Meine Großmutter ist 85 Jahre alt und ist kürzlich die Treppe hinuntergefallen.

In unseren Kreisen war ich immer als gutherziger Mensch bekannt, der immer ein offenes Ohr hat und mit einem freundlichen Wort oder einer guten Tat Hilfe anbietet. Zumindest habe ich mich bis vor kurzem so wahrgenommen.

Meine Großmutter ist jetzt 85 Jahre alt. Vor etwa einem Jahr stürzte sie die Treppe hinunter und verletzte sich dabei so schwer, dass die Ärzte keine Hoffnung hatten, dass sie jemals wieder gehen könnte.

Wie durch ein Wunder hat sie jedoch nur drei Monate nach dem Unfall ihre Gehfähigkeit wiedererlangt, entgegen allen Erwartungen und Naturgesetzen.

Wir leben in verschiedenen Wohnungen, aber im selben Gebäude. Aufgrund ihrer Genesung verbringe ich derzeit nicht mehr so viel Zeit mit ihr. Meine Rolle beschränkt sich jetzt hauptsächlich darauf, das Haus sauber zu halten. Ich helfe ihr beim Duschen, schneide ihre Nägel, kümmere mich um ihre Haare, putze das Haus und bereite die Mahlzeiten zu.

Während des Krankenhausaufenthalts wurde meine Großmutter nach ihrem Sturz ziemlich gründlich untersucht. Bei einer MRT-Untersuchung wurden zahlreiche schwarze Flecken festgestellt, die darauf hinwiesen, dass sie mehrere Schlaganfälle erlitten hatte. Der Arzt erklärte, dass ihre Fähigkeit zu gehen und zu sprechen an sich schon ein Wunder sei, aber die unglückliche Folge ihrer Krankheit sei ihr unangenehmes Verhalten, ihre schlechte Laune und ihre zunehmende Ängstlichkeit. Jeder Tag bringt neue Anschuldigungen gegen mich. Einige Anschuldigungen wiederholen sich zwar, aber die meisten sind völlig neu.

Aussagen wie: “Du hast mich behindert. Deinetwegen habe ich einen Buckel. Deine unsachgemäße Massage hat meinen Rücken geschädigt”. – habe ich heute gehört.

Ich frage mich, woher diese Anschuldigungen kommen. Als sie aus dem Krankenhaus zurückkam, habe ich ihren Rücken mit einer Salbe eingerieben, um die Schmerzen zu lindern.

“Warum hast du mir das angetan? Hast du kein Mitleid mit einer alten Frau? Du bist schamlos! Sieh nur, wie du mich anstarrst!”.

Als ich solche Tiraden höre, kämpfe ich gegen den Drang nach Rache an. Stattdessen bereite ich ihr in aller Eile das Essen zu und gehe in meine Wohnung, um meine Wut nicht an ihr auszulassen. Manchmal beginne ich sogar zu zweifeln, ob sie wirklich meine Großmutter ist, oder ob sie vielleicht eine Fremde ist, die mir gegenüber eine unerklärliche Feindseligkeit hegt. Ich empfinde ein tiefes Mitgefühl für sie und für mich selbst. Die einzigen Menschen, die sie besuchen, sind ich und meine Tochter, manchmal eine Nachbarin.

Wie soll ich mit dieser Situation umgehen? Wie kann ich ihr gegenüber keine Wut empfinden?

 

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