Vom tiefen Hass zur großen Liebe

Von der Abneigung zur Liebe

Alexander hatte schon immer eine Abneigung gegen Hunde. Das hatte seinen Ursprung in jener Zeit, als ihn ein pummeliger, sommersprossiger Erstklässler mit einer dicken Brille und einem von Schulheften und Büchern übervollen Ranzen auf einer Brache hinter den Mietshäusern ein ganzes Rudel Straßenhunde umzingelte.

Der Anführer ein drahtiger, schwarzer Hund mit rötlichen Abzeichen um die Schnauze starrte Alexander lange und prüfend an.

Der Junge weinte, flehte das Rudel an, ihn gehen zu lassen, zerkrümelte ihnen sogar seine übrig gebliebenen Schulbrote mit Mettwurst aber die Hunde ließen sich nicht erweichen.

Immer wenn Alexander es wagte, einen Schritt zur Seite zu machen, zog der Leithund seine rechte Oberlippe hoch, entblößte sein weiß-gelbliches Gebiss und ließ ein tiefes, drohendes Knurren vernehmen.

Mehr als zwei Stunden hielten die Hunde Alexander in ihrem Kreis gefangen. Plötzlich drehte der Anführer sein rechtes Ohr zurück, horchte und rannte ohne ein Geräusch Richtung Waldpark hinter der Brache.

Das Rudel folgte ihm in einer schlanken Kette, einer nach dem anderen, verschwand es hinter den Bäumen.

Alexander wischte sich die Tränen ab, packte hastig seinen Schulranzen und rannte, so schnell ihn seine Beine trugen, nach Hause.

Doch zurück in seine Wohnung kehrte er nicht. Das alte Holzhaus, in dem er mit seiner Familie und wenigen Nachbarn lebte, stand bereits lichterloh in Flammen die Gastherme war explodiert.

Im Feuer kam sein Opa ums Leben, sein geliebter Großvater väterlicherseits, den er liebevoll Opi nannte.

Opi war früher Seemann gewesen, wind- und wettererprobt von der Nordsee. Sein weißer Schnurrbart und die lange weiße Bartpracht, die er alljährlich nach Neujahr abrasierte, waren sein Markenzeichen. Anschließend ließ er den Bart wieder wachsen, flocht ihn zu einem kleinen Zopf, band ihn mit einem bunten Haargummi zusammen oder schob ihn lässig hinter das Ohr.

Nach dem Tod von Opi und der Begegnung mit dem Hundrudel stotterte Alexander lange Zeit.

Ein weiteres Mal wurde sein Leben von einem Straßenhund gestreift, als er mittlerweile schlaksig, die Babypfunde los, Kontaktlinsen statt Brille die schönste Schülerin der Klasse, Katharina Neumann, nach dem Unterricht nach Hause begleiten wollte. Katharina war begehrt und wurde gerade von Simon, dem berüchtigten Rowdy und Sitzenbleiber der 9. Klasse, umworben. Simon hielt die halbe Schule in Schach; für alle war es eine Überraschung, dass ausgerechnet Alexander sich traute, mit Katharina gemeinsam den Heimweg zu gehen.

Plötzlich stellte sich ein großer Hund zwischen die beiden, knurrte bedrohlich und bedrängte Alexander, sodass dieser Schritt für Schritt zurückwich. Erst als Katharina um die Ecke ihres Hauses verschwand, ließ auch der Hund von ihm ab und verschwand im Nachbargarten.

Seufzend schlenderte Alexander heimwärts.

Am nächsten Tag, mitten im Matheunterricht, erhielt er einen Zettel mit nur drei knappen Sätzen:
Lauf mir nicht nach. Gestern wollte Simon dich verprügeln. Verzeih.

Die Freundschaft zu Katharina verlief im Sande, und Alexander wurde der Hunde noch mehr überdrüssig.

Die Jahre vergingen. Alexander wurde erwachsen. Er machte ein super Abitur, absolvierte ein anspruchsvolles Studium und eröffnete schließlich mit viel Fleiß sein eigenes Unternehmen. Die Geschäfte liefen florierend, er baute sich ein solides Netzwerk auf und verdiente gutes Geld in Euro. Auch privat fand er sein Glück: Die schöne Katharina, inzwischen Alexander geheiratet, schenkte ihm einen wunderbaren Sohn Max, benannt nach dem geliebten Opi. Noch konnte der acht Monate alte Max kein einziges klar verständliches Wort sprechen, aber im Kinderwagen lächelte er immer freudig jedem vorbeigehenden Hund zu und rief:
Wau-wau!

