Katze ließ Frauchen nicht ans Sofa: Als man es wegschob, staunten alle.

Zwei Wochen lang zischte und kratzte Minka, sobald sich ihre Besitzerin dem alten Sofa näherte. Gisela hatte schon fast beschlossen, die Katze wegzugeben. Doch als der Nachbar half, das Möbelstück zur Seite zu schieben, fand sich dahinter, was alles erklärte.

Minka war nie böse gewesen. Aber an das alte Sofa im Wohnzimmer ließ sie niemanden heran, und Gisela verstand seit zwei Wochen nicht, warum.

Es begann mit einer Kleinigkeit. Morgens in der Küche, der Geruch von Kaffee und angebranntem Toast. Gisela trank ihren Kaffee aus, wischte sich die Hände an der Schürze mit den Sonnenblumen ab und wollte das Sofa abstauben. Sie streckte die Hand nach der Armlehne aus.

Die Katze machte einen Buckel und fauchte so heftig, dass Gisela zurückwich und mit dem Ellbogen die Stehlampe streifte. In drei Jahren hatten sie viel erlebt: morgendliches Schnurren, forderndes Jaulen vor dem Futter, beleidigtes Schweigen nach dem Tierarzt. Aber ein Fauchen hatte sie noch nie gehört.

Dann nahm die Katze merklich zu. Die Flanken rundeten sich, der Gang wurde schwer und vorsichtig. Gisela dachte: Ich habe sie überfüttert. Sie reduzierte die Portion und schüttete das Überschüssige zurück in die Tüte mit der knisternden Folie. Es half nichts. Minka trug Futterbrocken hinter das Sofa, und einmal fand Gisela ein vertrocknetes Hähnchenstück, dick mit Staub bedeckt, zwischen den Füßen.

In der Ecke roch es seltsam: säuerlich, warm, lebendig. Gisela kniete sich hin und versuchte, durch den Spalt zwischen Wand und Rückenlehne zu spähen. Minka schoss lautlos und ohne Vorwarnung dazwischen. Sie stellte sich vor den Spalt und starrte mit gelben Augen, als läge dahinter das Kostbarste der Welt.

Auf dem Handrücken blieben zwei feine Kratzer.

Am Abend rief Frieda an, wie immer in Eile.

– Mama, wie geht’s mit der Katze?

– Sie faucht. Hat mir die Hand zerkratzt. Ans Sofa komme ich nicht ran.

Frieda seufzte. In der Leitung hörte man Absätze auf Asphalt, ein Hupen, das Rascheln einer Einkaufstüte.

– Hab ich doch gesagt. Gib sie ab, bevor sie dir ins Gesicht springt. Es gibt Gruppen im Internet, die vermitteln schnell.

Gisela schwieg. Ihre Finger krampften sich in die Tischdecke, bis der Stoff sich wie eine Ziehharmonika faltete.

– Mama? Hörst du?

– Ja.

– Du musst das nicht alles mitmachen. Allein, mit dieser Katze … Komm lieber zu mir.

Gisela legte das Telefon auf den Tisch. Im Flur saß Minka an der Schwelle zum Wohnzimmer, den Schwanz um die Vorderpfoten gewickelt, den Rücken gerade. Wie eine Wache. Und in diesen zwei Wochen war sie nie lange von dort weg gewesen: Selbst beim Fressen hetzte sie, als müsste sie schnell zurück.

Nach dem Gespräch öffnete Gisela ihr Handy und tippte ein, was die Tochter gesagt hatte. Die Gruppen waren schnell gefunden. Fotos von Katzen, Text: „verschmust“, „stubenrein“, „sucht ein Zuhause“. Sie blätterte eine Minute. Dann legte sie das Handy mit dem Bildschirm nach unten weg, und ihre Kehle wurde trocken.

Vor dem Schlafengehen ging sie zum Wohnzimmer. Minka lag am Sofa und leckte sich eine Pfote, langsam, gründlich, als bereite sie sich auf etwas Wichtiges vor. Gisela setzte sich auf die Schwelle.

– Minka. Was versteckst du da bloß?

Die Katze hob den Kopf, blinzelte und leckte weiter.

In der Nacht schlief Gisela nicht. Hinter der Wand raschelte es, verstummte, begann von Neuem. Einmal glitt ein feiner Laut durch die Stille, der wie ein Piepsen klang. Gisela erstarrte, lauschte. Er wiederholte sich nicht.

Sie stand auf und ging barfuß zur Tür. Der Boden war eiskalt, unter der Fußleiste zog es Dezember herein. Die Laterne vor dem Fenster warf gelbe Streifen durch die Gardine, und in diesem ungleichmäßigen Licht sah Gisela: Minka lag nicht auf ihrem Kissen. Sie drückte sich mit der Flanke an die Wand, direkt am Sofa. Der Atem hob und senkte ihren Bauch gleichmäßig.

