-Mit wem?

Wen suchen Sie?  Maria Friedrich und ihr Enkel Niklas traten auf die Veranda und sahen zu dem Neuankömmling hinüber.
Ich bin zu Maria Friedrich! Ich bin ihre Urenkelin, genauer gesagt die Urenkelin von Alexander, dem erstgeborenen Sohn von Maria.

Maria saß auf einer von Sonnenstrahlen durchfluteten Bank und genoss die ersten warmen Frühlingstage. Endlich war der Winter vorbei nur Gott wusste, wie sie die Kälte überlebt hatte.

Den nächsten Winter halte ich nicht mehr aus! dachte sie und ließ ein erleichtertes Seufzen los. Sie war nicht mehr ängstlich, nach draußen zu gehen, sondern freute sich schon darauf. Die Erbsen waren längst gesammelt, neue Kleider gekauft nichts mehr hielt sie hier.

Früher hatte sie eine große Familie: ihren Mann Friedrich Johann, einen stattlichen Mann, und vier Kinder drei Söhne und ein Mädchen. Sie lebten friedlich, halfen einander, stritten selten. Die Kinder wuchsen nacheinander heran und zersplitterten in alle Richtungen.

Die beiden ältesten Söhne studierten an der Universität, zogen danach nach Berlin und Hamburg, um dort zu arbeiten. Der mittlere Sohn war in der Schule eher ein Schwächling, doch später gründete er ein erfolgreiches Unternehmen, das ihn schließlich ins Ausland führte. Die Tochter verließ das Dorf, zog in die Hauptstadt und heiratete dort.

Anfangs besuchten die Kinder ihre Eltern häufig, schrieben Briefe und, seit dem Handy, riefen sie an. Einer nach dem anderen kamen die Enkel. Maria packte immer wieder ihren alten, abgewetzten Koffer und fuhr zu den Kindern, um ein wenig zu helfen.

Mit der Zeit wurden die Enkel erwachsen, die Besuche seltener, die Anrufe knapper. Die Kinder hatten Arbeit, eigene Familien und kaum noch Zeit, an das alte Haus zu denken.

Der einzige Anlass, wieder ins Elternhaus zu kommen, war die Nachricht vom Tod des Familienpatriarchen Friedrich Johann. Man dachte, der gesunde Riese würde bis zu hundert leben doch das Schicksal hatte es anders vorgesehen.

Nach der Beerdigung riefen die Kinder zunächst die Mutter an, doch das Gespräch verklingte schnell. Maria versuchte selbst zu telefonieren, spürte aber, dass die Kinder keine Zeit mehr für sie hatten, und zog sich zurück. So vergingen zehn Jahre, jedes Jahr meldete sich wenigstens ein Kind kurz, und Maria lächelte still vor sich hin.

Eines Tages saß Maria wieder auf ihrer Bank, als ein junger Mann fröhlich rief:

Hallo, Tante Maria!

Sie runzelte die Stirn:

Niklas! Was machst du denn hier?

Ja, Tante Maria! lachte er und trat in den Hof.

Niklas war der Sohn der Nachbarn, die ohne eine Mahlzeit nicht leben konnten. Maria erinnerte sich, wie er als immer hungriges Kind bei ihr aß, Kleidung bekam und bei den Partys seiner Eltern übernachte.

Seine Eltern starben früh, er kam ins Kinderheim, dann zur Bundeswehr, später zum Studium und kehrte schließlich in die kleine Heimat zurück, um das Dorf wieder aufzubauen.

Was soll ich hier noch aufbauen? schwenkte Maria die Hand. Alle sind weg.

Nichts, ich verschwinde nicht! rief Niklas.

So begann ein neues Kapitel für Maria. Niklas fand Arbeit bei Herrn Hansen, dem größten Bauern im Ort, reparierte in seiner Freizeit das alte Haus, das ihm von den Eltern geblieben war, und half Maria im Garten. Sie nannte ihn liebevoll Söhnchen. Drei Jahre vergingen, bis Niklas eines Tages sagte:

Ich muss weg, Tante Maria. Der Hansensche Hof ist völlig verkommen, er will nicht zahlen. Ich gehe arbeiten, um Geld zu verdienen. Verzeih mir.

Geh mit Gott! erwiderte Maria.

Wieder blieb sie allein, manchmal wollte sie vor Einsamkeit weinen, aber das Leben hielt sie trotzdem fest.

Nach einiger Zeit tauchte Niklas plötzlich wieder auf, nun gut gekleidet und etwas älter.

Ich bin zurück, Tante Maria! rief er.

Maria jubelte, stellte sofort den Teekessel auf. Nach einer halben Stunde saßen sie zusammen, tranken aus alten Porzellantassen und redeten ohne Ende.

