Meine Nachbarin richtete eine Raucher-Ecke direkt vor meiner Wohnungstür ein. Ich habe das Problem kompromisslos gelöst – damit hat sie nicht gerechnet, wie es ausgeht.

Nachbarin hat ein Raucherparadies direkt vor meiner Wohnung eingerichtet. Ich habe hart durchgegriffen damit hatte sie nicht gerechnet.

Wo steht denn bitte, dass das dein Luftraum ist? Das Treppenhaus gehört allen. Ich rauche, wenn ich will, spucke, wenn ich will. Lern erstmal die Gesetze, Frau Müller!

Annike, die zwanzigjährige Tochter meiner Nachbarin Brigitte, blies mir eine dichte Wolke süßen Dampfes direkt ins Gesicht. Neben dem Mädchen saßen auf der Fensterbank zwei Kerle und kicherten. Auf dem Betonboden lagen Kippenstummel, leere Red Bull-Dosen und Sonnenblumenkerne.

Ich ließ mich, Gisela Müller, Hauptbuchhalterin eines großen Maschinenbauunternehmens, aber nicht zu einem Hustenanfall hinreißen, wie die Jugendliche wohl gehofft hatten. Ich schob ruhig meine Brille zurecht und blickte Annike mit der Art Strenge an, unter der selbst Produktionsleiter beim Audit ins Schwitzen geraten.

Das ist ein Gemeinschaftsbereich, Annike, sagte ich kühl. Hier wird nicht geraucht, nicht gespuckt und schon gar kein Saustall angerichtet. Du hast fünf Minuten, um das hier in Ordnung zu bringen. Ansonsten gibt es andere Maßnahmen.

Ach, ich zittere schon, zog Annike mich auf, während sie demonstrativ Asche auf den frisch gewischten Flurboden klopfte. Trink nen Baldriantee, nicht, dass du noch nen Herzkasper bekommst. Willst du dich bei Mama beschweren? Die hat mir das schließlich erlaubt, damit ich in der Wohnung nicht rauche.

Die Jungs lachten gackernd. Ich schloss meine Wohnungstür, um den Lärm abzuschneiden.

Im Flur roch es sonst nach Bratkartoffeln und altem Holz ein heimeliger Geruch, der jetzt von dem Qualm billiger Zigaretten überdeckt wurde, der durch das Schlüsselloch zog. In der Küche saß Sebastian, tief über den Tisch gebeugt.

Sebastian ist 32, sieht aber wegen seiner Glatze und des stoßweisen Gangs aus wie Anfang vierzig. Er ist der Neffe meines verstorbenen Mannes und lebt schon seit zehn Jahren bei mir. Ruhig, verschlossen, stottert leicht. In der Uhrenwerkstatt, wo er arbeitet, trauen ihm die Kollegen nichts zu, Nachbarn halten ihn für eigenartig, ein leichtes Opfer für Spott.

G-gisela, sind sie da wieder? flüsterte er, als draußen der Trubel lauter wurde.

Iss, Sebastian. Das ist nicht deine Baustelle, sagte ich streng und schob ihm Kartoffeln rüber. Aber innerlich brodelte ich.

Abends klingelte ich bei Brigitte. Sie öffnete im Bademantel, mit Handy am Ohr und Crememaske im Gesicht.

Brigitte, deine Tochter veranstaltet täglich eine Sause an meiner Tür. Der Rauch, der Krach das geht bis nachts. Ich will, dass du was unternimmst.

Sie rollte gereizt mit den Augen und blieb am Handy:

Gisela, mach dich mal locker. Die Jugend braucht doch einen Treffpunkt. Draußen ist es schließlich kalt. Die machen doch nix Schlimmes einfach mal toleranter sein! Und du hast ja keine eigenen Kinder, deswegen regst du dich auf. Sebastian ist doch sowieso seltsam, dem ist das doch egal, oder?

Ein Treffer unter die Gürtellinie und gezielt. Ich atmete ruhig aus.

Gut, Brigitte. Ich habe verstanden.

Zurück in meiner Wohnung setzte ich mich an meinen Schreibtisch und holte meine Unterlagen hervor. Emotionen sind was für Schwache. Die Starken wälzen das Bürgerliche Gesetzbuch und das Ordnungswidrigkeitenrecht.

Die folgende Woche blieb ich still. Annike glaubte anscheinend, ich hätte kapituliert, und baute sich jetzt komplett im Flur aus. Sogar ein alter Sessel stand nun da, den jemand vom Sperrmüll geholt hatte; Musik dröhnte bis in die tiefe Nacht.

Freitag wurde das Fass übervoll.

Sebastian kam von der Arbeit zurück, mit einer Einkaufstüte und einem kleinen Uhrenpaket für einen Kunden. Als er an der Clique vorbei wollte, stellte ihm Annikes Freund Sauer, wie er sich nannte, ein Bein.

Sebastian stolperte, die Einkaufstüte riss auf Äpfel rollten über den Dreck und zwischen Kippen. Das Paket schlidderte an die Wand.

Schau mal, der Strauß hebt ab! lachte Sauer.

