Anna lag auf dem Sofa und starrte an die Decke. Die Sorgen wollten sie einfach nicht schlafen lassen. Wie soll man auch schlafen, wenn das eigene Kind krank ist? Warum habe ich sie bloß gestern in den Kindergarten gebracht, dachte sie. Hätte sie noch ein, zwei Tage daheim gelassen, wäre sie vielleicht nicht krank geworden…
Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen, sie bekam kaum Luft. Die junge Frau stand auf und ging zum Fenster. Über dem kleinen Dorf bei Heidelberg hing der graue, mit Wolken verhangene Himmel. Seit drei Tagen nieselte es fast ohne Unterbrechung so typisch novembergrau und trist. Sie seufzte schwer. Im Bett wälzte sich Luise und begann im Schlaf zu jammern, gleich darauf hustete sie heftig. Anna eilte zu ihr, fühlte ihre glühende Stirn. Auch ohne Fieberthermometer wusste sie, das Fieber ist wieder hoch. Leise schaltete sie das Nachtlicht ein, holte trotzdem das Thermometer hervor und schob es ihrer Tochter unter den Arm.
Vierzig! Ach du meine Güte, was mache ich nur?
Luise blinzelte Anna verschlafen an.
Mama, mir ist so heiß…
Ich weiß, mein Schatz. Gleich wirds besser.
Tom, Annas Mann, wachte nun auch auf, setzte sich zu ihnen. Anna begann, fiebersenkende Medizin vorzubereiten. Doch die Temperatur wollte nicht sinken. Im Morgengrauen schnitt das blaue Blinklicht eines Krankenwagens durch die Dunkelheit des Hofes Anna und Luise wurden ins Krankenhaus nach Mannheim gebracht.
Die Krankenschwester sah Anna mitleidig an, klopfte ihr aufmunternd auf den Arm und legte routiniert den Tropf in Luises kleinen Arm.
Keine Sorge, wir kümmern uns. Es wird alles gut, sagte sie leise.
Anna nickte nur erschöpft.
Bald besserte sich Luises Zustand wirklich. Sie schlug die Augen auf und wollte etwas zu trinken. Anna drehte sich um und bemerkte plötzlich die riesigen, blauen Augen des Mädchens im Nachbarbett, ein schmächtiges, fast durchsichtiges Kind, vielleicht sechs Jahre alt. Ihre dünnen, strohblonden Haare waren wirr, die Kleidung bestand aus einer alten, ausgewaschenen Leggings mit Löchern und einem T-Shirt. Unter dem Bett standen abgetretene Turnschuhe, die in blaue Krankenhausüberzieher gestopft waren.
Hallo, grüßte Anna freundlich.
Guten Tag. Seid ihr heute Nacht gekommen?
Ja, ganz früh morgens.
Wie heißt ihr?
Ich bin Anna, das ist meine Tochter Luise. Und du?
Ich heiße Frieda.
Und bist du schon lange hier?
Ja, ziemlich. Freitag komme ich wieder heim also ins Heim. Frieda seufzte so altklug, dass Anna das Herz schwer wurde.
Bist du alleine hier?
Ja Meine Mama ist gestorben, da war ich noch klein. Papa hat dann angefangen zu trinken der lebt auch nicht mehr. Dann haben sie mich ins Kinderheim gebracht.
Anna wusste nichts zu sagen. Frieda zuckte mit den Schultern:
Hier gefällt es mir besser. Essen ist lecker und die großen Kinder ärgern mich nicht…
Sie begann, hastig ihre Turnschuhe anzuziehen.
Es gibt gleich Frühstück unten. Soll ich euch was holen?
Ach nein, alles gut, meine Liebe. Ich schaue gleich selbst vorbei.
Anna sah der kleinen Gestalt nach, und ihr Herz zog sich zusammen. Die andere Mutter im Zimmer warf Frieda noch einen Blick hinterher und raunte leise: Gutes Herz, das Mädel. Ganz lieb. Hattes im Leben nicht leicht
In diesem Moment klingelte Annas Handy.
