Als unser zweites Kind zur Welt kam, hörte Anna auf, sich um sich selbst zu kümmern. Früher wechselte sie ihre Kleidung fünfmal am Tag, immer auf der Suche nach dem perfekten Look, doch nach ihrer Rückkehr aus der Entbindungsklinik in München schien sie vergessen zu haben, dass es mehr gibt als ein ausgeleiertes Sweatshirt und eine Jogginghose, deren Knie wie traurige Fahnen herunterhingen.
In diesem „herrlichen“ Aufzug schlich meine Frau nicht nur ständig herum – sie lebte darin, Tag und Nacht, und legte sich oft sogar so ins Bett, als wäre es ihre zweite Haut geworden. Wenn ich nach dem Warum fragte, murmelte sie nur, dass es so praktischer sei, nachts zu den Kindern aufzustehen. Eine gewisse Logik war nicht zu leugnen, doch all die stolzen Grundsätze, die sie mir einst wie ein Evangelium gepredigt hatte – „Eine Frau muss immer Frau bleiben, egal wie dunkel die Zeiten sind!“ – waren wie vom Winde verweht. Anna vergaß so vieles: ihren geliebten Friseursalon in Augsburg, das Fitnessstudio, das sie einst für unverzichtbar hielt, und – verzeihen Sie die intime Offenheit – sie ließ morgens sogar den BH weg, schlurfte mit hängender Brust durchs Haus und fand daran nichts Bemerkenswertes.
Natürlich zerfiel auch ihr Körper. Alles ging den Bach runter – die Taille, der Bauch, die Beine, selbst ihr Hals verlor jede Form. Ihre Frisur? Ein Albtraum: entweder ein wildes, zerzaustes Nest, als hätte ein Sturm sie heimgesucht, oder ein hastig gedrehter Dutt, aus dem die Strähnen wie verzweifelte Hilferufe herausstachen. Das Schlimmste war, dass Anna vor der Geburt eine Schönheit war – eine glatte Eins mit Sternchen! Wenn wir durch die Straßen von Nürnberg spazierten, drehten sich die Männer nach ihr um, ihre Blicke klebten an ihr. Das schmeichelte mir – neben mir schritt diese strahlende Göttin, und sie gehörte mir ganz allein! Jetzt… von dieser Göttin war nichts mehr übrig, nur ein verblasster Schatten.
Unser Zuhause war ein Spiegelbild ihres Verfalls – ein trostloses Chaos. Das Einzige, was sie noch zustande brachte, war Kochen. Hand aufs Herz: Anna war eine Küchenfee, und über ihr Essen zu klagen wäre eine Sünde gewesen. Doch alles andere? Eine Katastrophe.
Ich versuchte, sie wachzurütteln, flehte sie an, sich nicht so gehen zu lassen, aber sie schenkte mir nur ein schuldbewusstes Lächeln und versprach Besserung. Die Zeit schleppte sich dahin, und meine Geduld schwand – jeden Tag dieses Wrack einer Frau vor mir zu sehen, wurde unerträglich. An einem düsteren Abend fällte ich das Urteil: Scheidung. Anna versuchte, mich umzustimmen, wiederholte ihre leeren Versprechen, doch sie schrie nicht, sie kämpfte nicht. Als sie erkannte, dass mein Entschluss in Stein gemeißelt war, seufzte sie nur:
– „Wie du willst… Ich dachte, du liebst mich…“
Ich ließ mich nicht auf ein sinnloses „Liebst du mich oder nicht“-Spiel ein. Ich reichte die Papiere ein, und bald darauf hielten wir in einem Standesamt in Regensburg unsere Scheidungsurkunden in den Händen – Ende der Geschichte.
Ich bin wohl kein vorbildlicher Vater – abgesehen von Unterhaltszahlungen ließ ich meine Ex-Familie im Stich. Die Vorstellung, ihr wieder zu begegnen, dieser Frau, die mich einst mit ihrer Schönheit überwältigt hatte, war wie ein Faustschlag ins Gesicht, den ich vermeiden wollte.
Zwei Jahre vergingen. Als ich eines Tages durch die belebten Straßen von Hamburg wanderte, fiel mein Blick auf eine Frau in der Ferne – ihre Schritte so vertraut, leicht wie ein Tanz. Sie kam direkt auf mich zu. Als sie näher kam, stockte mir der Atem – es war Anna! Doch diese Anna war eine Wiedergeburt, noch atemberaubender als in unseren verliebten Anfangstagen – die pure Verkörperung von Anmut. Sie trug elegante High Heels, ihr Haar war zu einer makellosen Frisur geformt, alles an ihr war in vollkommener Harmonie – das Kleid, das Make-up, die Nägel, der Schmuck… Und dieser Duft – ihr unverkennbarer Parfüm – traf mich wie ein Blitzschlag, der mich in eine längst vergangene Zeit zurückwarf.
Mein Gesicht muss alles verraten haben – Schock, Sehnsucht, Reue –, denn sie brach in ein scharfes, siegessicheres Lachen aus:
– „Was, erkennst du mich nicht? Ich sagte doch, ich würde mich wieder aufrappeln – du hast mir nur nicht geglaubt!“
Anna erlaubte mir gnädig, sie bis zum Fitnessstudio zu begleiten, erzählte beiläufig von den Kindern – sie wachsen prächtig, sagte sie, voller Energie. Über sich selbst verlor sie kaum ein Wort, aber das war auch nicht nötig – ihr Glanz, ihr unerschütterliches Selbstbewusstsein, dieser neue, überwältigende Charme sprachen Bände.
Meine Gedanken rasten zurück zu jenen trostlosen Tagen: wie sie erschöpft durchs Haus taumelte, gezeichnet von schlaflosen Nächten und der Last des Alltags, gehüllt in dieses verfluchte Sweatshirt und die Jogginghose, ihr armseliger Dutt ein Symbol der Kapitulation. Wie sehr mich das aufregte – der verlorene Glanz, die erloschene Flamme! Dies war dieselbe Frau, die ich verstoßen hatte, und mit ihr hatte ich auch unsere Kinder aufgegeben, geblendet von meinem Egoismus und meiner Wut.
Beim Abschied stammelte ich, ob ich sie anrufen dürfe, gestand, dass mir alles klar geworden sei, und bat um einen Neuanfang. Doch sie schenkte mir nur ein kaltes, triumphierendes Lächeln, schüttelte entschieden den Kopf und sagte:
– „Zu spät erkannt, mein Freund. Auf Wiedersehen!“