Es war Winter, ich war sieben Jahre alt, als eine Frau mit ihrer betagten Mutter in unserem großen Mietshaus in Berlin einzog. Die Frau hieß Helga und sie war stumm. Die Erwachsenen erzählten, dass sie aus einem abgebrannten Dorf kamen. Ihnen wurde ein kleines Zimmer in einer Wohngemeinschaft zugewiesen, wo die anderen drei Bewohner, wie man heutzutage sagt, nicht gerade das beste Sozialverhalten zeigten. Dort wurde ständig gefeiert, gestritten und es endete oft in einer betrunkenen Schlägerei. Die Nachbarn hatten Mitleid mit den neuen Bewohnern, aber was konnte man schon ändern?
Helga bekam eine Arbeit als Hausmeisterin in unserem Innenhof. Jeden Morgen ging sie mit einem tief ins Gesicht gezogenen Kopftuch, einer zu großen Jacke und einer Schneeschaufel hinaus, denn es war Februar. Vor Helga hatte unsere Hausmeisterarbeiten Frau Klara gemacht. Sie war laut, pedantisch und mochte es, über das Leben der anderen im Hof zu urteilen. Besonders unser ruhiger Nachbar Herr Michael bekam davon am meisten zu spüren. Er lebte mit seiner alten Mutter, die später verstarb, allein in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Michael war ein großes, breitschultriges und sehr freundliches Wesen. Er arbeitete als Lagerarbeiter im Supermarkt, wahrscheinlich aufgrund seiner Kraft und Größe, um schwere Kisten mit Keksen und Äpfeln zu heben. Oft schenkte er mir Süßigkeiten und fuhr mich ab und zu zur Schule.
Michael lebte nicht ganz alleine; bei ihm wohnte auch Struppi, sein magerer und zerrupfter gestreifter Kater, den er letzten Sommer aufgenommen hatte. Fast jeden Tag reparierte Herr Michael seinen alten VW Käfer: Mal ragten seine langen Beine unter dem Auto hervor, mal schaute sein Hinterteil aus dem geöffneten Kofferraum heraus. Struppi saß oft dabei und beobachtete den Hof. Trotz ständiger Pflege sprang der Käfer nur schwer an, hustete, nieste und stieß dicke Wolken aus dem Auspuff, und wenn er den Hof verließ, blubberte er noch lange unzufrieden vor sich hin. Klara klagte über alle drei: Michael, weil er seinen “alten Schrott” nicht reparieren konnte, Struppi, der “ungepflegte Flöhepelz” und über den Käfer, weil er ihr, wie sie sagte, “mit seinen Abgasen Asthma beschere”. Dann aber wurde es ruhig im Hof, als Klara zu ihrer Tochter fuhr, um sich um ihre Enkelkinder zu kümmern.
In jenem Februar schneite es ungewöhnlich stark. Über Nacht waren die Wege kniehoch zugeschneit. Jeden Morgen schippte Helga still den Schnee beiseite, und nur Michael half ihr dabei. Gemeinsam räumten sie den Hof, und Michael baute aus dem Schnee sogar eine Rutsche für uns Kinder.
Es geschah im Frühling, als die Märzsonne den Schnee in Pfützen verwandelte, die über Nacht zu Eis gefroren. Helga rutschte aus, fiel und brach sich das Bein. Michael brachte sie mit seinem Käfer aus dem Krankenhaus nach Hause und trug sie auf den dritten Stock. Drei Tage lang brachte er Lebensmittel in die Wohngemeinschaft, doch als er die schwierigen Umstände dort sah, wickelte er Helga am vierten Tag in eine Decke und trug sie zu sich nach Hause. Ihre Mutter folgte zögerlich, indem sie sich an Michaels Ärmel festhielt.
„Es ist für alle besser, und ich muss nicht ständig hin und her laufen. Sie sollen bleiben, so lange sie wollen“ erklärte Michael den neugierigen Nachbarn. Solange Helga nicht raus konnte, übernahm Michael die Hausmeisteraufgaben und besorgte Medikamente für Helga in der Apotheke.
Anfang April feierte ich meinen Geburtstag. Meine Mutter hatte einen großen Apfelkuchen gebacken und vorgeschlagen, ihn den Nachbarn anzubieten. Mit meiner neuen Puppe und dem Kuchenpaket machte ich mich auf den Weg zu Michael. Ich wurde herzlich empfangen: Michael schenkte mir eine Schachtel Pralinen, die Großmutter lobte meine Puppe, und Helga hatte zwei Kleider für sie genäht. Auch wenn sie nicht sprechen konnte, lächelte sie stets freundlich. Außerdem war Helga sehr hübsch. Bis zu diesem Tag hatte ich sie nur mit Kopftuch und Jacke gesehen, aber ihre langen, goldenen Haare fielen in einem dicken Zopf, und sie hatte eine schlanke Figur.
Michael erzählte später meiner Mutter, dass Helga sehr gut auf ihrer alten Nähmaschine nähen konnte. Meine Mutter brachte ihr blauen Stoff und Helga nähte mir in zwei Tagen ein wunderschönes Kleid. Bald kamen weitere Nachbarn mit Bestellungen. Helga hatte mehr Arbeit, aber sie war zu allen freundlich und ihre Arbeiten fanden viel Anklang, besonders da sie nur wenig Geld dafür verlangte.
Als Helga der Gips abgenommen wurde, spazierte sie mit einem Stock im Hof. Anfang Mai war alles grün. Michael fegte den Hof, Helga saß auf der Bank und beobachtete ihn.
Ende Mai, als ich aus der Schule kam und in unseren Hof einbog, sah ich eine kleine Menschenmenge und ein glänzendes, großes schwarzes Auto. Ich hörte, wie ein Nachbar sagte: „Tja, nun, Michael, verabschied’ dich von deiner Helga, der Reiche nimmt sie jetzt mit.“ Michael saß auf der Bank und rauchte; seine Hände zitterten. Bald darauf kam ein gut gekleideter Mann aus dem Haus, stieg in das Auto und fuhr davon, während Michael weinte.
Später erklärte mir meine Mutter, dass ein reicher Mann Helga abgeholt habe, aber sie blieb bei Michael.
In der Folgezeit kamen reiche Damen zu Helga und sie nähte ihnen elegante Kleider. Michael fand eine Arbeit als Busfahrer und fuhr mich manchmal kostenlos durch die Stadt. Sie renovierten die Wohnung und kauften neue Möbel. In einem Zimmer wohnte Helgas alte Mutter, in dem anderen Helga mit Michael. Sie kauften auch ein neues Auto. Struppi wurde fett und hübsch, da er nicht mehr hinausging und stets auf dem Sofa schlief. Michael sagte, das sei Helgas Wunsch, damit Struppi nicht von Hunden verletzt wird. Ich fragte meine Mutter, wie Helga das wünschen konnte, ohne zu sprechen. Und meine Mutter antwortete, dass Menschen, die sich lieben, mit dem Herzen kommunizieren und Worte nicht brauchen.
P.S.: Unser neuer Hausmeister heißt nun Herr Klaus. Er ist nett und hat für die Kinder einen Sandkasten sowie eine Schaukel gebaut.