Hallo?
Anna? Wie gehts euch, wie gehts Luise? Die Mutter klang besorgt.
Mama, wir sind im Krankenhaus.
Oh Gott, was?
Bitte mach dir keine Sorgen. Luises Fieber ist heute Nacht hochgeschossen. Aber jetzt ist es besser, sie vermuten Bronchitis. Sie schläft gerade.
Die Mutter schluchzte: Mein armes Enkelkind In welchem Krankenhaus seid ihr? Ich komme sofort. Was soll ich mitbringen?
Mama, ich habe meine Pantoffeln vergessen und Luise braucht ihren rosa Schlafanzug. Und weißt du hier ist ein Mädchen aus dem Kinderheim. Könntest du Shampoo und Seife mitbringen? Und hast du noch Sachen von Franzi?
Welches Mädchen, Anna?
Ich erzähle dir später mehr. Bring bitte zwei T-Shirts, einen leichten Hausmantel und Leggins mit. Und Hauspantoffeln für ein etwa sechsjähriges Mädchen, ja?
Natürlich, mein Schatz, bring ich alles.
Am nächsten Morgen war Luise schon wieder munter und spielte ausgelassen mit Frieda. Anna schlich sich in den Flur und fragte die Schwester:
Sagen Sie besucht Frieda niemand?
Die Schwester schüttelte traurig den Kopf:
Nein Wenn sie entlassen wird, kommt jemand vom Heim und holt sie ab.
Darf sie denn hier baden?
Die Schwester verzog die Lippen: Sie sollte, aber uns fehlt oft die Zeit.
Am Abend erstrahlte Frieda, frisch gebadet, im neuen Schlafanzug und in strahlend pinken Hausschuhen mit gestickten Hunden. Sie wirkte rundum glücklich. Alle gespendeten Sachen hatte sie ordentlich unter das Kopfkissen geschoben, nur die Hausschuhe klemmte sie vorsichtshalber unter die Matratze.
Frieda, warum versteckst du denn die Sachen?, fragte Anna erstaunt.
Damit sie nicht geklaut werden, antwortete das Mädchen leise.
Anna atmete tief durch.
Als das Licht gelöscht wurde, schloss Frieda die Augen und träumte davon, wie sie an einem sonnigen, von Bäumen gesäumten Weg entlangspaziert, an der einen Hand hält sie Luise, an der anderen Anna. Wie schön es wäre, Eltern zu haben, die einen abends in den Arm nehmen, zudecken, ein Gutenachtküsschen geben. Wie Papa sie lachend an die Decke werfen würde; wie sie alle zusammen lachen würden. Dann würde sie versuchen, sich nützlich zu machen abwaschen, dem kleinen Geschwisterchen vorlesen, zählen üben Sie seufzte tief. Hauptsache, sie hätte eine richtige Mutter.
Im Heim hatten sie sie zwar nie geschlagen aber die Erzieherin war oft streng, schrie viel, die Großen schikanierten sie und klauten Sachen und Brote. Vor Kurzem hatte sie auf der Heimküche einen Teller fallen lassen. Dafür kam sie in den dunklen, muffigen Putzschrank als Strafe, stundenlang. Völlig verängstigt hatte sie an der Tür gestanden und geweint, hatte Angst vor den Ratten. Am Abend, entkräftet, war sie auf dem kalten Boden eingenickt so hatte sie sich dann erkältet, und so kam sie ins Krankenhaus…
Die Erinnerung brachte das Mädchen zum Weinen. Plötzlich spürte sie eine Hand auf dem Kopf. Frieda öffnete die Augen.
Anna…
Ach, meine Kleine, komm her alles wird gut. Weine nicht mehr ich bin hier…
Anna drückte das schmale Kind an sich.
Es wird alles gut, glaub mir.
