Anna: Nie vertraute sie ihrem Mann.

Anna vertraut ihrem Mann nie. Deshalb muss sie sich immer auf sich allein verlassen so läuft es in ihrem Familienleben.

Ihr Ehemann Wolfgang ist schön wie ein Mohnblütenfeld und er ist das Herz jeder Runde. Er trinkt nur in Maßen, raucht nicht und hat kein Interesse an Fußball, Angeln oder Jagen. Kurz gesagt: Ein guter Kerl fast ein Prinz.

Durch diese positiven Eigenschaften ahnt Anna, dass Wolfgang außerhalb des heimischen Hauses Trost sucht. Solche Männer findet man nicht jeden Tag. Und die Jägerinnen werden sicher auch auftauchen

Ein wenig beruhigt Anna jedoch: Wolfgang liebt ihren kleinen Sohn Finn über alles. Er widmet jede freie Minute dem Jungen. Deshalb glaubt Anna, dass diese leidenschaftliche väterliche Liebe ausreicht, um die Familie zusammenzuhalten.

In der Schule wird Heike Anna heißt nun Heike, weil dieser Vorname fast ausschließlich in Deutschland vorkommt wegen ihrer feuerroten Haare und Sommersprossen, die ihr ganzes Gesicht übersäen, von anderen Rotschopf genannt.

Ihre Mutter, eine echte Schönheit, hat ihr von klein auf gesagt: Heike, du bist für mich das hässliche Entlein. Entschuldige den Vergleich, aber diese bittere Wahrheit muss ausgesprochen werden. Wer sonst wird dir das ins Gesicht sagen? Nur deine leibliche Mutter. Heiraten wird dir kaum jemand abnehmen. Deshalb musst du dich im Leben allein durchsetzen. Lern fleißig, mach nach der Schule deine Karriere und, falls ein guter Mann kommt, sei ihm eine gehorsame Ehefrau.

Heike nimmt diese Worte für ihr ganzes Leben mit.

Nach dem Abitur mit Goldmedaille bewirbt sie sich an der HumboldtUniversität in Berlin. Dort lernt sie ihren zukünftigen Mann kennen. Heike versteht nicht, warum ein so begehrter junger Mann ihr den Hof macht. Wolfgang gesteht später, sie sei die einzige Frau, zu der er den Mut gehabt habe, heranzugehen. Heike trägt nie Makeup, kleidet sich unauffällig und versteht es nicht, mit Männern zu flirten. Sobald sie erkennt, dass Wolfgang ernsthaft um sie wirbt, ergreift sie selbst die Initiative. Sie schlägt ihm die Ehe vor. Wolfgang ist zunächst überrascht von diesem unverschämten Angebot, doch Heike verspricht, eine sanfte, gehorsame und treue Ehefrau zu sein. Die Liebe kommt mit der Zeit, sagt sie ihm.

Nach einigem Zögern stimmt Wolfgang zu, sein Leben mit dieser unscheinbaren, aber lebhaften Frau zu verbinden. Seine Mutter, Viktoria Oskarine, steht dem Ganzen skeptisch gegenüber. Als Wolfgang Heike zum ersten Mal nach Hause bringt, mustert Viktoria Oskarine sie mit missbilligendem Blick. Heike gefällt ihr überhaupt nicht: Mein Sohn ist ein Sonnenschein, schöner als die rote Sonne, heller als der Mond. Jede Frau würde um ihn kämpfen und dann kommt diese SommersprossenKatastrophe.

Das erste Treffen verläuft also alles andere als perfekt.

Heike spürt die Unzufriedenheit der Schwiegermutter. Tief im Innern weiß Anna, dass ein hübscher Mann das Familienglück gefährden könnte. Trotzdem gibt sie ihre Chance nicht auf. Sie besucht Viktoria Oskarine ohne Wolfgang. Sie muss ihr zukünftiges Heiratsglück retten es hängt am seidenen Faden.

Viktoria Oskarine, die seit Jahren allein lebt, weil ihr Mann sie für eine neue Liebe verlassen hat, nimmt Heike freundlich auf, schenkt ihr Tee und meint überrascht: Ich gewöhne mich daran. Heike verspricht, ihres Sohnes treue und gehorsame Frau zu sein. Dieses Versprechen überwiegt alle äußerlichen Makel.

Viktorias eigene Ehe ist gescheitert. Ihr ExMann verließ sie und den Sohn für eine Geliebte, kehrte ein Jahr später völlig erschöpft zurück, aber die Familie seiner Familie akzeptierte ihn nicht. Jahrzehntelang stellte sich Viktoria immer wieder die Frage, ob sie den untreuen Mann verzeihen sollte.

