Wem gehören Sie? rief OmaLiselotte Friedrich, während sie zusammen mit ihrem Enkel Niklas auf die kleine Veranda trat und den Besucher musterte.
Ich bin zu OmaLiselotte! Ich bin ihre Urenkelin, genauer gesagt die Urenkelin von OpaKlaus, ihrem ältesten Sohn.
OmaLiselotte saß auf der sonnenbeschienenen Holzbank vor dem alten Fachwerkhaus und genoss die ersten warmen Frühlingstage. Endlich war der Winter vorbei nur Gott wusste, wie schwer die lange Kälte für sie gewesen war.
Noch ein Winter, das halte ich nicht aus! dachte sie und atmete erleichtert aus. Sie fürchtete das Gehen nicht mehr, im Gegenteil, sie erwartete den Moment, in dem sie wieder nach draußen gehen konnte. Der Sparschwein war voll, neue Kleider standen bereits bereit.
Nichts hielt OmaLiselotte mehr an diesem Fleck der Erde.
***
Früher war ihr Leben von einer großen Familie geprägt: ihr Mann, Fritz Friedrich, ein großer, gutherziger Mann, und vier Kinder drei Söhne und ein Mädchen. Sie lebten harmonisch, halfen einander und stritten nur selten. Die Kinder wuchsen nacheinander auf und verteilten sich in alle Richtungen.
Die beiden ältesten Söhne gingen zur Universität und zogen anschließend in verschiedene Städte, um zu arbeiten. Der mittlere Sohn hatte in der Schule Schwierigkeiten, fand später jedoch ein erfolgreiches Geschäft, das ihn ins Ausland führte und dort blieb er. Die Tochter verließ das Dorf, zog in die Hauptstadt und heiratete bald.
Anfangs besuchten die Kinder ihre Eltern oft, schrieben Briefe und riefen nach dem Aufkommen des Handys an. Nach und nach kamen die Enkelkinder. OmaLiselotte packte immer wieder einen alten, abgewetzten Koffer und fuhr zu den Kindern, um ein wenig zu helfen.
Die Enkel wuchsen aus ihrer Fürsorge heraus. Selten klingelten noch Telefonate, und die Besuche wurden immer seltener. Die Kinder hatten Arbeit, eigene Familien und kaum Zeit, an das alte Elternhaus zu denken.
Der Grund für das seltene Wiedersehen war der Tod von OpaFritz Friedrichs Vater. Man ging davon aus, dass ein so gesunder Mann hundert Jahre alt werden würde doch das Schicksal meinte es anders.
Nachdem die Beerdigung beendet war, zerstreuten sich die Kinder wieder. Zuerst riefen sie die Mutter an, doch die Anrufe wurden immer seltener.
OmaLiselotte versuchte selbst zu telefonieren, doch bald merkte sie, dass die Kinder kein Interesse mehr hatten, und zog sich zurück. So vergingen die nächsten zehn Jahre. Einmal im Jahr meldete sich ein Kind, rief an und OmaLiselotte lächelte dann allein.
Eines Tages saß sie wieder auf ihrer Bank und dachte nach.
Guten Tag, Tante Liselotte! rief ein junger Mann fröhlich über den Gartenzaun, Erinnern Sie sich an mich?
OmaLiselotte blinzelte verwirrt.
Niklas! Was machst du denn hier?
Ja, Tante Liselotte! jubelte er und trat ins Hofgelände.
Niklas war der Sohn der Nachbarn, die nie ohne ein gemeinsames Essen auskamen. OmaLiselotte kannte ihn von klein auf er war immer der hungrige Junge, den sie mit etwas Brot, alter Kleidung und einem Schlafplatz versorgte, wenn seine Eltern wieder einmal zu einer Feier unterwegs waren.
Kurz darauf verstarben Niklas Eltern. Er wurde weggebracht und seitdem hatte OmaLiselotte ihn nicht mehr gesehen und sehnte sich nach ihm.
Wo warst du all die Zeit, Niklas? fragte sie glücklich.
Zuerst im Kinderheim, dann beim Militär, danach Ausbildung. Jetzt bin ich zurück, um das kleine Dorf wieder aufzubauen!
Was soll ich denn da aufbauen? winkte OmaLiselotte ab. Alle sind weggezogen.
Nichts! Ich werde nicht untergehen!
So begann für OmaLiselotte ein neues Kapitel. Niklas fand Arbeit beim größten Bauernhof des Dorfes, dem Hof von HerrnKrause. In seiner Freizeit reparierte er das alte Fachwerkhaus, das ihm von den Eltern geblieben war, und half OmaLiselotte im Garten. Sie nannte ihn gar nicht Sohn, sondern blieb bei ihrem liebevollen Oma.
