Katrin Schneider erinnert sich noch ganz genau an den Tag, an dem sie über das Schicksal eines fremden Kindes entscheiden musste. Es ist Mittwoch, ihr Mann kommt früher als gewöhnlich von der Arbeit nach Hause, düster wie ein Gewitter. Wortlos drückt Thomas ihr einen Umschlag in die Hand.
Was ist passiert?
Veronika ist nicht mehr da. Ohne mein Einverständnis kann Dimi nicht ins Heim gesteckt werden.
Katrin wusste schon vor der Hochzeit, dass ihr Mann einen Sohn hat. Eine alltägliche Geschichte: Während des Wehrdienstes verliebte sich Thomas in eine Frau. Nach dem Dienst holte er sie nach München, sie zogen zusammen. Doch das junge Glück hielt nicht lange irgendwann packte sie einfach ihre Sachen und fuhr zurück nach Leipzig.
Später kam eine Karte: Herzlichen Glückwunsch, du bist Vater. Warum es mit ihnen nicht klappte, hat Thomas nie erzählt, und Katrin fragte auch nicht danach. Es war Vergangenheit. Wozu alte Wunden aufreißen?
Als Katrin im vierten Monat schwanger war, tauchte plötzlich die Ex mit dem einjährigen Dimi auf. Eine Szene, Tränen, sie wollte alles zurückdrehen. Thomas aber blieb bei seiner Frau. Und Katrin nahm es ihm nicht übel: Wie kann man ihm etwas vorwerfen, das passierte, bevor sie sich begegneten?
Veronika forderte dann Unterhalt, Thomas zahlte zuverlässig. Danach meldete sich seine Ex nie wieder. Erst viel später erfuhren sie, dass sie zweimal geheiratet hatte und nach der zweiten Scheidung an allem zerbrochen ist und sich das Leben genommen hat.
Mittlerweile hatten Katrin und Thomas selbst zwei Kinder: Ihr Sohn Lukas, etwas jünger als Dimi, und die kleine Frieda, damals gerade ein Jahr alt. Das zweite Kind beschlossen sie zu bekommen, als sie das Haus in einem Vorort von Nürnberg kauften.
Das Haus ist alt, aus Holz, ohne großen Komfort, aber mit vier Zimmern, Garten, einer kleinen Werkstatt und Gemüsebeeten. Nach der winzigen Mietwohnung war das für Katrin das pure Glück. Lukas rannte eine Woche lang wie wild im Haus und drum herum.
Ein fremdes Kind großziehen darauf war Katrin natürlich nicht vorbereitet. Sie hatte Dimi sieben Jahre zuvor einmal gesehen, sonst wusste sie fast nichts von ihm. Wie war der Junge? Was hatte er erlebt? Sie hatte Angst. Ihr eigener Lukas war schon ein Wirbelwind, jetzt sollten es zwei Jungen im selben Alter sein. Würden sie sich verstehen? Thomas ist viel arbeiten, die Kinder hängen an Katrin.
All diese Gedanken schießen in wenigen Sekunden durch ihren Kopf. Thomas sagt kein Wort, sitzt immer noch im Flur mit leerem Blick.
Katrins Herz zieht sich zusammen. Sie fragt sich, wie sie an Thomas Stelle fühlen würde. Was würde sie tun, wenn das Schicksal so bei Lukas anklopfte? Da ordnet sich plötzlich alles:
Natürlich nehmen wir den Jungen zu uns, sagt sie entschlossen. Das ist doch auch dein Sohn, und für unsere Kinder ist er ihr Bruder. Wie könnten wir ihn weggeben? Wo Platz für zwei ist, ist auch Platz für drei. Wir schaffen das!
Einen Monat später zieht Dimi ein. Leise, schüchtern, brav. Ganz anders als der draufgängerische Lukas. Vielleicht war gerade dieser Unterschied ihr Vorteil, denn Dimi wollte gar nicht der Anführer sein, er passte sich an und die beiden Jungs wurden schnell Freunde. Noch dazu brachte Frieda mit ihrem Lachen Bewegung ins Haus. Sie schien die Welt zu lieben.
Im Herbst kommt Dimi in die erste Klasse. Er ist fleißig, offenbar hat seine Mutter ihn gut vorbereitet. Geld ist knapp, aber Thomas bemüht sich, und bald geht auch Katrin wieder arbeiten. Die Kinder werden größer, helfen im Garten und im Haus. Sie leben harmonisch, nie trennten sie zwischen eigenen und fremden Söhnen.
Als Dimi später an der Uni Bayreuth angenommen wird, wird Katrin schwer krank. Sie liegt lange im Krankenhaus, muss operiert werden. Es ist schwierig, aber sie verliert nie den Mut. Sie denkt an ihre Kinder, die noch nicht auf eigenen Beinen stehen, und ist fest überzeugt, dass sie wieder gesund wird für sie. Sie will ihre Söhne und Frieda erwachsen sehen, glücklich sein, und unbedingt noch ihre Enkel erleben. Doch Thomas zerbricht an dieser Zeit und greift zur Flasche.
Mit achtzehn wird Dimi zur Stütze der Familie. Er wechselt ins Abendstudium, fängt an zu arbeiten. Besonders zu seiner Mutter hält er engen Kontakt: Besucht sie fast täglich, liest ihr vor, fragt nach Rezepten für Lukas und Frieda und bringt ihr dann Probierportionen mit ins Krankenhaus. Dass Lukas inzwischen mit falschen Freunden unterwegs ist und Schwierigkeiten bekommt, verschweigt er ihr, bis zuletzt. Zum Glück bleibt es bei einer Bewährungsstrafe.
Katrin wird wieder gesund aber das Verhältnis zu Thomas bleibt zerrüttet. Seine Schwäche und den Verrat in ihren schwersten Tagen kann sie ihm nicht verzeihen. Sie wohnen weiter im großen Haus wie Nachbarn. Thomas versucht immer wieder, trocken zu bleiben, aber gelegentlich wird er rückfällig.
Vor einem Jahr brachte Dimi seine Verlobte mit nach Hause. Marie, in die er schon im Kindergarten verliebt war. Sie studiert Psychologie und setzt sich nun dafür ein, ihren Schwiegervater vom Alkohol zu befreien. Das Leben geht weiter. Bald wird das Haus richtig lebendig, denn die jungen Leute erwarten Zwillinge.
Jeden Tag dankt Katrin Gott für ihren ältesten Sohn und glaubt, dass sie nur deshalb am Leben ist, weil sie damals in ihrem Herzen Platz für ein fremdes Kind fand.