Liselotte, geh bitte in die Küche!hörte ich plötzlich die Stimme meines Mannes, und ich konnte nicht mehr warten.
Lena starrte auf ihr Handy. Andreas schrieb zum vierten Mal innerhalb von dreißig Minuten: Du Trottel, nimm das Telefon ab.
Sie saß am Steuer eines Übungswagens ihr Fahrlehrer erklärte das Parallelparken. Das Handy vibrierte erneut.
Darf ich kurz antworten?Er macht sich Sorgen.
Natürlich.
Andreas, ich sitze gerade im Auto
Warum nimmst du nicht ab? Ich rufe doch!
Man darf ja nicht beim Fahren telefonieren
Ach ja, verstanden. Der Führerschein ist wichtiger als dein Mann. Wann bist du zu Hause?
In etwa einer Stunde.
Wer macht das Abendessen? Oder soll ich das allein übernehmen?
Der Fahrlehrer wandte sich ab, als würde er nichts hören.
Ich komme gleich, koche etwas.
Na, das ist ja gut. Ich dachte schon, meine Frau ist jetzt eine Geschäftsführerin.
Zuhause lag Andreas auf dem Sofa und wischte die Hände über das Telefon. Seit drei Monaten hatte er seinen Job verloren, nannte das nur vorübergehend, doch die Jobsuche zog sich wie Kaugummi.
Wie läuft die Fahrschule? Schwierige Wissenschaft?
In seiner Stimme lag ein vertrautes Lächeln.
Ganz ok. Heute haben wir das Parallelparken geübt.
Ach, das ist ja ein ganzes Fachgebiet, oder?
Lena schlurfte zur Küche. Im Spülbecken stapelten sich schmutzige Tassen vom Frühstück.
Andreas, sollen wir endlich die Umzugskartons auspacken? Es ist schon Februar, und wir fühlen uns, als wären wir erst gestern eingezogen.
Er hob den Kopf vom Bildschirm.
Was soll da ausgepackt werden? Das schaffst du alleine.
Wir können ja zusammen machen. Und gleich noch putzen
Andreas stand auf und kam näher. Ein kühler Blick blitzte durch ihn hindurch.
Liselotte, geh bitte in die Küche!
Er sprach leise, aber eindringlich, nicht laut. Genau das Flüstern war gruseliger als jeder Schrei.
Lena erstarrte.
Was hast du gesagt?
Wie ich hörte! Geh und koch das Abendessen!
Wir haben doch über die Kartons geredet
Worüber reden wir? Du hast genäht. Ich habe gesagt, du schaffst das allein.
Etwas brach in Lena innen zusammen nicht aus Ärger, sondern aus Erkenntnis. Sie erinnerte sich an die Silvesterparty bei den Freunden von Andreas, wo er das Herz der Runde war.
Er flirtete mit allen Frauen, witzelte, half der Gastgeberin. Und dann im Auto sagte er:
Warum hast du die ganze Zeit geschwiegen? War dir peinlich?
Ich gehe nicht in die Küche!
Andreas hob überrascht die Brauen.
Was?
Ich gehe nicht!
Liselotte, übertreib nicht. Wir haben doch normal geredet.
Normal? Wann hast du das letzte Mal ganz normal mit mir geredet?
Andreas legte das Handy beiseite.
Was soll das? Ich habe nur einen Scherz gemacht.
Einen Scherz? Du Trottel, nimm das Telefon das war auch ein Scherz?
Kann man seiner Frau nicht schreiben?
Schon, aber nicht Trottel.
Ach, egal! Du weißt ja, dass ich das nicht böse meine.
Verstehe ich. Deshalb habe ich die ganze Zeit geschwiegen.
Lena setzte sich ans Bett.
Weißt du, was mein Fahrlehrer heute gesagt hat? Sie haben sichere Hände. Stell dir das vor sichere Hände! Und zu Hause habe ich Angst, um Hilfe beim Auspacken zu bitten.
Angst?
Andreas lachte.
Na, viel Glück dann!
Ich habe Angst, weil ich weiß, du würdest wieder zeigen, wie unbrauchbar ich bin.
Gar nicht! Das erfindest du nur.
Erfinde ich? Erinnerst du dich, wie du bei den Gästen gesagt hast, ich sei in der Fahrschule am Spaß haben?
Das war doch lustig!
Du fandst es lustig. Mir war es peinlich.
Andreas setzte sich neben sie aufs Sofa.
Hör zu, wenn dir meine Wortwahl nicht gefällt
Dann was?
Die Tür bleibt, wo sie ist.
Stille. Lena blickte den Mann an. Er entschuldigte sich nicht, erklärte nichts, zeigte nur auf die Tür.
In Ordnung.
Sie stand auf, zog eine Reisetasche aus dem Schrank und begann, Dinge zu packen.
