Mit ihrem Sohn am Wochenendhaus angekommen, verstummte Christina am Gartentor – im Hof standen rund zwanzig Leute.

Es war einmal im Spätsommer, vor vielen Jahren, dass Sabine, eine Frau mit grauen Strähnen und ruhigen Händen, in ihren Schrebergarten trat – und das Bild, das sie dort sah, brannte sich für immer in ihr Gedächtnis. Heute, wenn sie an jenen Tag zurückdenkt, spürt sie noch immer das leichte Beben in der Stimme, mit der sie ihren Sohn ansprach.

»Dennis, wer sind die? Wo kommen auf einmal all diese Leute her?« Ihre Stimme zitterte, und sie drückte den Ellbogen ihres Sohnes fester. In ihrem Kopf raste ein Gedanke: ›Verkauft. Ohne zu fragen hat er das Grundstück verkauft, und das sind die neuen Besitzer, die hier herrschen wollen.‹ Bei diesem Gedanken wurde ihr Mund trocken, sie ließ seinen Arm los und erstarrte, während sie in ihren eigenen Garten starrte.

Die Bretter rochen nach Kiefer. So dick und scharf, dass es Sabine schon am Tor in der Nase kribbelte, und jetzt mischte sich dieser Geruch mit Kalk und Schweiß. Im Hof standen Leute. Viele. An die zwanzig oder mehr. Männer in alten T-Shirts und staubigen Jeans, zwei Frauen mit Rollen Folie, ein junger Mann auf einer Leiter, ein anderer direkt auf dem Dach, mit einem Hammer. Einer schleppte Zementsäcke, ein anderer rührte in einem Eimer weiße Brühe um, die einen scharfen Kalkgeruch verströmte. Ihr ruhiges, tristes Gartengrundstück von gestern glich heute einem Ameisenhaufen im April.

»Dennis«, sagte sie trocken, fast tonlos. »Siehst du das? Wenn du das Grundstück ohne Absprache verkauft hast, werde ich dir das nie verzeihen. Sag ehrlich, sind das fremde Leute?«

»Mama, warte, was für neue Besitzer?« Dennis war sogar verdutzt. »Was ist los? Das sind meine. Alle meine.«

»Was heißt ›deine‹? Was passiert hier? Ich habe das Telefon in der Tasche, wenn du es nicht sofort erklärst, rufe ich die Polizei.«

Sie griff tatsächlich in die Tasche ihrer Jacke. Die Finger gehorchten nicht. In ihrem Kopf jagte sich alles zugleich: das kleine Haus, das sie fünfzehn Jahre lang hochgezogen hatte, die Veranda, die sie nie gebaut hatte, weil mal die Ausbildung von Dennis, mal der Autokredit, mal die eigenen Zähne – die mussten warten –, mal der Linoleumboden in der Stadtwohnung – der wartete auch. Alles wartete, und jetzt trampelten fremde Leute auf ihrem Grundstück herum. Ihrem. Das sie gehegt hatte wie ein Kind.

»Mama«, Dennis fasste sie an der Schulter. »Hör zu. Das sind keine neuen Besitzer. Ich habe sie eingeladen.«

Sabine erstarrte, die Tasche noch in der Hand. Sie sah ihren Sohn an, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Fünfunddreißig Jahre alt, die Schläfen schon grau, die Schultern breit – nach ihr, nicht nach dem Vater. In seinen Augen weder Angst noch Frechheit. Nur eine stille, ruhige Erwartung.

»Du?«

»Ich. Mama, das sind meine alle. Von der Arbeit, von der Uni noch, Jungs aus der Nachbarschaft, mit denen ich Fußball gespielt habe. Erinnerst du dich an Paul?«

Sabine erinnerte sich an Paul. Dünn, ewig hungrig, blieb immer zum Abendessen, weil es zu Hause wohl nicht so gut lief. Sie hatte ihm damals die doppelte Portion aufgetischt und so getan, als merkte sie nicht, wie er sich schämte.

