Sieben Jahre hielt man einen Hund an der Kette – als man sie ihm abnahm, waren alle wie vor den Kopf gestoßenDenn als er sich endlich frei bewegen konnte, führte er sie schnurstracks zu einem vergrabenen Schatz aus dem Dreißigjährigen Krieg.

Johann Brandt wurde am Morgen gefunden, und der Hund hatte schon seit dem Vorabend geheult. Greta Sommer hörte das Heulen durch zwei Zäune hindurch, ging aber nicht hinaus, weil Donner oft heulte und sie deshalb längst aufgehört hatte, sich deswegen zu erheben. Das Heulen war tief, zäh, ohne jede Unterbrechung, und gegen Mitternacht gehörte es zur Nacht wie der Wind oder das Rauschen des Wassers in den Rohren.

Der Revierpolizist kam gegen Mittag, versiegelte das Haus und fuhr wieder. Er schrieb die Papiere auf der Motorhaube, rauchte und sah hinüber zu dem Hund, ging aber nicht näher. Er rief Greta über den Zaun zu, dass der Leichnam in die Kreisstadt gebracht worden sei und dass man sich um Angehörige kümmern müsse. Dann knallte er die Wagentür zu und fuhr die Spurrinnen entlang, zwei tiefe Schlammspuren hinterlassend. Der Hund blieb. Er saß an der Kette, die Schnauze zum Himmel gereckt, und der Laut kam aus ihm heraus, gleichmäßig und tief, wie aus einem Rohr, das man vergessen hatte zuzudrehen. Kein Bellen, kein Winseln. Ein Heulen. Eines, das unter den Rippen zu nagen beginnt, wenn man lange genug zuhört.

Greta stand an ihrem Gartentor und sah über die Straße auf Johanns Hof. Der Schlamm nach dem nächtlichen Regen glänzte in den Fahrspuren, und aus der Erde stieg ein Geruch, schwer und feucht, wie von einem frisch umgegrabenen Beet.

Der Zaun hing schief, drei Latten lagen in den Brennnesseln, aber das Gartentor war mit Draht verschlossen, und der Draht war sauber zu vier Windungen gedreht. Der Alte reparierte den Zaun nicht, aber das Tor schloss er jeden Abend ab. Greta wusste das, weil sie aus dem Küchenfenster gesehen hatte, wie er in der Abenddämmerung hinaustrat und den Draht mit trockenen Fingern verzwirbelte.

Sie überquerte die Straße, drehte den Draht auf und trat in den Hof. Es roch nach feuchter Erde, nach Hund und etwas Saurem, nach abgestandenem Wasser aus der Regentonne am Schuppen.

Donner hörte auf zu heulen und drehte den Kopf. Rotbraun, mit schwarzem Sattel auf dem Rücken, kräftig, wie ein Schäferhund, dem jemand Dorfhund beigemischt hatte. Die Schnauze war grau, und die Augen waren gelb und trüb, wie bei alten Hunden, die mehr gesehen hatten, als gut war.

Die Kette führte vom Pfosten zum Halsband. Dick, mit großen Gliedern, fünf Meter lang. Greta kannte diese Kette seit sieben Jahren. Jeden Sommer hatte sie aus dem Fenster gesehen, wie Donner im Bogen lief und eine Rinne in den Boden trat.

Mit den Jahren war die Rinne tief geworden, knöcheltief, und in ihr stand Regenwasser. Im Winter überzog Reif die Kette, und die Glieder schlugen im Wind aneinander. Aber jetzt bemerkte Greta etwas, das sie vorher nie gesehen hatte: Auf der Seite, wo die Kette am stärksten gespannt gewesen war, waren die Glieder blankgerieben. Das Metall war poliert wie eine Türklinke, die jeden Tag angefasst wird. Der Hund hatte immer in eine Richtung gezogen. Nicht hin und her, nicht im Kreis. In eine einzige Richtung.

Neben dem Pfosten stand ein Napf. Aus Aluminium, verbeult, mit Resten von Brei. Der Brei war angetrocknet. Buchweizenkörner klebten an der Wand, auf der Oberfläche war eine Haut aus Fett erstarrt. Daneben ein zweiter Napf mit Wasser, in dem ein Blatt schwamm.

