Anna Schmidt verlässt die Apotheke und denkt nur an eines nach Hause zu kommen, ohne dass etwas passiert.
Stock. Schritt. Stock. Schritt. Das Bein zieht, die Tüte mit Medikamenten schneidet die Hand. Der Oktober dieses Jahres ist gemein feucht, trüb, ohne ein Anzeichen von Gnade.
Noch ein Stück. Noch ein bisschen.
Sie kommt fast an den Spielplatz vorbei, als ein leises Jaulen aus dem Gebüsch am Zaun dringt.
Anna bleibt stehen, zögert einen Moment. Sie denkt: Ich habe keine Kraft mehr, ich gehe einfach nach Hause. Und doch dreht sie sich um.
Sie schiebt die Äste beiseite.
Im Gebüsch liegt ein Schäferhund. Groß, erwachsen und völlig hilflos. Die Vorderpfote blutet, sowohl trocken als auch frisch. Das Fell hängt strähnig, die Rippen zeichnen sich deutlich ab. Doch das Schlimmste sind die Augen lebendig, aber fast aufgegeben. Solche Augen kennt Anna. Sie weiß, was sie bedeuten.
Der Hund blickt sie an und knurrt nicht.
Nur starrt er.
Was soll ich jetzt mit dir machen? sagt Anna. Kein echtes Wort eher ein Seufzer.
Sie zückt das Handy, ruft ein Taxi das erste Mal seit Monaten, weil sie ihr Geld hütet. Sie nennt die Adresse der Tierklinik am Wald.
Der Fahrer verzieht das Gesicht, als er den Hund sieht.
Wir fahren normalerweise keine Tiere. Nur im Kofferraum. Wird er nicht schmutzig?
Wird nicht, helfen Sie mir beim Einladen, sagt Anna mit der Stimme, mit der sie früher unfreundliche Sanitäter überredete.
Überraschenderweise streitet der Fahrer nicht er hebt den Hund fast allein in den Kofferraum.
In der Klinik heißt es: Bruch, klaffende Wunde, Auszehrung. Eine Operation ist dringend nötig.
Der Preis wird genannt.
Anna hält kurz inne, dann öffnet sie die Geldbörse.
Es ist fast ihre komplette Rente.
Fast alles aber nicht ganz, murmelt sie zu sich und legt das Geld auf den Tresen.
Zurück nach Hause kommt Anna spät am Abend mit dem Hund, der Medikamententüte und einer Anleitung auf zwei kleinen Zetteln.
Der Schäferhund legt sich sofort im Flur nieder. Anna setzt sich daneben.
Der Hund liegt da, hat die gebundene Pfote ausgestreckt, schenkt Anna keinerlei Beachtung.
Na gut, sagt sie. Du willst nicht sehen, das ist egal. Hauptsache, du lebst.
In der Nacht schläft sie kaum. Sie lauscht, steht zweimal auf, leuchtet mit dem Handy.
Am Morgen ruft Heike an.
Mama, wie gehts?
Ganz gut. Ich habe einen Hund gefunden.
Stille. Lang.
Welchen Hund?
Einen Schäferhund. War verwundet, lag im Gebüsch. Ich habe ihn zur Klinik gebracht.
Mama. Heikes Stimme wird besonders, weil sie sich zurückhält. Mama, das ernst? Du läufst kaum noch! Mit welchem Geld?
Mit meinem.
Mit der Rente?
Heike, bitte nicht schreien.
Ich schreie nicht, ich rede. Wir haben doch gesagt: Ich richte das Zimmer ein, du ziehst bald ein, und du…
Heike. Anna sagt es ruhig. Ich rufe später zurück. Und legt auf.
Der Rest des Gesprächs wird später erledigt. Jetzt zählt etwas anderes.
Die ersten Tage sind hart. Der Hund frisst nicht. Anna kauft alles Mögliche: Pastete, gekochtes Hähnchen, Reis mit Brühe. Sie stellt die Schüssel hin, geht weg, wartet. Zurück nichts angefasst.
Sie setzt sich langsam auf den Boden, knarrt, schiebt sich hin, reicht das Essen mit der Hand. Nur halten und warten.
Am dritten Tag streckt der Hund die Pfote und nimmt ein Stück Hähnchen.
Klein. Fast unbemerkt.
Anna lächelt nicht, bleibt still, um ihn nicht zu erschrecken.
So ist es. So ist es gut.
Sie nennt ihn Greta. Nicht sofort, erst nach einigem Zögern, weil sie dachte, er könnte sterben. Dann erkennt sie: er bleibt.
Greta fürchtet alles. Laute Geräusche, fremde Bewegungen. Als Anna das erste Mal versucht, ihm über den Kopf zu streicheln, spannt er sich zusammen, als erwartete er einen Schlag.
Wer hat dich so?
Sie streichelt nicht legt die Hand einfach neben die Decke, neben die Pfote. Die Hand liegt da nichts drücken. Lass ihn sich gewöhnen.
So vergehen die Tage.
Morgens und abends gehen sie nach draußen.
