Heike, geh doch in die Küche!, sagte ich, als ich den Ton von Thomas hörte, und ich hielt es nicht mehr aus.
Heike starrte auf ihr Handy. Thomas schrieb zum vierten Mal innerhalb einer halben Stunde: Du Tussi, heb endlich ab!.
Sie saß hinter dem Steuer eines Übungswagens der Fahrlehrer erklärte das parallele Einparken. Das Handy vibrierte erneut.
Darf ich antworten? Dein Mann macht sich Sorgen.
Klar.
Thomas, ich sitze gerade im Auto
Warum greifst du nicht zum Hörer? Ich ruf dich doch!
Man darf ja nicht während
Aha, also ist das Recht, ein Auto zu lenken, wichtiger als dein Mann. Wann bist du zu Hause?
In einer Stunde bin ich da.
Wer macht das Abendessen? Oder soll ich das übernehmen?
Der Fahrlehrer drehte sich um, tat so, als würde er nichts hören.
Ich komme gleich, ich koch was.
Schön, sonst dachte ich, meine Frau ist jetzt die neue Unternehmerin.
Zuhause liegt Thomas auf der Couch und scrollt durch sein Handy. Seit drei Monaten hat er keinen Job mehr er sagt, es sei nur eine Übergangszeit, aber die Bewerbungen stapeln sich.
Wie läufts in deiner Fahrschule? Noch schweres Zeug?, fragte er, und seine Stimme klang wieder wie ein altes Lächeln.
Ganz okay, heute haben wir das Einparken geübt.
Ach, richtig anspruchsvoll, das ist ja wie ein ganzes Studium, oder?
Heike schlüpfte in die Küche. Im Spülbecken stapelten sich noch das schmutzige Geschirr vom Frühstück.
Thomas, sollen wir endlich die Umzugskartons auspacken? Es ist schon Februar, und wir wirken immer noch wie gestern eingezogen.
Er hob den Kopf vom Bildschirm.
Was soll da ausgepackt werden? Machst du das allein.
Könnten wir nicht zusammen machen? Und gleich noch ein bisschen aufräumen
Thomas stand auf und kam näher. In seinen Augen lag ein kalter Funke.
Heike, geh doch in die Küche!, murmelte er leise, aber deutlich. Er schrie nicht. Diese Stille war schlimmer als jeder Schrei.
Heike blieb wie angewurzelt stehen.
Was hast du gesagt?
Ich hab gesagt, du sollst das Essen vorbereiten!
Wir reden doch gerade über die Kartons
Wovon reden wir? Du hast dich verlegen. Ich sagte, du schaffst das allein.
Etwas brach in Heike zusammen nicht vor Ärger, sondern vor Erkenntnis. Sie erinnerte sich an die Silvesterparty bei Thomas Freunden, wo er das Herz der Runde war. Er flirter mit allen Frauen, machte Witze, half der Gastgeberin. Und später im Auto sagte er:
Warum hast du den ganzen Abend geschwiegen? War dir peinlich?
Ich gehe nicht in die Küche!, sagte Heike plötzlich.
Thomas zog die Augenbrauen hoch.
Was?
Ich gehe nicht!
Heike, mach nicht so ein Drama. Wir reden doch ganz normal miteinander.
Normal? Wann hast du das letzte Mal normal mit mir geredet?
Thomas legte das Handy beiseite.
Was sollen deine Vorwürfe sein? Ich habe nur einen Scherz gemacht.
Einen Scherz? Du Tussi, nimm das Telefon ist doch auch ein Scherz?
Kann man nicht zur Frau schreiben?
Kann man, aber nicht Tussi.
Ach, das ist doch egal! Du weißt doch, dass ich es nicht böse meine.
Versteh ich. Deshalb habe ich die ganze Zeit geschwiegen.
Heike setzte sich an das Bett.
Weißt du, was mir der Fahrlehrer heute gesagt hat? Du hast sichere Hände. Stell dir das vor zu Hause habe ich Angst, um Hilfe beim Auspacken zu bitten.
Angst?
Thomas lachte.
Na, das geht doch!
Ich habe Angst, dass du mir zeigst, wie wertlos ich bin.
Das ist doch nicht wahr! Das erfindest du dir nur.
Erfinde ich? Erinnerst du dich, wie du bei den Nachbarn gesagt hast, ich sei in der Fahrschule am Feiern?
Das war doch witzig!
Du fandest es witzig. Mir war es peinlich.
Thomas setzte sich neben sie aufs Sofa.
Hör zu, wenn dir meine Wortwahl nicht gefällt
Dann was?
Die Tür bleibt wo sie ist.
Stille. Heike sah ihn an. Er entschuldigte sich nicht, erklärte nichts, zeigte nur auf die Tür.
Okay.