Johann musste den Hund an dem Morgen gefüttert haben, an dem er starb. Oder am Abend davor. Greta sah auf den Napf und richtete ihr Kopftuch, weil ihre Hände etwas Vertrautes brauchten. Sieben Jahre lang hatte sie zu den Nachbarn gesagt, der Alte quäle den Hund. Zu Edith Kaufmann aus dem Laden, zu der Postbotin Hilde Krüger, zur eigenen Tochter am Telefon. Kette, Hundehütte, Brei und kein einziger Spaziergang.

Ein Lebewesen am Pfosten. Und jedes Mal, wenn sie es aussprach, fühlte sie sich im Recht, mit einem Recht, das wärmer macht als ein Kachelofen und keine Beweise braucht. Die Wahrheit war doch offensichtlich: Hund an der Kette, stummer Besitzer, also schuldig.

Hilde, die Postbotin, kam eine Stunde später und brachte Brot und Milch, weil sie Johann immer etwas gebracht hatte und jetzt nicht wusste, wem sie es geben sollte. Sie sagte, sie habe ihn am Samstag gesehen, wie er seine Rente abgeholt und zwei Kilo Buchweizen gekauft habe. Für sich und für den Hund. Greta fragte, ob Johann Verwandte habe.

Hilde dachte nach, drückte ihre Tasche an die Seite und erinnerte sich an die Tochter. Liesel. Wohne in Rosenhain, hinter der Bundesstraße, zwölf Kilometer. Schon lange nicht mehr vorbeigekommen. Hilde fügte leise hinzu: „Die Tochter hat angeboten, den Hund zu nehmen. Aber der Alte wollte nicht. Ich habe ihre Nummer irgendwo im Postamt.”

Greta schwieg. Dachte: Geizhals, konnte nicht einmal den Hund hergeben, wenn er selbst nicht mehr klarkam. Dann ging sie zum Pfosten.

Der Karabiner am Halsband war verrostet, die Finger rutschten vom nassen Metall ab. Greta rieb, drehte, drückte mit dem Daumen auf den Verschluss. Rost kroch unter ihre Nägel, und die Hände rochen nach Eisen, herb und kalt. Donner stand still. Winselte nicht, zuckte nicht. Er wartete, als wüsste er, dass jetzt genau das passieren würde, und als hätte er diese sieben Jahre auf ein einziges Klicken ausgeharrt.

Der Karabiner gab nach. Das Halsband glitt vom Hals, und Greta sah darunter einen Streifen niederliegenden Fells, hell, fast weiß, wie das Muster eines Eherings. Der Hund schüttelte sich, vom Kopf bis zum Schwanz. Dann sah er Greta an. Stand eine Sekunde. Und riss los.

Nicht zu ihr, nicht zum Napf, nicht zum Haus. Zum Zaun. Er zwängte sich zwischen den Latten durch, preschte auf die Straße und lief los. Greta sah den rotbraunen Rücken hinter den Holunderbüschen aufblitzen; dann war er verschwunden.

Sie ging zur Post, zu Hilde, um Johanns Tochter zu erreichen.

Der Hund hatte die Bundesstraße inzwischen überquert. An der Stelle, wo die Straße eine Kurve machte und die Autos vor der Brücke über den Graben abbremsen mussten, wartete er einen Moment und lief hinüber. Dann bog er auf den Feldweg nach Rosenhain ab.

Rosenhain begann mit drei Pappeln und einer Bushaltestelle ohne Wartehäuschen. Donner bog in die zweite Straße ein, lief an der Wasserpumpe vorbei, an einem Vorgarten mit Dahlien, und blieb vor einem Haus mit grünem Dach stehen.

Die Freitreppe war niedrig, zwei Stufen, die Bretter von der Nässe dunkel. Die Tür war mit Kunstleder bezogen; an einer Ecke hatte sich der Bezug gelöst und hing wie ein Dreieck herab. Donner setzte sich vor die Tür und winselte.

Sein Schwanz schlug gegen die Stufe, und dieses Geräusch war das einzige Fröhliche am ganzen Tag.

Die Tür ging auf. Im Türrahmen stand eine Frau, mager, das dunkle Haar zu einem Knoten hochgesteckt, die Hände voller Mehl. Aus dem Haus kam der Duft von Hefeteig und Vanillezucker; der warme Geruch quoll auf die Freitreppe hinaus und vermischte sich mit dem Geruch feuchter Erde.

