— Leb hier einen Monat, bin kein Biest, — rief der Mann, zu einer andern gehend. Nach 3 Jahren holte er zitternd einen Ring hervor.

Der Koffer stand schon an der Tür, und auf dem Herd köchelte noch die Kartoffelsuppe. Mit Bratwürstchen. So wie Jürgen sie liebte.

Marlene wischte die trockenen Hände mechanisch mit einem Handtuch ab. Sie blickte auf den vertrauten Hinterkopf, auf das Muttermal hinter dem Ohr, das sie tausendmal geküsst hatte. Und erkannte ihn nicht.

„Bist du auf Dienstreise?“

„Nein, Marlene. Ich gehe.“

Das Wort hing in der Küche wie der Geruch von Verbranntem.

„Wohin?“

„Zu einer anderen.“

Das Handtuch fiel aus ihren Händen.

„Jürgen …“

„Marlene, lass uns keine Szenen machen. Wir wissen beide, dass das schon lange vorbei ist. Ich habe mich nur entschieden, du nicht.“

„Vorbei?“, lachte sie. Nervös, erschrocken. „Morgen ist unser Jahrestag. Achtzehn Jahre.“

„Eben. Achtzehn Jahre dieselbe Kartoffelsuppe.“

Der Schlag traf sie genau ins Gesicht. Ihr blieb die Luft weg.

„Ich habe mein Promotionsstudium für dich aufgegeben. Ich hätte sein können …“

„Du hättest nichts sein können.“ Er lächelte. So lächelt man, wenn man Mitleid hat. „Restauratorin. Wer braucht das heute – Heiligenbilder, Staub … Ich habe dir ein Leben gegeben, wohlgemerkt. Wohnung, Auto, jeden Sommer ans Meer.“

„Du hast gegeben? …“

„Wer denn sonst. Schon gut. Die Wohnung läuft auf mich, aber ich bin kein Unmensch. Lebe noch ein bis zwei Monate hier. Dann regeln wir das Weitere.“

Sie hielt sich an der Stuhllehne fest. Ihre Finger wurden weiß.

„Wer ist sie?“

„Was macht das für einen Unterschied.“

„Wer?“

Er sah auf die Uhr.

„Lotte. Zweiunddreißig. Sie ist lebendig, Marlene. Verstehst du? Geht ins Theater, fährt Ski, lacht. Und du bist längst zur Haushälterin geworden. Selbst nicht bemerkt.“

Marlene schwieg. Ein Kloß saß in ihrem Hals.

Jürgen packte den Koffer. An der Tür drehte er sich um – und in seinen Augen blitzte etwas auf. Kein Bedauern. Ärger. Wie bei einem Besitzer, der einen alten Hund im Tierheim abgibt.

„Mach dir keine Sorgen. Achtunddreißig ist kein Todesurteil. Genieße die Freiheit, Marlene. Du hast sie verdient.“

Die Tür schloss sich.

Die Kartoffelsuppe auf dem Herd kühlte weiter ab.

Die erste Woche weinte sie nicht. Sie ging durch die Wohnung wie durch ein Museum eines fremden Lebens. Seine Hemden. Seine Zahnbürste. Die halb ausgetrunkene Tasse auf dem Tisch.

Am achten Tag rief Gertrud an.

„Marlene, lebst du noch?“

Und es brach aus ihr heraus. Sie schluchzte so laut ins Telefon, dass die Nachbarin von unten heraufkam und fragte, ob alles in Ordnung sei.

„Gertrud … ich bin achtunddreißig. Ich bin ein Nichts. Achtzehn Jahre habe ich Kartoffelsuppe gekocht, ich weiß nicht einmal, wann ich zum letzten Mal einen Pinsel in der Hand hatte …“

„Und woran erinnerst du dich?“

„Was? …“

„Erinnerst du dich, warum du Restauratorin werden wolltest?“

Marlene erstarrte. Vor ihr stand das Bild: der Saal der Alten Nationalgalerie, sie war neunzehn, stand vor der Dreifaltigkeit und weinte. Darüber, dass Menschen so etwas erschaffen konnten. Und so etwas bewahren.