Frieda entspannte sich, als wäre es ihre eigene Mutter, die sie jetzt im Arm hielt.
Ach Anna
Ja, mein Spatz?
Es wäre so schön, wenn du meine Mama wärst
Nun liefen Anna selbst die Tränen übers Gesicht. Die Entscheidung fiel im Herzen, nicht im Kopf. Sie wusste sofort, was zu tun war nur der Familie musste sie es noch sagen.
Ihre Mutter verstand sie sofort und war einverstanden. Auch Toms Mutter, die selbst als Waise aufgewachsen war, freute sich. Nur Tom brauchte noch ein wenig Zeit.
Sag mal, hast du den Verstand verloren? Weißt du eigentlich, was das bedeutet für immer?!
Ich weiß! Aber ich weiß auch, dass mich mein Gewissen ewig plagen wird, wenn ich es nicht tue.
Tom blickte zur Seite.
Ich will sie wenigstens einmal kennenlernen.
Natürlich.
Am Abend betraten sie gemeinsam die Station. Tom nahm Luise auf den Arm, drückte sie fest.
Meine Maus, ich hab dich so vermisst.
Dann wandte er sich Anna zu, die ihm fest in die Augen sah:
Schau, Tom, das ist Frieda.
Sie nickte ihm schüchtern zu und blickte ihn mit ihren riesigen, blauen Augen an.
Guten Tag!
Hallo, Frieda! Schön, dich kennenzulernen.
Gleichfalls
Da spürte Tom, wie sich in ihm etwas regte. Er sah Anna an, Tränen stiegen in die Augen, er nickte
Ein paar Monate später hielt ein Auto vor dem Kinderheim in der Nähe von Mannheim, in dem Frieda lebte. Anna und Tom stiegen aus drinnen klebten Kinder an den Fenstern.
Frieda, Frieda! Deine Leute sind da!
Überglücklich eilte Frieda auf den Hof.
Hallo Frieda! Wir sind da! Wollen wir nach Hause fahren?
Ihr kleines Herz klopfte vor Freude:
Ja, Mama!Anna kniete sich hin, breitete die Arme aus, und Frieda warf sich lachend hinein. Toms Hände zitterten ein wenig, als er behutsam ihre kleine Tasche nahm, doch in seinen Augen glänzte aufrichtiges Lächeln. Luise hüpfte aufgeregt um die beiden, zog Frieda an der Hand:
Komm, wir haben im Garten eine Schaukel!
Die Sonne brach durch die grauen Wolken, warf goldenes Licht auf die drei, als sie gemeinsam zum Auto gingen. Frieda drehte sich noch einmal um, winkte fast ehrfürchtig zum Heim zurück als wolle sie sich bei dem kleinen Mädchen verabschieden, das sie dort gewesen war. In Annas warmen Arm, mit Luises Hand fest umklammert, stieg sie ein. Für einen Moment war alles still in ihrem Herzen, bis sie begriff: Sie fuhr heim.
Als sie später das erste Mal gemeinsam am Küchentisch saßen, Tee schlürften, Annas Marmorkuchen aßen, lachten sie über Milchbärte und Marmeladenkleckse. Luise legte ihren Arm um Friedas Schultern, Tom reichte ihr ein Stück Kuchen extra groß. Anna tätschelte liebevoll Friedas Haar. Es roch nach Geborgenheit, nach Anfang.
Und als der Regen an die Fenster trommelte, kuschelten sie sich im Wohnzimmer auf das Sofa. Anna zog Frieda und Luise eng an sich, gab jedem Mädchen einen Kuss auf die Stirn.
Hier bist du daheim, Frieda, flüsterte sie.
Frieda schloss die Augen. Zum ersten Mal in ihrem Leben wusste sie, wie es sich anfühlt, keine Angst mehr haben zu müssen. Im Dunkeln leuchtete das sanfte Nachtlicht und ein kleines Herz glühte voller Hoffnung und Glück.