Drei Fäden. Drei Schicksale
Was hat sie gesagt? Bärbel, ich habs nicht verstanden, was? Hilde Viktoria beugt sich leicht nach vorne und zur Seite, näher zu ihrer Freundin, Bärbel Pauline, die neben ihr läuft.
Diese beginnt ausführlich zu erklären, worüber eben die vorbeigehende Mutter mit ihrer etwa siebenjährigen Tochter gesprochen hat.
Bei denen in der Schule gibt es wohl einen Rabauken, und sie hat ihm gesagt…
Bärbel spricht laut, über die ganze Straße hinweg. Hilde hört aufmerksam zu, unterbricht nicht, dann sucht sie mit einem kurzen Blick die besagte kleine Schülerin, nickt ihr im Gehen hinterher.
Ein gutes, sauberes Mädchen. Nur ist sie mir zu gewitzt! urteilt sie schließlich.
Warum? wundert sich Hilde Viktoria, hakt sich bei ihrer Freundin unter den Arm, zieht sie vorwärts, weil die Ampel schon lange grün ist und die Autos sich stauen, bis die beiden älteren Damen den Zebrastreifen überquert haben.
Was? Ich hör dich nicht, Hilde, was? fragt Bärbel nach, schaut verwirrt umher, klemmt ihr Täschchen an sich und eilt in kleinen, raschen Schritten Richtung sicherer Bordstein.
Ich frag, warum so gewitzt? wiederholt Hilde laut.
Ach so… Weil halt, winkt Bärbel ab.
Hilde Viktoria mag manchmal ihre Gedankengänge nicht erklären aus Bequemlichkeit oder weil sie meint, es sei ohnehin klar.
Das Mädchen hat sich gleich zur Aufgabe gemacht, den Nichtsnutz in der Klasse zurechtzuweisen und zu erziehen? Nein, so geht das nicht, Kinder! So nicht!
Hilde schüttelt den Kopf im Takt ihrer Gedanken, während Bärbel seufzt. Manchmal ist ihre Freundin unerträglich in ihrer rätselhaften Andeutung. Aber ohne Hildi wäre, in dieser sehr veränderten, grell-lauten Welt, alles furchtbar kompliziert.
Hilde Viktoria und Bärbel Pauline sind Nachbarinnen. Ihre Wohnungen sind besonders: Jede hat eigenen Haustür direkt zur Straße, ohne Treppenhaus oder Fahrstuhl. Sie wohnen in einer umgebauten Remise eines alten Gutshofes, der einst einem draufgängerischen Kavallerieoffizier gehörte und später einem bekannten Kulturpolitiker überlassen wurde. Der eröffnete in der Hauptvilla eine Schule, und die Nebengebäude wurden an Künstler für Ateliers vergeben. Im Laufe der Zeit ging der ursprüngliche Rhythmus des Gutslebens verloren. Heute ist das erdgeschossige, halbkreisförmige Gebäude früher, wie man kaum glaubt, ein Pferdestall in Wohnungen umgewandelt. Die meisten ehemaligen Bewohner sind längst in größere, höhere, modernere Wohnungen gezogen. Doch Bärbel, Hilde und ihre Freundin Sabine, halten hartnäckig an ihrem Zuhause fest und zerreißen regelmäßig Angebote von Maklern für den Aufkauf, Tausch oder Umzug mit Festschreibung im Melderegister.
Firmen, Privatbüros, Sicherheitsdienste, kleine Geschäftsleute allen gilt dieser Flecken München als Leckerbissen, so zentral, so geschichtsträchtig, mitten in Schwabing. Das Kloster Andechs ist nicht weit, und der Dom sticht zwischen den Dächern hervor! Zwar belegt die Kunstschule das Hauptgebäude, aber es gibt ja noch Nebengebäude, Höfe und kleine Häuser, längst nicht alle in sichere Hände übergeben.
Doch die Frauen, mittlerweile schwach und gebrechlich, verteidigen ihren Bau bis zuletzt. Hier war ihr ganzes Leben hier soll es auch enden.
Lass uns zu Sabinchen gehen, Bärbel marschiert vorneweg, trägt stolz eine Tortenschachtel. Wir gratulieren ihr.
