Wolfgang Hartmann stand mitten in dem weitläufigen, in weiches Licht getauchten Wohnzimmer und blickte herablassend auf seine Frau Anneliese Hartmann. Er kam sich vor wie jemand, der gerade im Lotto den Jackpot geknackt hatte. Der Fünfzigjährige war überzeugt, sich genau jetzt auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft zu befinden, und die bevorstehenden großen Veränderungen in seinem Privatleben machten ihn nur noch siegessicherer.
„Können wir das ohne Drama klären, Anneliese?“, sagte Wolfgang mit samtweichem, beinahe gönnerhaftem Ton, während er sich das Jackett zuknöpfte. „Wir sind erwachsene Leute. Ich habe eine andere Frau kennengelernt. Sie heißt Anke Wiegand, ist dreißig, und zwischen uns ist es ernst. Ich will nicht länger ein falsches Spiel spielen, also sage ich es deutlich: Wir lassen uns scheiden, und ab heute leben wir getrennt.“
Die fünfundvierzigjährige Anneliese saß in einem Ledersessel. Sie war eine auffallend elegante, selbstsichere Frau. Sie rang nicht die Hände, lief nicht zur Baldriantinktur und versuchte auch nicht, die Beziehung doch noch zu retten.
Stattdessen trank sie schweigend einen Schluck Kaffee aus ihrer Porzellantasse und wartete darauf, dass er weitersprach. Ihre Ruhe brachte Wolfgang ein wenig aus dem Konzept, aber er fing sich schnell wieder.
„Die Wohnung, wie du dich erinnerst, gehört mir. Aus vorehelichem Besitz“, sagte er und betonte das letzte Wort, als würde er einen Nagel in die Wand schlagen. „Ich bin kein Unmensch, der dich mitten in der Nacht auf die Straße setzt. Ich gebe dir zwei Tage zum Packen. Das ganze Wochenende gehört dir. Ich fahre mit Anke aufs Land, damit wir uns nicht in die Quere kommen. Montagfrüh sind wir wieder hier. Sie braucht weder deine Tränen noch eine Hysterie und schon gar keine fremde Energie in den Räumen. Ich hoffe, du hast das Feld bis dahin geräumt?“
„Bis Montag?“, fragte Anneliese mit gleichmütiger Stimme nach. „Das wird reichen. Zwei Tage genügen mir völlig.“
Wolfgang nickte zufrieden. Es gefiel ihm, dass die Scheidung so zivilisiert ablief. Er hatte sich immer für einen großzügigen Mann gehalten.
Wolfgangs Großzügigkeit hörte allerdings immer dort auf, wo sein eigenes Geld mit im Spiel war. In all den fünfzehn Ehejahren ließ er keine Gelegenheit aus, Anneliese daran zu erinnern, dass sie damals „auf sein Territorium“ gekommen war.
Nur bestand dieses Territorium vor fünfzehn Jahren aus einer trostlosen Betonbox mit drei Zimmern, in der es kaum Möbel und schon gar keinen Hauch von Gemütlichkeit gab. Wolfgang hatte damals stolz verkündet, wichtig seien die Quadratmeter, schlafen könne man notfalls auch auf einer Matratze. Er war in häuslichen Dingen sprichwörtlich geizig. Sein privates Geld steckte er lieber in teure Autos, die er klugerweise auf den Namen seiner Mutter Erika Hartmann zuließ.
Anneliese war eine Frau mit ordentlichem Einkommen und vorzüglichem Geschmack. In spartanischen Verhältnissen wollte sie nicht leben. Sie brauchte Komfort. Also richtete sie die Wohnung in den ersten Monaten der Ehe komplett aus eigener Tasche ein – von der ersten Garderobe bis zur letzten Steckdosenleiste.
Sie war es gewesen, die die Möbel für die Zimmer bestellte und eine elegante Einbauküche im klassischen Stil auswählte, die nie aus der Mode kommen würde. Sie hatte die Qualitätsgeräte ausgesucht, den teuren Parkettboden bezahlt, Kronleuchter gekauft und schwere Vorhänge nach Maß anfertigen lassen.