Plötzlich hörte man ein freundliches Jungesklatschen hinter dem Zaun. Eine junge Frau trat hervor, ihr kurzer Mantel und hohe Stiefel ließen sie auffallen.

Wen suchen Sie? fragten Maria und Niklas gemeinsam.

Ich bin zu Maria Friedrich! Ich bin ihre Urenkelin, genau die Urenkelin von Alexander.

Die beiden warfen sich einen kurzen Blick zu.

Ich habe versucht anzurufen, aber das Telefon war aus. Also kam ich einfach vorbei.

Komm rein! sagte Maria etwas verlegen, während Niklas ihr die Koffer griff.

Sie stellte sich vor: Greta, eine Studentin aus Berlin, die das Landleben liebt, jedoch von ihren Eltern nicht verstanden wird. Ihr Großvater Alexander hatte ihr angeboten, ein paar Monate im Dorf zu wohnen, damit sie die Sehnsucht nach der Stadt verliert. Sie hatte Geld, wollte nicht mehr im Wohnheim leben und hatte sogar ein Geschenk von ihrem Vater und Großvater erhalten.

Dann bleib, so lange du willst, sagte Maria lächelnd. Ich freue mich einfach darüber.

Ein Monat verging, und Maria sah von ihrer Bank aus zu, wie Greta geschickt im Garten arbeitete. Sie war gar nicht mehr so stadtkindisch.

Dank Niklas pflügte Greta den vernachlässigten Acker neu, teilte ihn in Beete, stellte ein Gewächshaus auf und kaufte Setzlinge von den Nachbarn.

Niklas nutzte das verdiente Geld, um eine moderne Bauernhofanlage zu bauen, stellte Arbeiter ein, reparierte Marias Dach und ließ eine Fußbodenheizung installieren.

Marias Gesicht strahlte, die Lächeln verließ sie nie wieder. Nur wenn sie an Greta dachte, die bald wieder in die Stadt zog, schlich sich ein leichter Schatten von Traurigkeit ein.

Wie soll ich das alles allein schaffen, Greta? fragte Maria, während sie kleine Kuchen für die Reise in einen Beutel packte.

Vergiss das Wasser nicht, Tante! Ich bringe den Garten zum Gießen, und ich komme zurück! lachte Greta.

Kommst du zurück? jubelte Maria.

Natürlich! Ich kann nicht ganz weggehen. Ich habe dich lieb, Oma, von ganzem Herzen. Niklas hat mir sogar einen Heiratsantrag gemacht im Herbst sollen wir heiraten! Und er ist ein echter Landmann.

Ein Jahr später saß Maria in der warmen Sonne, schaukelte im Schaukelstuhl mit ihrem schlafenden Urenkelchen in den Armen. Greta und Niklas leiteten den Hof, und gemeinsam blühte das Anwesen, brachte dem ganzen Dorf Wohlstand.

Maria blickte auf das friedlich schlummernde Kind und dachte:

Ich werde nie ganz gehen. Ich muss noch meinen Enkeln helfen. Als die letzten Sonnenstrahlen über die Felder glitten, spürte Maria ein warmes Prickeln in ihrer Brust das gleiche, das sie einst beim ersten Frühling gefühlt hatte. Ihre Hände, die noch immer die feinen Falten des Alters zeigten, legte sie behutsam um das kleine Köpfchen des Neugeborenen. Niklas kniete neben ihr, die Augen glänzten vor Stolz, während Greta, mit leicht feuchten Lippen, leise ein Wiegenlied summte, das vom Wind über die Äcker trug.

In diesem Moment schien die Zeit stillzustehen. Das Lachen der Kinder, das Zwitschern der Vögel und das leise Knistern des Heusacks bildeten eine Melodie, die das alte Haus erfüllte. Maria atmete tief ein, ließ die Erinnerung an all die verlorenen Jahre, die vergessenen Telefonate und die wiedergefundenen Begegnungen in einem sanften Strom zusammenfließen. Ohne Angst, aber mit einem stillen Lächeln, ließ sie los, während das Licht des Abends sie sanft umhüllte.

Noch am nächsten Morgen fanden die Dorfbewohner das Haus erblüht wie nie zuvor. Das Feld war reich an Gold, das Gewächshaus füllte sich mit frischen Tomaten, und das Lachen von Kindern hallte über die Wiesen. An Marias Grab, das von wilden Rosen umrankt war, stand ein schlichtes Schild: Hier wohnt die Frau, die das Herz des Dorfes pflanzte. Und jedes Mal, wenn jemand das Wort Heimat flüsterte, wehte ein leichter Duft von Lavendel durch die Luft als ob Maria selbst noch immer über den Garten wachte und jedem, der nach ihr fragte, ein stilles Versprechen schenkte:Ihr seid nie allein.

Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: