Ach, mensch, das war vielleicht eine Geschichte! Stell dir vor, neulich ruft bei uns zu Hause jemand an von der Bank. Ich, also Julia Becker, völlig ahnungslos: Wie bitte, welcher Zahlungsrückstand? Wir haben doch gar keinen Kredit! Der Typ am Telefon nennt meinen Namen, unsere Adresse, alles passt aber die Forderung, die kann doch unmöglich stimmen. Worauf läuft der Kredit? frage ich. Ganz ruhig erklärt der Mann: auf den Namen meines Mannes, Elias Anders Becker.
Ich bin richtig baff: Das ist mein Mann, ja, aber wieso ein Kredit? Und wofür überhaupt? Der Bankberater wird sogar freundlich: Tut mir leid, aber die Fristen sind abgelaufen, das ist heute die letzte Mahnung, sonst folgen weitere Schritte. Ich setz mich erstmal wie benommen vor den Laptop. Ich wusste wirklich nicht, was da gerade abging. Mein Mann Elias hatte nie eine Kreditkarte, jedenfalls hab ich davon nichts gesehen also hat er das Geld nicht für uns genommen…
An Arbeiten war an dem Tag nicht mehr zu denken. Meine Gedanken kreisten nur noch um diesen seltsamen Anruf. Ich konnte kaum abwarten, bis Elias endlich von der Arbeit kam. Kaum kam er zur Tür rein, bin ich direkt auf ihn los: Für wen ist das Geld? Wer hat dich gebeten, einen Kredit aufzunehmen?
Er stöhnt nur genervt: Na, war ja klar, dass die Bank schon anruft. Und als er merkt, dass er sich verraten hat, wird er laut: Was glotzt du so? Für meine Mutter ist das Geld! Sie hat mich gebeten, ihr auszuhelfen sie lebt ja allein…
Und warum so viel? Wir kommen doch auch mit viel weniger aus, obwohl wir beide arbeiten! Sie wollte in den Urlaub fahren, ja? Wohin denn? In die Karibik oder nach Mallorca?
Meine Mutter hat mich allein großgezogen, sie hat es verdient. Ich hätte von dir echt mehr Verständnis erwartet… Elias stampft beleidigt ins Wohnzimmer, fällt aufs Sofa und dreht mir demonstrativ den Rücken zu sein typisches Schmollkind-Spiel. Früher war ich da vielleicht weich, aber diesmal: Nö, mich bringt das nicht rum.
Ganz ehrlich, seine Mutter, Gertrud Becker, war schon von Anfang an sehr präsent in unserer Ehe. Immer musste alles nach ihrem Kopf laufen. Ich weiß noch, das erste Mal, als sie mich sah, fiel ihr als Erstes der Ohrschmuck auf: Sind das echte Steine oder nur Modeschmuck? Ich erzähl, dass sie echt sind, Gertrud direkt nur am Mosern: So viel Geld ausgeben, hättet ihr besser was Brauchbares fürs Haus gekauft! Ich dachte, das sei ein Geschenk aber naja, Dann ist es ja was anderes, meinte sie.
Eine Woche später sagte Elias, es wäre ihm lieber, ich würde die Ohrringe zu ihr nicht mehr tragen das würde Mutti traurig machen, weil sie sich sowas nicht leisten kann. Da hätte ich es schon wissen müssen: Bei Gertrud dreht sich alles um Wünsche und Begehrlichkeiten. Als bei unserer Hochzeit alles so festlich und teuer aussah, hab ich später rausgefunden: Elias hat das alles bezahlt, sonst wäre sie gar nicht erst gekommen.
So nahm das seinen Lauf: Der neueste Fernseher wie die Nachbarin, Föhn wie die Schwester, Beautysalon und und und. Immer sofort, immer wichtig und wehe, einer sagt Nein! Dann kamen sofort die Tränen, das Gejammer und Elias raste los, um alles zu erfüllen. Es ist doch meine Mutter…
Aber wir hatten nun mal auch unsere eigene kleine Familie. Und ehrlich: Obwohl wir beide richtig gut verdienen, reichte es ständig hinten und vorne nicht immer fehlte es an irgendwas für UNS. Jedes Mal, wenn ich Elias fragte, war seine Antwort: Du kennst dich eben noch nicht so mit Haushaltsgeld aus. Lerne lieber mal von meiner Mutter!
Tja, davon wollte ich eben nichts hören ich kannte diesen Typ Mensch nur allzu gut. Aber ich hab mich trotzdem zurückgehalten, weil, naja es ist eben seine Mutter Nur jetzt, nach dem Kredit für ihren Luxusurlaub das war die absolute Krönung. Von dem, was er für Gertrud aufgenommen hat, hätten wir mehrere Monatsraten auf unser Haus abbezahlen, neue Möbel und jede Menge Technik kaufen können und das Geld hätte sogar noch fürs Feiern in einem der besseren Restaurants in München gereicht.
Aber Elias macht weiter wie immer: Alles für Mutti. Ich hätte vieles akzeptiert, weil, ehrlich, für meine eigene Mutter würd ich auch alles tun. Aber einfach nichts zu sagen, mich so vor vollendete Tatsachen stellen geht gar nicht! Wer hätte denn gebürgt, wäre was schief gegangen? Ich!
Mir war klar jetzt brauchts ein richtiges Gespräch. Elias sollte sich langsam mal entscheiden, was wichtiger ist: seine Mutter oder seine eigene Familie. Oder zumindest sollte er Mutti klarmachen, dass sie nicht jeden Spaß auf unsere Kosten machen kann. Doch reden brachte nichts Elias wurde laut, warf mir vor, gefühlskalt und geldfixiert zu sein.
Ich hab den Kredit doch schon getilgt, ich zahl alles zurück, aber du nervst! Und ja, meine Mutter will nicht in irgendwelche Billigbäder, die will richtig Urlaub erster Klasse! Das hat sie auch verdient! Sie hat mir das Leben gegeben, alles für mich gemacht und ich soll sie nicht mal anständig in den Urlaub schicken?
Toll, dass du das findest aber was ist mit uns? Wir können uns das nicht leisten. Muss Gertrud das vielleicht endlich mal erfahren? Ich erklärs dir lieber: Für mich ist Mama eine Heilige
Mir war alles klar. Elias würde niemals anders werden. Und mir war ja sowieso schon längst bewusst, dass Gertrud eifersüchtig auf mich war, weil ihr Elias nicht mehr rund um die Uhr zur Verfügung stand. Sie rief ihn täglich an, heulte am Telefon und Elias fuhr jedes Mal quer durch München, um seine Mama zu sehen.
Nach unserem Krach fuhren wir beide wortlos zur Arbeit. Später am Tag fühlte ich mich plötzlich total schlapp, meine Kolleginnen schickten mich dann zu unserer Hausärztin. Da bekomm ich die Nachricht: Ich war schwanger! Und dachte, cool jetzt ist vielleicht DIE Gelegenheit, unser Budget mal ordentlich umzustellen.
Die Freude hielt nicht lang. Elias war völlig überfordert: Das war jetzt aber nicht geplant Lass uns noch warten, bitte, schieb das Kind auf Und dann kam natürlich auch Gertrud ans Telefon und die ging nicht auf die Tränendrüse, sondern wurde direkt fordernd: Ich will keine Oma sein! Was fällt dir ein, mich an dich und Elias zu binden? Glaub nicht, dass du ihn so halten kannst. Er sucht doch eh schon das Weite, du wirst dich allein um das Kind kümmern müssen
Ich stand völlig neben mir und wurde kurz darauf ohnmächtig. Als ich im Krankenhaus wieder aufwachte, saß da eine vertraute Stimme, Frau Anna Engelhardt, die Nachbarin von Gertrud und zufällig Krankenschwester in der Klinik.
Julia, jetzt kommst du wieder zu dir, sagte sie. Was war denn los? Und dann hab ich ihr alles erzählt vom ewigen Mutterdrama und dem Pressen auf Elias und mich. Sie hörte sich das an und sagte nur nüchtern: Mädle, lass die Finger von dieser Familie. Elias wird sich nie ändern, und seine Mutter wird immer alle tyrannisieren, weil sie meint, ihr Sohn schuldet ihr sein ganzes Leben. Ihr Mann hat sie auch schon kaputtgespielt, jetzt eben ihr Sohn so sind die Typen!
Aber er hat doch geheiratet, versuchte ich noch einzuwerfen. Sie winkte ab: Du ahnst ja nicht, wie viele vor dir nach dem ersten Kaffee bei Gertrud wieder abgehauen sind! Überleg dir gut, was DU willst.
Nachdem wir gesprochen hatten, konnte ich mich endlich entscheiden. Ich wusste plötzlich: Ich schaffe das auch allein. Elias hat sich längst entschieden ohne es zu kapieren.
Ich hab mich getrennt, kaum war ich zurück im Job. Elias bestand nicht auf der Ehe und dass ich schwanger war, hab ich ihm gar nicht groß erzählt.
Tja, und jetzt, ein Jahr später bin ich mit meiner kleinen Tochter im Park spazieren, alles entspannt. Plötzlich taucht da Gertrud auf: Sag mal, warum darf ich meine Enkelin nie sehen? Ich grinse sie an: Weil das nicht Ihre Enkelin ist. Das Kind, über das Sie und Elias damals entschieden haben, wurde nie geboren. Das hier, das ist nur meine Tochter. Sie hat schon eine Oma und zwar meine Mutter.
Wie kannst du nur…
Kann ich. Und wenn Ihnen der Oma-Status so wichtig ist, dann suchen Sie Ihrem Sohn jemanden, der das mitmacht.
Ich bin einfach weitergegangen, hab sie nicht weiter beachtet. Ich wusste: Ich hatte alles richtig gemacht ich hatte mich von einem Muttersöhnchen und einer fordernden Schwiegermutter rechtzeitig gelöst. Endlich war ich wirklich frei.