Was machst du?
Das, was du vorgeschlagen hast.
Wohin gehst du?
Zu Oksana.
Du joggst kurz, dann kommst du zurück wie immer.
Wie immer?
Frauen lieben Dramen. Türen knallen lassen, den Freundinnen weinen.
Lena stopfte Dokumente, Kosmetik, Ladekabel in die Tasche.
Und dann klebe ich mich wieder zurück!
Sie griff nach einer Schachtel mit Hochzeitsfotos, holte ein Bild hervor sie beide im Standesamt, glücklich.
Redest du hier so mit mir?
Andreas sah das Foto an.
Da waren Leute.
Und hier?
Hier ist Familie. Wir können entspannen.
Lena legte das Foto behutsam zurück, schloss die Tasche.
Entspannen klar.
Warte. Lass uns reden.
Worüber reden? Du hast mir gerade gezeigt, was ich zu Hause für dich bin.
Im Flur zog sie ihre Jacke an. Andreas stand barfuß in der Hausschlafhose.
Hör auf! Alle Paare streiten.
Wir haben nicht gestritten.
Lena griff nach der Türklinke:
Du hast einfach entschieden, du kannst jetzt alles.
Die Tür rumpelte. Hinter ihr erklang:
Verschwinde nicht zu weit!
Zwei Wochen später kam eine Nachricht: Komme morgen, sobald ich die Zeit klar habe.
Freundin Oksana schüttelte den Kopf:
Warum willst du dich mit ihm treffen?
Ich will sicher sein, dass ich Recht habe.
Café am Hauptbahnhof. Andreas kam eine halbe Stunde zu spät.
Wie gehts?
Er setzte sich, entschuldigte sich nicht für das Zuspätkommen.
Gut.
Wo wohnst du?
Bei Oksana, vorerst.
Das Wort vorerst kam wie eine Gewohnheit, um die Situation zu mildern.
Zuhause ist Chaos. Geschirr schmutzig, Wäsche ungewaschen. Zum Glück hat die Nachbarin mit den Lebensmitteln geholfen.
Die Kellnerin, eine sympathische Brünette um die fünfundzwanzig, kam heran.
Was möchten Sie?
Zwei Kaffees, sagte Andreas mit einem Lächeln.
Und etwas Süßes?
Wir haben tolle Kuchen
Dann nehmen wir das Beste.
Er nahm den Ring von seiner Hand und legte ihn auf den Tisch.
Jetzt, wo zu Hause alles ordentlich ist, kann ich mich mit Desserts trösten.
Die Kellnerin lachte.
Kochen können Sie auch selbst?
Natürlich! Der Mann macht auch mal Brei. Wichtig ist nur, dass keiner über Socken auf dem Boden stolpert.
Lena sah auf den Ring.
Und keiner verlangt Hilfe beim Putzen.
Andreas fuhr fort. In diesem Moment erkannte sie, dass er ihre Geschichte zu einem Witz für irgendeine andere Frau umdrehte.
Also,, wandte er sich an sie, beenden wir das Schauspiel? Ohne dich ist es zu langweilig zu Hause.
Nein.
Was? Nein?
Ich komme nicht zurück.
Zum ersten Mal sah Andreas sie aufmerksam an.
Ehrlich?
Ja.
Lena stand auf, legte das Geld für den Kaffee auf den Tisch.
Halt. Weißt du, was du da tust?
Ich weiß. Zum ersten Mal seit drei Monaten.
Lena! Wir sind doch erwachsene Menschen!
Genau deswegen gehe ich.
Draußen fiel nasser Schnee. Im Café erklärte Andreas der Kellnerin offenbar, wie unzumutbar seine Frau sei.
Ein Monat später hatte Lena eine Einzimmerwohnung gemietet, den Führerschein erhalten und einen neuen Job gefunden.
Eines Tages begegnete sie Andreas im Supermarkt er stand mit einer jungen Dame, lachten beim Auswählen von Produkten. Lena ging unbemerkt vorbei.
Sie dachte: Wie lange, bis er wieder sagt: Liselotte, geh in die Küche!? Einen Monat? Zwei?
Abends stand Lena am Küchenfenster mit einer Tasse Tee. Auf dem Tisch lag das Handy, still und friedlich. Niemand schrieb ihr mehr Du Trottel, nimm das Telefon.
Sie dachte an all die Frauen, die glauben, ihr Mann sei nicht böse, dass alle Männer so sind, und fühlte nicht Verurteilung, sondern Traurigkeit.
Das Handy blinkte eine Nachricht von einer Kollegin über das morgige Meeting, sachlich und höflich.
Lena lächelte, antwortete und setzte sich dann auf das Sofa in ihrer eigenen Wohnung, wo man um Hilfe bitten kann, ohne sarkastische Bemerkungen.
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