»Paul ist hier?«

»Hier. Und Sascha, und Michael, der Rote, und Jürgen, der bei der Hochzeit mein Trauzeuge war. Fast alle, die du gefüttert hast, Mama.«

Sabine ließ den Blick über den Hof schweifen. Also das. Deshalb waren die Gesichter vage bekannt. Der da auf der Leiter – genau der Junge, dem sie das alte Fahrrad von Dennis geschenkt hatte, als seine Familie in eine Gemeinschaftswohnung zog. Und der da mit dem Eimer – Sascha, der in der neunten Klasse mit dem Ball ihre Scheibe eingeschlagen hatte, und sie hatte nicht geschimpft, nur gesagt, er solle eine neue einsetzen. Sie waren erwachsen geworden. Männer mit starken Händen und ernsten Gesichtern. Und sie standen auf ihrem Grundstück mit Brettern und Setzlingen.

»Wozu?«, fragte Sabine leise. »Dennis, wozu?«

Dennis schwieg einen Moment. Dann nahm er ihre Hand – vorsichtig, als wäre sie aus Glas – und drehte sie zu sich.

»Du hast dein ganzes Leben auf diesen Garten gespart, Mama. Weißt du noch, du wolltest eine Veranda? Eine große, mit Schiebefenstern, um im Sommer Tee zu trinken und den Sonnenuntergang zu beobachten? Du hattest ein Bild aus einer Zeitschrift an den Kühlschrank gehängt. Vor fünfzehn Jahren etwa.«

Sabine erinnerte sich. Ja, so ein Bild gab es. Es war vergilbt, die Ecken hatten sich eingerollt, aber sie hatte es nicht weggeworfen, bis der Kühlschrank ausgetauscht wurde. Damals war der Ausschnitt verloren gegangen, und sie hatte ihn fast vergessen. Fast.

»Du hast damals gespart«, fuhr Dennis fort, »von jedem Gehalt. Und dann kam meine Zulassung, Nachhilfe, die Mietwohnung für mich und Vera, als wir frisch verheiratet waren … Mama, du hast die Renovierung in deinem Schlafzimmer sechs Jahre lang aufgeschoben. Die Blümchentapete hängt immer noch, die wahrscheinlich älter ist als ich. Ich weiß noch, wie du sagtest: ›Ist schon gut, die Veranda kann warten.‹ Aber weißt du was? Sie kann nicht. Schluss mit Warten.«

Sabine schwieg. Sie schwieg so lange, dass Paul auf dem Dach aufhörte zu hämmern und sie ansah.

»Ich zahle deine Schulden zurück«, sagte Dennis. »Die Mannschaft ist umsonst. Wir haben beschlossen – in einer Woche schaffen wir es. Hier, sieh dir den Plan an.«

Er zog aus der Gesäßtasche ein gefaltetes Blatt Papier. Er faltete es auseinander. Sabine sah eine Zeichnung – ordentlich, mit Maßen, mit Notizen am Rand. Kein Zeitschriftenausschnitt. Ein echter Plan. Maßgeschneidert für ihr kleines Grundstück, unter Berücksichtigung des alten Apfelbaums, den sie auf keinen Fall anrühren wollte.

»Den Apfelbaum lassen wir stehen«, sagte Dennis, als er ihren Blick auffing. »Wir haben alles durchdacht. Das Fundament wird verstärkt. Und eine Fußbodenheizung machen wir auch, ich habe mich erkundigt, es gibt ein günstiges und zuverlässiges System. Da kannst du im November sitzen, in eine Decke gewickelt, und Tee trinken.«

Die erste Träne rollte Sabine über die Wange und blieb am Mundwinkel hängen. Sie wischte sie nicht weg – sie bemerkte sie nicht einmal. Sie stand da und betrachtete diese erwachsenen Männer, die einst in ihrem Hof Fußball gespielt, sich die Knie aufgeschlagen, ihr heiße Frikadellen aus dem Topf geklaut, bei ihr in der Küche Hausaufgaben abgeschrieben und sich heiser über Computerspiele gestritten hatten. Jetzt waren sie hierhergekommen. Von selbst. Umsonst. Um die Veranda ihrer Träume zu bauen.

Doch die Idylle währte nicht lange. Hinter dem Zaun wurde gehustet, und über den Latten tauchte ein Kopf mit einem geblümten Kopftuch auf. Frau Weber, die Nachbarin links. Eine Frau mit dem ewigen Gesichtsausdruck »Ich hab’s ja gleich gesagt«. Sie stemmte die Arme in die Hüften und beobachtete das Geschehen, als würde vor ihren Augen die Staatsgrenze abgebaut.