Was? Was hast du gesagt, ich versteh nicht. Bärbel, schau mich an, ich lese von den Lippen! zupft Hilde Viktoria ihre Freundin am Ärmel. Es ist ihr unangenehm, sie schämt sich, hat große Angst, dass Bärbel irgendwann doch ausflippt, schimpft und einfach weggeht. Natürlich, Schwerhörigkeit nervt, natürlich ist Bärbel keine Maschine…
Doch Bärbel bleibt ruhig, beugt sich zu Hildes Gesicht und spricht deutlich und artikuliert.
Ach ja, Sabinchen hat eingeladen… Ich erinnere mich! nickt Bärbel. Missverständnis beseitigt, es geht weiter.
Bei Sabine Friederike sitzt heute Geburtstag, der ihrer Tochter. Lotte ist längst erwachsen, arbeitet irgendwo bei einer Firma, kommt selten vorbei. Ursprünglich sollte am Wochenende gefeiert werden, dann wurde verschoben. Sabine nimmt es ihrer Tochter nicht übel.
Ich bin selbst schuld, sagt sie, als die Gäste endlich am dezent gedeckten Tisch sitzen. Und sagt nichts gegen mein Mädchen! erhebt sie warnend den Finger, aber niemand hat irgendwie schlecht von Lotte geredet. Über sie spricht man nur in Gutem!
Bärbel Pauline tätschelt die Hand der aufgeregten Nachbarin. Wie die nun zittert, klein und schmal wird die Hand, mit der Sabine damals noch ein Mädchen im Hof Beikraut aus der Erde zog, als sie nach dem Krieg einen Gemüsegarten anlegten. Mit dieser winzigen Hand hielt sie die schwere Schaufel, stemmte sich ins Erdreich, streute später zart die Samen in die Rillen. Es war eine schlimme Zeit, hungrig und schlecht. Die Mütter der drei Mädchen arbeiteten im Klinikum Bogenhausen, teils in Lazaretten, die Mädchen waren auf sich gestellt. Sie aßen das, was sie fanden, kochten wie sie konnten. Die Mütter brachten Brot nach Hause, manchmal sogar Butter. Letzteres aber schmeckte fremd, wie Spanplatten. Aber ihr Garten versprach eine bessere Ernte! Die Samen hatten sie auf wundersame Weise von einem pensionierten Gärtner im Nachbarhaus ergattert, dem alten Onkel Probst. Der grummelte mit seinen Mitbewohnern, rauchte wie ein Schlot, aber mochte die Mädchen aus der Remise irgendwie.
Kommt mal her! lockte er Bärbel mit seinem langen Fingernagel. Sie gehorchte. Hier sind Samen. Pflanzt sie, es wird lecker. Ich sag euch, wies geht!
Die Mädchen glaubten anfangs nicht an Erfolg, aber Onkel Probst hielt Wort. Es wuchsen zwei Kohlköpfe, Gurken schlängelten sich durchs Beet, blühten gelb an dicken Stengeln, geschützt von saftigen, sternförmigen Blättern. Nur die Petersilie wollte nicht. Zarte grüne Triebe kamen, aber sie verwelkten bald.
Wie hat Onkel Probst geschimpft! Den ganzen Ertrag versaut!
Bald kühlte er ab, spendierte ihnen trockene Brotstücke, befahl, die Nase zu putzen.
Es wird besser, wenn der Krieg vorbei ist, kommen eure Väter zurück dann bauen wir einen richtigen Garten! versprach er ihnen.
Er selbst erlebte das Ende des Kriegs nicht mehr. Bärbel, Hilde und Sabine sahen mit Schrecken, wie er abtransportiert wurde. Damals gab es viel Tod, sehr viel und wenn es einen trifft, der einem nahestand, ist es besonders schlimm Und die Väter kamen nie zurück, der Garten entstand trotzdem, ohne sie…
Und nun sitzt die gealterte Sabine im Rollstuhl, Bärbel streichelt ihre Hand, und Hilde schneidet Braten in Stücke, vorbereitet die Gurkenscheiben. Die Gläser sind bereit. Sabine liebt Preiselbeerlikör und wird ihre Freundinnen heute damit bewirten: Auf Lottes Wohl, auf Sabines Beine, die seit fünf Jahren versagten, auf einen milden Winter, der alten Knochen das Leben nicht schwer macht.
