Der Vorarbeiter rief um sieben Uhr morgens an und sagte ein einziges Wort: Hund. Gerd Weber brauchte einen Moment, um zu begreifen, was ein Hund mit dem Abriss des alten Schuppens zu tun hatte.
„Was für ein Hund, Viktor?“
„Ein roter. Mittelgroß. Lässt uns nicht ran, knurrt, steht vor der Tür. Kurz und gut – wir können nicht arbeiten.“
„Ihr seid vier erwachsene Männer mit Brecheisen.“
„Gerd, sie geht nicht weg. Wir haben geschrien, einen Stock geworfen, gestampft. Sie läuft fünf Meter zurück und kommt wieder. Legt sich direkt auf die Schwelle.“
Gerd setzte sich im Bett auf und rieb sich das Gesicht mit den Handflächen. Durchs Fenster zog feuchte Luft herein, die erste Maifeuchte, wenn die Erde die Kälte noch nicht losgelassen hat.
Das Grundstück hatte er im März gekauft. Das Haus war solide, die Wände hielten, aber der Schuppen stand am Rand wie ein fauler Zahn: schief, mit abblätternder grüner Farbe, eingebrochenem Dach und einem schweren Geruch nach morschem Holz, der sogar über das Grundstück hinweg zu riechen war.
Der Abriss war für Samstag geplant. Die Mannschaft, der Container, der Vorschlaghammer. Alles bezahlt.
Und jetzt ein Hund.
Er zog sich an, goss Kaffee in eine Thermoskanne und stieg ins Auto. Unterwegs trank er einen Schluck, verbrannte sich die Zunge und wurde noch wütender.
Streuner gab es am Stadtrand von Berlin genug: sie lungerten an den Mülltonnen herum, wärmten sich an der Fernwärmeleitung, bettelten vor dem Edeka. Aber dass eine einzige Promenadenmischung vier Männer aufhielt, kam ihm lächerlich vor.
Auf der Zufahrt zum Grundstück rief er zurück.
„Geht nicht weit. Ich bin gleich da, regle das.“
„Sind wir nicht. Wir sitzen hier und rauchen. Der Hund liegt. Die Lage ist stabil.“
Das letzte Wort sagte der Vorarbeiter mit einer solchen Gelassenheit, dass Gerd das Lenkrad fester umklammerte.
Auf dem Grundstück herrschte Stille. Der Vorschlaghammer lag im Gras, das Brecheisen lehnte am Zaun. Viktor saß auf einem umgedrehten Eimer und rauchte, die Flamme mit der Hand gegen den Wind schützend. Zwei Arbeiter kauten Butterbrote in der Fahrerkabine des Transporters, mit einem Gesichtsausdruck, als ob sie fürs Warten bezahlt würden.
„Da ist sie.“
Vor der Tür des Schuppens, direkt auf der Schwelle, lag eine rotbraune Hündin. Weder groß noch klein. Ein Auge war leicht zugekniffen, entweder verletzt oder von Geburt an so. Das Fell stellenweise verfilzt, an den Flanken traten die Rippen hervor. Sie bellte nicht. Sie lag da, die Schnauze auf die Pfoten gelegt.
„Habt ihr versucht, von der anderen Seite ranzugehen? Da ist die Wand morsch, man könnte mit dem Brecheisen…“
„Versucht. Sie läuft um und stellt sich genau an die Stelle, wo wir reinkriechen.“
Der abgekühlte Kaffee schmeckte bitter auf der Zunge. Gerd trank aus, stellte die Tasse auf einen Zaunpfosten und ging zum Schuppen. Mit jedem Schritt veränderte sich der Geruch. Erst Gras und Erde, dann feuchtes Holz, Fäulnis. Und noch etwas, schwach und schwer fassbar, das er nicht bestimmen konnte.
Die Hündin hob den Kopf. Sie knurrte nicht. Sie stand einfach auf und spannte den ganzen Körper an. Das Fell entlang des Rückens stellte sich langsam auf, der Schwanz zuckte nervös.
„Verschwinde!“
Er stampfte mit dem Fuß auf, dumpf.
Sie wich einen halben Schritt zurück. Erstarrte. Und kehrte zurück. Sie stellte sich vor die Tür, versperrte den Spalt zwischen Türblatt und Rahmen. Sie fletschte nicht die Zähne. Sie sah ihn an.
