Bist du etwa zu geizig, oder was?

– Anja, wozu brauchst du denn so eine große Wohnung, hm? Du bist doch allein. Keine Kinder, kein Kerl, Freunde hast du, soweit ich seh, auch nicht wirklich. Wozu brauchst du denn ne Zweizimmerwohnung? Und wir hocken zu fünft in ner Einzimmerbude, da passts hinten und vorne nicht. Also überlegs dir doch, mein Mädel. Wir können ja später, wenn meine Jungs größer sind, wieder zurücktauschen. Wie findest du das, Tochter? Vater blickte sie mit einer Mischung aus Neugierde und Bittstellerei an.

Wie findet sie das? Und wie, bitteschön, stellt er sich das vor? Seit Jahren kein Lebenszeichen, und jetzt taucht er auf mit so einem originellen Angebot? Anja war baff. Hätte nie gedacht, dass Skrupellosigkeit solche Dimensionen annehmen kann. Was die Freunde anging klar hatte Anja Freunde. Genau so viele, wie ihr lieb war…

– Na und, Anja? Deal? – Vater rutschte ungeduldig auf seinem Stuhl herum.
– Was ist denn mit Mama?
– Was soll mit Mama sein? Vater verstand die Welt nicht.
– Sie kommt ab und zu vorbei. Bleibt dann mal ein paar Tage, manchmal sogar ne Woche. Da brauche ich das zweite Zimmer.
– Zwei, drei Mal im Monat? Das kriegen wir hin! Ich hab noch einen alten Klappsessel im Keller stehen. Den frischen wir ein bisschen auf und stellen ihn in die Küche. Ist doch gemütlich. Kühlschrank direkt daneben, muss man gar nicht weit laufen. Alles, was das Herz begehrt Bett und Imbissstube ganz nah beieinander – lachte er.

Anja sah ihn an und war nicht mal mehr beleidigt. Wörter wie einsam, allein, alte Jungfer prallten komplett an ihr ab. Sie war nur noch fassungslos wie kann man so schamlos und dreist sein? Glaubt er wirklich, alle anderen sind doof und er hat den Weisheitslöffel gefressen?

– Anja, Mensch, das ist doch für dich keine schlechte Lösung! Und schau, Mama kommt zweimal im Monat, das packen wir. Aber ich brauch mit Familie täglich Platz. Siehst du den Unterschied?
Ach ja, logisch. Er braucht Platz mit Familie. Aber Anja zählt ja nicht zu seiner Familie. Die zählt ja gar nicht. Tochter aus erster Ehe, das ist schon Vergangenheit. Seine drei halbwüchsigen Jungs und die Hausfrau, das ist echte Familie! Anja seufzte zu müde, um sich überhaupt noch zu ärgern. War ja spannend, wie lange es dauert, bis Papa kapiert, dass nicht nur er denkfähig ist.

– Papa, ich hab die Wohnung doch gerade erst abbezahlt. Jahrelang gespart und den Kredit abgezahlt… Die ist mir schon was wert
– Ach komm, jetzt fang nicht mit so nem Drama an. Abbezahlt… Du hattest doch einen super Start, das darfste nicht vergessen. schob ihr Vater skeptisch nach.

Super Start? Das war ja mal köstlich. Alles weiß er, der Herr Papa. Den Start hab ich aber nicht von dir bekommen, sondern von Mama dachte Anja, sprach es aber nicht aus. Wozu jemandem was sagen, was er eh nicht hören will?

– Papa… Ich überlegs mir, okay? – Das war alles, was Anja sagte.
– Klar, überleg ruhig! Überlegen schadet ja keinem. Er klopfte ihr kumpelhaft auf die Schulter.

***

– Anja, den hättste gleich in die Wüste schicken sollen, ehrlich! Wohnung tauschen, pah! Warum nicht gleich schenken? Der hat wohl drei Kinder und brauchts nötiger, hm? Lächerlich, echt! Mama schimpfte und lief aufgebracht im Wohnzimmer auf und ab.

– Mensch, Mama, wie soll ich den denn einfach so abservieren? Ist ja schließlich mein Vater… Ist doch irgendwie komisch. Anja war verlegen.
– Kind, bitte! Komisch ist was anderes. Weißt du, was komisch wäre? Wenn ER sich mal selbst unwohl fühlen würde! Für ihn ist es doch das Normalste auf der Welt, bei anderen was einzufordern als Wärs ein Pfandflaschenautomat! Dass du weißt, mit wem dus zu tun hast. Ein bequemer Typ, so war der schon immer glaub mir. Mach dir bloß keine Vorwürfe. Klar?
– Ich mach mir keine. Nur wundert mich, dass er das jetzt nicht zum ersten Mal vorschlägt. Ich hab wirklich erst gedacht, ich hab mich verhört. Oder vielleicht nicht richtig verstanden. Dass Menschen so unverschämt sein können War der schon immer so? Auch damals, als ihr noch zusammen wart? Anja war ehrlich ratlos.

