Sieben Jahre wurde der Hund an der Kette gehalten – doch als man sie endlich löste, trauten alle ihren Augen nichtAls die Kette zu Boden fiel, blieb der Hund still stehen, und erst als er langsam den Kopf hob, erkannten sie, dass er in all den Jahren nie ein Hund gewesen war.

Als man Friedhelm Hagedorn am Morgen fand, heulte Wotan schon seit dem Vorabend. Irmgard Ried hörte das Heulen durch zwei Gärten hindurch, aber sie ging nicht hinaus, denn Wotan heulte oft, und sie hatte längst aufgehört, deshalb aufzustehen. Es war ein tiefes, zähes Heulen ohne Pause, und gegen Mitternacht war es Teil der Nacht geworden, wie der Wind oder das Rauschen des Wassers in den Rohren.

Der Revierpolizist kam gegen Mittag, versiegelte das Haus und fuhr wieder weg. Er schrieb seine Papiere auf der Motorhaube, rauchte eine Zigarette und sah immer wieder zu dem Hund hinüber, aber er trat nicht näher. Durch den Maschendrahtzaun rief er Irmgard zu, man habe die Leiche in die Kreisstadt gebracht, und nun müsse man Verwandte suchen. Dann knallte er die Tür zu und fuhr über den Lehmweg davon, zwei tiefe Räderspuren blieben im Schlamm zurück. Der Hund blieb. Er saß an der Kette, die Schnauze zum Himmel gereckt, und der Ton drang gleichmäßig aus ihm hervor, tief, wie aus einem Rohr, das man vergessen hatte zuzudrehen. Kein Bellen, kein Winseln. Ein Heulen. Eines, das unter den Rippen zu brennen anfängt, wenn man lange zuhört.

Irmgard stand an ihrem Gartentor und blickte über die Straße zu Friedhelms Hof. Der Schlamm glänzte in den Fahrspuren nach dem Regen, und von der Erde stieg ein Geruch herauf, schwer und nass, wie von einem frischen Beet.

Der Zaun hing schief, drei Latten lagen in den Brennnesseln, aber das Gartentor war mit Draht verschlossen, und der Draht war sauber zu vier Windungen gedreht. Friedhelm hatte den Zaun nie repariert, aber das Tor sperrte er jeden Abend zu. Irmgard wusste das, weil sie vom Küchenfenster aus gesehen hatte, wie er in der Dämmerung hinaustrat und den Draht mit seinen trockenen Fingern drehte. Sie überquerte die Straße, wickelte den Draht ab und trat in den Hof. Es roch nach feuchter Erde, nach Hund und nach etwas Saurem, nach abgestandenem Wasser aus dem Fass am Schuppen.

Wotan hörte auf zu heulen und drehte den Kopf. Rotbraun, mit schwarzem Rückenstreif, groß, wie ein Schäferhund, den jemand mit Dorfhundblut verdünnt hatte. Auf der Schnauze graue Haare, und die Augen gelb und trüb, wie die Augen alter Hunde, die mehr gesehen hatten, als ihnen guttat.

Die Kette lief vom Pfosten zum Halsband. Dick, mit großen Gliedern, fünf Meter lang. Irmgard kannte diese Kette seit sieben Jahren. Jeden Sommer sah sie vom Fenster aus, wie Wotan auf seinem Bogen hin und her ging und dabei eine Rinne in die Erde trat.

Die Rinne war mit den Jahren tief geworden, fast bis zum Knöchel, und in ihr stand Regenwasser. Im Winter überzog sich die Kette mit Raureif, und die Glieder klirrten gegeneinander im Wind. Aber jetzt fiel Irmgard etwas auf, das sie vorher nie bemerkt hatte: Auf einer Seite, dort wo die Kette am stärksten gespannt war, waren die Glieder blank gescheuert. Das Metall glänzte wie eine Türklinke, die jeden Tag angefasst wird. Der Hund hatte immer in dieselbe Richtung gezogen. Er war nicht umhergelaufen, nicht im Kreis gerissen. Immer in dieselbe Richtung.

Am Pfosten stand eine Schüssel. Aluminium, verbeult, mit Resten von Brei. Der Brei war angetrocknet. Buchweizenkörner klebten an der Wand, und auf der Oberfläche war eine fette Haut festgeworden. Daneben eine zweite Schüssel mit Wasser, in der ein Blatt schwamm.

