Katze ließ Halterin nicht ans Sofa – als sie die Möbel verschob, trauten alle ihren Augen nicht.

Zwei Wochen lang fauchte Mieze und kratzte, ließ Waltraud nicht in die Nähe des alten Sofas. Waltraud hatte fast beschlossen, die Katze wegzugeben. Aber als der Nachbar half, das Möbelstück wegzurücken, kam dahinter das zum Vorschein, was alles erklärte.

Mieze war nie bösartig gewesen. Doch an das alte Sofa im Wohnzimmer ließ sie niemanden heran, und Waltraud verstand seit zwei Wochen nicht, warum.

Es begann mit einer Kleinigkeit. Morgen, Küche, der Geruch von Kaffee und verbranntem Toastbrot. Waltraud trank ihren Kaffee aus, wischte die Hände an der Schürze mit Sonnenblumen ab und ging, die Möbel abzustauben. Sie griff nach der Armlehne.

Die Katze krümmte den Rücken und fauchte so heftig, dass Waltraud zurückwich und mit dem Ellenbogen die Stehlampe streifte. In drei gemeinsamen Jahren hatten sie vieles erlebt: morgendliches Schnurren, forderndes Jaulen vor dem Füttern, beleidigtes Schweigen nach dem Tierarzt. Aber Fauchen hörte sie zum ersten Mal.

Danach nahm die Katze merklich zu. Die Flanken rundeten sich, der Gang wurde schwer und vorsichtig. Waltraud dachte: Ich habe sie überfüttert. Sie reduzierte die Portion, schüttete das Überschüssige zurück in die Tüte mit der knisternden Folie. Es half nicht. Mieze trug Futterbrocken hinter das Sofa, und einmal fand Waltraud am Bein ein vertrocknetes Hühnchenstück, mit Staub bedeckt.

Es roch in der Ecke seltsam: säuerlich, warm, lebendig. Waltraud ließ sich auf die Knie nieder, versuchte, durch den Spalt zwischen Wand und Sofalehne zu spähen. Mieze schoss quer, lautlos, ohne Vorwarnung. Sie stellte sich vor die Lücke und starrte mit gelben Augen, als läge das Kostbarste der Welt hinter ihr.

Auf dem Handrücken blieben zwei feine Kratzer.

Die Tochter rief abends an, wie immer in Eile.

„Mama, was ist mit der Katze?“

„Sie faucht. Hat mir die Hand zerkratzt. An das Sofa komme ich nicht ran.“

Sonja seufzte. Im Hörer klackerten Absätze auf Asphalt, eine Autohupe dröhnte, eine Einkaufstüte raschelte.

„Hab ich dir doch gesagt. Gib sie weg, bevor sie dir ins Gesicht springt. Es gibt Facebook-Gruppen, die vermitteln schnell.“

Waltraud schwieg. Ihre Finger umklammerten den Rand der Tischdecke, bis der Stoff sich in Falten legte.

„Mama? Hörst du?“

„Ja.“

„Das musst du dir nicht antun. Allein, mit dieser Katze … Komm lieber zu mir.“

Waltraud legte das Telefon auf den Tisch. Im Flur saß Mieze an der Schwelle zum Wohnzimmer, den Schwanz um die Vorderpfoten gewickelt, den Rücken gerade. Wie eine Wächterin. Und sie hatte sich in diesen zwei Wochen nie lange von dort entfernt: selbst das Fressen erledigte sie schneller als sonst, als hätte sie es eilig, zurückzukehren.

Nach dem Gespräch öffnete Waltraud das Handy und gab in die Suchleiste ein, was die Tochter gesagt hatte. Die Gruppen tauchten sofort auf. Fotos von Katzen, Bildunterschriften: „verschmust“, „stubenrein“, „sucht Zuhause“. Sie scrollte eine Minute. Dann legte sie das Handy mit dem Bildschirm nach unten, und ihre Kehle wurde trocken.

Vor dem Schlafengehen ging sie zum Wohnzimmer. Mieze lag am Sofa und leckte ihre Pfote, langsam, gründlich, als bereite sie sich auf etwas Wichtiges vor. Waltraud setzte sich auf die Schwelle.

„Mieze. Was versteckst du da bloß?“

Die Katze hob den Kopf, blinzelte und leckte weiter.

Nachts schlief Waltraud nicht. Hinter der Wand raschelte es, verstummte, begann von neuem. Einmal glitt durch die Stille ein feiner Laut, der an ein Fiepen erinnerte. Waltraud erstarrte, lauschte. Er wiederholte sich nicht.

Sie stand auf und ging barfuß zur Tür. Der Fußboden war eiskalt, unter der Fußleiste zog es wie im Dezember. Die Straßenlaterne warf gelbe Streifen durch die Gardine, und in diesem ungleichmäßigen Licht sah Waltraud: Mieze lag nicht auf ihrem Körbchen. Sie drückte sich mit der Flanke an die Wand, direkt am Sofa. Der Atem hob und senkte den Bauch gleichmäßig.

