Jeden Abend Fremde füttern, fünfzehn Jahre lang — bis inDoch an einem stürmischen Abend verschwand das letzte Mahl völlig, und das Dorf erzählte fortan von einem dunklen Fluch, der über den verlassenen Tisch gezogen war.

15Jahre lang, jeden Abend pünktlich um 18Uhr, stellte ich ich, Margarethe Scholl eine dampfende Mahlzeit auf die gleiche grün gestrichene Bank im Stadtpark Lichtenberg.

Niemand hat je gesehen, wer sie genommen hat. Ich ließ keinen Zettel liegen. Ich sagte es keinem.

Es begann als stilles Ritual nach dem Tod meines Mannes ein Weg, die Leere in meinem leeren Haus zu füllen. Mit der Zeit wurde es zu einem stillen Brauch, den nur ich und hungrige Fremde teilten, die in diesem kleinen Akt der Güte Trost fanden.

Regen oder Sonnenschein, Sommerhitze oder Wintersturm das Essen lag immer da. Manchmal eine Suppe, manchmal ein Eintopf, manchmal ein liebevoll in Wachspapier gewickeltes Sandwich, verpackt in einer braunen Papiertüte.

Niemand kannte meinen Namen. Die Stadt nannte mich einfach die Dame von der Bank.

An diesem regnerischen Dienstagnachmittag, mit 73Jahren auf dem Buckel, zog ich meinen Kragen fester um, als ich den Park durchquerte. Meine Knie pochten, ich schnappte nach Luft, doch meine Hände hielten die noch warme Schale fest.

Wie immer legte ich die Schale behutsam hin. Doch bevor ich mich umdrehen konnte, durchbrach ein Lichtstrahl die Dämmerung ein eleganter schwarzer SUV hielt am Rand des Gehwegs.

Zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren wartete jemand.

Die hintere Tür öffnete sich, und eine Frau im Marineblauen Hosenanzug trat heraus, einen Regenschirm und einen mit goldenem Wachs versiegelten Briefumschlag in der Hand. Ihre Schuhe drückten leicht im nassen Gras, während sie näher kam.

Frau Scholl? fragte sie leise, die Stimme bebend.

Ich blinzelte. Ja Kennen wir uns?

Sie schenkte mir ein schwaches Lächeln, doch Tränen glitzerten in ihren Augen. Ich habe dich einmal gekannt vielleicht nicht namentlich. Ich heiße Liselotte. Vor fünfzehn Jahren aß ich das Essen, das du hier hinterlassen hast.

Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter, die Hand ging mir zum Herzen. Du du warst eines der Mädchen?

Wir waren drei, antwortete Liselotte. Wir flohen. Wir versteckten uns bei den Schaukeln. Diese Mahlzeiten retteten uns im Winter.

Mein Hals zog sich zusammen. Ach, mein Herz

Liselotte trat näher und legte den Umschlag in meine zitternden Hände. Wir wollten dir danken. Du musst wissen das, was du getan hast, hat uns nicht nur gesättigt. Es gab uns einen Grund zu glauben, dass es noch Güte in dieser Welt gibt.

Im Inneren befanden sich ein Brief und ein Scheck über 5000Euro. Beim Lesen versank meine Sicht.

> Sehr geehrte Frau Scholl,
>
> Sie haben uns Nahrung gegeben, als wir nichts hatten. Jetzt wollen wir anderen das zurückgeben, was Sie uns gegeben haben Hoffnung.
>
> Wir haben die MargaretheSchollStipendienStiftung für wohnungslose Jugendliche gegründet. Die ersten drei Begünstigten beginnen diesen Herbst ihr Studium. Wir haben den Namen, den Sie einst auf eine Lunchbox schrieb­en Herr Scholl verwendet, weil wir denken, dass die Welt wissen sollte, wer Sie sind.
>
> In Liebe,
> Liselotte, Anke und Greta

Ich hob den Blick, Tränen liefen wie Ströme im Regen. Ihr Ihr habt das wirklich getan?

Liselotte nickte. Wir haben es gemeinsam geschafft. Anke leitet ein Frauenhaus in Dresden, Greta arbeitet als Sozialarbeiterin in Frankfurt und ich nun ja, ich bin Anwältin.

Ein leises Lachen, gemischt mit einem Seufzer, entwich mir. Anwältin. Das hätte ich nie gedacht.

Wir setzten uns nebeneinander auf die nasse Bank, ließen den Regenschirm zurück. Für einen Moment schien der Park wieder zum Leben zu erwachen Lachen mischte sich mit dem Geräusch des Regens, Erinnerungen schwebten in der Luft.

Als Liselotte ging, verschwand der SUV lautlos im grauen Dunst, hinterließ nur die feuchte Erde und den Duft von nassem Boden.

Ich blieb noch einen Moment sitzen, die Hand ruhte auf der noch warmen Schale.

An diesem Abend brachte ich zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren keine Mahlzeit in den Park.

Doch am nächsten Morgen war die Bank nicht leer.

Ein einzelner weißer Rosenstrauß lag auf dem Sitz und darunter ein Zettel, geschrieben in eleganter, geschwungener Handschrift.

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