Die Haustür

Tür

Peter Kaufmann blickte verständnislos auf die Tür. Was mache ich eigentlich hier? Kaum zu glauben, in Gedanken versunken hatten ihn seine eigenen Füße an die Schwelle der alten Wohnung getragen, in der er mit seiner Ehefrau beinahe fünfundzwanzig Jahre gelebt hatte. Jetzt stand er da und betrachtete erstaunt die Tür, die direkt vor seiner Nase aufragte. Eine ganz gewöhnliche Wohnungstür, wie sie in jedem zweiten Altbau in München zu finden ist.

Mit Kunstleder überzogen, in Rautenform mit Messingnägeln verziert. Nur einer dieser Nägel war silbern Peter erinnerte sich genau, wie er vor etwa fünfzehn Jahren das Polster selbst repariert hatte, als einer der Originalnägel abhanden gekommen war und das Leder unschön abstand. Seitdem glänzte an dieser Stelle, zwischen all den goldfarbenen, ein einziger silberner Nagel wie ein Sternchen. Peter starrte diesen silbernen Punkt an und verspürte keinen Drang, wieder zu gehen…

* * *

Die Veränderungen in meinem Leben begannen vor gut einem Jahr und damals war ich, Peter Kaufmann, so sicher, endlich bereit dafür zu sein. Die Arbeit, ruhig und krisensicher, lag mir wie Blei auf der Seele, das Familienleben erstickte mich, alles war bequem, aber fad, wie ein lauwarmer, niemals endender Herbst mir fehlten die Farben, die Lebendigkeit, das Gefühl, überhaupt noch zu leben.

Wie ein Mann, der langsam untergeht, habe ich mich nach irgendetwas gesehnt, an dem ich mich festhalten und mich retten konnte dorthin, wo das Leben heller und lauter ist, voller Freude, Trubel und Sinn. Für mich war dieser rettende Ast meine Sekretärin Annemarie.

Jung, wunderschön, Annemarie stürmte mit lauter Musik, teurem Parfum und Schaumwein auf den Lippen in mein Leben. Ich ich habe mich wirklich verliebt. Wenn ich an meine erste Verliebtheit an meine spätere Frau zurückdenke, erscheinen mir diese zarten Gefühle nun blass und grau im Vergleich zu dem Sturm, den Annemarie in mir entfachte…

Meine Frau hat wohl gespürt, dass unser Leben zu Ende geht und jemand Drittes eingreift. Sie wurde still, sprach wenig, musterte mich immer wieder suchend, als wolle sie in meinen Augen die Antwort auf die älteste aller Frauenfragen entdecken…

Die Affäre mit Annemarie entwickelte sich stürmisch. Ich fühlte mich wieder jung, gebraucht, geliebt Ich investierte all meine Zeit und Euros in diese neue Beziehung. Doch selbst dann konnte ich mich noch nicht ganz von der Familie lösen Gewohnheit und Vertrautheit lockten mich immer wieder zurück ins alte Bett, und nach den teuren Austern im Restaurant suchte ich nachts oft nach den Frikadellen meiner Frau im Kühlschrank.

Wie lange das wohl weitergegangen wäre, weiß ich nicht. Doch Annemarie hatte irgendwann genug davon, nur die Geliebte zu sein und kam eines Tages zu uns nach Hause. Da waren nur meine Frau und unser studierender Sohn. Sie hörten sich Annemaries entschlossene Worte schweigend an und während meine Frau mit Baldrian versuchte, sich zu beruhigen, stopfte mein Sohn wortlos ein paar meiner Sachen in einen Koffer und stellte uns beide vor die Tür…

* * *

So begann mein neues Leben. Es riss mich mit sich fort, ohne Pause, ohne Zeit zum Atemholen. Ein endloser Strom aus Treffen, Restaurants, Premieren, Boutiquen, der an mir vorbeizog wie ein bunter Karnevalsumzug. Wann ich begonnen habe, mich davon ausgelaugt zu fühlen, weiß ich nicht mehr. Noch schwerer fiel es mir, mir selbst einzugestehen, dass mir dieser Wahnsinn längst zu viel wurde.

Schließlich beschloss ich, eine Pause einzulegen. Ich setzte mich buchstäblich daheim in einen Sessel und ließ den Blick umherstreifen, in dem Versuch, die neue Realität erstmals zu erfassen. Anfangs war ich noch neugierig, doch nach und nach empfand ich das alles nur noch als lästig. Annemarie, am Tage mein leuchtender Paradiesvogel, war völlig hilflos im echten Leben von Haushalt oder Kochen hatte sie keine Ahnung.

Doch schlimmer noch: Mit Annemarie gab es kaum ein Gespräch, das länger als fünf Minuten dauerte. Ihr gesamtes Universum bestand aus raschelnden Geldscheinen, glitzernden Verpackungen und Instagram-Likes. Anfangs bemühte ich mich noch, ihr etwas beizubringen, doch schnell merkte ich, dass Nachdenken für sie eine wahre Qual war. Ich gab es auf.

Abends trank ich nun ihren furchtbaren Beuteltee, sehnte mich nach dem würzigen Kräutertee meiner Frau Sie wusste wirklich, wie Tee sein muss, ich kann den Duft und Geschmack noch immer abrufen. Und ihr Sauerbraten, ihre Frikadellen Meine Exfrau war eine perfekte Hausfrau. Und dann diese gemeinsamen Abende, an denen wir stundenlang diskutieren konnten über ein neues Buch, einen Film von Fassbinder

Einmal war ich spät abends zurück zur alten Wohnung gekommen. Nicht, um zu bleiben einfach nur so. Ich könnte nicht mal erklären, warum ich die ehemalige Wohnung aufsuchen musste. Mir wurde nicht geöffnet; ich stand im kalten Hausflur und hörte dahinter das leise Weinen meiner Frau. Ich wandte mich ab, setzte mich lange in den Hof und schaute zu den Fenstern, die mir einst so vertraut waren, bis das Licht dort erlosch

Mit der Zeit wuchs der Abstand, der uns trennte Annemarie regte mich immer mehr auf, sie nervte sich immer stärker an meinem älter werdenden Wesen. Wir hörten auf, gemeinsam auszugehen, die Abende verbrachten wir getrennt Und so fand ich mich eines Tages wieder vor der Tür meiner alten Wohnung, ohne genau zu wissen, wie ich dahin gekommen war.

* * *

Da stand ich also, starrte auf diesen silbrigen, schief eingeschlagenen Nagel, den ich damals so unbeholfen befestigt hatte, und wusste nicht, was ich tun sollte. Umdrehen und weggehen? Aber wohin, zu wem noch? Für Annemarie war ich längst uninteressant geworden. Hierbleiben? Aber würden sie mich noch wollen, würden sie verzeihen?

Der schiefe Silbernagel ließ mich nicht los. Ich streckte die Hand aus, berührte das kühle Metall mit der Fingerspitze. Die Tür schwang plötzlich leicht auf. Mir schlug der vertraute, dichte Duft meines alten Zuhauses entgegen. Ich schloss fest die Augen, sog das Gefühl tief ein und als ich sie öffnete… stand meine Frau im Türrahmen der Küche. Um ihre Augen lagen feine Falten und sie lächelte. Ich bin wieder da, dachte ich, trat über die Schwelle und lehnte die Tür hinter mir zu.

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