Dann kam ihr Hobby: Antiquitäten. Im Laufe der Ehe kaufte sie immer wieder zierliche, kostbare Stücke. Wolfgang zuckte nur die Schultern: „Dein Geld, deine Staubfänger, spiel dich nur. Auf diese Museumsexponate kann ich gut verzichten.“
Trotzdem bat er seine Mutter, das Wochenende zu nutzen und zu kommen, während Anneliese ihre Sachen packen sollte.
„Mutti, wir lassen uns scheiden. Es läuft alles ganz zivilisiert. Aber pass sicherheitshalber auf Anneliese auf, damit sie mir nicht heimlich irgendetwas aus dem Haus mitnimmt.“
„Natürlich, Wolfgang. Ich stehe immer zu dir“, bestärkte ihn Erika.
Aber das Schicksal liebt es, in genau solchen Momenten seine Ironie zu zeigen. Am Samstagmorgen, als die Mutter gerade zu ihrem Sohn aufbrechen wollte, schoss ihr Blutdruck in die Höhe. Der Notarzt musste kommen und ordnete strenge Bettruhe an. Die Aufpasserin war ausgeschaltet.
Wolfgang packte derweil seinen Lederkoffer und gab dabei die letzten Anweisungen.
„Also gut, Anneliese“, sagte er, blieb im Flur stehen und ließ den Blick durch sein Reich schweifen. „Nimm deine Klamotten, deine Kosmetik und die ein oder andere Vase. Aber bitte keinen Vandalismus.“
Anneliese lehnte sich gegen die Türzarge und verschränkte die Arme. „Was verstehst du unter Vandalismus?“
„Die Einbaugeräte lässt du gefälligst da. Sie sind für diese Küche gebaut und gehören jetzt zu meiner Wohnung. Backofen, Geschirrspüler, das alles bleibt an seinem Platz. Und die antike Kommode im Schlafzimmer lässt du auch stehen.“
„Die Kommode?“, fragte Anneliese und hob eine Augenbraue. „Du hast sie doch immer nur Brennholz genannt.“
„Anke wird sie lieben“, fiel er ihr schroff ins Wort. „Sie ist überhaupt begeistert von der Wohnung. Sie sagt, ich hätte einen erstklassigen Geschmack. Also verhunze mir nicht das Interieur.“
Anke war tatsächlich begeistert. Die Dreißigjährige arbeitete als Rezeptionistin in einem Kosmetikstudio und glaubte fest daran, den Jackpot gezogen zu haben. Wolfgang wirkte auf sie wie ein wohlhabender, gestandener Ästhet. Auf all seinen Fotos in den sozialen Netzwerken posierte er lässig im tiefen Ledersessel, vor teuren Gemälden oder an eben jener geschnitzten antiken Kommode. Anke war davon überzeugt, in eine luxuriöse Traumwohnung zu einem steinreichen Mann zu ziehen, der ihr das süße Leben ermöglichen würde.
„Wie du meinst, Wolfgang“, sagte Anneliese mit einem kaum sichtbaren kalten Lächeln. „Ich werde nur das Meine mitnehmen.“
„Das ist brav. Schön, dass es keinen Krach gibt. Ich habe immer gewusst, dass du clever genug bist, um dich nicht gegen mich zu stellen. Die Schlüssel brauchst du nicht abzugeben, ich lasse Montag einfach das Schloss austauschen.“ Er ergriff seine Tasche und ging, den triumphalen Einzug mit seiner Neuen bereits vor Augen.
Als Wolfgang mit Anke in einem Zimmer eines Spa-Hotels auf dem Land angekommen war, erreichte ihn eine Nachricht seiner Mutter.
„Wolfgang, ich habe dich schon die ganze Zeit nicht erreicht. Mein Blutdruck ist völlig durcheinander, der Notarzt war bei mir. Ich schaffe es leider nicht, zu dir zu kommen und Anneliese zu kontrollieren.“
Wolfgang fluchte. Aber den Kurzurlaub mit Anke absagen konnte und wollte er nicht. „Sie wird schon nichts abmontieren. Dafür ist sie nicht der Typ“, dachte er sich und tippte seiner Mutter eine kurze Antwort: „Pass auf dich auf, ich regle das schon.“
Anneliese jedoch hatte direkt nach Wolfgangs Abreise eine Nummer gewählt, die sie sich bereits am Vorabend herausgesucht hatte.
