Vor einer Woche habe ich etwas erfahren, das ich mir niemals hätte vorstellen können. Ich schlenderte gerade durch die Innenstadt, als ich ganz zufällig einer ehemaligen Mitschülerin begegne…

Vor langer Zeit, vor vielleicht einem Jahrzehnt, erfuhr ich etwas, das ich mir niemals hätte ausmalen können. Es war ein kühler Nachmittag, als ich durch die Altstadt von Nürnberg schlenderte und wie aus dem Nichts auf eine alte Schulfreundin traf, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Wir begrüßten uns herzlich, tauschten Neuigkeiten aus, lachten über Erinnerungen und zwischen den Sätzen erzählte sie mir, dass sie jetzt als Krankenschwester im Seniorenheim unseres Dorfes arbeitete. Ich sagte ihr, was für eine schöne und mit Sicherheit auch schwere, aber edle Aufgabe das sei. Genau in diesem Moment ließ sie beiläufig fallen:

Übrigens, ich sehe deine Mutter dort jeden letzten Freitag im Monat.

Ich erstarrte förmlich. Fragte sie sofort, wie das komme, was meine Mutter denn dort mache, und sie antwortete ganz selbstverständlich:

Wusstest du das gar nicht? Sie bringt immer Kuchen, Säfte und Kleinigkeiten für die Omas und Opas im Heim vorbei. Jeden Monat, ohne Ausnahme. So eine feine Geste der Nächstenliebe!

Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Es war mir fast peinlich zuzugeben, dass meine Mutter niemals ein Wort davon verloren hatte und ich absolut nichts davon ahnte. Meine Bekannte dachte, ich wollte scherzen, aber als sie mein Gesicht sah, fügte sie hinzu:

Deine Mutter ist sehr bescheiden. Sie grüßt, stellt alles ab und verschwindet wieder.

Am selben Tag, als ich abends heimkam, sprach ich meine Mutter direkt an:

Mama, warum hast du mir nie erzählt, dass du jeden Monat ins Seniorenheim gehst?

Sie fegte gerade durchs Zimmer und blickte kaum auf:

Warum sollte ich davon erzählen?

Ich insistierte:

Weil es etwas Schönes ist. Weil es wichtig ist

Sie stellte den Besen leise zur Wand, schaute mir ruhig in die Augen und sagte:

Ich glaube, Gutes tut man nicht zum Vorzeigen. Man macht es einfach. Gott sieht alles das genügt mir.

Dann erzählte sie mir, wie vor zwei Jahren nach dem Tod einer Freundin ein Gefühl in ihr aufkam, etwas Gutes für andere tun zu müssen. Eines Tages sei sie zufällig am Seniorenheim vorbeigekommen und habe einige alte Menschen draußen sitzen sehen. Da sei sie hineingegangen, habe die Sozialarbeiterin angesprochen und gefragt, was gebraucht wird.

Seitdem so lange ich jetzt zurückdenken kann zieht meine Mutter an jedem letzten Freitag im Monat los und bringt Fruchtsäfte, kleine Kuchen, Kekse und manchmal auch feuchte Tücher oder Duschgel mit. Je nachdem, was finanziell gerade möglich ist. Manchmal reichen ihr die zehn, manchmal die zwanzig Euro, und sie verzichtet oft selbst auf manches, um Freude zu bringen.

Sie meinte, sie habe niemanden einweihen wollen, weil sie nicht möchte, dass es aussieht, als suche sie Aufmerksamkeit oder Anerkennung. Sie wolle es leise und auf ihre eigene Art machen.

Wenn du helfen willst, dann hilfst du. Wenn nicht, dann eben nicht. Aber ich muss es niemandem erzählen. Ich weiß, was ich tue, sagte sie, während sie die Teller vom Abendessen abräumte.

Diese Nacht konnte ich nicht schlafen. Immer wieder dachte ich an meine Mutter diese einfache, stille Frau, die so oft selber zurücksteckt. Jeden Monat geht sie, um Menschen zu erfreuen, die sonst keiner besucht. Ich fühlte einen unglaublichen Stolz und doch Schmerz darüber, dass sie das alles alleine trägt.

Nun überlege ich, beim nächsten Mal einfach mitzugehen. Nur weiß ich noch nicht, wie ich es ihr sagen soll, damit sie nicht denkt, ich wolle ihr etwas wegnehmen oder mich in ihre Angelegenheit einmischen.

Aber eines weiß ich: Meine Mutter solch große Dinge so still und unbeachtet tun zu sehen das hat mein Herz für immer verändert.

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