Versteckt in der Abstellkammer, als ihr Sohn zurückkehrte, erstarrte Anna und lauschte seinem Telefonat.

Greta schaffte es, im Bruchteil einer Sekunde hinter die Tür des Vorratsschrankes zu gleiten, bevor das Schloss im Schlosszylinder drehte.

Sie drückte ihren Rücken gegen das Regal mit den Konservengläsern, tastete von innen die Türknauf und zog sie so, dass nur ein fingerbreiter Spalt übrig blieb.

Sie atmete keuchend, die Stimme rauh, und verstopfte sich die Lippen mit der Hand, denn im Flur herrschte absolute Stille; jedes Geräusch hätte sich sofort durch die ganze Wohnung gezogen.

Die Eingangstür schwang laut auf.

Klaus hustete, betrat das Flur. Greta sah durch den schmalen Schlitz seine Hände: zwei weiße Tüten vollgepackt mit Lebensmitteln, die Seilgriffe in die Finger eingewachsen.

Mama!, rief er. Bist du zu Hause?

Greta drückte die Hand fester gegen das Schloss.

***

Seit fünf Jahren lebte Greta nun allein. Ihr Mann war plötzlich verstummt, wie es oft bei Menschen geschieht, die ihren Schmerz verstecken das Herz hielt den Schlag nicht mehr aus, und alles war vorbei.

Das erste Jahr ohne ihn war das Härteste: nicht der Kummer selbst, sondern die absolute Stille in der Wohnung drückte sie bis an die Grenze. Klaus lachte vor dem Fernseher so laut, dass jedes Wort in der Küche hörbar wurde.

Im Bad sang er ohne Scham, veränderte sowohl Text als auch Melodie, und schämte sich keineswegs. Jetzt, seit die Badezimmertür verschlossen blieb, drang nur das Rauschen der Rohre hinein, ein Geräusch, das Greta ohrenbetäubend wirkte.

Die Tochter Liselotte fuhr aus Hamburg in den ersten Tagen an. Sie blieb zwei Wochen: putzte, kochte, setzte sich nachts aufs Bett ihrer Mutter und war einfach da, ohne viel zu reden.

Das war kostbar.

Der Sohn jedoch tauchte weder damals noch später wieder auf. Fritz war seit elf Jahren nicht mehr da, und Greta hatte längst aufgehört, laut zu erklären, warum, obwohl sie im Stillen immer wieder dieselben Gedanken drehte wie eine abgenutzte Schallplatte.

Sein Weggang war schmerzhaft und verworren, wie es ist, wenn die Wahrheit zu lange unter dem Teppich verborgen bleibt. Fritz war schon als Kind schwierig: reizbar, hitzköpfig, mit Wutausbrüchen bei jeder Kleinigkeit.

In der Schule kam er kaum voran, wiederholte die sechste Klasse und verließ sie mit mageren Noten. Seine Schwester, die ebenfalls Liselotte hieß, war das genaue Gegenteil: ruhig, vorbildlich, brachte immer Einsen nach Hause.

Fritz ärgerte sich über seine Schwester, schnappte bei Vorwürfen zurück, und Klaus verlor manchmal die Beherrschung, obwohl er sich bemühte, zurückhaltend zu bleiben.

Als Fritz neunzehn geworden war, schickte Klaus ihn für den Sommer zu seiner Mutter, der alten Frau Klara, aufs Land bei Gera. Er dachte, ein wenig Arbeit mit den Händen, ein Duft von Erde und frische Luft würden ihn vom städtischen Nichtstun befreien.

Klara war eine unverblümte Frau, die nicht um den heißen Brei herumredte. Wenn Fritz im Garten etwas vermasselte, warf sie ihm einen Blick zu und sagte:

Was soll ich von dir erwarten, du Halunke?

Fritz kehrte am selben Tag nach Berlin zurück, stellte die Tasche im Flur ab, ging in die Küche, setzte sich und fragte fast lautlos:

Ist das wahr?

Greta sah zu Klaus. Klaus sah zu ihr.

Sie wollten es ihm schon lange sagen, sobald der passende Moment kam, schoben es aber immer wieder vor sich, weil sie sich gegenseitig versicherten, es sei noch zu früh, er müsse erst noch ein bisschen älter werden.

Wahrheit, sagte Greta, wir haben dich aufgenommen, als du erst acht Monate alt warst. Du hast geschrien, das ganze Zimmer war laut, aber als du uns sahst, verstummtest du und hast mich angestarrt.

Ich sage damals zu Klaus: unser Zuhause, kein anderer Ort mehr.

Fritz stand auf und ging in sein Zimmer. Greta und Klaus blieben bis Mitternacht in der Küche, redeten über alles mögliche, nur nicht über das, weil sie es einfach nicht wussten, wie man darüber spricht.

Einige Tage später verschwand Fritz. Er nahm das Geld, das Greta und Klaus für sein Zimmer im Studentenwohnheim gespart hatten, um im Herbst eine Überraschung zu machen.