„Ich erinnere mich.“

„Dann geh und hol deine Farben aus dem Abstellraum. Ich weiß, sie sind da. Ich habe sie vor fünf Jahren gesehen.“

Die Farben fanden sich. In einem Schuhkarton, unter alten Vorhängen. Ausgetrocknet, die Hälfte unbrauchbar. Aber die Pinsel – die Pinsel waren heil. Kolinsky-Haarpinsel, einst gekauft vom Stipendium, mit Verzicht auf Mittagessen.

Marlene setzte sich auf den Boden des Abstellraums und weinte. Aber diesmal anders. Leise.

Am nächsten Morgen meldete sie sich zu Kursen an der Kunsthochschule Berlin an. Bezahlt. Das Geld – die letzten Ersparnisse für den Urlaub, der nun nicht mehr nötig war.

Sie ging zum Friseur. Schnitt den Zopf ab, den Jürgen zwanzig Jahre lang nicht hatte anrühren dürfen. Im Spiegel sah ihr eine fremde Frau entgegen. Mit scharfen Wangenknochen, mit lebendigen, zornigen Augen.

„Nun, hallo. Lange nicht gesehen.“

Drei Monate Studium. Museen, Notizen. Nachts malte sie – erst zögerlich, dann sicherer. Die Hände erinnerten sich. Die Hände hatten nicht vergessen.

Im Februar rief Gertrud an.

„Marlene, es gibt eine Sache. Erinnerst du dich an Armin Lehmann, den Michael von der Arbeit kennt? Seine Großmutter ist gestorben, er hat ein Haus in Brandenburg geerbt. Ein altes. Und dort sind Heiligenbilder, ein ganzes Regal. Er wollte sie wegwerfen …“

„Nicht anrühren!“, rief Marlene aufspringend. „Sage ihm, er soll nichts tun!“

„Dachte ich mir, ob du mal hinschaust? Er würde zahlen.“

„Ich schaue hin. Morgen.“

Die Heiligenbilder waren in einem schrecklichen Zustand. Acht Stücke – geschwärzt, mit abblätternder Grundierung, mit Rissen. Marlene beugte sich darüber – und ihr Herz schlug so laut, dass sie es in den Ohren hörte.

„Armin Lehmann“, sagte sie heiser. „Dieses hier … ich muss es unter der Lampe prüfen, aber ich bin fast sicher. 17. Jahrhundert. Norddeutsche Malerei. Sehr wertvoll.“

Er hob ungläubig die Augenbraue.

„Was ist es wert?“

„Restaurieren – kann ich nicht genau sagen. Aber später verkaufen – eine Menge.“

„Und du kannst es restaurieren?“

Marlene sah auf die Tafeln. Auf die Gesichter, die kaum durch den Ruß schimmerten. Sie wusste: Das ist die Chance. Die einzige.

„Ich kann es.“

Die Arbeit dauerte ein halbes Jahr. Sie mietete eine winzige Werkstatt am Stadtrand – der Geruch von Lösungsmitteln in der Wohnung war unerträglich. Aß Brot mit Butter. Nahm zwölf Kilo ab. Zweimal weinte sie vor Verzweiflung, als sie fast die Arbeit verdorben hätte. Einmal rief sie ihre Professorin um vier Uhr morgens an – die heilige Frau kam eine Stunde später mit einer Thermoskanne.

Und dann war da die erste Ikone. Befreit. Leuchtend.

Armin Lehmann schwieg lange.

„Marlene. Das ist ein Wunder.“

„Kein Wunder. Arbeit.“

Er zahlte das Doppelte. Eine Woche später rief ein Bekannter von ihm an. Dann der Bekannte des Bekannten. Dann ein Galerist von der Friedrichstraße.