Er ging in die Hocke, um auf Augenhöhe mit ihr zu sein. Anderthalb Meter zwischen ihnen. Die Augen waren braun, dunkel, mit einem feuchten Glanz, das linke tränte leicht. Wut lag nicht darin. Da war etwas anderes, wofür er damals kein Wort fand.
Einer der Arbeiter kam näher und hielt ihm ein abgebrochenes Stück Stock hin.
„Sollen wir sie kräftiger verjagen?“
„Nicht nötig.“
„Viktor sagt, der Tierfang kommt erst Dienstag. Aber der Container steht nur bis heute Abend zur Miete.“
„Ich weiß.“
Die Knie knackten, als er sich aufrichtete. Das Geräusch wirkte zu laut für den stillen Morgen. Die Hündin bewegte sich nicht.
„Ich gehe selbst rein.“
„Und wenn sie beißt?“
„Sie beißt nicht.“
Er sagte das aus Wut, nicht aus Überzeugung. Und trat auf die Tür zu.
Die Hündin knurrte. Leise, fast unhörbar. Ein Kehlton, der nicht Angst machte, sondern Unbehagen. Seine Hand stieß die Tür auf. Das Holz quietschte, die Unterkante schabte über den Boden, die Scharniere kreischten so laut, dass sich der Arbeiter am Transporter umdrehte.
Er zwängte sich seitlich hinein.
Drinnen war es dunkel. Und warm. Nicht sommerlich, sondern anders: dick, feucht, als ob die Luft von selbst atmete.
Gerd blieb auf der Schwelle stehen. Diesen Geruch kannte er. Seine Mutter hatte früher Kätzchen von der Straße mitgebracht, sie in einem Karton neben der Heizung untergebracht, und im Zimmer hatte es genau so gerochen.
Die Augen gewöhnten sich erst nach und nach. Zuerst zeichnete sich die Werkbank ab: leere Farbdosen, ein Knäuel Draht, eine Schaufel ohne Stiel. Dann der Boden. Lehm, festgetreten, mit Büscheln von vorjährigem Heu. Spinnweben zogen sich vom Balken zur Wand, und darin glitzerte ein einzelner Tropfen, rund und schwer.
Der Blick glitt in die hinterste Ecke. Dort, wo das Dach noch hielt und durch einen Spalt zwischen den Brettern ein dünner Lichtstreifen fiel.
Dort lag eine Decke.
Grau, abgewetzt, mit Fransen an den Rändern. Er hatte sie im März gesehen, als er das Grundstück vor dem Kauf besichtigte. Damals dachte er: Obdachlose haben hier genächtigt. Oder der frühere Besitzer hat sie liegenlassen. Er trat dagegen, um den Boden zu prüfen, und vergaß sie.
Jetzt war die Decke zu einem Nest geformt. Darauf lagen Welpen.
Vier. Winzig klein, höchstens zwei Wochen alt. Die Augen geschlossen, die Ohren an den Kopf gepresst wie Blütenblätter. Sie wuselten übereinander, stupsten mit blinden Schnauzen in den Stoff und fiepten leise, auf einem Ton. Einer, der kleinste, mit einem dunklen Fleck auf dem Rücken, hatte sich unter den Rand der Decke gekrochen und zuckte mit der Hinterpfote im Schlaf. Der Lichtstreifen fiel schräg auf sie, und das Fell wirkte nicht mehr rotbraun, sondern golden.
Die Knie gaben nach. Er ließ sich in die Hocke sinken, die Hände hingen herab. Er rührte sich nicht.
Dann griffen die Finger von selbst nach vorn und berührten einen winzigen Rücken. Warm.
Der Welpe wachte nicht auf. Er bewegte die Pfote und zog sich näher an seine Geschwister.
Ein Rascheln hinter ihm.
Gerd erstarrte. Die Hündin war lautlos hereingekommen, umrundete ihn und legte sich neben die Welpen. Er erwartete ein Fletschen, ein Knurren, irgendein Geräusch. Aber sie legte sich einfach hin und begann, sie zu lecken. Methodisch, ruhig, mit der Zunge vom Kopf bis zum Schwanz. Als wäre der Mensch nicht da. Als gäbe es auf der ganzen Welt nur das, was auf dieser grauen Decke lag.