Die Katze fauchte nicht. Sie lag da und sah Gisela durch den Lichtstreifen an.

Gisela ging zurück ins Schlafzimmer. Auf dem Nachttisch stand ein Foto von Viktor in einem Rahmen aus Muscheln, die sie einmal von der Ostsee mitgebracht hatten. Viktor lächelte. Und Gisela dachte: Er hätte die Katze nicht weggegeben. Er hätte zuerst das Sofa weggerückt.

Am Morgen rief sie Gerhard vom unteren Stockwerk an. Der Nachbar hatte solche Hände, die einen Schrank heben und einen Wasserhahn reparieren konnten. Er stellte keine überflüssigen Fragen.

– Das Sofa? – wiederholte er. – Wohin damit?

– Von der Wand weg. Ich muss sehen, was dahinter ist.

Er kam nach zehn Minuten, im karierten Hemd und mit Hausschuhen an den nackten Füßen. Hinter ihm spähte seine Frau Erika herein – sie konnte es sich nicht verkneifen.

Bei Anblick der Fremden flüchtete Minka unter den Küchentisch. Gisela fiel auf: Die Katze lief nicht ins Wohnzimmer, wie sie es sonst immer tat. Sie blieb in der Küche. Ihre Pupillen waren so geweitet, dass kaum noch Gelb in den Augen zu sehen war, und die Pfoten traten nervös auf den kalten Fliesen.

Gerhard packte die eine Seite, Gisela die andere. Die Füße des Sofas quietschten über das Parkett, zäh und scharf, und der Klang füllte die ganze Wohnung bis zur Decke. Das Sofa bewegte sich schwer, alt und aufgequollen von der Zeit. Staub stieg auf und wirbelte im Morgenlicht.

Erika keuchte als Erste.

In der Ecke, auf einem alten Wollschal, den Gisela schon im Oktober verloren hatte, lagen die Kätzchen. Vier. Winzig, blind, mit angelegten Öhrchen und rosa Pfotenballen, so weich, dass sie auf einen Fingernagel gepasst hätten. Sie zappelten, öffneten zahnlose Mäuler, und von ihnen ging ein warmer, dichter Milchgeruch aus. Gisela schnürte es die Kehle zu.

Sie sank auf die Knie, direkt auf das staubige Parkett. Ihre Hände zitterten. Sie streckte die Finger nach dem rötlichen Kätzchen mit dem weißen Stern auf der Stirn aus, und es stupste mit der Schnauze gegen ihre Handfläche. Die Handfläche war kalt, das Kätzchen wie ein kleiner Ofen.

– Na also, die böse Katze, – hauchte Gerhard und hockte sich neben sie.

Erika drehte sich zur Küche um. Minka stand im Türrahmen und rührte sich nicht. Sie sah nicht die Menschen an. Sie sah die Kätzchen.

Da verstand Gisela alles auf einmal. Das Fauchen und das Futter hinter dem Sofa, der dicke Bauch und die schlaflosen Nächte an der Wand, als sie dachte, die Katze sei einfach „schwierig“. Und der Schal. Genau der Wollschal aus dem Flur, mit dem Gisela sich abends die Knie wärmte. Minka hatte ihn selbst geholt, in der Ecke ausgebreitet und ein Nest gebaut.

Die Katze kam langsam auf leisen Pfoten näher. Sie beschnupperte Giselas Hand, stupste mit der Nase gegen die Finger. Dann legte sie sich neben die Kätzchen und schob sie eines nach dem anderen an sich heran.

Erika ging leise hinaus und kam mit einer Untertasse voll lauwarmem Wasser zurück. Sie stellte sie auf den Boden, ohne ein Wort zu sagen. Gerhard richtete sich auf, sah von oben auf Gisela herab und schwieg ebenfalls. Es gab nichts zu sagen, alles lag bereits auf dem Schal.

Am Abend rief Frieda wieder an.

– Na, Mama? Hast du dir wegen der Katze Gedanken gemacht?

– Habe ich, – sagte Gisela. Ihre Stimme klang anders, ruhig und warm wie der Schal, der an der unerwartetsten Stelle aufgetaucht war. – Jetzt sind es fünf.

In der Leitung war Stille. Dann lachte die Tochter, kurz und verdutzt, und Gisela lächelte zum ersten Mal seit zwei Wochen.

Minka aber lag auf dem Schal, und vier blinde Kätzchen suchten mit den Näschen im Dunkeln nach ihr, stupsten gegen ihre warme Flanke. Sie schnurrte nicht. Sie atmete gleichmäßig und tief.

Das reichte.

Gisela ließ die Tür zum Wohnzimmer nicht ganz ins Schloss fallen, sondern einen Spalt offen.

Minka musste ja mal raus.

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