Mundpropaganda – das schnellste Radio der Welt.

Ein Jahr verging. Dann noch eines.

Jetzt wohnte Marlene in einer anderen Wohnung – zur Miete, aber ihrer. Mit hohen Decken. Eine Werkstatt im Prenzlauer Berg, Aufträge für ein halbes Jahr im Voraus. Arbeiten für zwei Klöster und eine Privatsammlung eines bekannten Unternehmers, dessen Name in den Wirtschaftszeitungen mit Ehrfurcht genannt wurde.

Er hieß Dieter Weber.

Er kam selbst in die Werkstatt. Schickte keine Boten. Saß auf einem Stuhl am Fenster und sah zu, wie sie arbeitete. Manchmal brachte er Kaffee mit. Manchmal nichts.

„Sie sind ein seltsamer Kunde, Dieter Weber.“

„Ich bin ein seltsamer Mensch. Stört es Sie, wenn ich hier sitze?“

„Nein, stört nicht.“

Fünfundvierzig. Witwer. Kluge, müde Augen und Hände eines Pianisten – obwohl er nicht Klavier spielte, sondern auf dem Fusionsmarkt.

Nichts war zwischen ihnen. Noch nicht. Aber Marlene ertappte sich manchmal dabei, dass sie auf seine Besuche wartete.

An jenem Abend wollte sie nirgendwo hingehen.

Aber Gertrud bestand darauf – Jubiläum der Galerie an der Unter den Linden, die ganze Berliner Gesellschaft, das durfte sie nicht verpassen, ihre Kunden seien darunter, genug in ihrer Klause gehockt.

Marlene zog ein schwarzes Kleid an – schlicht, das erste Kleid von einem guten Designer in ihrem Leben, gekauft vor einem Monat. Perlenohrringe – Geschenk eines dankbaren Kunden. Absätze, an die sie sich schon entwöhnt hatte.

Dieter Weber holte sie selbst ab, ohne Fahrer.

„Sie sehen heute …“

„Was?“

„Leuchtend aus.“

Sie lachte. Wirklich. Zum ersten Mal seit langer Zeit.

Im Saal summte das Gespräch, Sekt floss. Marlene blieb vor einem Gemälde von Lovis Corinth stehen – tat so, als betrachte sie es. Sie holte nur Luft.

„Marlene? …“

Sie drehte sich um.

Vor ihr stand Jürgen.

Gealtert. Grau. Ringe unter den Augen. Ein Glas in der Hand, und die Hand zitterte leicht. Neben ihm eine junge Frau, dünn, mit einem unzufriedenen Gesicht. Hing an seinem Arm wie an einem Kleiderhaken und nörgelte:

„Jürgen, lass uns gehen, es ist langweilig …“

„Warte, Lotte.“

Er sah Marlene an und erkannte sie nicht.

„Du? Bist du das?“

„Hallo, Jürgen.“

„Du … wie hast du dich verändert.“

„Die Zeit vergeht.“

Lotte zerrte an seinem Ärmel.

„Wer ist das?“

„Das … meine Ex-Frau.“

Lotte musterte Marlene mit einem schnellen, weiblichen Blick. Von den Schuhen bis zu den Ohrringen. Ihr Gesicht verlängerte sich leicht.

„Sehr erfreut. Ich bin an der Bar.“

Und ging, mit klappernden Absätzen.

Sie waren allein. Mitten im Saal, in der Menge – aber allein.

„Was machst du hier?“

„Ich arbeite. Ich bin Restauratorin. Hier sind meine Kunden.“

„Restauratorin?“, blinzelte er. „Ernsthaft?“

„Ernsthaft.“

„Marlene …“ – er kam näher. Er roch nach Cognac. „Ich muss dir etwas sagen. Ich war ein Idiot.“

Sie schwieg.

