Liebe ohne Bedingungen
Es ist nun viele Jahre her, aber manche Erinnerungen tauchen auch heute noch mit einer Klarheit vor meinem inneren Auge auf, als wäre es gestern geschehen. Damals, an einem goldenen Spätnachmittag in München, schlenderte ich Lisa durch das gemütliche Wohnzimmer meiner besten Freundin. Plötzlich blieb mein Blick an einem schwarzen Strumpf hängen, der neugierig unter dem Sofa hervorlugte. Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen und rief:
Sag mal, dein Mann ist ja wirklich ein kleiner Struwwelpeter!
Kichernd bückte ich mich, zog den Strumpf hervor und schwenkte ihn gut gelaunt durch die Luft.
Von außen würde man das nie vermuten! Immer so ordentlich, fast wie ein Titelbild in der Brigitte!
In diesem Moment kam meine Freundin Friederike oder einfach Rike, wie ich sie seit Kindertagen nannte gerade aus der Küche. Sie trocknete sich die Hände an einem Küchentuch und hob erstaunt die Augenbrauen.
Wie kommst du denn darauf?
Ich deutete einfach nur stumm und grinsend auf den Strumpf, als wäre das der unumstößliche Beweis.
Rike errötete leicht und suchte nach einer Ausrede.
Ach, weißt du Das war bestimmt Flocke. Unser kleiner Rabauke liebt es, Sachen aus dem Wäschekorb zu stibitzen. Für große Raubzüge ist er noch zu klein, aber das schafft er schon!
Kaum hörte ich den Namen, leuchteten meine Augen auf. Katzen waren meine große Schwäche.
Flocke? Der niedliche Kater, den ich bisher nur von Fotos kenne? Wo steckt der kleine Herzbrecher?
Mir wurde bewusst, dass ich schon eine Viertelstunde bei Rike war und den Fellball noch gar nicht begrüßen durfte!
Sie lachte herzlich.
Er schläft bestimmt in seinem Korb am Heizkörper das ist sein Lieblingsplatz. Aber sei vorsichtig, er ist schüchtern und hat spitze Krallen. Falls nötig: Die Hausapotheke ist im Bad. Ich setze schon mal den Kaffee auf.
Leise trat ich an den Sessel und fand tatsächlich Flocke, eingerollt auf einer weichen Wolldecke. Seidig-weißes Fell mit grauen Tupfen, auf die Brust hatte er die Pfötchen gelegt. Seine winzigen Ohren zuckten im Schlaf, und der Schwanz wackelte fast unmerklich.
Na, du kleiner König, flüsterte ich und streichelte sanft sein Köpfchen.
Ein Auge blinzelte misstrauisch, dann schnellte die Pfote vor und hinterließ einen zarten Kratzer auf meinem Handgelenk.
Autsch! Na gut, das war unser erster Handschlag, lachte ich.
Unverdrossen kraulte ich ihm weiter den Nacken, und vielleicht aus Höflichkeit begann er leise zu schnurren wie ein Röhrenmotor und döste wieder ein.
Als Rike kurze Zeit später mit dampfendem Kaffee und einer Schale Mozartkugeln aus der Küche kam, saß ich strahlend auf dem Teppich und verwöhnte den inzwischen zutraulichen Flocke, während mein Handgelenk einen dezenten, katzentypischen Gruß zierte. Doch das minderte meine Laune nicht.
Er ist so ein Goldstück!, jubelte ich, während der Kater vor Behagen auf dem Rücken rollte und sich den Bauch kraulen ließ. Ich will unbedingt auch noch so ein Katzenkind. Sissi wäre dann endlich nicht mehr so allein!
Rike grinste und stellte die Tassen ab. Sie beobachtete, wie ich ganz ins Spiel mit Flocke versank so ausgelassen wie ein Kind.
Wenn du magst unser Tierheim hat gerade viele Samtpfoten abzugeben.
Später vielleicht. Du weißt ja, ich will bald heiraten. Ich fürchte, Benedikt hat schon mit Sissi ein Thema Der ist mit einem Haustier fast schon überfordert.
Mag er keine Tiere? Rike setzte sich mit ihrer Tasse auf das Sofa, atmete tief den Duft des frischen Kaffees ein und wartete, ich nippte nachdenklich an meiner Tasse.