Ihre Bewegungsfähigkeit hat Sabine infolge eines doofen Unfalls verloren. Im Winter ist sie ausgerutscht, gefallen. Der Rücken tat eben nur gering weh, aber am nächsten Morgen war alles gefühllos die Beine bewegten sich nicht. Sabine bekam Panik, konnte das Telefon nicht erreichen, nicht mal ihre Tochter anrufen. Das Gerät stand zu weit weg. Mit Armkraft dorthin kriechen? Unmöglich, dazu war sie mit den Jahren zu schwer geworden. Die Ärzte sagten Hormone, Tabletten verschrieben sie ahnte, dass es einfach das Alter war. Keine Umschweife, das Kind muss beim Namen genannt werden…
Sabine hörte, wie Bärbel hinausging, die Tauben im Hof fütterte. Sie konnte die Silhouetten der Leute von ihrem fast ebenerdigen Fenster aus beobachten. Im Winter waren die Böden immer kalt, beinahe liefen sie daheim in Filzstiefeln herum. Vorbeigehende konnte man deutlich sehen, als ob das Fenster eine Bildröhre wäre.
Da geht also Bärbel Einkaufen. Und Hildi taucht bestimmt gleich auf. Die schläft ja gern aus dachte Sabine wehmütig.
Sabine traute sich erst spät, um Hilfe zu rufen. Sie lag da, fror, der kalte Oktober hatte das restliche Hauswärme weggefegt. Sie hatte großen Hunger und musste aufs WC
Die Freundinnen machten sich irgendwann selbst Sorgen. Wann hatte Sabine je ein Frühstück versäumt, kein Radio oder Platte angemacht? Niemals! Sie war immer ohne Wecker pünktlich auf, als hätte sie einen internen Timer.
Sie klopften, zuerst Bärbel und Hilde, dann der Hausmeister, der gestelzt fragte, ob sie Hilfe brauche, dann meinte, die Damen bestünden darauf, dass er die Tür aufbrach.
Die einfache Holztür gab den kräftigen Stößen nach, der Hausmeister polterte hinein, gefolgt von Hilde mit ihrem schwachen Gehör, dann Bärbel.
Sabine! Wo bist du denn? Sag, was ist passiert?! rief Hilde Viktoria. Sie war so aufgeregt, dass sie kaum noch etwas hörte, wie sie zu sagen pflegte, ging in ihrem Kopf alles durcheinander.
Die drei fanden Sabine liegend, verstanden, schickten schnell den Hausmeister hinaus.
Wie peinlich! Mädchen, schaut mich nicht an! Geht raus, ich möchte nicht klagte Sabine, Bärbel aber packte schon an, wechselte Bettwäsche, wusch und zog sie um. Bärbel war es gewohnt, sie hatte ihren gelähmten Mann gepflegt, der als Restaurator nach einem Unfall auf dem Gerüst gelandet war. Bärbel hatte ihn vor acht Jahren beerdigt, mit einem seltsamen Gefühl aus Kummer und Erleichterung zugleich.
Er hat so sehr gelitten, sagte sie an seinem Grab. Nun hat er Frieden. Dort oben zeigte sie gen Himmel ist er wie neu.
Warum Brunos, Bärbels Mann, der so rechthaberisch war, ins Paradies sollte, verstanden die Freundinnen nicht, aber sie widersprachen nicht. Lass sie glücklich sein…
Sabine kam ins Krankenhaus, wurde untersucht, das Urteil war bitter… Sie weinte die ganze Nacht, machte sich Vorwürfe und beichtete den Mitpatientinnen, dass Gott sie strafe.
Warum denn so? wunderten sich die anderen.
Doch sie fand es gerechtfertigt. Mit neunzehn bekam Sabine ihre Tochter, die süße, rotblonde Lotte. Aus großer Liebe mit einem Jungen aus der Parallelklasse. Sie gingen spazieren, machten Hausaufgaben und dann geschah, was Sabine sogar ihren Freundinnen Bärbel und Hilde kaum zu erzählen wagte. Nach dem Schulabschluss merkte sie, dass sie schwanger war. Die Mutter schimpfte, schickte sie ins Krankenhaus, vielleicht weiß man Rat. Tja, was sollte man dort machen? Bekomm das Kind, hieß es. Die Mutter versuchte, beim Arzt einen Schwangerschaftsabbruch zu erbitten, aber Sabine war schon zu weit. Sie floh aufs Land zu ihrer Großtante, brachte Lotte zur Welt, arbeitete zwei Jahre im Agrarbetrieb. Die Mutter kam zu Besuch, gewöhnte sich nach und nach an die Enkelin.
