Karl Heinrich, gerade weil er seinen spärlichen Abendfang in den geflochtenen Korb legt und sich auf den schmalen Pfad zu seiner ramponierten Kutsche schleppt, bleibt wie vom Blitz getroffen erstarrt. Es ist kein Trugbild. Aus dem dichten, undurchdringlichen Nebel des Flusses dringt erneut das gleiche Geräusch kein Schrei, sondern ein sterbender Stöhnen, so animalisch schaurig, dass ihm ein Schauer über den Rücken läuft. Eine Frau schreit. Der Wind heult durch die Kronen uralter Kiefern und zerreißt ihre Stimme, doch einzelne Worte lassen sich noch vernehmen. Sie ruft nicht nur um Hilfe, sie fleht, legt ihre ganze restliche Seele in den Aufschrei. Und neben ihr ist noch jemand, dessen panische Wasserlachen bis ans Ufer dringt.
Ohne zu zögern wirft Karl den Korb, und ein paar silbrig glänzende Fischchen flitzen auf den nassen Sand. Während er seine schwere, abgenutzte Jacke und die zerfurchten Arbeitshosen auszieht, bleibt er nur in einem zerschlissenen Unterhemd. Er stürzt sich in das schwarze, erstickende Wasser. Der Wind, wie ein wütendes Tier, schürt die Wellen, peitscht Schaum und Spritzer ins Gesicht.
Das Schwimmen ist kaum zu ertragen. Das sonst träge Gewässer schlägt heute heimtückisch und stark zu, greift nach den Füßen mit kalten, seilartigen Armen. Fast in der Mitte des Flusses, dort wo das Wasser besonders finster und tief ist, ringt verzweifelt das Mädchen Gretchen. Ihr dunkles Haar, wie Seegras, wirbelt über die Wellenkämme und versinkt dann hilflos in der schwarzen Tiefe, die ihr den Kopf verschlingt. Der junge Mann, den sie so scheint es verzweifelt um Hilfe fleht, hat bereits das gegenüberliegende Ufer erreicht. Er wirft keinen Blick zurück, seine Bewegungen sind scharf und ängstlich. Er holt ein aufblasbares Boot, späht mit tierisch wilderem Blick umher und eilt am Waldrand entlang, um im Schutz der Bäume zu verschwinden.
Gretchen ruft nicht mehr. Sie taucht nicht an die Oberfläche. Als Karl Heinrich, mit letzter Kraft paddelnd, die tödliche Stelle erreicht, kreisen nur langsame, unheilvolle Spiralen im Wasser. Sein Herz geht ihm bis in die Zehenspitzen. Er macht einen tiefen Atemzug, füllt die Lungen, und taucht in die eisige Murk. Seine Hände treffen auf das glitschige Material seiner Jacke, er greift den kraftlosen Körper von hinten und nutzt die andere Hand wie ein Paddel, stampft verzweifelt mit den Beinen nach hinten, Richtung Ufer. Jeder Zug brennt wie Feuer in den Muskeln, jeder Atemzug klingt wie ein Stöhnen. Doch er treibt weiter, klammert sich an das Leben und an die Hand, die er im Griff hat.
Er zieht Gretchen an das Ufer, ohne sich von Erschöpfung stoppen zu lassen, und beginnt zu handeln. Hände, die an schwere Arbeit gewöhnt sind, bewegen sich schnell und präzise Drehungen, Druck, künstliche Beatmung. Trübe Flusswasser fließt ihm aus den Lungen, und die gerettete Gestalt hustet ein heiseres, stockendes Geräusch. Der Atem wird schwach, aber gleichmäßig. Jetzt muss er sie wärmen. Er sammelt die noch glimmenden Reste eines alten Lagerfeuers, baut auf der warmen Asche eine Plattform aus flachen Flusssteinen, legt darüber eine dicke Schicht aus weichem Tannenfell. Vorsichtig legt er Gretchen darauf, deckt sie mit seiner einzigen, von Rauch und Schweiß durchdrungenen Jacke zu. Er sammelt die verstreuten Sachen am Ufer, spannt das nasse Hemd über den verhärteten Körper und setzt sich zum neuen Feuer, die zittrigen, vom Frost bleichen Hände ausstreckend.