„Diese Lotte – ein Albtraum. Leer. Kann nicht einmal ein Spiegelei braten. Ständig Clubs, Urlaube, Restaurants. Ich bin müde, Marlene.“

„Kann ich mir vorstellen.“

„Ich lasse mich scheiden. Habe es schon eingereicht.“ – Er packte ihre Hand. „Lass es uns noch einmal versuchen. Du hast mich doch geliebt. Immer geliebt.“

Marlene sah auf seine Finger. Fremd. Einst die vertrautesten. Jetzt einfach fremd.

Sanft befreite sie ihre Hand.

„Jürgen. Erinnerst du dich, was du zum Abschied gesagt hast?“

Er runzelte die Stirn.

„Du sagtest – genieße die Freiheit.“

„Marlene, ich wollte nicht …“

„Warte. Ich möchte dir danken. Ohne Ironie.“

Er sah sie an, verstand nichts.

„Du hast mir tatsächlich die Freiheit geschenkt. Ich konnte sie lange nicht auspacken – wie ein Geschenk, das man sich nicht zu öffnen traut. Aber dann habe ich es geöffnet. Darin war ich selbst. Die, die ich vor achtzehn Jahren begraben hatte.“

„Marlene …“

„Also danke. Und – nein. Ich komme nicht zurück.“

„Aber warum? Ich habe eine Wohnung, Geld, ich sorge für dich …“

„Jürgen. Ich sorge längst selbst für mich.“

In diesem Moment kam Dieter Weber. Ruhig, leise, mit zwei Gläsern.

„Marlene, sind Sie bereit? Ein Sammler aus Hamburg möchte Sie kennenlernen.“

„Ja, Dieter Weber. Natürlich.“

Er reichte ihr die Hand. Sie nahm sie.

Jürgen stand da und sah ihnen nach. Auf ihren geraden Rücken. Darauf, wie respektvoll sich dieser Mann im teuren Anzug zu ihr neigte.

An der Bar redete Lotte auf ihn ein. Er hörte nicht.

Marlene drehte sich an der Tür kurz um. Und – nein, nicht triumphierend. Sie winkte nur. Wie man einem Bekannten winkt, von dem man sich vor langer Zeit getrennt hat, ohne Vorwürfe.

Der Sammler war ein schwerer, grauhaariger Mann mit kindlich blauen Augen. Bruno Neumann. Küsste altmodisch die Hand, mit einer Verbeugung, sagte „gnädige Frau“ – ohne Ironie.

„Dieter Weber hat mir Wunderdinge über Sie erzählt. Ich glaubte es nicht. Jetzt sehe ich – er hat nicht gelogen.“

„Sie haben meine Arbeiten noch nicht gesehen.“

„Doch. Vor drei Monaten. ‚Muttergottes der Barmherzigkeit‘, 18. Jahrhundert. Erinnern Sie sich?“

Marlene erinnerte sich. Ein halbes Jahr hatte sie dafür gebraucht.

„Sie haben sie gekauft?“

„Ja. Und ich möchte mehr. Ich habe etwas Delikates. Können wir reden?“

Sie gingen zum Fenster. Dieter Weber blieb an der Säule – unauffällig, im Hintergrund, aber in der Nähe. Marlene spürte ihn im Rücken, und es war seltsam warm.

Aus dem Augenwinkel sah sie: Jürgen stand immer noch vor dem Corinth-Gemälde. Allein. Lotte war weggefahren – vermutlich mit Krach. Er blickte in ihre Richtung, aber Marlene drehte sich nicht mehr um.

„Ich habe eine Ikone“, sagte Bruno Neumann leise. „Eine Lüneburger. 16. Jahrhundert. Das Problem ist, ihre Geschichte ist undurchsichtig.“

Marlene spannte sich.

