Es gab zwei Kinder in unserer Familie. Meine Schwester wurde anderthalb Jahre nach mir geboren. Zu der Zeit waren Kinder nicht der Mittelpunkt der Welt, die Erwachsenen standen im Vordergrund. Einen Wutanfall in der Öffentlichkeit zu bekommen, wäre uns in keinem Alter eingefallen. Im Laden etwas zu fordern, schon gar nicht. Doch zu Hause gab es Kämpfe. Der geringe Altersunterschied führte dazu, dass wir oft zusammen spielten. Wo gemeinsame Interessen sind, gibt es auch Streit. Lautes Geschrei und Tränen blieben nicht aus. Unbedingt wollte ich genau das Spielzeug, das meine Schwester sich genommen hatte. Als benachteiligtes Kind weinte ich durch die ganze Wohnung. Vernünftige Argumente halfen nicht. Meine Mutter, eine Lehrerin und Dozentin, machte keine langen Erklärungen. Sie bestrafte nicht, um uns nicht die Gelegenheit zu geben, unser Unglück groß auszuschlachten. Stattdessen sollte man in der Ecke stehen und sich in Selbstmitleid verlieren.
Meine kluge Mutter handelte anders. Sie zeigte Mitgefühl:
– Du möchtest auch mit der Puppe spielen?
– Aaaah, sie gibt sie nicht her!
– Bist du traurig und musst weinen?
– Jaaa! Uuhhh…
– Gut, weine! Geh in die Küche, setz dich hin und weine. Wie lange brauchst du, fünf oder zehn Minuten?
– Zehn! Aaaah!
– Ich stelle die Uhr. Wenn der Zeiger hier ankommt, musst du aufhören.
Ich erinnere mich an das Gefühl – keineswegs erfreulich. Es ist eine Sache, wenn man getadelt oder bestraft wird – dann kann man der ganzen Welt erzählen, wie ungerecht das ist. Aber es ist ganz anders, wenn man einfach weinen darf, so viel man will. Die Zeit verging langsam, die Tränen kamen nicht heraus, der Zeiger bewegte sich kaum. Ich weinte ohne Grund und für niemanden und war neidisch auf meine Schwester, die im Zimmer spielte.
– Mama, wie lange muss ich noch weinen?
– Noch zwei Minuten!
– Aah, uuhhh!
– Mama, ich will nicht mehr!
– Alles klar, fertig geweint? Geh spielen!
Endlich! Schnell lief ich zu den Spielsachen, die Puppe, wegen der der Streit begann, hatte ich längst vergessen. Im Haus herrschte Frieden und Ruhe. Lust, sich zu streiten, hatte ich nicht mehr. Was, wenn ich nochmal zehn Minuten weinen muss? Woher die ganzen Tränen nehmen? Aufhören mitten im Weinen – das geht auch nicht, wenn man so richtig heulen darf. Das Vertrauen bricht man nicht. Warum hatte ich nur angefangen?
Manchmal müssen wir alle unsere Emotionen rauslassen. Sich streiten, schreien. Mit der Zeit lernt man, seine schlechte Laune zu kontrollieren. Ein Kind kann das noch nicht. Unsere Mutter leitete uns an. Auf der einen Seite erlaubte sie uns, zu weinen, um Stress abzubauen, und auf der anderen setzte sie Grenzen, damit die Laune nicht in einen richtigen Wutanfall ausartet. Einen, den man nicht mehr stoppen kann. Diese Methode wendete ich erfolgreich bei meinen eigenen Kindern an. Sie funktionierte immer.