Er hatte die Überraschung zuerst.

Klaus erwähnte ihn kaum laut. Abends saß er lange am Fenster und starrte auf die Straße.

Greta sah, wie er litt, wagte aber nicht, nachzufragen: Klaus hatte seine Art, den Schmerz durch Schweigen zu ertragen, und das respektierte sie. Einige Jahre später hörte sein Herz nicht mehr.

Fritz tauchte Anfang April wieder auf. Er klopfte vorsichtig, klingelte nicht, sondern klopfte, als wäre er unsicher, ob ihm die Tür geöffnet würde.

Greta öffnete und stand einige Sekunden nur da, sah den dreißigjährigen Mann mit deutlichem Stoppelbart, leicht nach vorne gebeugt, in den Händen einen Beutel Mandarinen.

Mama, sagte er, entschuldige mich. Ich habe damals dumm gehandelt.

Ganz kindlich.

Sie stand da, wusste nicht, was sie tun sollte.

Ich will alles wieder gutmachen, fuhr er fort. Gib mir eine Chance.

Sie umarmte ihn direkt im Flur. Er erwiderte die Umarmung unbeholfen, mit einem Zögern, wie Menschen, die lange keinen Körperkontakt hatten und vergessen haben, wie das geht.

Beim Abendessen erzählte er, dass er als Koch quer durchs Land gefahren sei, von Köln bis nach Dresden, von kleinen Imbissen bis zu gehobenen Restaurants aufgestiegen sei. Er kochte wirklich gut.

Greta beobachtete, wie geschickt er ein Huhn zerteilte, und dachte, das Leben sei doch manchmal seltsam: ein Mann verschwindet elf Jahre und kehrt zurück, um dir Frikadellen zu braten.

Er blieb. Er nahm das alte Zimmer, stellte seine Sachen in die Regale, kochte morgens Brei oder Rührei.

Greta rief Liselotte jeden Abend an.

Er ist zurück, sagte Liselotte am anderen Ende. Wie geht es ihm?

Gut. Höflich. Kocht prima, antwortete Greta.

Mama, bist du sicher, dass alles in Ordnung ist? Elf Jahre sind eine lange Zeit.

Liselotte, er ist mein Sohn. Was soll ich sagen, er ist mein Blut.

Sie telefonierte weiter mit Verwandten in ganz Deutschland, erzählte allen: Fritz ist zurück, Fritz ist zu Hause. Die Cousine aus Stuttgart schnaubte ins Telefon und meinte, wo Rauch ist, da ist auch Feuer, und dass Menschen nicht einfach aus dem Nichts zurückkommen.

Greta erwiderte, dass man nicht jammern müsse, alles sei gut.

Etwa zwei Wochen später bemerkte Greta, dass sie viel schneller erschöpft war als früher. Gegen Abend fühlte sich ihr Kopf wie mit Watte gefüllt an, am Morgen war ihr schwindelig.

Sie schrieb es auf die Jahreszeit zurück: Frühling, Vitaminmangel, Blutdruckschwankungen, Alter. Mit sechzig ist die Gesundheit ein launisches Ding, man kann nicht klagen, weil nichts Konkretes da ist.

Wichtig war, dass ihr Sohn da war.

Liselotte fragte abends nach dem Befinden. Greta sagte, es sei normal, ein bisschen müde, das werde schon wieder.

Vielleicht zum Arzt gehen?

Ach, jetzt nicht. Muss ich für jedes bisschen Müdigkeit gleich ins Gesundheitsamt rennen? Dort warten zwei Wochen auf einen Termin, das geht schon vorbei.

Es wurde nicht besser. Die Übelkeit wuchs, der Kopf zur Mittagszeit wurde schwer.

Greta nahm Vitamine, kochte Hagebuttentee und versuchte, nicht zu viel zu grübeln.

In jener Nacht wachte sie vor sechs auf. Draußen lag ein grauer Aprilhimmel, die Straße war leer.

Ihr Mund war trocken, sie schluckte schwer, schlüpfte in Hausschuhe und ging in die Küche, um Wasser zu holen. Im Flur war kein Licht, sie kannte jede Ecke ihrer Wohnung, jeden Gang.

Kurz bevor sie die Küche erreichte, blieb sie stehen.

Fritz stand am Herd. Nur ein Brenner brannte, darunter ein Topf mit Haferbrei.

Er hielt einen kleinen Plastikbeutel mit Pulver in der Hand und streute vorsichtig etwas in den Topf, dann nahm er einen Löffel und rührte gründlich um.

Greta schlich zurück den Flur hinunter, erreichte das Schlafzimmer, legte sich aufs Bett, zog die Decke zu.

Sie lag da, starrte mit offenen Augen die Decke an. Nach ein paar Minuten knackte die Schlafzimmertür.

Sie schloss die Augen, atmete gleichmäßig und tat so, als schlafe sie. Sie spürte, wie Fritz sie aus dem Türrahmen beobachtete.