„Gestohlen?“

„Nein, nein, wie kommen Sie darauf. In den 1920er Jahren ausgeführt. Dann Paris, New York. Vor zwei Jahren kaufte ich sie legal auf einer Auktion. Aber ich möchte sie nach Hause zurückbringen. Und in ihrem wahren Zustand. Im 19. Jahrhundert wurde sie stark übermalt. Unter den Übermalungen, bin ich überzeugt, liegt ein Meisterwerk.“

„Warum wollen Sie das?“

Bruno Neumann schwieg.

„Meine Großmutter stammte aus Lüneburg. 1924 mussten wir gehen. Ihr Vater, ein Pfarrer, wurde 1937 erschossen. Ich suche diese Ikone seit vierzig Jahren. Und jetzt habe ich sie gefunden.“

Marlene brannten die Augen.

„Ich übernehme die Arbeit.“

Die Arbeit an der Lüneburger Ikone sollte in einem Monat beginnen – nach den dokumentarischen Absprachen. In der Zwischenzeit lief das Leben seinen Gang.

Am Montagmorgen kam Marlene in die Werkstatt und fand einen Umschlag unter der Tür. Ohne Briefmarke. Ein Zettel mit vertrauter, unregelmäßiger Handschrift:

„Marlene, ich muss mit dir reden. Nicht telefonisch. Ich bin am Mittwoch um sieben vor deiner Werkstatt, im Café an der Ecke. Wenn du nicht kommst – ich verstehe. Aber ich bitte dich sehr. J.“

Sie saß lange da und starrte auf das Papier. Zerknüllte es. Glättete es. Zerknüllte es wieder.

Am Mittwoch um sieben kam sie.

Sie wusste selbst nicht, warum. Vielleicht wollte sie einen Schlussstrich ziehen – nicht den schönen aus der Galerie, sondern einen echten. Alltäglichen. Endgültigen.

Jürgen wartete am Ecktisch. Vor ihm eine Tasse Tee, unberührt. Er stand auf, als sie kam, unbeholfen.

„Danke, dass du gekommen bist.“

„Ich habe zwanzig Minuten.“

„Ich mache es kurz.“ Er umklammerte die Tasse. „Marlene, ohne Lotte, ohne Publikum … ich habe damals in der Galerie nicht das Richtige gesagt. Genauer gesagt, nicht so.“

„Und wie sollte es sein?“

Er hob den Blick. Marlene sah plötzlich: In seinen Augen schwamm echte Angst. Die, die man hat, wenn man begreift, dass man etwas Unwiederbringliches getan hat.

„Ich habe so einen Mist gebaut, dass ich ihn bis heute nicht aufgeräumt habe.“

„Ja.“

„Was – ja?“

„Ja, hast du Mist gebaut.“ – Sie sagte es ohne Wut. Wie eine Feststellung. „Warum hast du mich gerufen?“

Er schwieg. Zog eine abgenutzte Samtschachtel aus der Tasche. Marlene erkannte sie sofort.

„Der Ring deiner Großmutter“, sagte sie leise.

„Erinnerst du dich?“

Der Ring seiner Großmutter, mit einem kleinen Smaragd. Vor achtzehn Jahren hatte Jürgen ihn Marlene zur Verlobung geschenkt. Ein paar Jahre später bat er ihn zurück – „zur Aufbewahrung“, für die zukünftigen Kinder. Kinder gab es nicht. Der Ring blieb bei ihm.

„Ich möchte ihn dir zurückgeben. Er gehört dir. Von Rechts wegen.

„Nimm ihn einfach. Das ist kein Angebot. Ich habe damals in der Galerie alles verstanden. Ich habe gesehen, wie du mit diesem Weber …“ – seine Stimme zitterte – „… liebst du ihn?“

Marlene schwieg. Hörte ehrlich in sich hinein.

„Ich weiß es noch nicht. Aber ich könnte es. Wenn die Zeit es erlaubt.“

Jürgen nickte. Schwer.