Die Katze fauchte nicht. Sie lag da und sah Waltraud durch das Lichtband der Laterne an.

Waltraud ging zurück ins Schlafzimmer. Auf dem Nachttisch stand ein Foto von Viktor in einem Rahmen aus Muscheln, die sie einmal vom Meer mitgebracht hatten. Viktor lächelte. Und Waltraud dachte: Er hätte die Katze nicht weggegeben. Er hätte zuerst das Sofa weggerückt.

Am Morgen rief sie Gerd aus dem Erdgeschoss an. Der Nachbar hatte solche Hände – er konnte einen Schrank heben und einen Wasserhahn reparieren. Er stellte keine überflüssigen Fragen.

„Das Sofa?“, wiederholte er. „Wohin damit?“

„Von der Wand weg. Ich muss sehen, was dahinter ist.“

Er kam nach zehn Minuten, in einem karierten Hemd und Hausschuhen auf nackten Füßen. Hinter ihm schaute seine Frau Tilda herein, neugierig.

Mieze verkroch sich beim Anblick der Fremden unter den Küchentisch. Waltraud fiel auf: Die Katze rannte nicht ins Wohnzimmer, wie sie es sonst tat. Sie blieb in der Küche. Die Pupillen waren so weit, dass vom Gelb fast nichts mehr zu sehen war, und die Pfoten traten unruhig auf den kalten Fliesen.

Gerd packte eine Seite des Sofas. Waltraud die andere. Die Beine quietschten über das Parkett, lang gezogen und scharf, und das Geräusch füllte die Wohnung bis zur Decke. Das Sofa bewegte sich schwer, alt und aufgequollen von der Zeit. Staub stieg auf und tanzte in den Streifen der Morgensonne.

Tilda stieß als Erste einen Schrei aus.

In der Ecke, auf dem alten Wollschal, den Waltraud im Oktober verloren hatte, lagen die Kätzchen. Vier. Winzig, blind, mit angelegten Öhrchen und rosa Pfotenballen, so weich, dass sie auf einen Fingernagel gepasst hätten. Sie bewegten sich, öffneten zahnlose Mäuler, und von ihnen ging ein warmer, süßer Milchgeruch aus. Waltraud schnürte es die Kehle zu.

Sie ließ sich auf den staubigen Parkettboden sinken. Ihre Hände zitterten. Sie streckte die Finger nach dem rostroten Kätzchen mit dem weißen Stern auf der Stirn aus, und es stieß mit der Nase in ihre Handfläche. Die Handfläche war kalt, und das Kätzchen war wie ein kleiner Ofen.

„Na also, eine böse Katze“, entfuhr es Gerd, der sich neben ihr in die Hocke ließ.

Tilda wandte sich zur Küche um. Mieze stand im Türrahmen und rührte sich nicht. Sie sah nicht die Menschen an. Sie sah die Kätzchen.

Da verstand Waltraud alles auf einmal. Das Fauchen und das Fressen hinter dem Sofa, der dicker gewordene Bauch und die schlaflosen Nächte an der Wand, als sie dachte, die Katze habe eben „einen eigenen Kopf“. Und der Schal. Genau der Wollschal aus dem Flur, mit dem Waltraud sich abends die Knie zudeckte. Mieze hatte ihn selbst geholt, in der Ecke ausgebreitet und ein Nest gebaut.

Die Katze kam langsam auf leisen Pfoten näher. Sie beschnupperte Waltrauds Hand, stupste mit der Nase gegen die Finger. Und legte sich neben die Kätzchen, zog sie eines nach dem anderen an sich heran.

Tilda ging leise hinaus und kam mit einer Untertasse warmen Wassers zurück. Sie stellte sie auf den Boden, ohne ein Wort zu sagen. Gerd richtete sich auf, sah auf Waltraud herab und schwieg ebenfalls. Es gab nichts zu sagen; alles lag bereits auf dem Schal.

Abends rief Sonja wieder an.

„Na, Mama? Hast du dir Gedanken gemacht wegen der Katze?“

„Ja“, sagte Waltraud. Ihre Stimme klang anders, ruhig und warm, wie der Schal, der an der unerwartetsten Stelle aufgetaucht war. „Es sind jetzt fünf.“

Am anderen Ende entstand Stille. Dann lachte die Tochter kurz und verwirrt, und Waltraud lächelte zum ersten Mal seit zwei Wochen.

Mieze aber lag auf dem Schal, und vier blinde Kätzchen suchten im Dunkeln mit ihren Näschen nach ihr, stießen gegen die warme Flanke. Sie schnurrte nicht. Sie atmete gleichmäßig und tief.

Das reichte.

Waltraud schloss die Wohnzimmertür, aber nicht ganz. Sie ließ einen Spalt offen.

Mieze musste ja rauskommen.

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