„Guten Tag, hier ist Anneliese. Ich habe gestern schon einmal angerufen. Ja, dieselbe Adresse. Ich erwarte Sie in einer Stunde. Ich brauche den größten Transporter aus Ihrem Fuhrpark. Am besten mit Werkzeug und Abbaumannschaft. Es wird einiges zu demontieren sein.“
Danach bestätigte sie die Reservierung eines Lagerraums für ihre persönlichen Sachen. In den zwei Tagen, die ihr ihr Exmann zum Ausziehen gelassen hatte, war es unmöglich, eine ordentliche freie Wohnung zur langfristigen Miete zu finden. Deshalb wollte Anneliese vorübergehend zu ihrer Mutter ziehen, solange sie eine neue Bleibe suchte.
Gegen Mittag kamen sechs kräftige Männer in Arbeitsanzügen in die Wohnung. Dazu ein Elektriker und ein Spezialist für Möbelauf- und -abbau.
„Chefin, womit fangen wir an?“, fragte der Bauleiter und schätzte das Arbeitspensum ab.
„Ganz einfach: mit allem“, antwortete Anneliese ruhig. „Die Fronten der Küche werden abgenommen. Herdplatte, Backofen, Dunstabzugshaube, Mikrowelle und Geschirrspüler werden ausgebaut. Danach kommen die Polstermöbel und das Schlafzimmer an die Reihe. Die Antiquitäten werden in dreifache Noppenfolie gepackt. Ich kontrolliere persönlich jede Ecke.“
Die Arbeit lief auf Hochtouren. In der Wohnung waren das Sirren der Akkuschrauber und das Rascheln von Packband zu hören. Aber das war kein hysterisches Zusammenraffen einer betrogenen Ehefrau, sondern eine präzise, eiskalt geplante Logistikoperation. Anneliese dirigierte das Ganze mit der Anmut einer Feldherrin.
Aus den Fenstern verschwanden die schweren Samtvorhänge, von den Wänden wurden die Bilder genommen. Der Elektriker baute die teuren Kronleuchter und Wandlampen ab und ließ zur Sicherheit nur nackte Glühbirnen zurück.
Das hochwertige Parkett knarrte unter den schweren Stiefeln der Möbelpacker, die das Ledersofa, den Kleiderschrank, die geschnitzte Kommode und sämtliche Küchengeräte ins Treppenhaus trugen. Die Wohnung verlor schneller ihren Glanz, als Wolfgang es je für möglich gehalten hätte. Am Ende sah sie aus wie die gleiche kahle, hallende Betonbox wie vor fünfzehn Jahren.
Am Samstagabend war der große Möbeltransporter vor dem Haus bis unter die Decke gefüllt. Der Bauleiter wischte sich den Schweiß von der Stirn und kam noch einmal nach oben. Anneliese stand in der leergeräumten Küche.
„Chefin“, sagte er schwer atmend, „wir haben ein Problem. In den Transporter passt wirklich keine Streichholzschachtel mehr rein. Die Türen gehen gerade eben zu. Übrig geblieben sind nur noch der Esstisch und ein Hocker. Sollen wir dafür einen zweiten Wagen bestellen?“
Anneliese betrachtete den massiven Holztisch und den einsamen Hocker daneben.
„Nein, nicht nötig“, sagte sie mit einem Lächeln. „Die lasse ich hier. Als Abschiedsgeschenk für die Frischverliebten. Sie werden schließlich etwas brauchen, auf dem sie ihre glänzende Zukunft aufbauen können.“
Sie warf noch einen letzten Blick auf die kahlen Wände mit den heraushängenden Kabeln, drehte sich um und schloss die Tür hinter sich.
Der Montagmorgen war sonnig. Wolfgang parkte den Wagen vor dem Eingang, hielt Anke galant die Tür auf und half ihr, die Koffer herauszuholen. Sie war bereit, als neue Herrin über die Schwelle der traumhaften Wohnung zu treten.