Sie stand auf, zog aus dem Schrank eine Reisetasche und fing an, Sachen zu packen.
Was machst du gerade?
Das, was du vorgeschlagen hast.
Wohin gehst du?
Zu Anja.
Du läufst kurz rum und kommst dann zurück wie immer.
Wie immer?
Frauen lieben Dramen. Türen zuschlagen, Tränen vergießen, Freundinnen zur Seite nehmen.
Heike stopfte Dokumente, Kosmetik, Ladekabel in die Tasche.
Und dann heimlich zurückschleichen!
Sie nahm die Kiste mit Hochzeitsfotos, zog ein Bild heraus sie beide im Standesamt, glücklich.
Würdest du so mit mir reden?
Thomas blickte aufs Foto.
Da waren Menschen.
Und wer ist hier?
Das ist Familie. Man kann locker lassen.
Heike legte das Foto behutsam zurück, schloss die Tasche.
Locker lassen Verstanden.
Warte, lass uns reden.
Worum soll ich reden? Du hast schon gezeigt, was ich für dich zu Hause bin.
Im Flur zog sie ihre Jacke an. Thomas stand barfuß in Hausschuhen.
Lass das! Alle Paare streiten doch!
Wir haben nicht gestritten.
Heike griff nach der Tür:
Du hast einfach entschieden, dass du jetzt alles darfst.
Die Tür knarrte. Hinter ihr hallte eine Stimme:
Du wirst nicht so leicht abhauen!
Zwei Wochen später kam die Nachricht: Komme morgen, wenn ich die Uhrzeit checke. Die Freundin Anja schüttelte den Kopf:
Warum triffst du dich mit ihm?
Ich will sicher sein, dass ich recht habe.
Im Café am Hauptbahnhof kam Thomas eine halbe Stunde zu spät.
Wie gehts?, fragte er, setzte sich, ohne sich zu entschuldigen.
Gut.
Wo wohnst du gerade?
Bei Anja, also noch nicht fest. Das Wort noch nicht war ein altes Muster, um die Situation zu mildern.
Zuhause ist Chaos. Das Geschirr dreckig, die Wäsche ungewaschen. Zum Glück hat die Nachbarin mit den Lebensmitteln geholfen.
Eine junge, hübsche Kellnerin, etwa 25, kam.
Was möchten Sie?
Zwei Kaffees, sagte Thomas mit einem Lächeln.
Und was Süßes?
Wir haben tolle Kuchen
Dann nehme ich das Beste.
Thomas zog seinen Ring ab und legte ihn auf den Tisch.
Jetzt, wo zu Hause nichts mehr Ordnung hat, kann ich mich mit Desserts trösten.
Die Kellnerin lachte.
Kochen Sie selbst?
Natürlich! Der Mann macht auch Haferbrei. Wichtig ist, dass keiner über Socken auf dem Boden stolpert.
Heike sah auf den Ring.
Und keiner verlangt Hilfe beim Putzen.
Thomas fuhr fort. In dem Moment merkte sie, dass er die Geschichte zu einer Anekdote für die nächste Frau machte.
Also,, wandte er sich wieder an sie, solls Ende des Stückes sein? Ohne dich ists zu öde zu Hause.
Nein.
Was denn?
Ich komme nicht zurück.
Thomas sah sie zum ersten Mal wirklich an.
Echt?
Ja.
Heike stand, legte das Geld für den Kaffee auf den Tisch.
Warte. Weißt du, was du da tust?
Ich weiß, das ist das erste Mal seit drei Monaten.
Heike! Wir sind doch erwachsene Menschen!
Genau deshalb gehe ich.
Draußen fiel leichter Schnee. Im Café erklärte Thomas der Kellnerin, dass seine Frau wohl wieder zu anspruchsvoll sei.
Ein Monat später wohnte Heike in einer Einzimmerwohnung, hatte ihren Führerschein und einen neuen Job. Im Supermarkt traf sie Thomas mit einer jungen Dame. Sie lachten beim Einkauf, während Heike unbeobachtet vorbeiging.
Sie dachte: Wie lange, bis er wieder Heike, geh doch in die Küche sagt? Einen Monat? Zwei?
Abends stand Heike am Fenster ihrer kleinen Wohnung mit einer Tasse Tee. Auf dem Tisch lag das Handy, still und ruhig. Niemand schrieb ihr mehr Du Tussi, nimm das Telefon.
Sie dachte an die Frauen, die glauben, ihr Mann sei nie böse, dass alle Männer so sind. Statt Verurteilung fühlte sie nur Traurigkeit.
Das Handy blinkte eine Nachricht von einer Kollegin über ein morgiges Meeting, sachlich und respektvoll.
Heike lächelte, antwortete und setzte sich dann aufs Sofa in ihrer eigenen Wohnung, wo sie um Hilfe bitten kann, ohne Angst vor Späßen.