Liselotte saß zusammen mit ihrer Mutter auf dem alten Bett. Beide waren warm eingepackt draußen war eisiger Winter, im Haus jedoch nur der alte Ofen brannte leise.
Mach dir keine Sorgen, Mama. Wir schaffen das, sagte Liselotte, während sie versuchte, die zitternde Hand ihrer Mutter zu beruhigen. Die Mutter hatte kaum noch jemanden, ihr einziger Verwandter war die Schwiegermutter und das fast nur noch in Gedanken.
So lebten sie zu dritt: die Mutter, ihr Sohn und seine Frau Liselotte.
Liselotte hatte erst mit dreißig geheiratet. Sie war die zweite Frau von Dieter. Sie hatte die Familie nicht zerrissen; Dieter war bereits geschieden, als sie sich kennengelernt hatten.
Der Schwiegermutter, Frau Anna, hatte Liselotte sofort ins Herz geschlossen, und umgekehrt. Frau Anna war warmherzig, verständnisvoll und stets bereit, zu trösten. Liselotte hatte ihre leiblichen Eltern früh verloren und fühlte in Anna endlich ein Familienmitglied, das ihr fehlte.
Die beiden haben sich heimlich verabredet, meinte Dieter oft spöttisch.
Fünf Jahre Ehe vergingen wie im Fluge, doch dann änderte sich Dieter. Er wurde laut, reizbar und schrie häufig Liselotte und ihrer Mutter an. Der Grund war eine Geliebte, die er häufig nach Feierabend heimlich besuchte.
Eines Abends verkündete er, er wolle sich scheiden lassen, und setzte Liselotte nur zwei Tage, um ihre Sachen zu packen. Bevor sie gehen konnte, erschien die Geliebte mit einem Koffer.
Vielleicht wollte sie Liselotte bewusst konfrontieren, um sie zu demütigen. Sie war eine langbeinige Blondine mit übergroßen Lippen und riesigen Wimpern, die kaum flatterten. Liselotte musste trotz allem lachen.
Du tauschst mich gegen diese Puppe mit Kuhflügeln aus? Viel Glück mit ihr, ich bereue nichts, spottete Liselotte.
Aber sie ist fröhlich, erwiderte die Geliebte. Und ihr seid beide alte Hühner.
Was willst du mit meiner Mutter?, schnappte Liselotte.
Sie bleibt bei uns, flüsterte die Blondine, während sie mit den Wimpern wie ein Schmetterling flatterte. Lass sie doch gehen.
Mama, du hast ja auch Zeit, sagte Liselotte sanft. Du bist doch noch bei mir.
Wohin soll ich gehen? Ich habe dir das Geld aus dem Verkauf der Wohnung gegeben, damit du das Haus wieder aufbauen kannst, stöhnte die Mutter, während sie ihr Herz in die Hände nahm.
Ich brauche keine Konzerte mehr. Lebe einfach weiter, aber verlass nicht dein Zimmer. Jetzt wird Frau Alina die Herrin hier sein.
Mögt ihr beide gehen, protestierte Alina. Sie ist meine Mutter!
Deine Mutter? Willst du sagen, ich bekomme eine Schwiegermutter? Oje
Liselotte hatte genug von den ständigen Vorwürfen.
Mama, fährst du mit mir aufs Land?
Besser aufs Land als mit diesem Sohn und seiner…
Warte kurz, ich packe deine Sachen.
Vergiss die Medizin nicht, die Truhe und die Handtasche.
Liselotte holte einen zweiten Koffer, stopfte hastig Truhe, Tasche, Medikamente, Dokumente, Unterwäsche und Kleidung hinein.
Nehmt alles mit, wir brauchen nichts von fremden Leuten, sagte Alina mit einem süßen Lächeln.
Dieter stand schweigend da, unfähig weiter zu handeln. Er begriff, dass seine Mutter ihm das nie verzeihen würde oder vielleicht doch, weil er doch seine eigene Mutter war.
Nach einer halben Stunde stand Liselotte am Auto. Frau Anna saß bereits hinten, wischte leise Tränen ab und atmete schwer, ohne zu Dieter hinüberzublicken.
Wie sollen wir jetzt weiterleben, mein Kind?
Alles wird gut. Ich habe Ersparnisse. Bis ich einen Job finde, reicht das. Du bekommst deine Rente, wir kommen über die Runden. Auf Brot und Butter reicht es.
Sie fuhren in das Dorf, in dem Liselotte ihre Kindheit verbracht hatte. Noch war ein Tag, das Haus war kalt, doch Liselotte entzündete rasch den Ofen, holte Wasser und stellte den Kessel auf.
Du machst das alles ganz prima. Du hast hier dein ganzes Leben verbracht.
Mein Vater hat mir alles beigebracht. Zum Glück haben wir genug Vorräte, wir müssen nicht mehr zum Laden laufen. Ich mag das Landleben.
Langsam wurde das Haus wärmer.
Morgen mache ich alles sauber.
Ein Klopfen an der Tür.
Ist die Nachbarin schon wieder da? Du warst lange weg, und ich sehe, dein Wagen steht. Was hast du im Winter vor? Gibt es Probleme?
Alles in Ordnung, lieber Herr Michael. Wir klären das später. Komm doch zum Tee.
Ich wollte dich einladen. Bist du allein? Michael bemerkte gerade erst die Frau.
