der Mensch ist nun mal so: Hat er alles, will er noch mehr.
Mit Johanna hatte er sich eingespielt. Sie verstanden sich ohne Worte, ein Blick, eine Geste genügte. Die Leidenschaft der ersten Jahre war einer ruhigen, beständigen Liebe gewichen.
Morgens trank er seinen starken Kaffee, den Johanna nach dem Duschen bereitstellte, zog sein frisch gebügeltes Hemd an, roch den Duft von Meeresbrise im Stoff, küsste sie dankbar auf die Wange und fuhr mit dem Audi zur Arbeit.
Abends erwartete ihn ein warmes Essen. Am Wochenende ging man zu den Eltern nach Bayern, grillte im Garten, rodelte im Winter. Markus war dankbar dafür. Nur wenigen gelang es, so schnell so viel Glück zu finden. Und doch…
Eines Tages kam eine neue Kollegin ins Büro. Jung, strahlend, mit schwarzen, leicht mandelförmigen Augen, scheu wie die einer Gazelle. Sie hieß Miriam. Miriam Becker. Miri. Kein Name, ein Lied. Ob es ihre Augen waren, ihr Name oder die Sehnsucht nach etwas Neuem – Markus war verzaubert. Sein Herz erkannte sie und bebte vor Vorfreude.
Immer wieder traf er sie zufällig – am Kopierer, in der Kaffeeküche, in der Mittagspause. Doch es war kein Zufall. Sie suchte die Nähe. Und er half ihr dabei.
Eines Morgens wartete er im Auto, bis er sie sah. Geschmeidig wie eine Katze schritt sie den Gehweg entlang. Er stieg aus, traf sie “zufällig” am Eingang, hielt ihr die Tür auf.
Im Aufzug beobachtete er sie heimlich. Manchmal erwischte er ihren Blick, schnelle, neugierige Blicke. Doch reden konnte er nie. Das Büro war voll, der Aufzug nie leer.
Doch eines Tages waren sie allein. Er fragte, ob ihr die Arbeit gefiel, redete über das Wetter, über Pläne fürs Wochenende. Sie antwortete, lächelte, sah ihn spöttisch an.
Der Herbst verging, der Winter kam. Vor Weihnachten gab es die Firmenfeier. Markus hoffte darauf. Er musste nicht nach Hause, konnte bis zum Morgen bleiben, ohne Misstrauen.
Die ganze Nacht ließ er Miri nicht aus den Augen. Als die Musik losging, lud er sie sofort zum Tanzen ein. Als er sie an sich zog, raste sein Herz. Ein Zittern durchfuhr ihn, wie damals auf dem Schulball, als er zum ersten Mal mit Johanna getanzt hatte. Miris Augen versprachen ihm alles.
Erhitzt vom Tanz und vom Wein gingen sie in den Flur. Markus schlug vor, zu fliehen. Miri stimmte zu. Lachend rannten sie hinaus.
Der Wachmann beobachtete sie neidisch. Niemand hatte ihn eingeladen. Dabei war auch er wichtig. Aber niemand brachte ihm Sekt oder Pralinen. Er seufzte, vertiefte sich in sein Kreuzworträtsel.
Miri und Markus schlenderten durch die Stadt, plauderten. Er vermied das Thema Familie, sie tat, als sei es ihr egal.
Mit ihr war es leicht. “Glück gehabt”, dachte er, während sein Herz im Takt ihrer Schritte pochte.
Er war müde, ärgerte sich, das Auto beim Büro gelassen zu haben. Doch Miri sagte nicht: “Hier wohne ich.”
“Wohnst du am Stadtrand?”, fragte er schließlich.
“Ganz draußen, in den Neubauvierteln”, lachte sie. “Ich bin auch müde. Lass uns ein Taxi nehmen.”
Vor ihrer Haustür zögerte er. Der Alkohol war verflogen, das Gewissen meldete sich – er könnte noch rechtzeitig zu Hause sein, um Lotte vorzulesen. Doch dann lud sie ihn auf einen Kaffee ein. Ein kurzer Aufenthalt, dann würde er fahren.
Vom Kaffee kam nichts. Kaum in der Wohnung im dreizehnten Stock fielen sie sich in die Arme. Als er zwei Stunden später aufwachte, war es dunkel. Kein Mond, keine Sterne, nur eine schwarze Weite. Es war atemberaubend. Miri schmiegte sich an ihn. In diesem Moment fühlte er sich, als seien sie allein im Universum.
Fortgehen wollte er nicht. Doch er durfte keinen Verdacht erregen. Er duschte, zog sich an, verabschiedete sich mit Versprechungen. Dann nahm er ein Taxi zum Büro, holte sein Auto, fuhr heim.
Es war halb drei. Das Straßenlicht fiel durchs Fenster. Johanna lag da, die Lider geschlossen, aber wach. Er tat, als glaube er ihr, schlüpfte leise ins Bett.
Eigentlich dachte er, er würde nicht schlafen. Doch er schlief sofort ein.
Sie stritten nie, nie hoben sie die Stimme. Die Wände waren dünn. Selbst wenn er ihr gestanden hätte, sie hätte nicht geschrien.
Wenn Kollegen zu Besuch kamen, lobten sie Johanna. Auf der Arbeit beneideten sie ihn. Er sah, wie andere Männer nach Streits aussahen. Johanna war perfekt.
Bis Miri kam.
Ein Jahr lang trafen sie sich. Doch mit der Zeit ließ die Leidenschaft nach. Immer öfter sehnte er sich nach Ruhe, nach seiner Familie. Miri wurde fordernder. Sie wollte ihn ganz.
Er wusste, er musste sich entscheiden. Johanna war vertraut, sicher. Miri – eine Unbekannte.
Doch jedes Mal, wenn er Schluss machen wollte, vergaß er alles, sobald sie ihn küsste.
Eines Tages, im Büro, überlegte er, wie er es beenden könnte. Plötzlich durchfuhr ihn ein stechender Schmerz. Die Brust wurde eng, die Luft blieb weg. Er fiel in Ohnmacht.
Dumpf hörte er Sirenen, Stimmen:
“Die Frauen haben ihn fertiggemacht…”
“Markus, komm zurück!” – Miris Stimme.
“Lass uns nicht allein…” – Johanna.
“Papa, lies mir vor…” – Lotte.
Er flehte um sein Leben.
“Willst du wirklich leben?”, fragte eine klare Stimme. “Keine Lügen mehr? Schluss mit Miri?”
“Ja!”, schrie er.
Dann kehrte der Schmerz zurück – und mit ihm das Leben.
Im Krankenhaus öffnete er die Augen. Johanna weinte. Miri kam heimlich, weinte auch.
Nach zwei Wochen durfte er nach Hause. Endlich Zeit für Lotte, für Johanna. Warum hatte er das riskieren wollen?
Dann vibrierte sein Handy. Miri.
“Ich vermisse dich. Wann sehen wir uns?”
“Morgen”, flüsterte er.
Johanna kam herein. “Von der Arbeit?”
“Ja.”
Morgen würde er es beenden. Aber nicht übers Telefon.
Da durchfuhr ihn wieder der Schmerz. Eine Warnung? Er schrieb ihr: “Es ist vorbei.” Blockierte ihre Nummer.
So einfach war das.
Denn er wollte leben.
**Und die Moral von der Geschichte: Wahres Glück findet man nicht in der Jagd nach Neuem, sondern in dem, was man schon hat –Und von diesem Tag an lernte Markus, das Glück in den kleinen Dingen zu sehen – im Lachen seiner Tochter, in der warmen Hand seiner Frau und in der Stille eines gemeinsamen Morgens.