Annike blies gelangweilt Rauch aus:

Ey, du Loser, pass mal auf wohin du läufst. Du verpestest die Luft. Sammel das lieber auf, solange ich noch nett bin.

Sebastian, rot wie eine Tomate, sammelte zitternd seine Äpfel auf, Tränen in den Augen. Er war es gewohnt, verachtet zu werden, immer der, den man treten konnte.

Da riss ich die Tür auf. Smartphone in der Hand, die Kamera direkt auf Sauer gerichtet.

Ordnungswidrigkeit, Beleidigung und Sachbeschädigung, erklärte ich deutlich. Ich habe alles gefilmt. Gleich kommt die Polizei, und morgen gebe ich das ans Amt weiter.

Mach das Handy weg, Alte! fauchte Sauer zurück, aber herankommen traute er sich nicht mein Blick war schärfer als jedes Polizeiauge.

Sebastian, steh auf, befahl ich ohne ihn anzusehen. Geh rein.

A-aber die Äpfel murmelte er.

Lass die liegen. Das hier ist Abfall. Wie das ganze, was hier auf der Etage steht.

Als meine Tür zu war, wandte ich mich an eine blasse Annike.

Jetzt hör mir gut zu, Kindchen. Du dachtest, ich wäre nur still gewesen? Ich habe Beweise gesammelt.

Was für Beweise? schnappte sie, aber ihre Stimme zitterte.

Ich habe den Eigentümer der Wohnung kontaktiert. Deine Mutter ist doch gar nicht die Besitzerin? Die Wohnung gehört doch deinem Vater, der in Berlin lebt und glaubt, seine Tochter studiert Medizin und ist vorbildlich. Nicht, dass du im Treppenhaus Saufgelage schmeißt.

Annikes Gesicht wurde totenbleich. Ihr Vater war mehr als streng ein Tyrann, der nur für gutes Benehmen zahlte.

Du würdest es doch nicht tun hauchte sie.

Doch, habs schon gemacht. Er hat Fotos und Videos von deinen Partys vor zehn Minuten bekommen. Dazu Polizei und Hausverwaltung, alles mit Zeitstempeln und Dokumentation: Müll, Lärm, Rauch. Die Polizei schaut gleich vorbei. Und dein Vater hat für morgen früh seine Ankunft zugesagt.

Am Samstagmorgen donnerte eine tiefe Männerstimme durchs Treppenhaus.

Ich trank gerade Tee, als es klingelte. Vorm Eingang stand ein großer, massiger Mann im teuren Mantel Annikes Vater, Dieter Schuster. Daneben, den Kopf gesenkt, eine verheulte Brigitte Annike ließ sich gar nicht blicken.

Frau Müller? Dieters Ton war höflich, aber bestimmt. Ich entschuldige mich für das Verhalten meiner Tochter und meiner Ex-Frau. Die Etage wird gerade von der Reinigungskraft gesäubert. Die Wandreparaturen bezahle ich. Annike zieht ins Studentenwohnheim. Das Taschengeld ist gestrichen.

Ich nickte, nahm die Entschuldigung zur Kenntnis.

Gut. Aber eines noch.

Ich rief Sebastian. Der kam heraus, den Kopf eingezogen, bereit, angemeckert zu werden.

Ihr Begleiter hat gestern meinen Neffen beleidigt, sagte ich ruhig. Und seine Arbeit beschädigt. Sebastian ist ein einzigartiger Uhrmacher. Er repariert Uhren, an die sich nicht einmal die Schweizer rantrauen.

Dieter sah Sebastian anerkennend an.

Uhrmacher?

R-restaurator, verbesserte Sebastian leise.

Aha Dieter trat näher, Sebastian wankte zurück, doch Dieter reichte ihm die Hand. Ich sammle alte Taschenuhren, Breguet auch. Eine läuft seit einem Jahr nicht mehr, drei Werkstätten waren ratlos. Schauen Sie sie sich an?

Sebastians Augen wurden groß. Er wurde nicht mehr wie ein Sonderling behandelt, sondern als Experte.

Ichk-kanns versuchen. Wenn die Feder intakt ist

Dann sind wir uns einig, Dieter drückte fest Sebastians schüchterne Hand. Entschuldige, Junge, für meine Tochter. Ist nicht so gelaufen, wies sollte. Ich bezahl dir Reparatur und als Ausgleich was extra.

Als die Tür zu war, betrachtete Sebastian noch lange seine Hand. Er richtete sich auf, Schultern gerade, wie schon jahrelang nicht mehr.

Tante Gisela, sagte er fest, fast ohne zu stottern. Ich hol die Äpfel schnell rein. Essen lass ich doch nicht vergammeln.

Ich blickte aus dem Fenster, damit er mein feuchtes Auge nicht sieht.

Hol sie rein, Sebastian. Setz Wasser auf. Wir feiern heute.

Im Flur war es endlich leise und sauber. Es roch nach Chlor und frischer Farbe. Und aus meiner Wohnung dufteten Apfelkuchen und man hörte Sebastians ruhige, sichere Stimme, wie er mir das Tourbillon erklärte.

Das Raucherparadies war geschlossen. Für immer.

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