Greta steigt vorsichtig die Treppe hinunter, auf drei Pfoten die vierte schont sie noch. Anna hält sich ebenfalls am Geländer fest. Zwei Krücken, denkt sie. So ein Paar.
Sie erreichen die Bank unter der Linde und halten an. Anna setzt sich. Greta steht daneben, schaut sich um wachsam, angespannt, als würde Gefahr überall lauern.
So spazieren sie jeden Morgen und jeden Abend. Zuerst bis zur Bank und zurück, dann bis zur Straßenecke, dann um den Hof herum. Anna kommt nach Hause und spürt, dass ihre Beine summen, aber anders als früher. Nicht von Schwäche, von Erschöpfung. Der Unterschied ist da.
Im November kommt Heike ohne Vorwarnung.
Sie klingelt, tritt ein und bleibt im Flur stehen. Sie sieht Greta auf der Decke liegen, die Schüsseln an der Wand, die Leine am Haken. Dann die Mutter, die gerade Tee in der Küche trinkt, etwas gerötet von der Spazierfahrt.
Mama, du siehst normal aus, sagt Heike, verwirrt, weil sie etwas anderes erwartet hat.
Ich gehe zweimal am Tag raus, antwortet Anna. Setz dich, ich hol dir einen Tee.
Heike setzt sich, schaut Greta an die liegt ruhig, hebt nur den Kopf.
Beißt sie?
Nein.
Und wenn ein Fremder kommt?
Sie ist nicht aggressiv, nur vorsichtig.
Heike schweigt, dann wieder:
Mama, das Zimmer ist fertig. Alles ist bereit. Ich fühle mich besser, wenn du hier bist. Und allein zu Hause du weißt ja.
Anna stellt die Tasse hin.
Nimmst du die Hündin mit?
Mama.
Heike. Nur ein Wort.
Pause. Lang.
Unsere Wohnung ist nicht groß genug. Und Kostja ist gegen Tiere. Du weißt das.
Weiß. sagt Anna.
Dieses Thema wird an diesem Abend nicht weiter vertieft.
Greta, als habe sie etwas gespürt, steht von ihrer Decke auf, geht in die Küche und legt sich an Annas Füße direkt auf den kalten Boden, streckt sich.
Anna senkt die Hand und streichelt ihr Ohr.
Hörst du alles, ja?
Das Gespräch findet im Dezember statt. Heike kommt an einem Samstag mit Koffern, Essen, mit dem Blick einer Person, die eine Entscheidung getroffen hat und sie jetzt äußern will.
Sie packt die Lebensmittel in den Kühlschrank, wäscht das Geschirr. Dann setzt sie sich an den Tisch, faltet die Hände wie man es tut, wenn man ernst reden will.
Mama, lass uns ohne Groll reden.
Anna sitzt daneben. Greta liegt im Raum, ein leises Seufzen ist zu hören.
Okay, sagt Anna.
Ich habe das Zimmer fertig, Vorhänge aufgehängt, dir eine neue Matratze gekauft. Es ist schön hier, Mama. Du bist in der Nähe, ich fühle mich sicher. Du bist nicht allein.
Ich bin nicht allein.
Mama. Heike schließt die Augen fast. Ein Hund ist keine Gesellschaft, er ist Verantwortung, die du jetzt nicht brauchst. Du gibst deine Rente aus, gehst zweimal am Tag in die Kälte, du
Ich sehe besser aus als vor einem Jahr.
Du bist müde.
Alle werden müde.
Mama, ich habe ein gutes Tierheim gefunden. Dort gibt es nette Leute, die sich um Hunde kümmern, viel Platz. Greta würde dort besser leben als in einer Einzimmerwohnung.
Greta seufzt erneut, springt auf, das Geräusch ihrer Krallen ist zu hören, sie geht zur Küche, bleibt in der Tür stehen, schaut beide an, dann zu Anna und legt sich neben sie.
Heike schaut den Hund an, dann ihre Mutter.
Ich höre dich, sagt Anna leise. Ich höre alles.
Sie legt die Hand auf Gretas Kopf. Sie bewegt sich nicht.
Erinnerst du dich, wie ich früher gearbeitet habe? fragt Anna plötzlich. Du warst klein, aber vielleicht erinnerst du dich. Ich ging um sechs Uhr morgens los, kam zurück, wenn du schon schliefst. Dein Vater meinte, zu Hause existierst du nicht, nur im Krankenhaus.
Heike schweigt.
Ich war nicht verletzt, ich verstand: Dort waren Menschen, denen es schlechter ging als mir. Ich war gebraucht. Dann starb dein Vater. Ich ging in Rente und plötzlich war ich niemandes Sache. Du bist erwachsen, hast dein eigenes Leben. Das ist richtig. Aber ich Heike, ich wusste einfach nicht, was ich mit mir anfangen soll.
Anna schaut aus dem Fenster. Draußen ist Dezember grau, frühe Dämmerung, die Laternen leuchten.