Das ist Frau Anna, und das ist Michael, mein Nachbar. Liselotte stellte sie einander vor.
Melde dich, wenn du etwas brauchst.
Im Moment nichts, danke.
Eine Woche später war das Haus sauber und gemütlich.
Weißt du, Liselotte, ich war früher auch Dorfmädchen, habe aber in der Stadt geheiratet. Mein Mann starb, als ich dreiundzwanzig war, und ich verkaufte die Wohnung. Mein Sohn versprach, immer bei mir zu wohnen. Und schau, wie das Leben sich wendet.
Weine nicht, ich weiß, es ist schwer. Mir geht es ebenso schlecht. Vielleicht bekommen Sie ja Enkelkinder.
Von dieser? Gott bewahre! Und was macht Michael?
Er lebt allein. Seine Frau ertrank, ein Nachbarskind rettete das Kind. Seitdem hat er nicht wieder geheiratet, keine Kinder. Er ist jetzt allein, aber er ist mein Freund.
Ein Monat verging, doch von Dieter hörte man nichts. Er rief nicht einmal seine Mutter an. Eines Tages klingelte Liselottes Telefon von einer unbekannten Nummer.
Liselotte?
Ja.
Ihr Mann ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen.
Sie irren sich.
Nein, ich bin sicher. Dieter fuhr betrunken und verunglückte. Er war mit einer Freundin unterwegs, die unverletzt blieb. Kommen Sie bitte zur Identifizierung.
Gott sei dank, dass die liebe Frau Anna nicht allein bleiben musste. Was nun? Onkel Karl würde helfen.
Liselotte, was ist geschehen? Du bist blass.
Mach dir keinen Kopf, Mama, setz dich. Dieter ist nicht mehr.
Ach du meine Güte, ich bin schuld! Ich habe ihn verlassen!
Er hat dich verstoßen.
Ja, er hat mich verstoßen. Aber ich bin seine Mutter.
Ich muss zur Identifizierung.
Onkel Michael begleitete sie.
Ich bin bei euch, liebe Frauen. Vielleicht braucht ihr meine Hilfe.
Das Begräbnis fand statt. Liselotte und Frau Anna beschlossen, in das Haus des Sohnes zu gehen, das nun ihr Erbe werden sollte für Mutter und Schwiegertochter. Dieter hatte nie die Scheidung eingereicht; seine Liebe, Ausgelassenheit und Feste waren sein ganzes Leben.
Onkel Michael stand ihnen überall zur Seite.
Ich bin bei euch, ihr Frauen. Vielleicht braucht ihr Hilfe.
Das Haus hatte sich völlig verändert. Überall lag schmutzige Wäsche, schmutziges Geschirr lag auf dem Boden, es roch nach altem Bier und Moder.
Und das hat mein Sohn angerichtet! Er war nie so!
Was macht ihr hier? Das ist mein Zuhause! Raus hier!, schrie die Blondine mit den riesigen Lippen und Wimpern, gefolgt von einem fast nackten, zotteligen Mann.
Zeig mir die Unterlagen zum Haus!, rief Onkel Michael ein.
Welche Unterlagen? Mein Mann ist tot. Wir hatten doch nicht mal eine Hochzeit!
Er war nicht einmal geschieden!
Wir hatten die Hochzeit schon vorab gefeiert. Jetzt gehört alles mir!
Genug von euren Trunkenheitsfantasien! Verschwindet! Gibt es hier noch jemanden?
Der Mann flüchtete leise und Michael sorgte dafür, dass die Frau nichts mitnehmen konnte.
Jetzt müssen wir die Dokumente prüfen. Vielleicht gibt es ein Testament, vielleicht ist das Haus bereits jemand anderem zugeordnet. Wir müssen die Schlösser wechseln, weil diese Blondine noch Schlüssel hat.
Mit den Papieren stellte sich heraus, dass alles in Ordnung war. Die Schlösser wurden ausgetauscht. Viele Dinge mussten einfach entsorgt werden. Onkel Karl begleitete Liselotte und Frau Anna überall hin.
Es tut mir leid, dass ihr zurückkommen müsst. Ich habe mich an euch gewöhnt.
Wir kommen wieder. Und du, Michael, komm auch.
Ihr habt mich in meiner Jugend zurückgebracht. Maria erinnert mich an meine verstorbene Frau.
Und ich habe bemerkt, wie du sie ansiehst, Karl. Und sie schaut dich auch an. Oh, habt ihr etwa Liebesgefühle?
Sag das selbst, knurrte der Mann.
Wahrlich!
Ein Jahr später heirateten Michael und Maria. Sie lebten glücklich zusammen, ebenso mit Liselotte, die für sie wie eine Tochter war. Sie hatten sogar Enkelkinder!
Liselotte wurde schließlich Mutter. Sie heiratete nie, aber sie zog zwei Kinder groß, die sie als Pflegekinder aufgenommen hatte einen Bruder und eine Schwester, die nie getrennt werden sollten. Sie wollte nur ein Kind, doch das Leben schenkte ihr zwei.
Man findet Eltern und Verwandte nicht nur durch Geburt, sondern oft durch die Umstände, die das Schicksal einem stellt.
**Lebenslektion:** Wahre Familie entsteht dort, wo man sie am wenigsten erwartet im Mitgefühl, im gegenseitigen Helfen und im Teilen von Liebe, nicht im bloßen Blutsverwandtschaft.