Haare auf dem Sofa, Streu vor dem Katzenklo, bunte Bälle in den Schuhen, seufzte ich. Nein, Benedikt ist lieb aber er steht einfach zu sehr auf Ordnung. Alles soll an seinem Platz sein, keine Staubflocken nirgendwo
Langsam wich das Lächeln aus Rikes Gesicht. Betroffen rieb sie ihr rechtes Handgelenk, als würde es plötzlich schmerzen. Ihr Blick verlor sich, wurde trüb, und ich spürte, dass ihre Gedanken weit weg glitten, zurück in eine Zeit, von der sie selten sprach.
Rike? Was ist los? Ich setzte Flocke vorsichtig zurück auf seinen Platz und drehte mich besorgt um. Nie zuvor hatte ich Rike so still und ernst erlebt. Drei Jahre kannte ich sie nun immer hatte sie Lebensfreude ausgestrahlt. Jetzt wirkte sie farblos und traurig.
Alles gut, versicherte sie leise, doch ihre Stimme verriet den alten Schmerz. Nach einem tiefen Atemzug sagte sie, stärker:
Ich hatte früher mal einen nennen wirs eher negativen, ordnungsliebenden Ehemann. Ich geb dir einen Rat: Leb erstmal ein Jahr mit deinem Freund zusammen, bevor ihr heiratet oder gar Kinder plant. Man sieht im Alltag so viel klarer, sieht, ob es wirklich passt.
Meine Hand tastete nach ihrer, zögerlich. Du musst es nicht erzählen, wirklich. Nur, wenn du willst
Rike nickte langsam, fasste meine Hand und begann leise zu sprechen. Vielleicht hilft es dir ja, nicht dieselben Fehler zu machen wie ich
*
Mit neunzehn begegnete ich Martin. Er war neun Jahre älter, gebildet, charmant und sehr aufmerksam und die Blumen, die er mir brachte, waren wie kleine Versprechen. Er wusste sogar, dass ich besonders gern Apfeltee mit Zimt trank. Nach drei Monaten stellte er mir die Frage aller Fragen und ich sagte ja.
Es gab niemanden, der mir abriet. Mein Vater hatte längst eine neue Familie gegründet, kümmerte sich kaum noch um mich, und meine Mutter verfolgte zufrieden ihren eigenen Lebensweg. Mir wurde Freiheit gewährt vielleicht sogar zu viel davon.
Martin war anfangs großartig, zuvorkommend, aufmerksam, liebevoll. Doch nach knapp zwei Monaten Zusammenleben begannen seine strengen Ordnungsregeln. Unsere ersten Auseinandersetzungen waren harmlos: Es ging um Staub auf dem Regal, eine Tasse im Spülbecken Aber ich hatte Prüfungen, lernte bis spät in die Nacht da schrie nicht einmal meine Energie nach Aufräumen.
Einmal erinnerte ich mich, war es weit nach Mitternacht, als Martin mich am Schlafzimmereingang aufhielt.
Hier ist schon wieder Staub im Flur. Mach sofort sauber.
Ich hätte am liebsten geschrien vor Müdigkeit.
Martin, bitte Ich hab bald eine wichtige Klausur. Lass es mich morgen früh machen?
Hättest du tagsüber nicht am Handy getippt, wäre genug Zeit gewesen, blaffte er kalt. Also schrubbte ich den Boden, bis mir die Hände zitterten.
Mit der Zeit wurde ich nervöser, unsicherer. Ein Buch, das nicht parallel zur Kante auf dem Tisch lag, eine leicht zerknitterte Bluse Martin meckerte, schimpfte, manchmal schmiss er sogar das frisch gebügelte Bettlaken auf den Boden.
Ich erinnere noch die Ohnmacht in mir, als er, außer sich, den Schrank aufriss, alle Sachen herauszog und schrie:
Was ist das für ein Durcheinander? Mach alles noch einmal, und zwar richtig!
Die Wäsche stapelte sich auf dem Boden, und ich wusste, dass ich immer weiter machen musste, bis alles perfekt war so wie er es wollte.
