Dem Kater wurde Verrat angetan man wandte sich von ihm ab, stieß ihn im eisigen Winter aus Alles nur wegen eines Laborberichts.
Kater Ludwig fanden sie eines Morgens auf den vereisten Stufen eines Mietshauses mitten in Berlin. Der arme Kerl irrte unfassbar verzweifelt zwischen Autos und Laternenpfählen, kratzte mit zittrigen Tatzen an der kalten Stahltür seines eigenen Hauseingangs und versuchte sogar, sie mit den Zähnen zu bearbeiten. Die Straße war ihm der reinste Horror vorher hatte er nie auch nur einen Fuß auf das glatte Pflaster außerhalb seiner Wohnung gesetzt. Er war ein reiner Stubentiger, verwöhnt von Zentralheizung und Streicheleinheiten, zutraulich, doch jetzt warf er sich jedem entgegen, der vorbeiging: den Nachbarn und den Postboten, sogar Studenten auf dem Weg zur Uni. Ludwig schmiegte sich an Beine, zitterte am ganzen Körper und schaute hilfesuchend in Gesichter, als wolle er jeden Flehen, ihn zu retten vor dem verstörenden Chaos dieser lauten, fremden Welt hinausgeworfen aus seiner Behaglichkeit direkt in Kälte, Schnee und den schneidenden Berliner Wind.
Der Grund für all das war erschütternd trivial. Seine Besitzerin, Frau Becker, wollte einen zweiten Vierbeiner und verliebte sich online in eine Maine-Coon-Dame aus Potsdam. Die Vermittlerin bestand auf tierärztlichen Untersuchungen für Ludwig. Die Resultate offenbarten: Er trug das Felines Immundefizienz-Virus in sich. Die Infektion schlummerte still in seinem Blut, zeigte keinerlei Symptome, war ungefährlich für Mensch und Hund, da das Virus nur bei Katzen ansteckend ist.
Selbst beim Tierarztbericht stand, dass Ludwig kerngesund wirkte sein Immunsystem hielt den Erreger in Schach. Doch Frau Becker beschloss aus Angst: Ein kranker Kater bleibt nicht hier, wer weiß, wie ansteckend das ist. Ohne nachzufragen, ohne sich zu informieren, dass für sie und ihre Familie keine Gefahr bestand, stellte sie Ludwig einfach, samt Transportbox, in einer dunklen Winternacht vor die Tür.
Die Anwohnerin Frau Krause, die jeden Morgen Treppenhaus und Hof kehrte, merkte schließlich, dass Ludwig nicht mehr rastlos an der Tür wartete. Sie entdeckte ihn wie ein Schneckenhaus in sich zusammengeringelt im Schnee, fast reglos. Der Kälte und Erschöpfung ausgeliefert, begann er langsam einzuschlafen der Schlaf im Frost, dieser letzte, träumerische Übergang ohne Wiederkehr. Doch Frau Krause ließ ihn nicht liegen: Sie trug ihn in ihr Pförtnerhäuschen, mummelte ihn in ihre Winterjacke und legte ihn direkt neben den alten Elektroheizer. Auch ihren mitgebrachten Mittagsbrei Reste von Kartoffelsalat mit Wiener teilte sie mit Ludwig. Für ihn wurde dieses gewöhnliche deutsche Essen im Traum wie ein Festmahl: Wärme, die durch die Pfoten sickerte, ein Hauch von Leben, der in ihn zurückkehrte.
Später holte ihn ein Berliner Tierschutzverein ab. Die Unterkühlung war gefährlich, eine Erkältung spürte man, doch Behandlung wirkte Wunder. Jetzt, Monate später, ist Ludwig wieder voller Energie und beginnt neu, den Menschen zu vertrauen. Er ist kastriert, durchgeimpft und besitzt einen schicken blauen Heimtierausweis.
Ein echter Kater in den besten Jahren gerade einmal drei Jahre jung. Unglaublich anschmiegsam, sucht jeden Tag Nähe, umarmt seine Pfleger mit kleinen Zehen, schnurrt ihnen ins Ohr, als würde er seine Katzenlieder murmeln. Sein Lieblingsspiel ist Köpfchen geben und an der Nase zu stupsen. Jedes Mal fällt ihm der Gang zurück ins Tierheim schwerer er gehört zu Menschen, in eine Wohnung voller Wärme und Fürsorge, und wartet nun, wie in einer surrealen Berliner Traumnacht, auf seine neue Familie.