Der Kleinste fand die Mutter als Erster. Er saugte sich fest und strampelte mit den Pfoten. Die anderen krabbelten nach, und der Schuppen füllte sich mit leisem Schmatzen. Die Hündin schloss das zugekniffene Auge und legte den Kopf auf die Pfoten. Genau so, wie sie vor einer halben Stunde auf der Schwelle gelegen hatte. Nur der Gesichtsausdruck war anders. Nicht angespannt. Weich.
Er saß lange da. Zählte die Minuten nicht. Die Knie wurden taub, im Rücken zog die Feuchtigkeit des Lehmbodens hoch.
Dann stand er auf und ging hinaus.
Viktor lehnte am Zaun und trank den Rest Tee aus der Thermoskanne. Aus der Fahrerkabine des Transporters plärrte die Wettervorhersage.
„Na, was ist? Ratten?“
„Welpen.“
Der Vorarbeiter erstarrte mit der Kanne in der Hand. Er blickte zum Schuppen, dann zum Grundstücksbesitzer.
„Wie bitte?“
„Genau so. Sie hat in der Ecke geworfen, auf der Decke. Vier Stück. Noch blind.“
Viktor schwieg. Kratzte an der Narbe am linken Handgelenk. Eine Angewohnheit, die er immer bekam, wenn eine Situation nicht in den Kostenvoranschlag passte.
„Also. Reißen wir ab oder nicht?“
Die Tür des Schuppens stand noch einen Spalt offen, und durch den Spalt war die rotbraune Flanke zu sehen. Die Hündin lag ruhig da, hob nicht den Kopf. Sie wusste, dass er draußen war, und zuckte nicht.
Das war es, was ihm durch den Kopf ging. Die Hündin hatte nicht gebissen, nicht angegriffen, nicht weggelaufen. Sie stand da. Sie hatte keine Möglichkeit, vier Männer mit Brecheisen aufzuhalten. Nur Sturheit. Und eine Schwelle, hinter der die lagen, die weder die Augen öffnen noch weglaufen noch um Gnade bitten konnten.
„Nein. Wir reißen nicht ab.“
„Wann dann?“
„Wenn sie größer sind.“
Viktor zuckte mit den Schultern, pfiff der Mannschaft, und das übliche Chaos des Zusammenpackens begann. Das Brecheisen klirrte gegen den Vorschlaghammer. Die Thermoskanne stieß gegen die Bordwand. Die Fahrertür schlug zu.
Das Telefon war in seiner Hand, bevor er nachdenken konnte.
„Ingrid, hier ist was passiert. Wir brauchen Hundefutter. Und einen Napf. Nein, zwei.“
Seine Frau begann zu fragen, während er zusah, wie die rotbraune Schnauze aus dem Spitz lugte und dem Transporter nachschaute, der am Tor wendete. Der Wind trug Geruch von frischem Gras, Benzin und etwas Blühendem vom Nachbargrundstück. Das zugekniffene Auge der Hündin blinzelte einmal.
Er steckte das Telefon weg und ging zum Auto. Im Kofferraum lag eine Flasche Wasser und die Butterbrote, die seine Frau jeden Morgen „für alle Fälle“ einpackte. Das Wasser holte er zuerst heraus. Er sah sich um. An der Wand des Schuppens, rechts neben der Tür, stand ein Blechnapf. Alt, verrostet, verbeult, mit eingetrockneten Rändern am Boden.
Das Wasser aus der Flasche floss in den rostigen Boden. Die Hündin kam nicht heraus. Nur die Nase zuckte im Türspalt, feucht und glänzend.
Er setzte sich auf die Stufe des Hauses und wickelte das Butterbrot aus. Wurst auf Brot, nichts Besonderes. Er biss ab, kaute.
Ein Vogel hinterm Zaun trillerte immer denselben Ton, als ob er prüfte, ob ihn jemand hörte.
Der Schuppen stand. Die Farbe blätterte weiter ab, das Dach senkte sich auf der rechten Seite. Und aus der angelehnten Tür zog es warm und nach Milch.
Die graue Decke in der Ecke war jetzt kein Müll mehr, sondern das erste Nest für vier kleine Geschöpfe.