An einem sonnigen Sonntag spazierte Alexander mit seinem Sohn durch den Park. Er schob gemächlich den Kinderwagen und erzählte Max von den Vögeln, für die sie gerade Sonnenblumenkerne in die Futterhäuschen gefüllt hatten. Von den Eichhörnchen, die kess am Stamm herunterkletterten und Nusskerne direkt aus seiner Hand naschten.

Langsam wurde es Zeit, nach Hause zu gehen. Alexander verließ den Park, steuerte auf den Zebrastreifen zu und wartete auf die grüne Ampel. Kaum hatte er den Kinderwagen auf die Straße geschoben, da fegte plötzlich eine verrückte Dackeldame, wild kläffend, aus dem Gebüsch. Sie sprang vor die Räder, tobte so lautstark und entschlossen, dass Alexander und Max für einen Moment gebannt stehen blieben. Im nächsten Augenblick raste, nur wenige Zentimeter von ihnen entfernt, ein Kleinwagen vorbei, geriet auf den Grünstreifen und krachte mit Wucht gegen einen Laternenmast.

Schreiend sprangen ein paar Jugendliche aus dem Auto und flohen in alle Richtungen.

Alexander rang nach Atem. Sein Herz schlug wie wild, so laut, dass es ihm vorkam, als könnten es alle Passanten hören.

Die Dackeldame war verschwunden, aber es sammelte sich bereits eine kleine Menschenmenge um das Auto. Ein Passant griff Alexander am Ärmel.

Ist alles in Ordnung? Die Karre hat den Kinderwagen nicht erwischt? fragte er mit erschrockener Stimme.

Alexander schüttelte wortlos den Kopf Max war unversehrt, der Wagen heil. Alles in Ordnung.

Wie er nach Hause kam, wusste er später nicht mehr. Seiner Frau Katharina erzählte er die Geschichte erst einmal nicht warum sie unnötig beunruhigen? Doch in diesem Moment spürte Alexander eine tiefe Dankbarkeit gegenüber der tapferen Dackeldame, die seinem Sohn vermutlich das Leben gerettet hatte.

Den ganzen Abend war er still, erinnerte sich an die drei einschneidenden Begegnungen mit Hunden und verstand die Tiere hatten ihm nie geschadet, sie hatten ihn nicht bedroht. Im Gegenteil: Sie hatten ihn auf ihre Weise beschützt. Katharina beobachtete ihren nachdenklichen Mann, fragte aber lieber nicht.

Am Abend machten sie mit Max einen kleinen Spaziergang im Hof vor dem Haus. Am Rand saßen einige Nachbarn, offensichtlich aufgeregt über etwas. Im Vorbeigehen hörte Alexander Sätze wie:
Und was machen wir jetzt mit ihm? Wer will so einen denn haben?
Alexander schaute neugierig über die Schulter eines Nachbarn und sah einen Karton auf der Bank. Darin lag ein kleiner Welpe. Er hatte keine Augen, wahrscheinlich ein Gendefekt. Leise tuschelten die Menschen. Katharina war mit dem Kinderwagen vorausgegangen und wartete ein Stück entfernt.

Was wird nur aus ihm?
Wer nimmt so ein armes, verkrüppeltes Ding?
Ich könnte das nicht… raunten die Stimmen.

Alexander drängte sich näher. Der kleine Welpe im Karton war schokoladenbraun, wimmerte leise und drehte sein Schnäuzchen suchend hin und her, auf der Suche nach dem vertrauten Geruch seiner Mutter. Doch nirgends spürte er die schützende Wärme.

Der Mann zögerte einen Moment, dann löste er behutsam seinen Schal obwohl Frühling war, war es abends noch kühl. Vorsichtig hob er den Welpen aus dem Karton zu allem Überfluss waren auch die Hinterbeinchen verkrümmt.

Eine Frau hinter ihm schniefte leise.

Alexander wickelte das winzige, blinde Hundebaby vorsichtig in den Schal, hielt es behutsam wie ein Neugeborenes auf dem Arm und sagte:
Na komm, Kleiner, jetzt bin wohl ich dran… Gehen wir, stellen wir dich unserer Mama vor. Sie ist herzlich und findet bestimmt Milch für dich im Kühlschrank.

Mit dem Welpen auf dem Arm ging Alexander auf die junge Frau zu, die am Kinderwagen stand und ihm mit einem warmen Lächeln entgegensah…

Manchmal öffnen sich alte Wunden erst dann, wenn wir die Chance erkennen, sie zu heilen und manchmal ist genau das Leben, das uns am meisten schreckt, jenes, das uns am meisten verwandelt.

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