Die Frau sah den Hund an. Dann hockte sie sich hin, nahm seine Schnauze in beide Hände, und das Mehl rieselte von ihren Fingern auf das rotbraune Fell, in weißen Flecken. Donner stieß mit der Nase gegen ihr Handgelenk und schloss die Augen.

Genau in diesem Moment klingelte das Telefon. Greta war am Apparat. Sie sagte, Johann sei gestorben, der Hund sei von der Kette losgekommen und weggelaufen.

„Er ist bei mir. Ich heiße Liesel.”

Greta japste nur. Zwölf Kilometer über die Bundesstraße!

Und Liesel erzählte.

Donner war ein Welpe, als Liesel noch bei ihrem Vater wohnte. Sie hatte ihn aus dem Nachbarort geholt, einen Monat alt, rotbraun, mit einem aufgestellten Ohr. Sie zog ihn groß, fütterte ihn mit der Pipette und schlief die erste Woche mit ihm auf dem Boden, weil er winselte und nicht allein einschlafen konnte. Dann heiratete Liesel und zog nach Rosenhain. Donner blieb bei ihrem Vater.

Der Hund lief zu ihr. Über das Feld, über die Bundesstraße, zwölf Kilometer in eine Richtung. Kam am Abend an, legte sich auf die Freitreppe und wartete. Liesel gab ihm Futter, streichelte ihn, ließ ihn über Nacht da. Am Morgen lief Donner zurück. Wieder zwölf Kilometer.

Beim ersten Mal wurde er nach einem halben Jahr angefahren. Ein Kotflügel erwischte ihn und schleifte ihn über den Schotter. Johann fand ihn am Straßenrand und trug ihn nach Hause, vier Kilometer. Liesel kam mit einer Mitfahrgelegenheit an, und gemeinsam brachten sie den Hund zum Tierarzt in die Kreisstadt. Eine Narbe blieb auf der linken Seite zurück, lang, von den Rippen bis zur Pfote.

Donner genas und lief nach einem Monat wieder fort. Er wurde ein zweites Mal angefahren. Dieselbe Stelle, dieselbe Kurve. Ein Beckenbruch, drei Monate ohne Bewegung. Johann wechselte zweimal am Tag die Decke und trug den Hund in den Hof, damit er den Himmel sah.

Nach diesem Vorfall kaufte Johann eine Kette. Liesel bat ihn, ihr den Hund zu geben. Johann weigerte sich. Er sagte nur: „Er kommt zurück. Er kommt immer zurück. Und die Bundesstraße überlebt er nicht ein drittes Mal.”

Liesel stritt mit ihm, kam ein halbes Jahr nicht. Dann kam sie wieder, aber seltener. Dann gar nicht mehr.

Sieben Jahre saß Donner an der Kette.

Johann kochte ihm morgens und abends Brei. Buchweizen, manchmal Hirse, mit Fleischabschnitten, die er bei Edith Kaufmann aus dem Laden zum halben Preis bekam. Er prüfte das Halsband und fettete den Karabiner, damit er nicht einrostete. Er saß neben dem Hund auf dem Holzklotz und schwieg. Donner legte den Kopf auf Johanns Knie, und so saßen sie, bis es dunkel wurde, zwei Alte, einer auf dem Klotz, einer an der Kette. Greta sah das jeden Abend aus ihrem Küchenfenster.

Donner blieb bei Liesel. Er war dort, wohin er sieben Jahre lang gegangen war.

Greta schaute noch einmal durch das Gartentor auf Johanns Hof und blieb an dem Pfosten stehen. Die Kette lag im Schlamm, zu einem Ring zusammengerollt. Greta hob sie auf. Die Glieder waren schwer und kalt, und eine Seite glänzte, bis zur Glätte poliert.

Sie hängte die Kette an den Nagel, der in den Pfosten eingeschlagen war. Sie drehte den Draht am Gartentor viermal zusammen, so wie Johann es gemacht hatte. Sie stand einen Augenblick da, sah auf den leeren Hof, auf die Rinne im Boden, die in einem Bogen getreten war, auf den Holzklotz am Pfosten. Dann ging sie über die Straße zu ihrem Grundstück und schloss die Tür hinter sich.

Den Napf spülte sie aus und stellte ihn auf ihre Freitreppe. Für alle Fälle. Falls Donner zurückkommt.

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