„Das freut mich. Wirklich. Er ist ein anständiger Kerl, ich habe Nachforschungen angestellt.“

„Du hast Nachforschungen angestellt?“

„Na klar. Achtzehn Jahre war ich dein Mann. Ich habe ein Recht darauf.“

Marlene sah ihn an und erkannte – zum ersten Mal vielleicht in ihrem ganzen Leben – keinen Besitzer, keinen Täter, keinen Verräter. Einfach einen müden, älteren Mann, der das wichtigste Spiel verloren hatte. Und das jetzt begriff.

Es tat nicht mehr weh. Sondern tat menschlich leid.

„Jürgen. Den Ring nehme ich nicht. Gib ihn … na, ich weiß nicht. Deiner Nichte, die Tochter von Ingrid wächst heran. Oder in die Kirche.

„Eine Sache noch. Einverstanden?“

„Einverstanden.

„Danke, dass du gegangen bist.

Er sah sie verständnislos an.

„Wenn du nicht gegangen wärst, hätte ich bis sechzig Kartoffelsuppe gekocht. Und hätte dich still, heimlich gehasst, ohne es mir einzugestehen. Und mich selbst auch. Aber jetzt hasse ich niemanden. Weder dich noch mich. Das ist eine seltene Sache.

Er schwieg. Eine Träne rollte langsam, schwer über seine Wange. Er wischte sie nicht weg.

„Pass auf dich auf“, sagte Marlene. „Und sorg für dich.

Sie stand auf. Zog den Mantel an. An der Tür drehte sie sich um – er saß da, den Kopf gesenkt. Seine Schultern zuckten leicht.

Marlene trat auf die Straße. Der Wind schlug ihr ins Gesicht – kalt, riechend nach Laub und ein wenig Rauch.

Sie ging den Boulevard entlang und weinte. Leise, ohne Schluchzen. Nicht aus Trauer. Nicht aus Schadenfreude. Einfach – ein großes, quälendes Kapitel schloss sich. Ohne Haken, ohne Splitter. Es ließ los.

Und nur tief drinnen, wie ein kleiner Splitter, saß etwas Unbestimmtes. Nicht einmal Mitleid. Ein Zweifel. Vielleicht doch umsonst? Vielleicht waren achtzehn Jahre doch nicht nichts, und es wäre richtig gewesen, noch eine Chance zu geben?

Marlene ging bis zur U-Bahn. Blieb stehen. Stand zehn Sekunden da.

Und verstand: Nein. Nicht umsonst.

Sie fuhr die Rolltreppe hinunter.

Die Lüneburger Ikone erwies sich als schwieriger, als sie gedacht hatte. Drei Übermalungsschichten. Die unterste – 16. Jahrhundert, wie Bruno Neumann versprochen hatte. Dazwischen und darüber zwei weitere: 18. und Ende 19. Jahrhundert. Jede Schicht wurde Millimeter für Millimeter abgetragen.

Sie arbeitete fast ein Jahr.

In diesem Jahr änderte sich vieles.

Dieter Weber machte ihr im April einen Antrag. Nicht im Restaurant, nicht mit einem Ring – dafür war er zu klug. Sie saßen in ihrer kleinen Küche, tranken Tee.

„Marlene. Sollen wir nicht heiraten?“

„Einfach so?“

„Warum kompliziert machen? Wir sind beide nicht mehr zwanzig. Wissen, was wir wollen.

„Und was wollen Sie, Dieter Weber?“

„Sie. Für den Rest meines Lebens. Wenn Sie nicht bereit sind – ich warte. Ich bin geduldig.

„Geben Sie mir bis zum Herbst.

„Bis zum Herbst, bis zum Herbst.

Er war nicht beleidigt. Er war wirklich geduldig.