Die erste handfeste Auseinandersetzung geschah eines Morgens, als eine Hemd noch ungezügelt im Schrank hing. Ich hatte schlichtweg vergessen, es zu bügeln, zu müde nach einer Nacht an der Diplomarbeit. Trotz vier weiterer, sauber gebügelter Hemden brüllte Martin, packte mein Handgelenk und drückte fest zu. Ein blauer Fleck erschien, und ich versteckte ihn tagelang unter langen Ärmeln.
Sein Gesicht berührte er nie zu gefährlich, zu auffällig. Aber das Handgelenk Das bekam jedes Mal neue Male. Manchmal zog er an meinen Haaren, wenn er tobte ich weinte, aber lautlos.
Was willst du eigentlich für ein Leben, wenn hier alles immer so aussieht?! Bist du überhaupt eine richtige Frau?
Das Maß der Dinge war kaum greifbar, selbst Besucher lobten mich für meine tadellose Haushaltsführung.
Mit der Zeit wurde ich immer kontrollierter gehetzt prüfte ich morgens, ob alles an Ort und Stelle war, wischte noch um vier Uhr früh das Spülbecken, lernte nachts vor lauter Sorge, etwas falsch zu machen, kaum zu schlafen.
Irgendwann brach ich zusammen, inmitten einer Vorlesung an der Ludwig-Maximilian-Universität. Das nächste Bild, an das ich mich erinnere, ist die Stationsdecke im Rotkreuzkrankenhaus, die mir blass und weit erschien.
Der Stationsarzt stellte Fragen; eine Pflegerin maß meinen Blutdruck, redete ruhig auf mich ein. Und während ich so dalag, erfasste mich plötzlich Klarheit. Was tat ich mir hier eigentlich an? Wofür litt ich so der großen Liebe wegen? Ich wusste, dass ich die Kraft zum Neubeginn hatte, wenn ich es nur wollte.
Der endgültige Entschluss reifte, als Martin mich im Krankenhaus besuchte. Noch bevor er nach meinem Befinden fragte, meckerte er:
So kannst du dich doch nicht zeigen! Die Haare ungewaschen, auf dem Bademantel ein Fleck. So geht das doch nicht!
Da stand ich, gerade erst wieder zu mir gekommen, und alles in mir wurde so schwer und eng.
Noch ehe ich etwas sagen konnte, verscheuchte ihn eine resolute Seniorenschwester mit Rollator und besonderem Charme aus dem Zimmer.
Jetzt reichts!, schimpfte sie, kehrte drohend und fuchtelte mit dem Stock. Verschwinden Sie oder ich rufe die Polizei Sie haben hier nichts zu suchen!
Martins letzter Blick traf mich kalt und enttäuscht, fast feindselig. Er ging ohne eine nette Geste, ohne Erklärung, nur mit einem dumpfen Knall der Tür.
Die Schwester, grau und resolut, strich mir sacht übers Haar und seufzte.
Ach Kindchen, warum nur gibst du dir das? Gibt genug gute Männer im Leben, glaub mir. Du findest schon einen, der dich so schätzt, wie du bist.
Zum ersten Mal fühlte ich wirklich, dass ich eine Wahl hatte. Die kleine Dachwohnung meiner Großmutter stand leer; wenig Geld, ja, aber ich könnte mit Repetitor-Jobs und Nachhilfestunden über die Runden kommen. Lieber das als noch eine Nacht in Angst und Demütigung verbringen.
An diesem Abend blickte ich zum Fenster hinaus. Über den Alten Botanischen Garten zog ein zartrosafarbener Himmel auf, und ich spürte: Alles wird gut.
*
Die Scheidung ging schnell; Martin ließ sich von einem anonymen Anwalt vertreten und erschien nicht persönlich zum Termin. Als der Richter sein Urteil sprach, empfand ich keinen Schmerz nur Erleichterung, tief und heilsam. Draußen auf den Stufen des Justizgebäudes atmete ich tief ein, und das Leben schmeckte plötzlich wieder hell und frisch nach Frühling.
Die Wochen danach waren für mich ein Neuanfang. Ich bezog die kleine Wohnung mit Blick auf den Nymphenburger Kanal, die Kastanien rauschten vor dem Fenster. Morgens saß ich mit Kaffee auf dem Balkon, genoss die Ruhe und den Duft von Flieder eine Stille, die keine Angst mehr machte, sondern Befreiung schenkte.