Die Wärme dringt nur schleppend ein, als wolle sie die erstarrte Haut kaum berühren. Gretchen liegt regungslos, ein schwacher Dampfstoß ihres Atems verrät das Leben. Das kalte Wasser und der Schock haben ihre Spuren hinterlassen, doch Karl weiß: mit der Zeit wird sie wieder zu Bewusstsein kommen. Das weiß er, wie er jede Biegung dieses Flusses kennt.
Er hebt den Blick zum Himmel, der ganz von schweren, tief hängenden Wolken bedeckt ist. Durch das bleierne Tuch dringen weder Sterne noch die Mondsichel. Es ist leer und trostlos.
Sein Blick fällt auf die flackernden Flammen, und sie tragen ihn zurück zu jenem fernen, ebenso graumelancholischen Abend, der ihm alles genommen hat.
Er, Gretchen und der kleine Max kamen zur Fischerei, wie fast jeden Sommer. Nachdem seine Frau Lena mit dem Kleinen das Zelt aufgeräumt hatte, setzte Karl den alten, aber zuverlässigen Kahn ab.
Heizt euch Tee auf, ich komme gleich mit dem Fang zurück, dann essen wir die beste Fischsuppe der Welt!, zwinkert er Leni fröhlich, sein Gesicht strahlt in unbeschwerter Freude.
Sei vorsichtig, Vati, das Wetter schlägt um, warnt sie besorgt und blickt zu den aufziehenden Wolken.
Ich kenne jeden Stein hier! Keine Sorge!, ruft er vom Wasser aus, seine Paddel durchschneiden die spiegelglatte Oberfläche.
Er wirft die Leine aus, taucht ein in das gewohnte Ritual des Wartens. Plötzlich verdunkelt sich der Himmel, als wäre die Nacht hereinbrochen. Ein Sturmwind biegt die Bäume bis zum Boden, und ein Wassermauerwerk stürzt vom Himmel herab. Das Boot wird herumgewirbelt, ein lauter Knall ertönt der Kiel kratzt an einem verborgenen Unterwasserstamm, spitz wie ein Dolch. Ein scharfer, beißender Geruch nach Metall steigt auf, und im nächsten Moment zerfällt das Boot zu einem formlosen Stück Gummi.
Karl versucht zu schwimmen, doch ein stechender Krampf in der kalten Flasche lähmt sein Bein. Der Kampf gegen die wütende Strömung ist aussichtslos. Das Wasser reißt ihn, wirft ihn gegen etwas Hartes, und die Dunkelheit verschlingt sein Bewusstsein. Er erwacht erst am dritten Tag, liegt auf einem harten Strohbett in einer fremden, rauchigen Hütte. Der Versuch aufzustehen löst Schwindel und Übelkeit aus. In diesem Moment tritt ein alter Mann, das Gesicht von Falten wie einer Landkarte, durch die Tür.
Du hast dich endlich wieder aufgerappelt, knurrt er ohne großen Ausdruck, stellt eine Schüssel mit dampfender Suppe auf einen Hocker. Trink das Kraut, es stoppt das Bluten. Und iss einen Löffel Brei, sonst gehst du drauf.
Wo bin ich?, röchelt Karl, und als er den Namen einer fernen, unbekannten Region hört, begreift er erschrocken, dass er Hunderte Kilometer von zu Hause fortgetragen wurde.
Ein fieser Schlag, junger Mann, murmelt der Alte nach kurzem Schweigen. Fast tote Jäger brachten dich zu mir. Dachten, du gehst nicht mehr.
Karl versucht erneut aufzustehen, der Alte wedelt mit seiner trockenen Hand ab: Bleib liegen, mach keinen Heldenkram. Du hast zu viel Blut verloren das ist das Ende. Jetzt nur noch sterben, wenn du dich bewegst. Erhole dich und gib dich geschlagen.
Aber meine Familie! Meine Frau, mein Sohn Sie wissen nicht, dass ich lebe!, klingt in Karls Stimme verzweifelt. Er stellt sich vor, wie Lena verzweifelt um ihn weint, sein Herz verkrampft sich zu einem harten Knoten.
Nachrichten gibts hier nicht, schnauft der Alte. Kein Briefkasten, nur Wald, Wölfe heulen, Bären brüllen. Ganze Tundra um uns herum.
Wie lebt ihr hier?, fragt Karl neugierig.