Sie beschließt, den Wunsch ihres Sohnes zu unterstützen, weil es nicht leicht ist, einen Jungen allein zu erziehen. Sie erkennt, dass Heike alles tun wird, um Wolfgang zu bekommen sogar über holprige Wege. So segnet sie die Ehe von Wolfgang und Heike.

Ein Jahr später wird ihr Sohn Finn geboren. Er ist ein exakter Zwilling seines Vaters und Viktoria ist überglücklich. Wolfgang schwebt über dem Jungen wie ein verliebter Schmetterling; Finn wird zum Mittelpunkt seines Lebens.

Doch die Liebe zu seiner Frau bleibt aus. Auch Heike entwickelt keine leidenschaftlichen Gefühle für Wolfgang. Ihr Alltag ist ruhig: Sie wäscht und bügelt seine Hemden, kocht Mittag und Abendessen, küsst ihn GuteNachtaufdieWange. Wolfgang übergibt das gesamte Gehalt an Heike, schenkt ihr zum Geburtstag Blumen, küsst sie morgens und eilt dann zur Arbeit. Das Ganze wirkt eher wie Ritual denn wie Liebe.

Nach fünf Jahren findet Wolfgang das gesuchte Gefühl jedoch nicht in seiner eigenen Familie. Es ist eine Frau von himmlischer Schönheit, die ihn Böhme heißt. Alles an ihr wirkt überirdisch und verführerisch. Wolfgang kann den Reizen dieser Göttin nicht widerstehen.

Böhme erwidert seine Gefühle. Sie treffen sich halbjährlich in Cafés, auf Parkbänken oder bei Freunden. Das geheime Treffen erschöpft Wolfgang immer mehr, er lügt seine Ehefrau an. Finn sieht seinen Vater zunehmend verärgert, nicht mehr fröhlich. Wolfgang kann Böhme nicht loslassen.

Böhme stellt die Bedingung: Entweder du heiratest mich, oder wir bleiben nur Freunde. Ich habe keine Lust, alte Frauen zu daten. Wolfgang ist ratlos. Er will Böhme nicht verlieren, aber Finn ist ihm ebenso wichtig. Anna (Heike) ist für ihn in diesem Moment völlig aus dem Sinn.

Als Finn fünf Jahre alt ist, packt Wolfgang seine Sachen und verlässt das Haus.

Heike erinnert sich immer wieder an die Worte ihrer Mutter. Früher waren diese Worte schmerzhaft, jetzt jedoch erkennt sie, dass sie den Weg aus der Tragödie kennt. Sie wird nicht von einer Brücke springen, nicht in drei Bächen weinen die Impfung ihrer Mutter schützt sie vor den Stürmen des Lebens.

Natürlich hat diese bittere Geschichte ihr Herz ein Stück zerrissen. Der Splitter liegt tief im Inneren und wartet auf sein Schicksal. Glück ist wie ein freier Vogel er setzt sich, wo er will.

Heike muss das Glas der verlassenen Ehe austrinken. Am Abschied sagt sie zu Wolfgang: Denk dran, die Tür bleibt immer offen. Komm nicht zu lange zurück. Finn liebt dich sehr. Lass ihn nicht leiden.

Wolfgang kehrt die nächsten sechs Monate immer wieder zwischen Sohn und Böhme hin und her.

Heike bewahrt sorgfältig die Zahnbürste ihres ExMannes im Bad, in einem kleinen Becher. Jedes Mal, wenn Wolfgang zum Sohn geht und sich die Hände wäscht, blickt die Bürste ihm tränenreich entgegen ein stummes Mahnmal. Eines Tages steckt Wolfgang die Bürste in seine Tasche: Ich werfe sie weg, damit sie mich nicht quält.

Doch bei seinem nächsten Besuch findet er im Becher eine neue Bürste.

In der Küche wartet immer noch seine Lieblingskaffeetasse, im Flur liegen die Hausschuhe, die leise auf den Besitzer warten. All diese Kleinigkeiten nagen an Wolfgangs Gewissen. Er will schnell mit Finn spielen und das Haus verlassen. Er kann sich selbst nicht erklären, warum er die Familie verlässt eine unbekannte, unbezwingbare Kraft zieht ihn zu Böhme. Seine Seele zerreißt.

Er fragt sich ständig: Wie kann ich meine Lieben nicht verletzen? Wer zeigt mir den Ausweg?

Vielleicht könnte Heike ihm die Tür verbieten, ihn verfluchen oder ihn anklagen. Doch Heike schweigt demütig. Jedes Mal, wenn Wolfgang geht, sagt sie nach dem Spiel mit Finn ruhig: Komm zurück, Wolfgang. Vergiss uns nicht.

