Theodor zögerte, als er auf den Bildschirm seines Handys schaute. Seine Mutter hatte ihn bereits mehrmals angerufen, und er wusste, dass das Gespräch wieder unangenehm werden würde. Wahrscheinlich wollte sie erneut um Hilfe für seinen jüngeren Bruder Alexander bitten – sei es finanziell oder auf andere Weise. Theodor seufzte tief. Schon lange war ihm klar, dass er in dieser Familie immer der Unerwünschte gewesen war.
Schon als Kind hatte er versucht, seiner Mutter zu gefallen: Er lernte fleißig, erhielt ein Stipendium an der Universität München, um die Familie finanziell nicht zu belasten. Er zog ins Studentenwohnheim, nur um ihren verächtlichen Blicken zu entgehen. All seine Bemühungen blieben unbeachtet – die Liebe seiner Mutter gehörte nur Alexander. Theodor erinnerte sich daran, wie sie seinen jüngeren Bruder liebevoll umarmte, während er nur Kälte und ständige Vorwürfe erntete.
— Ich hätte dich loswerden sollen, als ich die Gelegenheit hatte, — hatte sie einmal in einem Wutanfall gesagt. — Ich habe deinen Vater nie geliebt, und ich hätte dich nicht zur Welt bringen sollen.
Theodor versuchte, diese Worte zu ignorieren, und suchte Trost im Lernen und in Büchern. Sie waren sein einziger Rückzugsort, da sie ihn nicht verraten oder verletzen konnten. Nach dem Studium fand er einen Job und begann ein unabhängiges Leben. Doch dann erinnerte sich seine Mutter plötzlich wieder an ihn. Zuerst bat sie ihn, Alexander bei seinem Studium zu helfen, später verlangte sie Geld. Theodor freute sich über die Worte des Dankes, die er in seiner Kindheit nie gehört hatte. Er gab der Familie alles – selbst wenn es ihm an den nötigsten Dingen fehlte.
— Du bist nur eine Marionette, — sagte seine Jugendfreundin Emilia einmal. — Deine Mutter nutzt dich nur aus.
Emilia war die Einzige, die sich aufrichtig um Theodor kümmerte. Ihre Familie behandelte ihn besser als seine eigene Mutter. Sie brachte ihn zum Nachdenken: War das alles wirklich wert? Hatte er etwas dafür zurückbekommen außer ständiger Erschöpfung und Vorwürfen?
Als Emilias Vater ins Krankenhaus eingeliefert wurde und dringend eine Herzoperation benötigte, wandte sie sich in ihrer Verzweiflung an Theodor. Ohne zu zögern, beschloss er zu helfen. Er beantragte bei seiner Arbeitsstelle einen zinslosen Kredit, da er wusste, dass dies ein echter Weg war, seine Dankbarkeit für ihre Freundlichkeit zu zeigen.
Die Operation verlief erfolgreich. Theodor war stolz darauf, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Doch als seine Mutter erneut mit ihren Forderungen auftauchte, fand er endlich den Mut, Nein zu sagen.
— Übernimm die Schuld für Alexander, — flehte sie ihn an und erklärte, dass Alexander jemanden verletzt habe und ihm Gefängnis drohe. — Seine Frau ist schwanger, und du bist sowieso allein. Niemand wird dich vermissen.
Theodor sah seine Mutter an und fühlte nur Leere. Ihre Tränen und Manipulationen täuschten ihn nicht mehr. Ihm wurde klar, dass er die ganze Zeit nur ein nützliches Werkzeug für sie gewesen war.
— Mama, du hast recht, — sagte er leise. — Niemand wird mich vermissen, aber ich werde nicht mehr zulassen, dass du mein Leben bestimmst.
Seine Mutter wurde wütend und begann, ihn zu verfluchen, aber Theodor blieb ruhig. Er hatte keine Angst mehr vor ihren Worten. Jetzt hatte er eine neue Familie – Emilia und ihre Liebsten. Sie akzeptierten ihn so, wie er war.
Bald erholte sich Emilias Vater. Mit Tränen in den Augen dankte sie Theodor für seine Hilfe und bot an, das Geld zurückzuzahlen, aber er lächelte nur.
— Wenn du mit mir auf ein Date gehst, kannst du es zurückzahlen, — scherzte er.
— Ein Date? — fragte sie überrascht.
— Ich liebe dich schon lange. Ich hatte nur Angst, es zu sagen, — gestand Theodor.
Emilia weinte vor Freude und umarmte ihn. Endlich verstand er, dass er die richtige Wahl getroffen hatte – er entschied sich für diejenigen, die ihn wirklich schätzten.
Theodor hatte keine Zweifel mehr – sein Leben begann gerade erst, und etwas Echtes und Ehrliches wartete auf ihn.