Drei Jahre vergingen, bis Niklas eines Tages sagte: Ich muss gehen, Tante Liselotte. HerrKrause ist ausgezahlt, aber er zahlt nie Löhne. Ich werde etwas Geld verdienen, damit ich meine Familie unterstützen kann. Bitte sei nicht böse!
Geh und Gott helfe dir, lieber Niklas, antwortete OmaLiselotte und ließ ihn ziehen.
Wieder war sie allein. Manchmal wollte sie weinen, doch das Leben hielt sie weiter.
****
Ein vertrauter Klang erklang: Guten Tag, Tante Liselotte! OmaLiselotte schaute über den Zaun und sah ein bekanntes Gesicht es war Niklas, nun ein junger Mann, gut gekleidet und lebensfroh.
Da bist du ja endlich!, jubelte OmaLiselotte. Komm rein, ich mache gleich Tee!
Tee ist gut!, lachte Niklas. Ich bin gerade erst nach Hause gekommen, habe nicht gedacht, dich zu überraschen.
Eine halbe Stunde später saßen sie zusammen an einem alten Eichentisch, tranken Tee aus verzierten Tassen und redeten ohne Unterlass.
Ich will nicht gehen, ich will noch nicht ins Jenseits, flüsterte OmaLiselotte mit tränenfeuchtem Blick.
Ach, lass das!, witzelte Niklas. Ich bin zurück, wir leben jetzt zusammen, das wird die Nachbarn beneiden! Ich habe Geld verdient, baue mein eigenes Feld aus! Und du?
Gerade als sie weiter plauderten, ertönte eine helle Stimme: Ist jemand zu Hause? Es war ein junges Mädchen in einem kurzen Mantel und hohen Stiefeln, das durch das Tor trat.
Wem gehören Sie? fragten OmaLiselotte und Niklas gemeinsam.
Ich bin zu OmaLiselotte! Ich bin ihre Enkelin, genauer gesagt die Urenkelin von OpaKlaus. Sie stellte sich vor: Ich heiße Véra, studiere in der Stadt, habe genug Geld und will hier im Dorf wohnen, damit ich nicht mehr pendeln muss. Mein Großvater Oskar hat mir das angeboten. Ich will nur ein paar Monate hier bleiben, dann geht es zurück zur Uni.
OmaLiselotte lächelte und sagte: Bleib, solange du willst. Es macht mir Freude, dich zu haben.
Ein Monat verging. Véra zeigte, wie geschickt sie im Gemüsebeet arbeiten konnte ganz ohne Stadtflair. Mit Niklas Hilfe urtam sie das vernachlässigte Feld, teilte es in Beete, baute ein Gewächshaus und kaufte Setzlinge bei den Nachbarn.
Niklas nutzte sein verdientes Geld, um eine moderne Scheune zu bauen, und stellte Handwerker ein, die das Dach von OmaLiselottes Haus reparierten und eine Fußbodenheizung installierten.
OmaLiselotte strahlte. Ihr Lächeln verließ ihr Gesicht nie. Sie war wieder nicht allein.
Hin und wieder überkam sie eine leichte Traurigkeit, wenn sie daran dachte, dass Véra bald in die Stadt zurückkehren würde. Sie hatte sich an die Urenkelin gewöhnt. Doch die Zeit verging, und Véra musste gehen.
Wie soll ich das Feld allein bewältigen, wenn du gehst? seufzte OmaLiselotte, während sie Véra einen kleinen Beutel mit Kuchen für die Reise gab.
Mach dir keine Sorgen, Oma, das Wasser im Fass wird nie versiegen. Niklas wird das Feld gießen, und ich komme immer wieder vorbei!, lachte Véra.
Kommst du zurück?, fragte OmaLiselotte hoffnungsvoll.
Natürlich! Ich kann von hier nicht weg! Ich habe dich im Herzen. Und Niklas hat mir sogar einen Heiratsantrag gemacht im Herbst wollen wir heiraten! Wer braucht schon einen Mann, wenn man Liebe hat?
Ein Jahr später wärmte sich OmaLiselotte im Sonnenschein und schaukelte die Wiege ihres Urenkels, der friedlich schlief. Véra und Niklas arbeiteten gemeinsam auf dem Hof, und das gesamte Dorf profitierte vom wachsenden Ertrag.
OmaLiselotte blickte auf den friedlich schnarchenden Urenkel und dachte:
Ich werde nie ins Jenseits gehen, solange ich noch helfen kann.
Und so blieb sie bis an ihr Lebensende tätig, weil sie wusste: Das wahre Glück liegt nicht im Verweilen, sondern im Weitergeben von Liebe und Arbeit an die nächste Generation. Die Lektion: Wer sein Herz öffnet und anderen hilft, bleibt ewig jung.