Er blieb stehen, schloss die Tür, schlug die Eingangstür zu.

Greta öffnete die Augen.

Draußen dämmerte es. Sie zählte in ihrem Kopf die Daten: wann die Übelkeit begann, wann die Erschöpfung kam, wann das Pulver anfing.

Rückwärts gerechnet, landete sie exakt auf den Tag, an dem Fritz eingezogen war und das Kochen übernommen hatte.

Sie stand auf, zog sich an und ging zur Nachbarin Tamara im dritten Stock: Tamara war eine vernünftige Frau, die nicht unnötig redete und die Situation ohne Tränen klären konnte. Greta zog gerade den Mantel an, als im Schloss das Schloss klickte.

Sie bemerkte nicht, dass sie wieder im Vorratsschrank gelandet war.

Durch den Spalt sah Greta, wie Fritz sein Telefon ans Ohr hielt.

Hallo? Ja, ich bin zu Hause. Pause. Nein, die alte Frau ist verschwunden, wo sie hin ist, weiß ich nicht. Er ging den Flur entlang. Zieh dich nicht heraus, sag ich dir.

Sie dachte noch an Vitaminmangel oder Blutdruck. Ein Schnauben. Wie das endet, wir räumen die Wohnung schnell, das ist keine Kunst, und ich komme sofort zu dir. Wir schaffen das!

Er murmelte, Verdammt, ich habe die Apotheke wieder vergessen. Er fluchte. Okay, ich bin gleich da, warte.

Die Tür schlug zu. Auf der Treppe verstummten die Schritte.

Greta trat aus dem Schrank, stand mitten im Flur. Sie sah lange auf seine Jacke am Kleiderhaken, seine Stiefel am Türschwellen, die Schlüssel für das obere Schloss im Regal.

Der untere Riegel passte nur zu ihrem Schlüssel; ein Ersatzschlüssel hatte sie niemandem gegeben.

Innerhalb von zwanzig Minuten packte sie ihre Tasche: Ausweise, Rentenkarte, ein kleines Foto von Klaus im Bilderrahmen.

Sie wählte Liselotte.

Mama, warum bist du so früh unterwegs?, gähnte Liselotte.

Ich überlege gerade, Liselotte. Ich nehme das Ganze und komme zu dir. Ich habe dich vermisst.

Komm, natürlich. Wann?

Heute.

Heute?! Und Fritz? Lass ihn auch kommen, ich will endlich meinen Bruder sehen.

Fritz ist zur Arbeit weg, er ist nicht da. Ich komme allein.

Schick mir die Zugnummer, wir treffen uns.

Greta legte das Telefon weg, nahm Fritz Klamotten, die er im letzten Monat angehäuft hatte ein paar T-Shirts, einen Rasierer, ein abgenutztes Buch und steckte sie ordentlich in seine Tasche, schloss den Reißverschluss.

Sie stellte die Tasche auf die Treppenplattform am Eingang.

Aus der Manteltasche zog sie ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber. Langsam, leserlich schrieb sie:

Fritz. Ich liebe dich, habe dich immer geliebt und werde dich immer lieben, auch wenn du es nicht verdient hast.

Deshalb gehe ich nicht zur Polizei. Aber ich will dich nie wiedersehen.

Für immer nicht. Mama.

Sie legte das Blatt oben auf die Tasche, ging hinaus, schloss die Tür mit dem unteren Riegel und steckte den Schlüssel zurück in den Mantel.

Sie fuhr mit dem Bus zum Bahnhof BerlinOstbahnhof, stieg in die UBahn, dann in den Zug nach FrankfurtHauptbahnhof, dann weiter nach Hannover. Am Gleis war es leer und hallte.

Sie kaufte ein Ticket nach Hamburg, setzte sich in den Warteraum und sah, wie ein Mann Brotkrumen an die Tauben warf. Die Vögel scharrten und pickten miteinander.

Greta dachte darüber nach, Liselotte irgendwann alles zu erzählen nicht heute, nicht gleich am Anfang, aber irgendwann.

Liselotte erwartete sie am Gleis in Hamburg, rannte fast schon, umarmte sie sofort fest, noch bevor Worte kamen. Greta lehnte sich an die Schulter ihrer Tochter und schloss die Augen.

Mama, flüsterte Liselotte, was ist passiert?

Später erzähle ich es dir. Lass uns erst nach Hause gehen.

Sie gingen gemeinsam über den Bahnsteig, Liselotte trug die Tasche. Die Sonne schien schwach, aber warm.

Greta ging weiter und dachte daran, dass in der Küche in Berlin, im obersten Schrank, noch ein Glas Kirschkonfitüre steht, das seit letztem August zugedeckt ist. Sie hatte es zur kalten Jahreszeit aufbewahrt und nie geöffnet.

Vielleicht bleibt es dort. Das Glück liegt nicht im Marmeladeglas.

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