Wolfgang kehrt zu Böhme völlig erschöpft zurück. Sie mag die ständige Aufregung um Finn nicht. Sie warnt ihn: Wenn ich dich verlasse, dann nur wegen deines Lieblingssohns. Du kümmerst dich mehr um ihn als um mich.

So vergehen Jahre.

Freundinnen flüstern Heike zu: Gott sei Dank, du hättest längst heiraten sollen! Was wartest du? Finn braucht einen Vater nicht nur an Festtagen, sondern jeden Tag! Und du bist noch jung! Vergiss Wolfgang! Wenn der Strauch nicht lieb ist, singt die Amsel nicht im Nest. Er wird Böhme nicht verlassen.

Heike hört die Predigten, seufzt und schweigt.

Nach und nach hören die Freundinnen auf, sie zu drängen. Alle gewöhnen sich daran, dass sie allein ist.

Die Zeit vergeht unerbittlich.

Wolfgang besucht Finn nicht mehr. Vater und erwachsener Sohn treffen sich nur noch an neutralen Orten. Finn beendet die Schule. Heike erkennt endgültig, dass ihr Mann nie zurückkehren wird zwölf Jahre sind seit seinem Weggang vergangen.

Sie setzt einen endgültigen Punkt hinter diese Phase und wartet nicht länger auf Wolfgang. Sie ist noch stark genug, ein zweites Kind zu bekommen. Sie bucht eine Reise in ein warmes Urlaubsland. Dort erlebt sie eine kurze, unverbindliche Romanze ohne Verpflichtungen, einfach nur ein Flirt am Strand.

Neun Monate später bekommt Finn eine kleine Schwester, Mia.

Alle Freundinnen sind überrascht über Heikes entschlossenen Schritt. Sie stehen vor dem Kreißsaal und warten gespannt. Die junge Mutter kommt erschöpft, aber glücklich, mit einem kleinen, rosarot geschmückten Paket in den Händen.

Hallo, Mädels! Bitte liebt und verwöhnt meine Mia! lächelt Heike.

Eine Freundin neckt sie: Und wie nennt man sie mit Vaters Namen?

Heike schnappt zurück: Bis zum Erwachsenwerden muss sie erst wachsen!

Kein Spott kann Heikes große Freude trüben. Ihr Leben dreht sich jetzt nur noch um die Erziehung von Mia.

Finn ist ihr erster und unverzichtbarer Helfer. Er liebt seine kleine Schwester. Fragen zum Vater beantwortet er nicht seine Mutter ist überglücklich, das ist alles, was zählt.

Als Mia mit drei Jahren in den Kindergarten geht, wird sie von den anderen Kindern erleuchtet. Sie lernen, dass es neben Müttern auch Väter gibt!

Mia versucht, ihren Bruder Finn als Papa zu bezeichnen das ist lustig und zugleich bitter.

Eines Abends klingelt es an Heikes Tür. Mia stürzt zur Tür und ruft: Das ist mein Papa!

Heike schaut durch den Türspion und sieht Wolfgang! Sie öffnet die Tür weit.

Darf ich reinkommen, Heike? fragt der späte, unerwartete Besucher und tritt ein.

Wolfgang stellt zwei prall gefüllte Taschen beiseite und legt seinen Rucksack ab.

Mia rennt zum fremden Mann und umarmt ihn: Mama, das ist mein Papa, oder?

Heike, Tränen in den Augen, antwortet: Ja, Mia, das ist dein Vater.

Wolfgang hebt das kleine Mädchen auf, küsst ihre Sommersprosse und streichelt ihre goldenen Locken: Hallo, mein kleiner Rotschopf! Dann legt er sich an Heikes Hand und küsst sie leidenschaftlich.

Vielen Dank, Heike! Kannst du mir verzeihen? fleht er, kniet nieder.

Heike ergreift vorsichtig Wolfgangs Ellbogen, lässt ihn nicht auf die Knie sinken.

Willkommen, mein bitterer Honig! Du warst 17 Jahre fort. Keine Vorwürfe, keine Groll. Wer die Vergangenheit erwähnt, verliert die Gegenwart. Wir brauchen einen Vater. sagt sie mit leichter Erleichterung.

Finn steht daneben mit weit geöffneten Augen, staunt und lächelt.

Einige Wochen später ruft Heike ihre neugierige Freundin an und sagt: Du wolltest den Vornamen meiner Tochter wissen? Sie heißt Maria WolfgangMayer.

Die Geschichte geht weiter, doch hier endet das gegenwärtige Geschehen.

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