»Sabine, bist du das?«, säuselte sie mit honigsüßer Stimme, in der deutlich Metall mitschwang. »Ich höre schon den ganzen Morgen Lärm und Autos. Was ist denn hier los, eine Jobmesse?«

»Guten Morgen, Frau Weber«, sagte Sabine und wischte sich automatisch die Wange ab. »Mein Sohn und seine Freunde helfen. Wir bauen eine Veranda.«

»Eine Veranda?« Frau Weber schlug die Hände zusammen. »Habt ihr eine Baugenehmigung? Weißt du, was heute für Strafen bei illegalem Bauen fällig sind? Da verkaufst du das Grundstück und kommst trotzdem nicht raus. Und überhaupt, dein Grundstück ist doch winzig, Sabine, bis zu meinem Zaun sind es drei Meter – hältst du den Abstand ein? Ich sage dir, ich werde nicht still sein, wenn nötig. Mein Neffe arbeitet in der Bauaufsicht, ich kann ihn anrufen.«

Dennis hörte das, drehte sich um und trat ruhig an den Zaun.

»Guten Tag, Frau Weber. Die Genehmigung ist da. Der Plan ist abgestimmt. Die Brandschutzbestimmungen sind eingehalten. Mein Freund ist Architekt, er hat alles geprüft, bevor er gezeichnet hat. Möchten Sie die Unterlagen sehen?«

Frau Weber lief rot an. Das hatte sie offenbar nicht erwartet.

»Na, na«, zog sie sich zurück, »dann wollen wir mal sehen, was dabei rauskommt. Man baut ja viel, und dann muss man es auf eigene Kosten wieder abreißen. Und der Lärm hier, Sabine. Meine Enkel können nicht schlafen.«

»Das wird schon«, sagte Sabine leise, und ihre Stimme zitterte plötzlich nicht mehr. »Ihre Enkel haben bei mir letztes Jahr im August Pfannkuchen gegessen, als Sie vergessen hatten, sie zu füttern. Also schlafen sie später.«

Frau Weber presste die Lippen zusammen und verschwand hinter dem Zaun. Paul, der das Ganze vom Dach aus beobachtet hatte, grinste leise und nahm den Hammer wieder auf. Und Sabine spürte plötzlich, wie sich in ihr – zum ersten Mal seit vielen Jahren – so etwas wie Kampfgeist ausbreitete. Nein. Ihren Traum würde sie jetzt verteidigen.

Die nächsten zwei Stunden verbrachte Sabine in einem seltsamen, halb durchsichtigen Zustand. Es kam ihr vor, als träume sie. Dennis hatte sie auf einen Klappstuhl im Schatten des Apfelbaums gesetzt, aus dem Haus eine alte Tasse mit abgeschlagenem Henkel geholt – genau die, aus der sie damals Tee getrunken hatte, als er noch in den Kindergarten ging – und heißen Tee aus der Thermoskanne eingeschenkt.

»Setz dich«, sagte er streng. »Deine Aufgabe heute ist zuzuschauen. Kein ›Ich fege nur kurz‹, kein ›Ich gieße schnell die Gurken‹. Kapiert?«

Sabine wollte widersprechen – aus reiner Gewohnheit, weil sie die letzten vierzig Jahre pausenlos widersprochen hatte –, aber dann besann sie sich anders. Sie lehnte sich zurück und sah zu.

Wie Paul mit seinem Kumpel die Bretter zuschnitt, die Säge quietschte, dass der Nachbarshund zu bellen begann. Wie Michael, der Rote, der inzwischen ganz und gar nicht mehr rot, sondern kahl und stattlich war, den Mörtel anrührte und einer jungen Frau mit Setzlingen etwas erklärte. Wie Dennis von einem zum anderen ging, nachfragte, hier half zu halten, dort nickte, und sein Gesicht – erwachsen, konzentriert, hausbesitzerisch. Ihr Sohn. Herr dieses Hofes. Nein – Herr des Lebens, das er jetzt zurückgab, ihr, seiner Mutter.

Gegen drei Uhr nachmittags stand Sabine doch auf. Genug. Man konnte zusehen, aber nicht so sehr.

»Ich koche Mittagessen«, sagte sie zu Dennis.