Wie? Kräuter, Pilze, Nüsse, Beeren. Im Winter lagern wir Vorräte. Jäger kommen gelegentlich, bringen Geschenke. So lebe ich seit zwanzig Jahren. Der Alte seufzt schwer und klettert mühsam zurück auf sein Bett im Eck. Schlaf. Kräfte sammeln.
Er schnarcht bald, während Karl das matte Licht einer Kerze betrachtet. Der Schatten tanzt an den Wänden, lässt Gesichter seiner Frau und seines Sohnes erscheinen. Die Sehnsucht ist so scharf, dass er die Zähne zusammenbeißt, um nicht zu stöhnen. Hinter der Wand heult der Sturm, nimmt alle Wege und Hoffnungen hinweg.
Die Tage vergehen gleich, wie Knoten in einer Leine. Jede noch so kleine Bewegung Drehen, Sitzen, Löffelheben wird zu einem kleinen Sieg, der ein Stück Freude schenkt.
Er steht schließlich auf, wobei die alte Prophezeiung des Mannes eintrifft. Als er zum ersten Mal mit einem Krückstock das Haus verlässt, liegt die Welt in einem blendend weißen, unberührten Schneeteppich.
Wie soll ich von hier wegkommen?, fragt er leise den Wirt, bemüht, Verzweiflung nicht in die Stimme zu legen.
Gar nicht, schnauft der Alte knapp. Zu Fuß bist du noch nicht fähig, zum Weg ein Tag oder mehr. Alles ist zugeschneit. Bleib bis zum Frühling, wenn du dich erholst, dann führe ich dich.
Und die Jäger? Können sie helfen?
Jäger ziehen im Winter woanders hin. Im Frühling und Herbst kommen sie hierher. Vielleicht gibt es Glück, aber die Wege sind jetzt unpassierbar. Der Alte schüttelt den grauen Kopf und legt ein weiteres Holzscheit ins Feuer.
Plötzlich reißt Karl ein Bild aus der Erinnerung. Das Herz zieht sich zusammen, dieselbe alte, vertraute Schmerzen. Er schiebt das Feuer mit trockenen Zweigen, steht auf und geht zur geretteten Gretchen. Ihr Atem wird tiefer und ruhiger, das Bewusstsein kehrt langsam zurück. Er richtet ihre Jacke gerade und kehrt zum Feuer zurück, lässt die Vergangenheit erneut in den Strudel seiner Gedanken ziehen.
Der alte Mann spricht kaum. Sobald Karl genug Kraft hat, um sich in der Hütte zu bewegen, hilft er ein wenig: räumt Schnee am Eingang, sammelt Holz, schürt das Feuer. Die einfache Suppe aus wirren Wurzeln und Kräutern isst er nun ohne Widerwillen Hunger und Überlebensinstinkt überwiegen. Der Tee, den der Alte aus Sommerkräutern aufbrüht, erinnert ihn an Lena; sie liebte Minze und Majoran im Tee. Diese Erinnerungen sind süß und bitter zugleich, wie eine Wunde, die ständig zu schmerzen scheint.
Der Winter zieht endlos weiter, als wäre die Zeit in einer Eiskapsel erstarrt. Erst im Frühling schmilzt der Schnee zögerlich, gibt Zentimeter für Zentimeter den Boden frei. Zwei weitere Monate kämpfen Winter und Frühling, bis Karl schließlich wieder Kraft in den Beinen spürt, und der Alte liegt krank im Bett.
Ich kann dich nicht mehr begleiten, wie wir es geplant hatten, keucht er. Ich bin jetzt selbst geschwächt. Ich hab dich hochgezogen, jetzt muss ich mich selbst richten.
Wie willst du hier allein bleiben? Komm mit mir! In der Stadt gibt es Ärzte, ein Krankenhaus!
Ärzte?, winkt der Alte ab. Kein Arzt würde dich so reparieren. Sie schneiden nur. Wir haben die Gärung und Kräuter, wir haben es geschafft. Geh. Und mach dir keine Sorgen um mich. Ich komme wieder. Er erklärt Karl den Weg, und Karl, dankbar für die Rettung, macht sich auf den Weg.