Friedhelm hatte den Hund an dem Morgen gefüttert, an dem er starb. Oder am Abend zuvor. Irmgard sah die Schüssel an und rückte ihr Kopftuch zurecht, weil ihre Hände etwas Gewohntes brauchten. Sieben Jahre lang hatte sie zu den Nachbarn gesagt, der Alte quäle seinen Hund. Sie hatte es Bärbel im Laden gesagt, der Postbotin Gisela und ihrer Tochter am Telefon. Kette, Hundehütte, Brei, und kein einziger Spaziergang. Ein Lebewesen am Pfosten. Und jedes Mal, wenn sie es aussprach, spürte sie die Wahrheit hinter sich, diese Art Recht zu haben, die besser wärmt als jeder Ofen und keinen Beweis braucht. Die Wahrheit war doch offensichtlich: Hund an der Kette, Herrchen schweigt, also ist er schuld.

Gisela, die Postbotin, kam eine Stunde später und brachte Brot und Milch mit, weil sie es für Friedhelm gewohnt war und nicht mehr wusste, wem sie es geben sollte. Sie sagte, sie habe ihn am Samstag gesehen, er habe seine Rente abgeholt und zwei Kilo Buchweizen gekauft. Für sich und für den Hund. Irmgard fragte, ob Friedhelm Verwandte habe.

Gisela dachte nach, drückte ihre Tasche an die Hüfte und erinnerte sich an die Tochter. Gundula. Sie lebt in Wiesenau, jenseits der Landstraße, zwölf Kilometer weit weg. Schon lange nicht mehr gekommen. Gisela sagte leise: „Gundula hat damals angeboten, den Hund zu nehmen. Aber der Alte wollte nicht. Ich habe ihre Nummer irgendwo im Postamt.“ Irmgard schwieg. Sie dachte: geizig, hat den Hund nicht einmal abgeben können, wenn er selbst nicht mehr zurechtkam. Dann ging sie zu dem Pfosten.

Der Karabinerhaken am Halsband war verrostet, ihre Finger glitten vom nassen Metall ab. Sie rieb, drehte, drückte mit dem Daumen auf die Klinke. Rost kratzte unter ihre Nägel, und ihre Handflächen rochen nach Eisen, herb und kalt. Wotan stand still. Er winselte nicht, er zog nicht. Er wartete nur, als wüsste er genau, dass jetzt gleich etwas geschehen würde, und als hätte er diese sieben Jahre durchgehalten nur für dieses eine Klicken.

Der Haken gab nach. Das Halsband glitt vom Hals, und darunter kam ein Streifen platt gedrückten Fells zum Vorschein, hell, fast weiß, wie die Spur eines Eherings. Der Hund schüttelte sich am ganzen Leib, vom Gesicht bis in die Schwanzspitze. Dann sah er Irmgard an. Eine Sekunde lang stand er da. Und dann schoss er los.

Nicht zu ihr, nicht zur Schüssel, nicht zum Haus. Zum Zaun. Er drückte sich zwischen den Latten durch, sprang auf die Straße und rannte. Irmgard sah den rotbraunen Rücken noch hinter den Holunderbüschen verschwinden.

Sie ging ins Postamt zu Gisela, um Friedhelms Tochter anzurufen.

Der Hund war dann schon über die Landstraße. An der Stelle, wo die Straße eine Kurve machte und die Autos vor der Brücke über den Graben bremsten, wartete er einen Augenblick und lief hinüber. Er bog auf den Feldweg nach Wiesenau ab.

Wiesenau begann mit drei Pappeln und einer Bushaltestelle ohne Wartehäuschen. Wotan bog in die zweite Straße ein, lief an der Dorfpumpe vorbei, an einem Vorgarten voller Dahlien, und blieb vor dem Haus mit dem grünen Dach stehen.

Die Treppe war niedrig, zwei Stufen, die Bretter dunkel von Feuchtigkeit. Die Tür war mit Kunstleder bezogen, und an der Ecke löste sich der Bezug und hing als Dreieck herunter. Wotan setzte sich vor die Tür und winselte.

Sein Schwanz schlug auf die Stufe, und dieses Schlagen war das einzige fröhliche Geräusch am ganzen Tag.

Die Tür ging auf. Auf der Schwelle stand eine Frau, schmal, dunkles Haar zu einem Knoten gebunden, Mehl an den Händen. Aus dem Haus roch es nach Hefeteig und Vanillin, ein warmer Geruch, der auf die Veranda schwamm und sich mit dem Geruch feuchter Erde vermischte.