»Mama …«

»Kein ›Mama‹. Wir haben zwanzig Leute, die seit acht Uhr morgens auf den Beinen sind. Was haben sie gegessen? Brote?«

»Na ja, wir haben Brot und Wurst …«

»Eben. Ich mache schnell.«

Und sie ging ins Haus. Drinnen war es kühl und roch nach Sommerstaub. Sie öffnete den Kühlschrank, der zu Saisonbeginn immer etwas einsam aussah – Eier, Butter, ein Becher Buttermilch, Senf von vor drei Jahren –, und seufzte. Macht nichts. Improvisieren.

Doch als sie auf die Veranda trat, um Dennis zu rufen und ihn zum Einkaufen zu schicken, wartete schon jemand auf sie. Eine der jungen Frauen – die mit den Phlox – reichte ihr zwei große Tüten.

»Hier sind Gemüse, Hähnchen, Eier, Mehl, Öl«, sagte sie. »Dennis hat gestern schon eingekauft und gesagt: ›Mama wird kochen wollen, streitet nicht mit ihr, gebt ihr einfach die Zutaten.‹«

Sabine nahm die Tüten. Sie sah die junge Frau an. Dann Dennis, der ein Stück entfernt stand und so tat, als studierte er die Dachsparrenkonstruktion.

»Du«, rief sie ihm hinterher. »Wann hast du das alles geschafft?«

»Mama, ich habe drei Monate Vorbereitung gebraucht«, rief er zurück, ohne sich umzudrehen. »Sag lieber, wann gibt es Pfannkuchen?«

Das war zu viel. Sabine ging ins Haus, schloss die Tür fest und stand eine Minute lang mit den Handflächen auf dem Gesicht. Dann atmete sie aus, krempelte die Ärmel hoch und machte sich an den Teig.

Eine Stunde später stand im Hof ein langer Tisch, den die Jungs aus denselben Brettern in buchstäblich fünfzehn Minuten gezimmert hatten. Auf dem Tisch dampften Kartoffeln, die Sabine in drei Pfannen nacheinander geschmort hatte, weil es keinen großen Topf im Gartenhaus gab. Gurken und Tomaten lagen da, grob geschnitten, genau wie in ihrer Jugend, als man sich mit Salaten keine Umstände machte. In der Mitte thronte ein Berg Pfannkuchen – dünn, spitzig, mit knusprigen Rändern. Die ganz besonderen. Ihre Spezialität. Die einst von hungrigen Zehntklässlern in drei Minuten im Dutzend verschlungen worden waren.

»Tante Sabine«, sagte einer mit vollem Mund, wahrscheinlich Sascha, der die Scheibe eingeschlagen hatte. »Ich habe solche Pfannkuchen seit fünfzehn Jahren nicht gegessen. Ehrlich. Meine Mutter hat nie gebacken, bei uns gab es immer Fertiggerichte.«

»Ich weiß«, sagte Sabine und lächelte plötzlich. »Deshalb bist du bei uns immer bis abends geblieben.«

Alle lachten. Laut, frei, jung. In ihrem Garten lachten zwanzig Erwachsene, und dieses Lachen war vielleicht der schönste Klang der letzten zehn Jahre.

Sabine stand auf. Sie ließ den Blick über alle schweifen. Paul mit dem Löffel in der Hand erstarrte, Dennis wurde aufmerksam. Sie nahm die Schöpfkelle, füllte aus dem Topf mit Kompott eine Tasse und hob sie vor sich.

»Leute«, sagte sie, und ihre Stimme klang ungewohnt laut. »Verzeiht mir, ich habe heute dreimal geweint. Das erste Mal vor Schreck. Das zweite Mal vor Freude. Das dritte Mal, weil ich nicht wusste, wie ich mich bedanken soll. Jetzt weiß ich’s. Ich will auf euch trinken. Auf jeden Einzelnen. Darauf, dass ihr euch erinnert. Ich habe eure Gesichter nicht vergessen, aber ich dachte, ihr hättet meine vergessen. Ihr habt es nicht. Also habe ich euch nicht umsonst gefüttert. Auf euch.«

Sie trank das Kompott in einem Zug, als wäre es etwas Stärkeres. Am Tisch herrschte eine Sekunde Stille, und dann brach ein solches »Prost!« aus, dass eine Krähe vom benachbarten Apfelbaum aufflog.