– Und wie. Von Anfang an. Deshalb kennst du ihn auch kaum Kontakt hattet ihr ja kaum. Eigentlich wundert mich bloß, warum er plötzlich Interesse hat aus dem Nichts. Aber weißt du, damals als wir uns getrennt haben, hat er auch gefragt, wieso die Wohnung von meiner Mutter nicht geteilt werden kann. Er hat ja da gewohnt! Unfassbar, oder? Mama musste lachen, auch wenn ihre Augen dabei ernst blieben.

– Vielleicht sollte ich ihn einfach komplett aus meinem Leben lassen, was meinst du, Mama?
– Nee, lass gut sein, Anja. Man muss ja nicht gleich krachen lassen. Immerhin bleibst du seine Tochter, obs ihm passt oder nicht. Familie ist manchmal halt einfach… naja.
– Na klar, Familie. Für ihn ist das nur, wer exakt bei ihm wohnt. Anja seufzte.

Mama zuckte mit den Schultern. Sie wusste das nur zu gut. Aber eine Lösung hatte sie auch nicht. Das Leben wirds wohl zeigen

Anja seufzte ebenfalls und drehte sich weg. Ja so tanzen sie, die Leute. Da ist Familie, und sie sie ist Luft. Seine drei Jungs und die bräsige neue Frau, das sind Papas ganzer Stolz. Stundenlang kann er davon erzählen: wann der erste gelaufen ist, wer zuerst nen Zahn hatte, welche Milchzähne rausgefallen sind. Und jetzt sollte Anja wieder klein beigeben.

– Schon gut, Mama. Ich lass mich nicht mehr darauf ein. Und wenn, dann sage ich halt einfach nein. Eine lose Verbindung ist immer noch besser als gar keine. Viele haben nicht mal das. Und immerhin trinkt er nicht. Ja?
– Vielleicht… Mama nickte zögernd.

Das nächste Treffen mit dem Vater war eine Woche später. In seinem Revier. Die Familie war gerade komplett zum Arztbesuch ausgeflogen.

– Anja, du kommst genau richtig! Schau mal, was für ein praktischer Einbauschrank! Riesig da bringst du deinen ganzen Krempel locker unter. Und die Tapete! Ist die nicht super? Begeistert führte er sie durch die Wohnung.
– Papa…
– Und die Küche erst! Klein, aber fein. Da stellen wir dann für Mama den Sessel hin, ne? Okay, der Kühlschrank ist nicht der neueste aber ansonsten, wunderbar. Du kannst ja später mal upgraden, ich hab auch noch so ne Rabattkarte bei Media Markt…
– Papa! Jetzt kommst du wieder mit dem Thema Was soll ich denn mit deinem Kühlschrank und der Tapete und der Karte? Anja war schon den Tränen nahe.
– Wie, was damit? Kind, du musst doch wissen, wies hier aussieht. Gehört doch dazu, bevor man umzieht, oder? Er schaute sie an, aber es wirkte, als sehe er durch sie hindurch.
– Papa, sorry für die falsche Hoffnung Aber ich werde nicht herziehen. Ich bleib in meiner Wohnung. brachte Anja leise heraus.
– Jaja… Schau dir wenigstens noch die Dusche an! Die ist fast neu. Und die Toilette, auch erst gekauft, polnisches Modell!
– Bist du schwerhörig?! Ich. Ziehe. Hier. Nicht. Ein! Ich mag meine Wohnung und werde sie nicht eintauschen! Schluss, aus! platzte es plötzlich aus ihr heraus. Über ihn, über sich selbst, über die ganze Misere, in die er sie mal wieder gebracht hatte
– Kein Tausch? Hast dus so nötig, alles zu behalten? Und warum kommst du dann überhaupt vorbei? Das ist nicht fair. Anja, ich hab auf dich gebaut. Und du… hast mich enttäuscht. Sein Blick war so kalt wie die Novemberluft. Anja senkte den Kopf, drehte sich um und verließ lautlos die Wohnung

Sie lief durch die herbstlichen Straßen Münchens und wusste nicht, ob sie jetzt lachen oder heulen sollte. Anja blieb stehen, zog ihr Handy raus und löschte Papas Nummer samt aller Kontakte. Und da atmete sie erleichtert auf. Was will man machen… Wahrscheinlich war das die einzig richtige Entscheidung. Und Papa? Wenn er wollen würde, könnte er anrufen, schreiben, klingeln Aber tief in Anjas Innerem war klar: Er würde sich nicht mehr melden. Hatte ja nichts mehr zu holen der Tausch war geplatzt…

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