Und der Vater? Der lehnte es komplett ab. Warum sollte er sein Leben opfern, wenn Universität, Karriere und vielleicht internationale Aussichten winkten… Sabine und Lotte passten da nicht rein. Die Eltern wollten keine unpassenden Geschichten…
Mit zweieinhalb Jahren kehrten Sabine und Lotte zurück in die Münchner Wohnung. Bärbel und Hilde waren fantastische Babysitter. Lotte wanderte von einer zur anderen, wurde von drei Paaren wacher Augen bewacht von Oma, Bärbel und Hildi, deren Blicke liebevoll bis ins Mark gingen.
Skurril empfanden sie die Situation: Früher war Sabine selbst ein Mädchen, nun schon Mutter, wusste etwas, das den anderen noch fremd war. Aber Sabine blieb doch die alte, nur erschöpfter.
Sabine schloss ihr Fernstudium ab, arbeitete und zog Lotte groß. Ihre Mutter starb, als Lotte gerade neun war.
Dann kam einmal eine Delegation aus dem Ausland in den Verlag, in dem Sabine arbeitete. Und da… ein bildschöner Franzose! Weder das Auslandsbüro noch sonst wer konnten ihn oder Sabine stoppen, auch wenn sie vorgeladen und vorsichtig befragt wurden. Aber die Liebe… Das war Macht!
Bärbel und Hildi rissen die Augen auf, wenn Pierre mit Geschenken, Kleidern und Puppen für Lotte kam. Dann lud er Sabine nach Frankreich.
Er hat ein Haus nahe Paris, alles ist dort! Ein Zimmer für mich, und erzählte Sabine schwärmerisch.
Und Lotte? fragte sofort Bärbel.
Sie bleibt erstmal hier, ich richte mich erst ein, dann hole ich sie nach! rechtfertigt sich die angehende Braut. In ihrem Kopf tobt das Hochzeitsorchester so laut, dass sie ihren Freundinnen kaum zuhört.
Mama, wo ist mein Ticket? fragt Lotte ganz ernst, zurück aus der Schule. Ich müsste das in der Schule auch anmelden
Du bleibst, Lottchen. So eine Reise ist jetzt zu viel für dich. Ich komme zurück und hole dich später. Bis dahin bist du bei…
Sabine schreckt auf, als die von Pierre geschenkte Vase laut zerschellt. Lotte hat sie an die Wand geworfen. Und danach die Teller, die Tassen…
Jahre später bekennt Lotte Bärbel, dass es sich damals anfühlte, als wäre sie innerlich gestorben. Als ob einem plötzlich der Atem abgeschnürt wird kein Luftholen mehr möglich, Arme greifen ins Leere, Lungenschmerz und Schwärze.
Deine Mama kommt wieder. Warte es ab. Sie wird nicht ohne dich sein können. Dann musst du entscheiden, ob du ihr verzeihst oder nicht, sagte Bärbel nach dem ersten Weinen. Es steht dir frei, wie du entscheidest. Ich will Sabine nicht rechtfertigen oder verurteilen. Aber… wir haben so lange so grau gelebt, dass wir uns leicht vom Traum des Schönen verführen lassen. Schwäche von Frauen
Bärbel wusste selbst, wie schwer Schwäche wiegt. Einmal wurde sie auf der Straße von einer Frau angesprochen, die ihr eine schicke Persianermütze verkaufte ein Traum! Sie zahlte, bekam einen Sack, im Glauben, die Mütze sei drin. Daheim warens nur alte Lumpen… Auch sie hatte auf Schönheit gehofft vergebens…
Sabine fuhr nach Frankreich. Lotte verabschiedete sich nicht am Bahnhof, beantwortete keine Briefe. Über das Leben ihrer Tochter erfuhr Sabine nur spärlich durch die Freundinnen.
Nach einem halben Jahr kehrte sie zurück für einen Teenager eine Ewigkeit. Lotte hasste sie, wollte sie nicht sehen, schmiss sämtliche Geschenke in den Müll.
Hast du wenigstens geheiratet? fragte Hilde vorsichtig.
Nein, schüttelte Sabine den Kopf. Pierres Familie war gegen eine Frau mit Kind, sie forderten, dass ich Lotte aufgebe, keine große Sache, wie sie es nannten. Weißt du, flüsterte Sabine als ich das hörte, und merkte, Pierre steht dazu, hab ich auf ihren polierten Boden gespuckt und bin abgereist. Meinst du, Lotte verzeiht mir denn?
Hilde zuckte die Schultern, schwieg, dann: Später. Sie muss erwachsen werden, sich verbrennen, lieben. Dann versteht sie vielleicht. Auch wenn ich dich nicht entschuldige. Es war dumm und grausam, sei mir nicht böse.
Damals hatten Bärbel und Hilde schon geheiratet, je einen Sohn. Auf ein paar Tage verreisen? Unvorstellbar…
Dafür hielt Sabine sich bestraft. Deswegen, dachte sie, war die halbe Seite ihres Körpers gelähmt.
Lotte besorgte ihrer Mutter eine Pflegerin, aber es lief grob, gefühllos ab. Sabine schwieg, sie war auf Hilfe angewiesen. Einmal überschüttete die Pflegerin sie versehentlich mit kochendem Wasser statt lauwarmen. Sabine schrie, weinte, die Haut sprang auf. Die Pflegerin lief weg. Sabine blieb nackt und schreiend im Badezimmer liegen.
Die Wände waren dünn, man hörte alles. Beim Schrei rannte Bärbel herbei; sie und Hilde hatten längst Ersatzschlüssel. Sie retteten Sabine. Seitdem wurde Bärbel ihre Helferin.
Nein, das kann ich nicht! Es ist peinlich! wehrte sich Sabine. Wenigstens bezahl ich dir was
Na hör mal! zischte Bärbel. Kauf dir dafür lieber einen Kopf zum Nachdenken! Du bist komisch geworden, Sabine.
Wovor sollten sie sich noch schämen? Sie waren zusammen in der Dampfbad, standen gemeinsam in der Frauenklinik-Schlange, kannten jeden Leberfleck am Körper der anderen. Sie hatten sich seit Mädchenzeiten gemeinsam aus Schwierigkeiten gezogen, sich im Luftschutzkeller gegenseitig geschützt, wenn Granaten in den Straßen heulten. Nach all dem sollte Bärbel Geld nehmen?
Das Thema war vom Tisch. Bärbel half Sabine, dann führte sie Hilde aus die sich sonst auf der Straße verirren könnte. Mit dem schwindenden Gehör wurde Hilde vorsichtiger, eulenhaft, schaute wachsam um sich. Bärbel nahm sie unter den Arm, führte sie langsam durch Schwabing durch stille Hinterhöfe, auf ruhige Plätze. Sie setzen sich oft, schauten Kindern beim Spielen zu, erinnerten sich an ihre eigenen Söhne, wie sie die Hosen an den Lindenbäumen aufrissen. Hier im Zentrum wachsen überall Linden. Wenn sie blühen, liegt ein betörender Duft in der Luft. Hilde liebte es, Lindenblüten zu sammeln sie wusste, wie man sie trocknet, wie man Tee zubereitet. Sie, Bärbel und Sabine feierten jedes Jahr einen Lindenblütenteetag, immer bei Hildi. Da gab’s Porzellantassen, etwas Besonderes zum Essen; sie stöberten in Kochbüchern, wägen Zutaten ab, bis ihre Söhne sie aus dem Takt brachten und aus Italienischem ein solider deutscher Auflauf wurde aber köstlich und herzlich.
Man saß, blickte hinaus in den Garten, auf die flatternden Lindenblüten. Gespräche flossen, Sabine erzählte von Paris, Bärbel von Künstlern, die sie als Kunsthistorikerin im Museum betreute, Hilde sie arbeitete bei der Kautschukfabrik schwieg meist; ihr Gehör ließ langsam nach, sie fürchtete, die Freundinnen könnten es merken.
Im Krieg hatte Hilde beinahe eine Explosion zu nah erlebt, fast eine Gehirnerschütterung. Die Ohren schmerzten noch lange, dazu der Kopf, der sich wie ein aufgeplatzter Kürbis anfühlte. Das Mädchen lag auf dem Boden, drückte fest den Kopf. Die Mama war nicht daheim, also musste Hilde sich selbst helfen Der Gehörverlust schlich sich langsam ein.
Später lernte Hilde auf der Fabrik ihren Ehemann kennen zwölf Jahre älter.
Was willst du mit mir, Hilde? drehte er sich weg, versteckte sein verbranntes Gesicht. Du findest noch einen Schönen, mir wird das weh tun. Ich halte das nicht aus, Hildi, ich sterbe!
Als sie geheiratet hatten, zusammen die erste Nacht verbrachten (Hilde war sehr zurückhaltend in solchen Dingen), tastete Ivan immer wieder nach ihr, ob sie wirklich da sei. Die ganze Nacht blieb er wach, hörte, wie die Uhr in der Küche tickte, die Mäuse am Boden scharrten, der Regen auf das Dach prasselte, und wie Hilde atmete. Er hörte viele Nuancen ihres Atems. Erst, als Hildi zum Frühstück aufstand, schlief er ein. Jetzt saß sie an seinem Bett, schaute ihn an. Sie fürchtete sich nicht vor den Narben, im Gegenteil: das Silber in seinen Schläfen stand ihm, seine Augen aber blieben lausbübisch.
Ivan war die einzige Liebe von Hilde. Der Himmel rief ihn früh zu sich, er starb mit nur fünfzigfünf. Ging abends ins Bett und wachte morgens nicht mehr auf. Friedlich, leise. Hilde stand am Bett, Tränen tropften auf seine Wange, sie wischte sie weg in Angst, dass sie heiß seien, brennen könnten…
Ihr Sohn Georg holte die Nachbarinnen, diese führten Hilde beiseite, nahmen auch Georg zu sich. Gemeinsam trauerten sie. Lotte, die das große Unglück sah, erkannte, wie sehr sie ihre Mutter doch liebte. Sie begann langsam zu verzeihen, Schritt für Schritt auf Sabine zuzugehen, ihre gescheiterte Pariserin…
Bärbels Mann, Konrad, war keiner der Freundinnen sympathisch. Er tut freundlich, aber ist hart, sagte Sabine. Rechnet alles aus, diskutiert, verspricht viel, aber nichts passiert. Neue Vorhänge? Später, das Geld wird für den Kühlschrank gespart.
Endlich steht der Kühlschrank bereit. Transport muss bezahlt werden? Zu teuer! Also kein Kühlschrank, Konrad zerreißt die Auftragsnummer, beschwert sich endlos über die hohen Lebenshaltungskosten.
Bärbel erwartet zu Hause, das Plätzchen ist schon frei, Steckdose bereit Konrad kommt wütend heim, poltert, motzt: Ich erlaube das nicht… Ich weiß Bescheid… Ich mache da nicht mit…
Warum hast du ihn geheiratet? fragt Hilde, als Konrad auch den Kleiderschrank verweigert.
Ich hatte Angst, niemand sonst würde mich nehmen. Ihr beide seid schön, ich bin eine graue Maus Wer will mich schon?! weint Bärbel vor Ohnmacht.
Lass dich scheiden! rufen die Freundinnen. Wie lange willst du das noch hinnehmen?!
Ich kann nicht. Wir haben einen Sohn. Die Familie darf nicht kaputtgehen, nur weil ich enttäuscht bin. Michael liebt seinen Vater, sie verstehen sich. Er würde mich nie verstehen. Nein nein
Hilde und Sabine tippten an die Stirn, schimpften mit Konrad, blieben bei ihrer Meinung. Aber eines Tages strahlt Bärbel richtig. Sie blüht förmlich auf.
Was ist los mit dir? fragt streng Hilde. Was gibt es da zu lachen bei deinem Mann?
Bärbel wehrt ab, gesteht dann leise: Ich bin verliebt. Ein sehr feiner Mann wirbt um mich, jetzt weiß ich, was ein starker Schulter bedeutet…
Sie weint, und Hilde schüttelt den Kopf. Mit ihren Grundsätzen wird Bärbel sich nie trennen, wird sich und den anderen Idealen quälen
Die Affäre hält lange, endet erst, als Michael ins Studium kommt und der Vater Konrad nach einem Schlaganfall bettlägerig wird. Es passierte im Betrieb, er fiel von der Empore, kam nicht mehr auf die Beine. Bärbel pflegte ihn, gab sich die Schuld, bat um Verzeihung. Er verstand nur wenig, brummte.
Als Konrad starb, machte ihr der Freund einen Heiratsantrag, aber Bärbel lehnte ab.
Michael würde das nicht verstehen. Das wäre Verrat. Ich hab schon zu viel auf dem Gewissen gegenüber Konrad.
Der Mann verließ München. Keiner weiß wohin. Er schrieb nie, rief nie an. Er konnte Bärbel nicht aus dem Kokon ihrer Schuld und Reue befreien, schade er war ein guter Mensch. Für Bärbel hatte er noch den Kühlschrank und Möbel besorgt, auch für Michael einiges über seine Kanäle. Aber Hausherr im Haus wurde er nie
Die Jahre vergingen, die Nachbarinnen alterten, das Haus auch, umarmte mit seinem Halbrund immer noch den Hof mit den hohen, ausladenden Linden. In der Kunstschule reiften Talente, Musiker, Künstler. Ihre ersten Auftritte erlebten die drei alten Damen, die oft offene Konzerte besuchten.
Sabine im Rollstuhl, Beine unter einer Decke, im Samtkleid mit Spitzenkragen, Bärbel aufrecht, streng, gepflegte Frisur, schokoladenfarbenes Kleid mit Perlengürtel, die Schuhe passend dazu, Hilde nur aus Gesellschaft dabei, hörte kaum etwas, freute sich aber an den jungen Gesichtern auf der Bühne, trug schlicht: graues oder schwarzes Kostüm, bequeme, aber nicht schicke Schuhe, ein Taschen, schon ausgebleicht, an den Ecken gerieben aber so zufrieden, dass manche sie für eine inkognito auftretende Pianistin hielten.
Alle drei trugen Spitzenhandschuhe als Hommage an Sabines Pariser Vergangenheit.
Du quälst dich zu Unrecht, Sabine! teilt Bärbel die Torte, legt die Stücke auf Teller. Lotte ist erwachsen, selbst Mutter, Ehefrau. Sie weiß, was Liebe ist. Deinen Pierre kann sie ruhig hassen zu Recht sogar! Aber dich liebt sie.
Ja, ja! stimmt Hilde zu. Die Jugend ist grausam, kompromisslos. Aber später wird alles anders, schattiert. Lotte hat das damals nicht verstanden, aber heute… Und Pierre war wirklich… na ja.
Sie stellen nochmals den Samowar an. Ein elektrischer, ohne Kienapfelduft, aber schön rund und glänzend, steht gemütlich auf dem Tisch. In ihm spiegelt sich noch die Mutter von damals. Er ist Tradition, wurde gut gehütet.
Draußen raschelt der Regen auf die welken Blätter. Bald wird der erste Frost kommen, werden die Blumenbeete schwarz, ringeln sich Blätter eng. Es riecht nach Herbst, sie ist da schenkt aber noch Wärme.
Auf dem nassen Asphalt im Hof rollt ein Auto heran. Scheinwerfer blitzen, erlöschen. Jemand klackert rasch mit Absätzen auf dem Weg, kommt zur Tür. Sabine hält inne, lauscht.
Die Klingel läutet. Bärbel öffnet, lässt Lottchen hinein, küsst sie, schiebt sie Richtung Küche.
Wurde aber Zeit! Sie wartet auf dich. Geh schon, Kind, geh! Herzlichen Glückwunsch, mein Schatz!
Lotte bringt die Lieblingsdahlien der Mutter, dunkellila mit gelber Mitte. Der riesige Strauß verdeckt die Feiernde fast ganz sie sitzt da und weint. Sie kann nicht glauben, dass man längst vergeben hat. Oder kann sie sich selbst nicht verzeihen… und zugleich ist ihr Herz voller Freude. Heute kam ihre eigene Tochter zur Welt, ein kleines, rotes Mädchen, ein Bündel Glück. Das ist Glück!…
Sehen Sie heute Abend in das Fenster des alten ebenerdigen Hauses hinter dem Gutshof, sehen Sie drei muntere alte Damen. Sie lachen, trinken Tee, erinnern sich an Vergangenes und warten, warten Auf Kinder, Enkel, Urenkel alle, die ihr Leben ausfüllen und erfüllen. Bald werden sie gehen, im Nebel verblassen, aber jetzt zählt nur die Nähe, die Umarmung. Das ist unbezahlbar.