Die Straße, die er einst kannte, verwandelt sich nach ein paar Stunden in ein irren Labyrinth. Er läuft bis zur Dämmerung, findet aber keine Spur eines Pfades. Die Nacht verbringt er unter Tannenzweigen. Am Morgen weckt ihn ein leises Rascheln hinter dem Rücken. Im Halbdunkel erkennt er mehrere leuchtende grüne Punkte Wölfe. Ohne zu zögern klettert er auf die nächsthöhere Kiefer, klammert sich mit den Fingern an die raue Rinde, bis die Tiere, die das Geschehen als sinnlos erkannten, in der tiefen Nacht verschwinden. Der Abstieg erscheint ihm wie ein richtiger Tod.
Er wandert weiter, ohne Hoffnung. Tage vergehen, Begegnungen mit Wildschweinen, Luchsen, die von den Ästen aus beobachten, werden zur Routine. Nächte in Bäumen sind eine harte Notwendigkeit. Er lebt von den Beeren, Wurzeln, trinkt aus klaren Bächen, schläft in kurzen Abschnitten, immer wachsam gegenüber jedem Geräusch. Aufgeben kommt nicht in Frage. Er muss zu seiner Familie zurück, am Leben.
Zwei Wochen wandert er durch die endlose, gnadenlose Tundra, verliert das Zählen von Tagen und Nächten.
Eines Tages, zwischen den Bäumen, entdeckt er ein dunkles Rechteck eine Hütte. Er kriecht hinein, fast bewusstlos vor Erschöpfung, und das Glück, das ihn überkommt, ist fast schmerzhaft. Es ist ein JagdWinterlager, doch die rostige Türschließklinke verrät, dass hier seit Langem niemand gewesen ist. Innen riecht es nach Staub, trockener Kiefer und Mäusen. Durch das einzige staubige Fenster blickt ein breites Bett mit dünner Matratze, darunter ein zusammengerolltes Fell. Auf dem Tisch liegen ein Stück Salz in einem Tuch, eine Schachtel Streichhölzer, ein Sack Getreide und ein Metallbecher.
Er tritt nach draußen, sammelt Zweige, findet eine kleine Lichtung und entfacht ein Feuer. In einer Konservendose kocht er Wasser vom Bach und brüht getrocknete Johannisbeeren und Minzblätter, die er an der Hütte gefunden hat. Der erste Schluck heißen, duftenden Tranks lässt ihn fast glücklich werden. Zurück in der Hütte verriegelt er die Tür, blockiert sie mit einem Stock und kuschelt sich in das harte, aber trockene Fell.
Er schläft wie ein Besorgter, zum ersten Mal seit Monaten. Ein Bär brüllt in der Nähe beängstigend, doch das Wissen, dass ihn die massiven Lärchenwände schützen, gibt Kraft.
Was als Nächstes zu tun ist, bleibt unklar. Durch das fremde Waldgebiet zu streifen, wäre Selbstmord. Hier gibt es wenigstens ein Dach, etwas Nahrung und relative Sicherheit. Er entscheidet, zu bleiben, zu überleben. Das Verlassen des Ortes wäre später besser, als niemals zurückzukehren.
Die Streichhölzer sind knapp, er lernt, Feuer mit einem Feuerstein zu machen, trocknet Pilze und Beeren im Ofen, sammelt heilende Kräuter, erinnert sich an die Lehren des alten Heilers.
Ein Monat, vielleicht länger, vergeht. Eines Morgens weckt ihn ein fernes, klares Geräusch Schüsse und das Bellen von Hunden. Er springt aus der Hütte, noch im Unterhemd, und rennt zum Ursprung, keucht, stolpert über Wurzeln.
Einige Jäger erscheinen, vier Männer, die zufällig in diesem Teil des Waldes waren. So gelingt Karl, zu Menschen zurückzukehren. Auf dem Rückweg zur Stadt fährt er mehr als einen Tag mit Mitfahrgelegenheiten, kaum schlafend, die Hände voller Angst. Endlich steht er vor der Tür seiner gemieteten Wohnung. Das Herz hämmert, als würde es aus der Brust springen. Er klopft. Die Tür öffnet ein fremder Mann in einem weiten T-Shirt.
Der Mann erzählt, dass er seit drei Monaten hier lebt, und dass die vorherigen Mieter sofort ausgezogen sind, nachdem ihr Mann ertrunken war.
Ertrunken. Das Wort klingt wie ein Urteil, ein dumpfer Hammerschlag auf den Kopf. Lena glaubt, ich sei tot
Er blickt auf das dunkle Wasser, atmet tief ein und schwört, nie wieder das Leben seiner Lieben dem Fluss zu überlassen.