Im Mai erzählte Gertrud: Jürgen war nach Brandenburg gezogen. Hatte die Berliner Wohnung verkauft, ein Haus im Dorf gekauft. Mit Lotte war die Scheidung schnell und ohne Skandale. Er hatte jetzt eine Nachbarin. Witwe. Kochte ihm Suppen. Ruhig.

Marlene lächelte, als sie es hörte. Sollte er. Hauptsache, er war ein wenig zur Ruhe gekommen.

Und im August geschah das Wichtigste. Sie trug die letzte Übermalungsschicht von der Lüneburger Ikone ab.

Und darunter kam das Antlitz zum Vorschein.

Marlene stand allein in der Werkstatt, um zwei Uhr nachts, und blickte auf das Gesicht des Erlösers – still, streng, gemalt von der Hand eines unbekannten Meisters vor fünfhundert Jahren. Durch Kriege, Revolutionen, Emigration, Ozean, Auktionen gegangen. Und zurückgekehrt – nach Hause. Zum Enkel jenes Pfarrers, der 1937 erschossen worden war.

Sie rief Bruno Neumann an. Weckte ihn.

„Bruno Neumann, verzeihen Sie … Sie ist freigelegt.

Es wurde still am anderen Ende. Ganz still. Dann hörte sie, wie der alte Mann weinte – weit weg, in seinem Haus auf Sylt.

„Gnädige Frau“, sagte er schließlich, und seine Stimme zitterte. „Ich komme sofort. Kann nicht bis morgen warten.

Er kam um sieben Uhr morgens, unrasiert, in einem zerknitterten Anzug, mit einer Schachtel Pralinen – lächerlich, komisch, als ginge er in den Kindergarten.

Er betrat die Werkstatt. Sah die Ikone. Und fiel auf die Knie.

Marlene drehte sich um. Wollte ihn allein lassen. Mit ihr. Mit seiner Großmutter. Mit seinem Urgroßvater. Mit der ganzen großen, schrecklichen, hellen Geschichte, die sich in einem Punkt traf – in ihrer Werkstatt im Prenzlauer Berg.

Im September heiratete Marlene.

Die Hochzeit war still. Etwa zwanzig Leute. Gertrud mit ihrem Mann. Die Professorin von der Kunsthochschule. Bruno Neumann, extra aus Hamburg angereist. Einige Mönche aus dem Kloster, für das sie gearbeitet hatte – saßen in der Ecke, tranken schüchtern Saft.

Das Kleid war cremefarben, schlicht. Im Haar eine weiße Rose. Keinen Schleier trug sie. Beim zweiten Mal – unnötig.

Dieter Weber steckte ihr den Ehering an – schmal, aus Weißgold. Ohne Steine. Er wusste, dass sie keinen Glanz mochte.

Marlene war zweiundvierzig.

Am Abend, als die Gäste gegangen waren, saßen sie auf dem Balkon der neuen Wohnung, tranken Wein. Schweigend.

„Dieter. Eine Sache ist mir erst jetzt klar geworden.

„Welche?

„Als Jürgen ging, sagte er – genieße die Freiheit. Spöttisch. Aber es wurde, als hätte er mich gesegnet.

Dieter Weber nahm ihre Hand. Küsste ihre Handfläche. Antwortete nichts. Gut, wenn jemand nicht auf jeden Satz mit etwas Schönem antwortet.

Marlene trank den Wein aus. Stellte das Glas ab.

Morgen wieder in die Werkstatt. Dort lag eine neue Arbeit – ganz unspektakulär, eine Ikone aus dem 19. Jahrhundert aus einer Dorfkirche in Mecklenburg. Klein, schlicht, ohne Archivdokumente, ohne Legende. Einfach eine Ikone, die der örtliche Pfarrer gebracht hatte, im Bus in einem Planenbeutel.

Marlene dachte zufrieden daran und wusste: Die größte Freiheit ist die, die man sich selbst schenkt. Niemand kann sie einem nehmen. Man muss sie nur auspacken.

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