Gerd kam von der Jagd zurück – stinksauer, wie eine Wespe im Glas. Die Stiefel hat er an der Tür abgeworfen, einen links, einen rechts. Die Jacke auf den Haken geschmissen, daneben, und aufgehoben hat er sie auch nicht. Er ist in die Küche gestampft und hat mit dem Wasserkocher rumgeklappert.
Natascha saß im Wohnzimmer und hat auf ihrem Handy rumgescrollt. Sie hat gehört, wie ihr Mann rumläuft – schwer, nervös, jeder Schritt wie eine Anklage. Der rote Hund Max lag zu ihren Füßen, die Schnauze auf die Pfoten gelegt. Die Ohren angelegt, der Schwanz kein bisschen wedelnd. Er spürte immer sofort, wenn der Chef in so einer Laune war, und versuchte, ihm nicht in die Quere zu kommen.
„So“, sagte Gerd, und stellte sich in die Tür, die Hände in die Hüften gestemmt, genau wie immer, wenn er etwas Endgültiges von sich geben wollte. „Der Hund taugt nichts für die Jagd. Eine Null, kein Vorsteher, nichts. Ich hab ihn abgerichtet, abgerichtet – null Effekt. Die Ente fällt, er sitzt da. Der Hase hoppelt vorbei, er gähnt. Weg damit.“
Natascha hob den Kopf. Sie sah ihren Mann ruhig an, aufmerksam, so wie man einen Menschen ansieht, der was total Doofes gesagt hat, es aber selbst noch nicht kapiert hat.
„Weg damit?“, wiederholte sie, als würde sie das Wort erst probieren.
„Na, was denn? Den Taugenichts durchfüttern? Ein Jagdhund soll jagen. Und dieser hier…“ Gerd winkte in Richtung Max, der sich noch dichter an Nataschas Bein drückte. „Morgen bring ich ihn zu Braun, vielleicht haut der ihn weg. Wenn nicht, setz ich ihn an der Landstraße aus.“
„An der Landstraße aussetzen“ – da ist bei Natascha was gekippt.
Sie stand stumm auf. Max sprang sofort mit,blickte ängstlich von unten hoch. Natascha ging an ihrem Mann vorbei in den Flur, klappte die Klappe vom Abstellfach runter und holte den Koffer raus – einen großen, blauen auf Rollen. Denselben, mit dem sie mal nach Rügen gefahren waren, als sie noch zusammen wegfuhren.
Gerd sah ihr hinterher, sagte aber nichts. Er dachte wohl, sie räumt mal wieder saisonal um.
Aber Natascha machte Gerds Hälfte vom Schrank auf.
Hemden – eins, zwei, drei, vier. Ordentlich. Unterhosen, Socken – ins Seitenfach. Jeans – eine für Sonntag, eine für die Arbeit. Der graue Pulli, Geschenk von seiner Mutter. Den Rasierer aus dem Bad. Die Zahnbürste.
Gerd stand auf einmal im Schlafzimmer und starrte ein paar Sekunden. Dann fiel es ihm ein.
„Was machst du da?“
„Ich pack dir den Koffer“, sagte Natascha, in genau dem Ton, in dem sie normalerweise sagte „Das Essen steht auf dem Herd“ oder „Das Brot ist alle“.
„Was für ein Koffer? Wozu?“
„Du hast doch gesagt, es muss was weg. Also mach ich das.“
Gerd blinzelte. Dann setzte er sich langsam auf die Bettkante, als ob die Beine ihn nicht mehr trugen.
„Wegen dem Hund?“
„Nicht wegen dem Hund. Wegen dir.“
Sie zog den Reißverschluss zu und richtete sich auf. Max kam leise ins Zimmer und legte sich an die Türschwelle, als ob er Wache hielt.
„Gerd, ich sag dir mal was, weil wir gerade dabei sind. Du nennst Max einen Taugenichts. Kann nicht jagen, bringt nichts. Aber lass uns mal rechnen, wer hier was bringt.
„Natascha, fang nicht schon wieder an.“
„Max bringt keine Ente, stimmt. Dafür begrüßt er mich jeden Morgen, als ob ich ein halbes Jahr auf Geschäftsreise war. Er legt die Pfote aufs Knie, wenn ich heule. Und ich heule oft, Gerd. Weil du von der Arbeit kommst – und glotzt in den Fernseher. Von der Jagd – aufs Sofa. Mit mir hast du das letzte Mal richtig geredet, als die Stromrechnung so hoch war. Drei Sätze am Stück – das war ein Ereignis.“
Gerd machte den Mund auf.