Als ich Greta fand, dachte ich: Noch ein Problem. Keine Kraft, kein Geld, Gesundheit nicht mehr. Warum das? Dann nahm sie an meinem Finger ein Stück Hähnchen am dritten Tag. Ein winziges Stück. Und ich begriff, dass ich die Nächte nicht wegen Müdigkeit durchwache, sondern weil es wichtig ist. Wenn ich nicht weiterpasse, hat niemand mehr etwas zu tun.
Greta rückt näher, Anna streichelt ihr Ohr.
Ich gehe jetzt öfter raus. Früher nur zur Bank, dann keuchte ich. Jetzt drei Runden um das Haus, und ich merke es kaum. Blutdruckpillen ich habe vor zwei Wochen die Dosis reduziert, der Arzt sagte, das geht. Ich habe Valentina aus dem zweiten Treppenhaus kennengelernt, wir gehen manchmal zusammen. Ich habe endlich richtige Winterschuhe gekauft das erste Mal seit drei Jahren, weil ich früher dachte, wozu Schuhe, wenn ich ja nie rausgehe.
Sie wendet sich an Heike.
Jetzt gehe ich, Heike.
Heike sitzt da, schaut die Mutter an. Sie will etwas sagen Anna sieht das sagt aber nichts.
Ich verstehe deine Angst, sagt Anna. Dass ich fallen könnte, dass keiner den Rettungswagen ruft, dass es im Winter rutschig ist, dass ich allein bin. Ich habe das selbst für meinen Vater gefürchtet.
Und was ist schlimm daran? murmelt Heike.
Nichts Schlimmes. Ich bin nur noch nicht bereit, hilflos zu sein. Anna lächelt ein wenig. Noch zu früh.
Heike senkt den Blick.
Stille dauert.
Gibst du sie nicht weg?, fragt Heike.
Und nicht umziehen?
Heike nickt langsam, als fände sie endlich ein Stück Ordnung.
Dann will ich, dass du einen Notfall-Armband hast. Drückst du ihn, rufst du mich sofort.
In Ordnung.
Und einmal die Woche komme ich vorbei. Nicht um zu kontrollieren, nur um dich zu besuchen.
Das würde mich freuen.
Und das hier, Heike deutet auf Greta, versuche ich zu akzeptieren. Ich verspreche nicht, dass ich sie liebe, aber ich gebe mir Mühe.
Anna schaut ihre Tochter an.
Komm her, sagt sie.
Heike steht auf, geht zu ihr, Anna umarmt sie fest. Heike bleibt einen Moment stehen, dann erwidert die Umarmung.
Greta zieht sich behutsam zurück zu ihrer Decke.
Draußen wird es völlig dunkel, die Laternen leuchten gleichmäßig, Schnee bedeckt das Fenstersimsels.
Der Winter vergeht lautlos.
Anna merkt nicht, wann es passiert plötzlich ist Dezember vorbei, dann Januar, dann Februar, und sie geht weiter, morgens und abends, bei Frost und Tau, im Schnee und Matsch.
Greta läuft neben ihr. Keine Hinken mehr die Pfote ist vollständig geheilt, der Tierarzt sagt, man könne sie nicht mehr von einem gesunden Hund unterscheiden.
Im Hof kennt sie alle. Valentina aus dem zweiten Treppenhaus kommt immer zur gleichen Zeit, sie spazieren zusammen, reden über Kinder, Gesundheit, Politik vorsichtig. Opa Heinrich vom dritten Stock bleibt jedes Mal stehen und gibt Greta Leckerlis, die sie würdevoll annimmt. Die Kinder vom Spielplatz fürchten zunächst die Schäferhündin, dann gewöhnen sie sich, laufen zu ihr.
Anna lässt ihren Stock im Februar zu Hause liegen. Eines Tages geht sie ohne ihn aus, erinnert sich nicht. Sie kehrt zurück, sieht den Stock an der Tür und denkt: So war es.
Im März ruft sie das Gartenamt an, ob der Zugang zum Schrebergarten wieder geöffnet ist. Ja, er ist offen. Sie meldet sich für den Bus.
Greta sitzt auf der hinteren Sitzbank und schaut aus dem Fenster.
Der Schrebergarten ist wie immer altes Haus, Herbstlaub vom letzten Jahr, kahle Apfelbäume. Anna geht über das Gelände, berührt die Erde noch kalt, aber nicht mehr gefroren. Sie plant, wo sie Stiefmütterchen, Petunien, Dill und Petersilie pflanzen will einfach so, für den Duft.
Greta rennt umher wie ein junges Tier.
Im April kommt Heike mit Kostja. Kostja tritt ein, sieht Greta, spannt die Schultern. Greta schnuppert seine Hand, dann geht zurück prüft, ob er keine Gefahr ist.
Kostja atmet tief durch.
Na, sagt er vorsichtig, ganz ruhig.
Klug, korrigiert Anna.
Beim Tee schaut Heike die Mutter aufmerksam an, leise, während Kostja auf den Balkon geht.
Mama, du hast dich verändert.
Zum Besseren?
Ja.
Anna überlegt.
Ich lebe jetzt wieder, sagt sie. Man spürt es.
Greta legt den Kopf auf Annas Knie.