Bald begann ich, stundenweise in einer Buchhandlung zu arbeiten. Nicht wegen des Geldes die paar Euro halfen zwar, waren aber nicht entscheidend. Viel mehr suchte ich das Gefühl, gebraucht zu werden, schätzte den Geruch von Papier und Tinte, das leise Treiben zwischen den Regalen.
Und dann, als ich eines frühen Abends gerade die Kunstbände sortierte, stieß ich mit dem Kopf fast an einen Fremden einen jungen Mann mit freundlichen Augen und offener Miene, der sich nach einem Band über europäische Baukunst bückte.
Das tut mir leid!, rief ich erschrocken, rettete einen Wälzer vor dem Absturz.
Er lachte. Kein Problem, ich war zu ungestüm. Wissen Sie zufällig, ob es hier was zum Jugendstil gibt?
Wir kamen ins Gespräch. Er stellte sich als Johannes vor, groß, dunkelhaarig, ein bisschen verlegen. Von da an besuchte er die Buchhandlung jede Woche. Erst wegen der Kunst, dann auch wegen mir.
Zögerlich ließ ich mich auf ein erstes Treffen ein in einem kleinen Café an der Isar. Noch immer saß die Angst in mir: laute Stimmen ließen mich zusammenzucken, ein gehobener Arm weckte Verstörung. Johannes jedoch hetzte mich nicht, lachte sanft, nahm oft nur meine Hand und ließ mir Zeit.
Es hat lange gedauert, bis ich ihm alles erzählte. Doch als es dann endlich so weit war, hörte er einfach zu, hielt meine Hand und sagte schließlich nur:
Du musst nie wieder Angst haben, Lisa. Es gibt kein Für-dich-arbeiten, keine Listen, keine Strafen, nur uns. Wenn du willst, stelle ich eine Putzkraft ein. Du sollst einfach nur du selbst sein.
Da löste sich ein Knoten in mir, der viele Jahre zu eng geschnürt war.
*
So ist es gewesen, endete Rike leise, ihre Stimme zitterte leicht, aber ihr Lächeln war warm, voller Stolz auf das, was sie durchgestanden hatte. Das waren harte Jahre. Sie haben mich gelehrt: Glück ist, wenn du sein kannst, wie du bist mit Fehlern und Schwächen. Nicht, wenn du perfekt bist.
Flocke, als fühle er die Stimmung, kletterte auf ihren Schoß, schob die Schnauze in ihre Handfläche und schnurrte beruhigend. Rike lachte, sanft und leise.
Siehst du? Auch Flocke ist nicht perfekt. Mal verschleppt er Hausschuhe, mal krallt er an den Vorhängen. Und trotzdem: Ich liebe ihn, so wie er ist.
Ich reichte Rike ein Taschentuch. In meinem Blick lagen Mitgefühl, Respekt und große Dankbarkeit für ihre Offenheit und den Mut, all das hinter sich gelassen zu haben.
Du bist stark, Rike. Mehr, als ich es je für möglich gehalten hätte. Und es macht mich glücklich zu wissen: Heute bist du frei, du hast dir alles selbst erschaffen.
Rike lächelte nachdenklich zum Fenster. Draußen blinkten die ersten Sterne über der Münchener Altstadt.
Jetzt kann ich wirklich sagen, dass ich angekommen bin. Ich wünsche dir dasselbe, Lisa. Lass dir Zeit. Lerne Benedikt kennen, sieh zu, wie er auf kleine Katastrophen reagiert. Liebe heißt nicht, alles zu ertragen sondern sich zu unterstützen, zuzuhören, auch Schwäche zuzulassen und dann gemeinsam einen Weg zu suchen.
Leise strich ich Flockes kuscheligen Pelz und der Kater schnurrte lauter, als wollte er alles bestätigen.
Das Feuer im Kamin knisterte, Uhren tickten, wir tranken unseren Kaffee aus und ließen die Ruhe des Abends auf uns wirken. Plötzlich wusste ich: Was wirklich zählt, ist, dass man sich selbst treu bleibt. Grenzen setzen kann. Und glaubt: Ich verdiene auch mein kleines Glück.
Draußen glänzten die Sterne, drinnen war es warm und geborgen. Und auch heute viele Jahre später weiß ich: Das hier ist mein Leben. Es ist nicht perfekt. Aber es ist mein eigenes.