„Du vergleichst mich jetzt mit nem Hund?“
„Ich vergleiche nicht. Ich stelle fest. Max lebt. Er spürt. Er liebt. Einfach so, ohne was zurückzuerwarten. Er braucht nicht, dass ich dünn bin oder Kartoffelsalat mach. Er braucht, dass ich da bin. Wann, Gerd, hast du dich das letzte Mal gefreut, dass es mich gibt?“
Stille hing im Raum, schwer wie nasse Wäsche auf der Leine, unbequem.
Gerd starrte auf den Koffer. Dann auf seine Frau. Max hob den Kopf und sah ihn an, ohne Vorwurf, ohne Wut. Einfach gucken. Hunde können nicht grollen, ihr Herz ist zu groß dafür.
„War doch nicht ernst gemeint“, sagte Gerd. „Hab mich aufgeregt. Die Männer haben mich aufgezogen.“
„Die Männer haben dich aufgezogen. Und damit du vor denen nicht blöd dastehst, wolltest du ein Lebewesen rausschmeißen, das dir vertraut. Das zu dir gerannt kommt, wenn du nach Hause kommst. Und dass du es aussetzt, weiß er nicht. Er denkt, du bist gut.“
Gerd fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Stoppeln – zwei Tage rasiert er sich nicht auf der Jagd.
„Und der Koffer – ernsthaft?“
Natascha schwieg. Draußen stritten Spatzen auf der Eberesche. Der Kühlschrank brummte und verstummte.
„Ernsthaft, Gerd. Es geht nicht um Max. Max war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Du redest von einem Lebewesen so – ‚weg damit‘, ‚an die Landstraße‘. Und wenn ich dir morgen nicht passe – machst du mich dann auch weg? Bringst mich zu meiner Mutter – ‚funktioniert nicht mehr, nehmt sie zurück‘?“
„Jetzt übertreibst du aber.“
„Du hast übertrieben. Schon lange. Siehst nicht mehr, dass da Leben um dich rum ist. Ich bin lebendig. Max ist lebendig. Wir sind keine Werkzeuge. Kein Gewehr, das man verkloppen kann, wenn es schlecht schießt. Wir sind Familie. Und Familie schmeißt man nicht weg.“
Gerd saß da und fühlte sich, wie er sich lange nicht mehr gefühlt hatte. Früher war das so – er sagte was, sie stimmte zu. Nicht, weil Natascha keinen Charakter hat. Sie konnte schweigen – geduldig. Sie hat ihn geschont, alles glattgebügelt. Und er hatte sich dran gewöhnt, dass er jeden Mist sagen konnte – und passierte nichts.
Aber jetzt doch.
Max kam zu Gerd und stupste ihn mit der nassen Nase an die Hand. Einfach so, weil er sah: dem Menschen geht’s schlecht. Und wenn’s einem schlecht geht, muss man da sein. Das wusste Max nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Bauch, mit seinem ganzen roten Fell.
Gerd sah den Hund an. Die nasse Nase, die braunen Augen, den Schwanz, der zaghaft wedelte – so, na, Frieden?
Und da hat’s ihn erwischt. Nicht bis zu den Tränen – Mann bleibt Mann. Aber irgendwas kippte in ihm um, wie ein Boot in der Welle – platsch, und du bist auf der anderen Seite.
„Natascha. Räum den Koffer weg.“
„Wozu?“
„Weil…“ Er streichelte Max über den Kopf. „Weil ich ein Idiot bin.“
„Das weiß ich. Die Frage ist: ein Idiot, der noch lernen kann, oder einer, bei dem man auf Granit beißt?“
Gerd grinste. Selbst jetzt – sie konnte das.
„Lernt noch. Tut mir leid. Für Max. Und für alles.“
Natascha ging zum Koffer, machte ihn auf. Holte den Rasierer und die Zahnbürste raus, legte sie aufs Nachttischchen.
„Die Hemden hängst du selber auf.“
Gerd nickte. Er beugte sich zu Max und kraulte ihn hinterm Ohr.
„Na, du Taugenichts“, sagte er mit ein bisschen rauer Stimme. „Leben wir weiter?“
Max wedelte so heftig mit dem Schwanz, dass er fast die Stehlampe umriss. Er sprang hoch, leckte Gerd über die Nase. Setzte sich und sah die beiden an – mit diesem Ausdruck, den nur Hunde haben: absolute, völlig unverdiente Glückseligkeit.
Auf die nächste Jagd fuhr Gerd ohne Max. Er kam mit zwei Enten und einer Tüte Zuckerbeine vom Markt zurück.
„Für wen sind die?“, fragte Natascha, obwohl sie es wusste.
„Für den Taugenichts“, brummte Gerd. Und lächelte.
Den Koffer hat Natascha wieder hoch ins Abteil geräumt. Aber nicht ganz nach hinten. Nur so, dass man ihn schnell wieder rausholen konnte.
Für alle Fälle.