„So, wir sind zu Hause, meine Liebe“, verkündete Wolfgang feierlich und drehte den Schlüssel im Schloss. Er stieß die Tür auf und ließ Anke den Vortritt.
Sie machte zwei Schritte in den Flur. Klick-klack. Ihre Absätze hallten durch die leere Wohnung wie ein schrilles Echo. Anke blieb wie angewurzelt stehen. Wolfgang, der direkt hinter ihr ging, stieß gegen sie und hob empört den Kopf. Ihm blieb das Wort im Halse stecken.
Vor ihnen lag eine absolut leere Wohnung. Im Wohnzimmer standen weder Möbel noch Fernseher, an den Wänden hingen keine Bilder, vor den Fenstern keine Vorhänge. Anstelle eines prunkvollen Kronleuchters baumelte eine nackte Glühbirne von der Decke. Aus dem Schlafzimmer gähnte nichts als Leere – kein Bett, keine antike Kommode, die Anke so sehr bewundert hatte.
Wolfgang stürzte fassungslos in die Küche. Wo am Freitag noch die teure Einbauküche gestanden hatte, klafften nun Wasseranschlüsse aus den Wänden und schwarze Steckdosen röhrten ins Nichts.
In der Mitte dieser lärmenden Leere stand ein einzelner Tisch und ein Hocker. Auf der Tischplatte lagen die Schlüssel von Anneliese und glänzten matt im Morgenlicht.
„Wolfgang…“, Ankes Stimme wurde schrill und dünn. Sie drehte sich langsam zu ihm um, das Gesicht zu einer Grimasse aus Verwirrung und wachsender Wut verzogen. „Was soll das? Wo ist alles? Wo sind die Möbel? Wo ist die ganze Technik?“
„Anneliese…“, konnte er nur stammeln und ließ den Blick über den nackten Boden und die leeren Wände wandern.
„Du hast mir gesagt, die Wohnung sei möbliert! Du hast gesagt, wir würden hier in Komfort leben! Wollen wir uns etwa abwechselnd auf diesen Hocker setzen? Bestell sofort neue Möbel!“
Wolfgang schluckte. Ihm wurde schlagartig klar, dass er für eine neue Einrichtung, schon gar nicht in dieser Qualität, kein Geld hatte. Seine Ersparnisse steckten in dem Auto, das auf den Namen seiner Mutter zugelassen war, und bis zum nächsten Gehalt dauerte es noch zwei Wochen. Für die einfachste Komplettausstattung der Dreizimmerwohnung mit billigen Schränken und Betten bräuchte er einen gewaltigen Kredit. Und heute Nacht sollten sie entweder hier auf dem Fußboden schlafen oder in Ankes winziger Mietwohnung am Stadtrand.
Als er sich gegen die Wand lehnte, fiel ihm ein, was Anneliese bei ihrem letzten Gespräch gesagt hatte: „Ich werde nur das Meine mitnehmen.“ Und seine Exfrau hatte ihr Wort gehalten: Sie hatte seine Wände nicht angetastet. Sie hatte nur mitgenommen, was ihr gehörte.
Wissen Sie, mich haben diese kitschigen Melodramenszenen schon immer belustigt. Ach, er hat eine andere! Ich nehme mein Handtäschchen, hebe stolz das Kinn, wische eine Träne weg und verschwinde im Sonnenuntergang – und lasse ihm dabei alles, was ich mir mit meiner Hände Arbeit aufgebaut habe. Warum, in aller Welt, sollte eine erwachsene, selbstbewusste Frau die Sponsorin fremden Glücks sein? Stolz ist nicht, mit einem Koffer zu gehen und dem Ex den eigenen Komfort zu schenken. Stolz ist, das Seine zu nehmen, das man von seinem eigenen Geld bezahlt hat, und dem Angeber genau das zu lassen, was er wirklich verdient hat. Wolfgang war so stolz auf seine „vorehelichen Quadratmeter“? Nur zu, Anneliese hat ihm seine Betonbox im Originalzustand zurückgegeben. Also genießt es, ihr beiden.