Die Frau sah den Hund an. Dann ging sie in die Hocke, nahm seine Schnauze in beide Hände, und das Mehl staubte in weißen Flecken auf das rote Fell. Wotan stieß die Nase an ihr Handgelenk und schloss die Augen.

Genau in diesem Augenblick klingelte das Telefon. Irmgard sagte, Friedhelm sei tot. Der Hund habe sich von der Kette gerissen und sei weggelaufen.

„Er ist hier. Ich heiße Gundula.“ Irmgard keuchte nur: zwölf Kilometer über die Landstraße!

Und Gundula erzählte.

Wotan war ein Welpe gewesen, als Gundula noch bei ihrem Vater wohnte. Sie hatte ihn aus dem Nachbardorf geholt, vier Wochen alt, rotbraun, mit einem Ohr, das aufstand, und einem, das umknickte. Sie hatte ihn mit der Pipette gefüttert, in der ersten Woche hatte sie mit ihm auf dem Boden geschlafen, weil er winselte und nicht allein einschlafen konnte. Dann heiratete Gundula und zog nach Wiesenau um. Wotan blieb beim Vater.

Der Hund lief zu ihr. Über das Feld, über die Landstraße, zwölf Kilometer in eine Richtung. Er kam am Abend an, legte sich vor die Treppe und wartete. Gundula fütterte ihn, streichelte ihn, ließ ihn über Nacht da. Am Morgen lief Wotan zurück. Wieder zwölf Kilometer. Beim ersten Mal hatte ihn ein Auto angefahren, nach einem halben Jahr. Es hatte ihn mit dem Kotflügel erwischt und über den Schotter geschleift. Friedhelm fand ihn am Straßenrand und trug ihn nach Hause, vier Kilometer lang. Gundula kam per Anhalter, und sie brachten den Hund zusammen in die Kreisstadt zum Tierarzt. Eine Narbe blieb ihm an der linken Flanke, lang, von den Rippen bis zum Bein.

Wotan wurde gesund und lief nach einem Monat wieder weg. Er wurde zum zweiten Mal angefahren. Dieselbe Stelle, dieselbe Kurve. Bruch im Becken, drei Monate ohne Bewegung. Friedhelm wechselte zweimal am Tag das Kotfluch und trug den Hund in den Hof, damit er den Himmel sehen konnte.

Danach kaufte Friedhelm die Kette. Gundula bat ihn, ihr den Hund zu geben. Friedhelm weigerte sich. Er sagte nur: „Er kommt zurück. Er kommt immer zurück. Aber die Landstraße überlebt er beim dritten Mal nicht.“ Gundula stritt mit ihm, kam ein halbes Jahr nicht. Dann kam sie seltener. Irgendwann gar nicht mehr.

Sieben Jahre saß Wotan an der Kette.

Friedhelm kochte ihm morgens und abends Brei. Buchweizen, manchmal Hirse, mit Fleischresten, die er bei Bärbel im Laden für den halben Preis bekam. Er prüfte das Halsband, schmierte den Karabinerhaken ein, damit er nicht verrostete. Er saß daneben auf dem Holzklotz und schwieg. Wotan legte den Kopf auf sein Knie, und so saßen sie, bis es dunkel wurde, zwei Alte, einer auf dem Holzklotz, einer an der Kette. Irmgard sah das jeden Abend vom Küchenfenster aus.

Wotan blieb bei Gundula. Er war dort, wo er sieben Jahre lang hatte hinwollen.

Irmgard schaute noch einmal in Friedhelms Hof und blieb an dem Pfosten stehen. Die Kette lag im Schlamm, zu einem Ring zusammengerollt. Irmgard hob sie auf. Die Glieder waren schwer und kalt, und eine Seite glänzte, blank poliert bis zur Glätte.

Sie hängte die Kette an den Nagel im Pfosten. Sie drehte den Draht am Gartentor zu, mit vier Windungen, wie Friedhelm es getan hatte. Sie stand einen Augenblick da, sah auf den leeren Hof, auf die Rinne in der Erde, die sich im Bogen hinzog, auf den Holzklotz am Pfosten. Dann ging sie über die Straße zu ihrem eigenen Hof und schloss die Tür hinter sich.

Die Schüssel wusch sie ab und stellte sie auf ihre Veranda. Für alle Fälle. Falls Wotan zurückkommt.

Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: