Ich werde dich ewig in Erinnerung behalten

*”Ich werde dich nie vergessen”*

Lydia Bergmann ging nach Hause, ihr locker geöffneter Wollmantel wehte im Wind, in der Hand der abgenutzte Ledermappe mit den Heften ihrer Schüler. Den ganzen Abend würde sie Aufsätze korrigieren.

Erst vor Kurzem hatten die Knospen an den Bäumen geschwollen, jetzt schon sprossen junge Blätter. Die Natur erwachte unter der warmen Frühlingssonne. Bald würde alles blühen.

Passanten grüßten Lydia respektvoll. Sie erwiderte den Gruß mit einem zurückhaltenden Lächeln. Die meisten hatte sie selbst einst in Deutsch und Literatur unterrichtet – jetzt waren es ihre Kinder.

Sie wirkte fast mädchenhaft, schlank und zierlich, von hinten hätte man sie für eine junge Frau halten können. Und ihr Gesicht? Auch nicht übel. Aber wen gab es hier schon zum Heiraten? So lebte sie allein in ihrem kleinen Holzhaus an einer schmalen Gasse. Man hatte es ihr damals als Dienstwohnung zugewiesen, als sie vor fünfundzwanzig Jahren aus der Großstadt hierhergekommen war.

Das Städtchen war winzig, fast wie ein großes Dorf. Junge Lehrer bekamen heute Wohnungen in Backsteinhäusern. Doch kaum einer wollte hierbleiben – alle zog es nach München oder Berlin.

Aber Lydia hatte sich an ihr Häuschen gewöhnt und konnte sich nicht trennen. In ihrer Freizeit grub sie gern im Gemüsegarten. Als sie hierherkam, konnte sie nichts – jetzt heizte sie den Ofen, kochte Marmelade ein und machte Sauerkraut. Das Leben hatte sie alles gelehrt.

Das Leben…

Damals war auch Frühling gewesen. Unter ihrem Wohnheimfenster saßen zwei junge Männer und schrieben etwas. Sie hätte sie nicht beachtet – wären sie nicht in einen Streit geraten über die Schreibweise eines Wortes. Beide hatten unrecht. Lydia, genervt von ihrem Gezanke, beugte sich aus dem Fenster und korrigierte sie.

Einer der beiden – Florian – bat sie gleich, den ganzen Text durchzusehen. Sie ging hin, strich Fehler an.

„Danke. Wir haben Glück, Sie zu treffen. Wie heißen Sie?“
„Lydia.“
„Ich bin Florian. Werden Sie Lehrerin?“

Er gefiel ihr. Er erinnerte sie an einen Bären – solide, gemütlich. Als er ihr einen Antrag machte, sagte sie ohne Zögern ja.

Seiner Mutter gefiel Lydia nicht. „Was willst du mit so einer? Nur Bücherwurm. Die kann doch nicht mal kochen!“, murrte sie.

Die Mutter behielt recht. Lydia konnte nur Nudeln kochen und Spiegeleier – und selbst das misslang. Sie vergaß den Topf auf dem Herd, vertiefte sich in ein Buch – bis es brannte.

Florians Mutter, überzeugt, ihr Sohn würde verhungern, übernahm das Kochen. Lydia lernte von ihr, Florian passte sich an, trug ordentliche Kleidung und fluchte nicht mehr. Die Ehe war gut.

Ein Jahr später kam ihr Sohn, ruhig wie der Vater – zu früh, aber später, wenn sie arbeiten würde, wäre es schwieriger. Wie soll man mitten im Schuljahr in Elternzeit gehen? So war es praktisch.

Doch Florians Mutter nörgelte immer öfter, vor Lydia: „So eine Unfähige!“ Lydia ertrug es schweigend, nachts klagte sie nur Florian an: „Deine Mutter mag mich nicht.“
„Hauptsache, ich liebe dich“, sagte er und küsste sie.

Lydia wollte zurück in die Schule. Als Tim alt genug war, beschloss sie, ihn in die Krippe zu geben. „Auf keinen Fall! Ich passe auf ihn auf!“, erklärte die Schwiegermutter und kündigte.

Lydia war dankbar, blieb abends lange in der Schule, korrigierte Hefte. Die Schwiegermutter seufzte laut und ließ kein böses Wort aus.

Vielleicht wegen der Mutter, vielleicht aus Überdruss – Florian blieb immer öfter weg. Seine Kleidung wurde schlampig, er fluchte wieder, berührte Lydia nicht mehr.

Dass Florian eine Geliebte hatte, verkündete die Schwiegermutter mit hämischer Freude: eine Verkäuferin aus dem Supermarkt – kräftig, rot gefärbte Haare, dick geschminkt. Sie fütterte ihn mit allem, was es sonst nicht gab.

„Stimmt das?“, fragte Lydia direkt.
„Tut mir leid… wir sind zu verschieden“, murmelte er.

Lydia ging zum Schulamt, bat um Versetzung. Mitten im Schuljahr – aber ein Platz fand sich. Vor drei Monaten war eine junge Lehrerin aus einem winzigen Ort geflohen. Dort gab es eine Dienstwohnung. Lydia nahm Tim und zog weg.

Das alte Fachwerkhaus war fast baufällig, der Holzschuppen halb verfallen. Doch sie lernte, den Ofen zu heizen, im Garten zu arbeiten, Wasser vom Brunnen zu holen. Tim tollte glücklich herum, jagte Nachbarskatzen.

Florian zahlte brav Alimente, besuchte Tim nie. Er heiratete die Verkäuferin, bekam zwei Töchter.

Nach dem Abitur ging Tim in die Großstadt, studierte, wohnte zunächst beim Vater. „Es ist eng, die Schwestern sind nervig“, klagte er. Die Schwiegermutter zankte sich mit der neuen Frau – Florian schickte sie weg. Seitdem zeigte sie sich nicht mehr.

Anfangs kam Tim in den Ferien. Jedes Mal, wenn er die Tür aufstieß, zuckte Lydia zusammen – so sehr ähnelte er Florian. Jetzt arbeitete er als Ingenieur, verreiste mit seiner Frau an die Ostsee oder ins Ausland.

Gegenüber ihrem Haus wurde gebaut, das Dach war schon gedeckt. Lydia blieb stehen, beobachtete einen sonnengebräunten Handwerker, der Fenster einsetzte.
„Gefällt’s?“, fragte er plötzlich.
„Ja.“
„Sie wohnen da drüben? Die Veranda müsste dringend repariert werden.“
„Bei Regen tropft es rein.“
„Soll ich’s machen? Was zahlen Sie?“
„Können wir verhandeln. Ich schau’s mir an.“

Lydia war verwirrt. Er mochte vierzig sein, kräftig – was wollte er von ihr? Sie stand bald vor der Rente. Nun ja, sie wirkte jung. Ein kleiner Hund bleibt immer ein Welpe…

Er kam vorbei, inspizierte alles, notierte Materialien.
„Ich fang‘ am Samstag an. Keine Sorge um die Sachen – ich organisier‘ was.“
„Ich hab nicht viel Geld.“
„Mach dir keine Sorgen. Ein Essen reicht.“

Beim Mittag sagte er offen: „Ich bin von meiner Frau weg. Ein Kumpel hat mich in die Baufirma gebracht. Aber ich bin kein Herumtreiber – wenn ich bei dir wohnen darf, ist das mein Lohn.“

Lydia zauderte. Er wirkte ehrlich. Und billiger würde sie keinen Handwerker finden. Bald war Gartenarbeit – er würde helfen. Also sagte sie ja.

Die Nachbarn staunten, fragten aber nichts. Bald strahlte das Haus in frischem Grün, mit neuer Veranda. Die reparierte Gartentür hielt Lydia aus Gewohnheit noch lange fest.

Michael gefiel ihr – doch sie gestand es sich nicht ein. „Fast Rentnerin und so was“, schalt sie sich.

Doch es ergab sich von selbst. Lydia blühte auf, trug ihre Haare offen. Sie versteckten es nicht mehr, gingen gemeinsam baden, sammelten Beeren.

Einige freuten sich, andere maulten: „So viele alleinstehende Frauen hier, und er nimmt die Alte!“

Lydia ignorierte es. Sie versuchte nicht, Michael zu ändern. Sie wusste: Späte Liebe ist wie ein goldener Herbst – man schätzt jeden Tag. Doch alles hat ein Ende.

Michael reparierte bei Nachbarn, fand eine Festanstellung. Die Schule übersah Lydias „unanständiges“ Verhalten – wer würde ihren Job sonst machen?

Drei Jahre vergingen wie ein Tag.

Dann kam sie heim – er saß da, starrte die Wand an. Ihr war, als versagten ihr dieAls sie Jahre später zufällig eine alte Zeitung in die Hände bekam und seinen Namen in der Todesanzeige las, legte sie sie schweigend weg und strich noch einmal sanft über die verwitterten Bretter der Veranda, die er einst für sie gebaut hatte.

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