Sie ging zwischen ihnen hindurch, legte Pfannkuchen nach, schenkte Tee ein, hörte Gesprächen zu und begriff, dass ihre Angst verschwunden war. Die alltägliche Angst, mit der sie die letzten Jahre ein- und aufgewacht war. Angst um Dennis, um seine Ehe, um sein Darlehen, dass er zu wenig verdiene, zu viel arbeite, zu selten anrufe. Das alles war plötzlich zurückgetreten. Denn da saß ihr Sohn, auf einer umgedrehten Kiste, mit einem Brett auf den Knien statt eines Tellers, und strich sich Marmelade auf den Pfannkuchen, und sagte zu jemandem: »Nein, die Fenster kommen morgen, heute müssen wir den Giebel fertig kriegen, sonst regnet es rein und alles schwimmt.« Und sie wusste: Er war erwachsen. Er konnte zwanzig Leute organisieren und eine Veranda bauen. Und er hatte das getan – für sie.

Am Abend, als die Leute begannen, sich zu ihren Zelten zu verziehen (sie hatten ihr Lager direkt hinter dem Grundstück am Wald aufgeschlagen, um nicht zu drängeln), saß Sabine auf der alten Treppe. Dennis setzte sich neben sie.

»Na, wie gefällt’s dir?«, fragte er.

»Ich weiß nicht, wie ich mich bedanken soll.«

»Mama, was. Bedanken? Ich bedanke mich bei dir. Für alles.«

Sie schwiegen. Dann sagte Sabine:

»Weißt du, ich dachte immer, Eltern geben ihren Kindern, und dann gehen die Kinder in ihr eigenes Leben und fertig. Na ja, so ist es bei allen. Ich habe nichts erwartet. Ehrlich, Dennis. Ich wollte nur, dass du es besser hast als ich.«

»Habe ich auch«, sagte er. »Ich habe es besser, genau weil du es wolltest. Und jetzt will ich, dass du es auch besser hast. Zumindest eine Veranda.«

Sabine grinste und stupste ihn mit der Schulter – wie damals, als er in der Schule eine Fünf in Deutsch nach Hause brachte und sagte: »Mama, ich bin halt kein Goethe.«

»Schon gut, Baumeister. Morgen hast du wieder diesen Giebel.«

»Der Giebel läuft nicht weg«, sagte Dennis und reichte ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen.

Die Woche verging wie ein Tag. Am Freitagabend stand Sabine auf ihrer neuen Veranda und sah zu, wie die Abendsonne den Garten in Orange tauchte. Die Veranda war genau wie auf dem alten Ausschnitt: hell, geräumig, mit Schiebefenstern und dem frischen Duft von Holz. Die Bretter waren noch nicht gestrichen, aber das war egal. Zeit genug. Auf dem Boden lag schon die alte Decke, auf der Fensterbank stand eine Tasse Tee. Der Lavendel, den die jungen Frauen am Eingang gepflanzt hatten, duftete zart und aufregend, wie ein Versprechen auf die Zukunft.

Morgen würden alle abreisen. Heute aber saßen sie wieder am Tisch, lachten, tranken Tee und aßen Pfannkuchen. Und Sabine ertappte sich bei dem Gedanken: Am allermeisten wünschte sie sich, dass jeder dieser zwanzig Menschen – Paul, der sich scheiden ließ, Michael, der kahl wurde, die jungen Frauen mit den Setzlingen, deren Namen sie nie behalten hatte – dass jeder von ihnen einmal einen solchen Augenblick erlebte. Einen Moment, in dem sie begriffen, dass Gutes zurückkommt. Nicht unbedingt mit Pfannkuchen. Vielleicht mit Brettern. Vielleicht mit einer Veranda. Vielleicht einfach damit, dass zwanzig Menschen ohne Vertrag hinter einem stehen und sagen: »Wir erinnern uns, wie du uns gefüttert hast.«

Im Oktober, als die ersten Fröste kamen, saß Sabine auf ihrer neuen Veranda, die Decke über den Knien. Hinter den Schiebefenstern bog der Wind die kahlen Äste, drinnen war es warm – die Fußbodenheizung funktionierte einwandfrei, und der Tee in der Tasse kühlte nicht ab. Sie nahm das Telefon, fotografierte den Sonnenuntergang über dem Apfelbaum und schrieb Dennis: »Sohn, hier sind Gimpel gelandet. Komm vorbei. Es gibt Pfannkuchen.« Die Nachricht ging ab, und sie lehnte sich im Sessel zurück und lächelte – langsam, ruhig, wie ein Mensch, der endlich aufgehört hat zu warten.

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